Teufelspakt zwischen Faust und Mephisto
Neoliberale Globalisierung | 07.02.2020 (editiert am 27.03.2020)

Wie hast Du´s mit dem Kapital?

Der Neoliberalismus hat zwei Denkstile verändert, die einmal kapitalismuskritisch waren. Heute erkennen Linke und Konservative ihre eigenen Widersprüche nicht und sorgen so für eine gefährliche Repräsentationslücke.

Bevor alles in diffuse politische Mosaike zerbröselte, kannte man die politische Landschaft noch – klar geordnet – dergestalt: Linke wollen den Kapitalismus überwinden, oder doch so kontrollieren und regulieren, dass alle etwas von seiner Produktivkraft abbekommen. Emanzipation, Freiheit und Gleichheit seien nicht nur maßgebend für gesellschaftliches Fortkommen. Der Mensch als rationales und vernunftbegabtes Wesen strebe auch dorthin.

Konservative dagegen misstrauen allen Arten von Gleichmacherei, hochtrabenden Plänen und Utopien. Ihnen war schon immer klar: Grenzenlose Freiheit ist mit Chaos und Anarchie gleichzusetzen. Der Mensch – letztlich nicht mehr als ein komplexeres Säugetier. In den Worten des wohl größten Konservativen Johann Wolfgang von Goethe: „Es irrt der Mensch, solang er strebt.“ Schon deswegen erkennt man Grenzen als notwendiges soziales und geographisches Regulativ. Institutionen sind demnach unerlässlich für eine funktionierende Gesellschaft. Rollen, Normen und Traditionen geben hier den Menschen Ordnung, Lebenssinn und Lebenszweck.

Das liberale Kartell

Seitdem hat sich viel verändert. Als ob es einen faustischen Pakt oder trumpischen Deal der beiden Lager gegeben hätte. Konservative und Linke einigten sich auf die Anerkennung der Hegemonie des Liberalismus, genauer – der liberalen Demokratie. Dafür waren beide Parteien bereit, einen hohen Preis zu zahlen: Nämlich die Inkaufnahme bemerkenswerter Widersprüche zwischen der jeweils vorherrschenden Einstellung zum Wirtschaftssystem einerseits und ihren gesellschaftspolitischen Vorstellungen andererseits. Von einer „Paradoxie der Wirkung gegenüber dem Wollen“ hätte Max Weber gesprochen.

Es kam, wie es kommen musste. Der Konservatismus löste sich von dem, was man unter ihm einst subsumierte: Ordnungsvorstellungen und der Schutz von Familie, Kirche und Staat. Die Linke ihrerseits legte dafür sozialdemokratische, kollektivistische oder staatsinterventionistische Ideen ad acta. Von Godesberg war es kein kurzer, aber Dritter Weg zum Frieden mit der liberalen Marktwirtschaft.

Zwei wesentliche parteikoordinatische Schnittpunkte zwischen Konservatismus und alter Sozialdemokratie gingen damit freilich auch verloren: kommunitaristische Ideale. Dazu gehörte einerseits der auch von Konservativen mitgetragene Konsens, dass der Sozialstaat als Schutz gegen die Unbilden des Marktes unabdingbar ist. Kulturell war umgekehrt die Bedeutung von Vertrautheit, Geborgenheit und sozialem Zusammenhalt sowie der Stabilität von Familie, Heimat und Gemeinschaft gegen ungebremste Modernisierungs- und Liberalisierungsprozesse aber auch ein ureigenes Interesse der sozialdemokratischen Kernklientel.

Spontane Ordnung des Marktes

So wie der Kommunitarismus eine Schnittstelle zwischen Sozialkonservatismus und Sozialdemokratie gewesen ist, schuf im Laufe der 60er und 70er Jahre der Neoliberalismus eine ideologische Schnittstelle zwischen (Neo)Konservativen und Neuen Linken. Er stellte eine Kompatibilität beider Weltanschauungen mit den Prinzipien der freien Marktwirtschaft von zwei verschiedenen Enden her. Freiheit und Ordnung, schrieb 1971 Edith Eucken-Erdsieg, die Witwe von Walter Eucken, werden dadurch miteinander versöhnt, dass „die freie Initiative des Einzelnen den Antrieb bildet und der Wettbewerb unter allen die Kontrolle.“ An Stelle behördlichen Zwanges, so Eucken-Erdsieg, trete „die spontane Koordination, die durch den Wettbewerb ermöglicht wird“.

Der tradierte Konservatismus löste sich von alten Freiheits- und Ordnungsvorstellungen, definierte diese im Sinne des Neoliberalismus zunehmend ökonomisch und erneuerte sich so intellektuell. Die bürgerliche Freiheit stand und fiel nunmehr mit der Freiheit des Marktes. Die dem Konservatismus stets eigene, aber gemäßigte Skepsis gegenüber der Allmacht des Staates wuchs zur hayekschen Staatsphobie in sozialen und ökonomischen Fragen. Der neue Konservatismus, um eine alte Metapher zu gebrauchen, verließ das „Staatsschiff“, um nicht mehr auf dem Strom der Zeit zu steuern, sondern sich von der „spontanen Ordnung“ des Marktes treiben zu lassen.

Spontanität und gesellschaftliche Koordination frei von behördlichem Zwang, das war eine Botschaft, die aber auch bei der Neuen Linken gut ankam. Ganz im Einklang mit dem in den 1970er Jahren aufkommenden konstruktivistischen Denken, das institutionalisierte Regeln und ihren überindividuellen Geltungsanspruch als gemacht und erfunden delegitimiert.

Der Konstruktivismus wurzelt nicht zuletzt in der Dominanz des Vernunftprinzips im aufklärerischen Denken. Daraus resultiert die liberale Vorstellung einer Gesellschafts- und Staatsorganisation nach rationalen Prinzipien des am autonomen Subjekt orientierten Menschenbilds. Und von der unterstellten Rationalität des Menschen ist es nur noch ein kleiner Schritt zum Modell des rational entscheidenden Wirtschaftssubjekts der Neoklassik.

Selbstbefreiung für die neuen Eliten

Gleichzeitig und damit einhergehend hat die Linke ihren Frieden mit der Kommerzialisierung aller Lebensbereiche gemacht. Sie ist marktkonform geworden. Traditionelle Metanormen wie Stabilität, Beharrlichkeit und Kontinuität ersetzt sie – ganz opportun zum Neoliberalismus – durch Ideale wie Flexibilität, Spontaneität und Innovativität. Ideale, die heute selbstverständlicher Habitus jedes linksliberalen Hipsters und der weltverbessernden Start-Up- und Eventkultur sind.

Der dort zur Schau getragene rebellische Kult des Antibürgerlichen, der seine Wurzeln in der 68er-Bewegung hat, verschrieb sich der hedonistischen Zerstörung aller als einengend empfundenen Formen, Regeln, Normen. Es wird angegangen, was Lebenswelt der kleinen Leute war: Familie, Kirche und Staat seien in Frage zu stellen, weil vom Geist der Reaktion beseelt. Freie Selbstentfaltung ginge nur mit der Loslösung von tradierten Rollenbildern, Ungebundenheit und globaler Bewegungsfreiheit.

Längst ist die Linke zum Anwalt der dynamischen Welt der globalisierten Moderne geworden. Auflösungserscheinungen werden von ihr zu Zeichen des Fortschritts umgedeutet. Zwar will sie nach wie vor Menschen befreien – aber nicht mehr die Proletarier von den Ketten der Bourgeoisie. Revolutionäres Subjekt ist vor allem der ökonomisch saturierte Bourgeois Bohemien, kurz Bobo, und mit ihm sämtliche Minderheiten. Es ist das identitätspolitische Programm einer Selbstbefreiung der Eliten, nach David Goodhard 20-30 Prozent der Gesellschaft, die dieser Linksliberalismus mittlerweile repräsentiert.

Die Paradoxie der Wirkung

Freilich hofiert das linksliberale Selbstverständnis von Individualismus und grenzenloser Selbstentfaltung einen Gesellschaftsentwurf, der weniger mit einem sozial eingebetteten als vielmehr einem marktradikalen und globalistischen Kapitalismus kompatibel ist. Der progressive Neoliberalismus ist folgerichtig das Produkt der kognitiven Dissonanz der Neuen Linken. Anders gesagt: „Links“ ist nur noch Neoliberalismus in „progressiver“ Verpackung, der Forderungskatalog eine bloße Liste des Mehr: mehr Offenheit, mehr Toleranz, mehr Internationalität, mehr Solidarität.

Dem wollte oder konnte der nun am Rande der geistigen Selbstauflösung stehende Konservatismus nicht mehr viel entgegensetzen. Wie auch, wurde die alte Ordnung der Welt doch unter dem Sturm des globalen – vom eigenen Schalten und Walten entfesselten – Kapitalismus hinweggefegt. Wäre der Markt erst vom Gängelband des Staates befreit, so der Neokonservatismus a la Reagan und Thatcher, sorge er von ganz allein für Wohlstand. Den Atomisierern von links setzte der Konservatismus, der längst keiner mehr war, Atomisierer von rechts entgegen. Von der liberalen zu Merkels marktkonformer Demokratie war es folglich nur ein Katzensprung.

Doch mit der wirtschafts- ist dem Konservatismus auch die gesellschaftspolitische Steuerung des Staates entglitten. Das, was von ihm übriggeblieben ist oder sich nach ihm benennt, ist auf dem ökonomischen Auge blind. Man ist kaum zu erkennen in der Lage, dass es allen voran der global entfesselte Kapitalismus ist, der das auflöst und zerstört, was dem Konservatismus heilig war. Dass er nur die Kehrseite des übersteigerten politischen Liberalismus der Linken ist. Auch der – für sakrosankt erklärte – Wirtschaftsliberalismus führt zum beklagten Zerfall des historischen und kulturellen Zusammenhangs. So ist der Konservatismus zum unfreiwilligen Zeugen gesellschaftlicher Fragmentierungsprozesse geworden.

Entstanden ist ein Vakuum dort, wo sich Menschen nach Verwurzelungen, Verbindlichkeiten, Kontinuitäten und verlässlichen Gemeinschaftszugehörigkeiten sehnen. Es ist in dieser Hinsicht kein Wunder, dass der Sozialkonservatismus eines Boris Johnson – sein One Nation Toryism – in Großbritannien derzeit so populär und erfolgreich ist. Denn Johnson vermochte dieses Vakuum – zumindest vorerst – rhetorisch und programmatisch zu füllen.

Was einst mal war – und wieder sein könnte

Das Johnsons Konservatismus in der westlichen Welt derzeit eine Ausnahme darstellt, ist bemerkenswert, wenn man bedenkt, woher der Konservatismus geistesgeschichtlich eigentlich kommt. Geprägt von den Denkern der politischen Romantik des 19. Jahrhunderts stellte er eine geistige Gegenbewegung zum Rationalismus und Liberalismus der europäischen Aufklärung dar und übte Kritik an den Modernisierungsphänomenen der sich damals entfaltenden kapitalistischen Industriegesellschaften.

Angeprangert wurde schon damals die Fragmentierung der als harmonisch wahrgenommenen Gemeinschaftsformen sowie die Zerstörung natürlicher Lebensgrundlagen durch zivilisatorischen Fortschritt und kapitalistischer Wirtschaftsdynamik. Werteverlust und Kulturverfall sowie die Entwurzelung, Vereinzelung und Entfremdung der Menschen sah man als Folge dieser Entwicklung.

Im Deutschland des 19. Jahrhunderts beschäftigten sich die Kathedersozialisten intensiv mit der sozialen Frage. Um sie zu beantworten, setzte sich diese Gruppe konservativer Nationalökonomen für eine staatliche Sozialpolitik ein. Und das Ahlener Programm der nordrhein-westfälischen CDU von 1947, ein in der christlichen Soziallehre wurzelndes Wirtschafts- und Sozialprogramm, forderte sogar eine teilweise Vergesellschaftung der Großindustrie.

Noch in den 1970er Jahren wurde die Hinwendung der CDU zum Neoliberalismus von vielen Konservativen kritisiert. Nicht wenige befürchteten die Inkaufnahme hoher kultureller Verluste und die Ökonomisierung der Gesellschaft. Die weitgehend säkularisierte CDU würde so zur Wegbereiterin neoliberaler gesellschaftlicher Desintegration werden, die nur noch insofern konservativ sei, als dass sie die nach 1949 im Westen Deutschlands entstandene Ordnung bewahren wolle.

Das alles liest sich heute wie eine brandaktuelle Bestandsaufnahme von Befindlichkeiten breiter Gesellschaftsschichten, die allerdings im wirklichkeitsfernen linksliberalen Feuilleton kaum Widerhall finden. 2010 äußerte im Deutschlandfunk der mittlerweile verstorbene Historiker und Publizist Arnulf Baring, selbst stets marktliberal, dass es in der Bundesrepublik „ein verbreitetes konservatives Gefühl“ gebe. Nämlich „ein Sozialkonservatismus im Wesentlichen, der sozusagen das Bestehende, das sich ja nun auch in Jahrzehnten bewährt hat, unbedingt erhalten möchte und vor allem eben auch die Sozialgesetzgebung, aber auch viele Dinge, die sonst sich etabliert haben.“

Barings Gegenwartsdiagnostik ist heute so aktuell wie damals. Nicht nur in Deutschland hätte eine sozialkonservative Partei, soviel liegt auf der Hand, ähnlich wie in Großbritannien das Potential, eine erhebliche Repräsentationslücke zu schließen. Sicher ist, klafft diese Lücke weiter in der Parteienlandschaft, können auch Wähler einen faustischen Pakt schließen.

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