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Wie ein schießwütiger Bad Guy

Am Anfang war die Gemeinschaft. Dann kam der Staat und mit ihm der Markt. Der hat seine besten Zeiten hinter sich und kämpft gegen den eigenen Bedeutungsverlust. Die Kosten dieses Abwehrkampfs sind hoch.

Im Zweifelsfall wird der Markt es richten. Das ist zumindest in unseren Breitengraden noch immer die Überzeugung der politischen Mehrheit. Und wenn etwas nicht so läuft, wie es sollte, fragt sich diese Mehrheit immer zuerst, ob der Fehler nicht bei einem Mangel an Wettbewerb liegt. Zuerst müssen wir einmal die Mittel erarbeiten, mit denen wir dann die Probleme lösen.

Diese Überzeugung beruht auf den Erfahrungen der Vergangenheit. Es gab eine Zeit, in der der Markt tatsächlich viele unserer damals noch vorwiegend materiellen Probleme gelöst hat. Oder im Jargon der Ökonomen formuliert: Zeiten, in denen die Preise noch Knappheitssignale waren und echte Bedürfnisse signalisierten.

Der Markt sendet keine brauchbaren Signale mehr

Dass der Markt heute keine brauchbaren Signale mehr sendet, ist in erster Linie eine Folge der ungleichen Einkommensverteilung. Wenn 30 bis 50 Prozent aller Markteinkommen an die reichsten 10 Prozent der Haushalte und nur 4 Prozent an die ärmsten 30 Prozent gehen, dann kann man nicht mehr davon reden, dass der Markt Knappheit signalisiert. Die Bedürfnisse der ärmsten signalisiert er schon mal gar nicht. Und die Signale der Reichen deuten nur selten auf echte Bedürfnisse hin.

Es kommt aber noch schlimmer: Eine einseitige Einkommensverteilung bedeutet in einer Marktwirtschaft auch, dass sich bei den reichsten 10 Prozent der Bevölkerung Vermögen ansammeln, die professionell verwaltet werden wollen. Diese Verwalter bilden dann den Kapitalmarkt, oder schlicht den MARKT – der wegen seiner Macht in Grossbuchstaben geschrieben sein will. Der MARKT ist inzwischen zum wichtigsten Taktgeber der modernen Marktwirtschaft geworden.

Wie solche Signale aussehen und was sie bewirken, konnte man etwa nach den Vorwahlen in Argentinien wieder einmal beobachten. Unter dem Titel „Börsen-Beben in Argentinien“ war im „Managermagazin“ zu lesen: «Der Merval-Index in Buenos Aires stürzte am Montag um rund 35 Prozent auf 28.609,96 Punkte ab. Die Kurseinbrüche der Börse erreichten bei einigen Titeln fast 50 Prozent. Gleichzeitig büßte der argentinische Peso gegenüber dem US-Dollar um 29 Prozent an Wert ein. Zum Teil blieben die Wechselstuben geschlossen.“

 In eine Sackgasse manövriert

Angesichts dieser Umstände muss die Frage neu gestellt werden: Was können die Staaten gegen die Märkte überhaupt noch ausrichten? Und: Welche Regierungen haben Staaten, deren Schicksal von den Märkten abhängt? Die Beispiele von Griechenland, Italien, Argentinien, Brasilien und viele andere mehr, geben die Antwort. Die Freunde des Marktes schwafeln zwar von der disziplinieren Kraft der Finanzmärkte, so als brächte dieser eine Art von Schwarmintelligenz hervor. Aber die paar ausgewählten Signale, auf die der Schwarm in Mikrosekundenschnelle reagieren muss, sind all sehr weit von der realen Wirtschaft entfernt. Letztlich richten die Märkte bloß kurzfristig ein Chaos an und mittelfristig sorgen sie dafür, dass die Einkommen noch einseitiger verteilt werden und der MARKT noch mächtiger wird.

Da hat sich die Menschheit also in eine Sackgasse manövriert, aus der ein Ausweg nicht leicht zu erkennen ist. Vielleicht hilft ein Blick zurück in die Frühgeschichte unserer produktiven Bemühungen. Wir stützen uns dabei insbesondere auf Kate Pickett und Richard Wilkinson, die in ihrem Buch „The Inner Level“ die Erkenntnisse von Anthropologen, Evolutionsforschern und experimentellen Ökonomen zusammengefasst haben. Ihre Erzählung der Geschichte setzt bei dem technologischen Fortschritt ein, der es uns erlaubt hat, mit Keulen, Pfeil und Bogen Großwild zu jagen.

Das war der entscheidende Schritt zu unserer egalitären Sozialisierung. Erstens weil bei der Großwildjagd die Kraft und Geschicklichkeit eines einzelnen (dominierenden Männchens) keine entscheidende Rolle spielt. Zweites weil dabei eine Beute anfällt, die man angesichts ihrer Größe einfach teilen muss, und zwar am besten bei einem geselligen Fest am Lagerfeuer.

Im Bestreben den egalitären Charakter ihrer Gesellschaftsordnung zu festigen, haben die Jäger und Sammler Praktiken und Verhaltensweisen entwickelt, die es ihnen erlaubten, Machtwillige in die Schranken zu weisen und Trittbrettfahrer zu bestrafen. Zudem haben sie ein enges Netz von gegenseitigen Abhängigkeiten gestrickt. Dazu gehörte auch der Gabentausch. Man beschenkte andere nicht in der Hoffnung auf ein unmittelbares Gegengeschenk, sondern um die Beschenkten zu Verbündeten zu machen und sie zur Hilfe in allfälligen Notlagen zu verpflichten.

Mit der Erfindung des Ackerbaus und mit der Möglichkeit, Reserven anzulegen, traten dann erstmals in der Geschichte der modernen Menschen (die mit dem großen Gehirn) hierarchische Strukturen auf. Das ermöglichte auch die Bildung von Staaten. Doch weil die egalitäre (gleichmacherische) genetische Programmierung der ersten 250.000 Jahre erhalten blieb, fing mit dem Staat auch der lange Kampf gegen dessen Willkür an. Dieser brachte unter anderem die Institutionen der Gewaltenteilung und der Demokratie hervor.

Ohne Staat kein funktionierender Markt

Der Staat und die Staatsbürokratie sind auch die Grundlage des Marktes, ohne Staat kein funktionierender Markt. Ihre bisher schönste Blüte erreichte die Symbiose von Staat und Markt in den 30 goldenen Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Aus heutiger Sicht war das aber eigentlich keine Markt- sondern fast schon eine Plan-, zumindest Mischwirtschaft. Der damals führende Ökonom John Kenneth Galbraith prägte den Begriff vom „New Industrial State“. Einige Großunternehmen, der Staat und starke Gewerkschaften bildeten eine Art Planbüro. Diese Periode war geprägt von auf breiter Front steigenden Realeinkommen, von mehr Ferien, großen Investitionen in die Infrastruktur und vom Aufbau eines Sozialstaates.

Nur leicht überspitzt kann man sagen, dass in den nationalen Volkswirtschaften der ersten Nachkriegsjahrzehnte die egalitären Bedingungen der ersten 250.000 Jahre auf einer höheren Ebene wiederhergestellt wurden. Es erstaunt deshalb auch nicht, dass der Markt (nur) in dieser kurzen Periode in etwa so funktioniert hat, wie es das Lehrbuch vorsieht – Vollbeschäftigung, geräumte Gütermärkte, mit der Produktivität steigende Stundenlöhne für alle. Eigentlich logisch. Die klassische Ökonomie mit ihren „atomistischen“ Märkten ist eine durch und durch egalitäre Theorie. Keine Macht für niemanden. Der Markt macht alle gleich ohnmächtig.

Diese goldenen Zeiten sind heute vorbei. Warum? Aus der evolutionären Perspektive ist ein wichtiger Grund offensichtlich: Die Globalisierung hat die Nationalstaaten und mit ihnen auch die Gewerkschaften geschwächt. Es fehlte fortan das Gleichgewicht der Kräfte. Natürlich haben auch hier Veränderungen in der Produktionstechnologie eine Rolle gespielt. Zum Beispiel, weil sie die Großunternehmen des „New Industrial State“ geschwächt haben. Oder weil billigere Transporte die grenzüberschreitende Konkurrenz verschärft haben. Aber die Schwächung der Gewerkschaften, die Öffnung der Kapitalmärkte oder die Personenfreizügigkeit etc. waren politische Entscheide. Dass die Politik immer mehr Macht an den MARKT abgetreten hat, kann schwerlich den technologischen Veränderungen allein angelastet werden.

Der Markt verliert in der Postmoderne an Bedeutung

Eine andere Entwicklung, die das Ende der dreißig goldenen Jahre beschleunigt hat, ist der Umstand, dass seit 1970/80 die „soziale Logik des Allgemeinen mit ihren Praktiken gesellschaftlicher Rationalisierung und Versachlichung“ von einer „postindustriellen Ökonomie der Singularitäten“ abgelöst worden sei. Die Terminologie stammt vom deutschen Soziologen Andreas Reckwitz (beziehungsweise aus dessen Buch: „Die Gesellschaft der Singularitäten“). Reckwitz meint damit, dass sich jenseits der Sättigungsgrenze die Konsumenten weniger darum scheren, wie effizient die Güter und Dienstleistungen ihre materiellen Bedürfnisse befriedigen. Stattdessen kaufen sie jetzt soziales Prestige – Gucci, Maserati oder wenigstens Nestlé, statt die Hausmarke von Aldi. Ein hoher Preis wird da zum Verkaufsargument.

Wenn das in diesem Ausmaß so ist, wird die Marktlogik des Lehrbuchs außer Kraft gesetzt. Monopolgewinne werden nicht mehr durch effizienter produzierende Mitbewerber wegkonkurrenziert. The Winner Takes ist all. Das erklärt auch die starke Zunahme der Einkommen der oberen 1 bis 10 Prozent.

Doch Reckwitz übersieht einen wichtigen Punkt. Zwar nimmt die Bedeutung der Produkte des unmittelbaren Bedarfs in der „postindustriellen Ökonomie“ ab, doch auf dem Weg aufwärts in der Bedürfnispyramide kommen nach den vitalen physischen Gütern nicht zuerst die Prestigegüter. Viel wichtiger sind die die sozialen Bedürfnisse, die sehr stark durch unsere egalitäre Programmierung bestimmt sind.

In dieser Hinsicht ist der Markt eher hinderlich. Er tendiert dazu, die Gesellschaft als Konkurrenz von allen gegen alle zu organisieren – falls man ihn nicht in die Schranken weist. Zu den sozialen Bedürfnissen im weiteren Sinn gehören auch

Kollektivgüter wie Verkehrswege, Infrastruktur, Parkanlagen, Schwimmbäder, öffentliche Sicherheit und vor allem kollektiv finanzierte Güter wie Gesundheit, Bildung, Altersvorsorge etc.

Unter dem Strich gilt, dass der Markt in der Postmoderne stark an Bedeutung verliert. Das, was er gut kann – Gebrauchsgüter effizient herstellen – wird nicht mehr dringend gebraucht. Zumindest beansprucht die Herstellung der Bedarfsgüter einen immer kleineren Teil unserer Arbeitszeit. Das ist in den Statistiken der Länder ablesbar, die ihren Bedarf an kollektiv finanzierten Gütern nicht – wie etwa Deutschland – mutwillig unterdrückt haben.

Wettbewerb, der schon im Kindergarten beginnt

Hinter der Aversion gegen Kollektivgüter – und gegen den Staat – steckt der Versuch, die Arbeitslosigkeit im eigenen Land durch Exportüberschüsse zu bekämpfen. Zu diesem Zweck muss sich ein Land dem MARKT als möglichst kostengünstiger Industriestandort anbieten. Das erfordert neben Kürzungen der Staatsausgaben auch flexible Arbeitsmärkte, sprich unregelmäßige Arbeitszeiten, lange Arbeitswege, häufiger Wohnort- und Stellenwechsel, finanzielle Unsicherheit. Das ganze Leben wird zum Wettbewerb, der neuerdings schon im Kindergarten beginnt.

Das Problem dabei ist, dass all dies diametral der egalitären Programmierung durch die ersten 250.000 Jahre widerspricht. Das führt nicht nur zu Stress und psychischen Krankheiten (siehe dazu Pickett und Wilkinson), sondern schwächt auch die Produktivität der Gemeinschaften (Familien, Nachbarschaften etc.).

Im Kampf gegen den eigenen Bedeutungsverlust treibt der Markt auch den Staat in den Ruin und zerstört das soziale Kapital der Gemeinschaft. Es ist wie die Schlussszene eines schlechten Wildwestromans, in dem ein schießwütiger Bad Guy versucht, noch möglichst viele mit in den Tod zu reißen.

Bei dem Artikel handelt es sich um eine gekürzte Version des in unserem Dossier „Der Staat – Seine Macht und Ohnmacht“ veröffentlichen Beitrags von Werner Vontobel.

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