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Gesundheitssystem | 17.03.2020 (editiert am 20.03.2020)

Das Coronavirus und die Moral

Die Corona-Pandemie lässt auch konservative Medien über eine staatliche Kontrolle der Gesundheitsindustrie nachdenken. Ein grundlegender Sinneswandel steht aber nicht dahinter.

Die durch das Covid-19-Virus ausgelöste Pandemie ist quasi die dritte Generation einer Corona-Pandemie. 2003 wurde das Sars-Virus zu einem weltweiten Problem. Es war hoch gefährlich, hatte aber ein deutlich geringeres Ansteckungsrisiko als Covid-19 und war deshalb leichter einzudämmen. 2012 trat mit dem Mers-Virus eine weitere Variante von Corona auf, die bis heute noch nicht völlig beherrscht ist. Es hat wie Sars eine hohe Letalität, etwa ein Drittel der Infizierten stirbt. Allerdings sind hier die Fallzahlen relativ gering und tauchen vor allem im Mittleren Osten auf. Deshalb wird darüber in unseren Medien kaum berichtet.

Wegen der abnehmenden Zahl von infizierten Personen verzichtete die Pharmaindustrie auf die Weiterentwicklung der mit der Sars-Epidemie begonnenen Arbeit an Impfstoffen und Medikamenten gegen Coronaviren. Das damit zu machende Geschäft erfüllte ihre Gewinnerwartungen nicht. Das nimmt der für das Feuilleton zuständige Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen (FAZ) Jürgen Kaube zusammen mit Joachim Müller-Jung zum Anlass, der Pharmaindustrie die Leviten zu lesen (FAZ, 12.03.2020).

„Unmoralische Gewinnerwartungen“

Vorsorge sei für sie ein „lausiges Geschäftsmodell, wenn es um die steigenden Margen und Aktienkurse geht“. Auch in anderen Bereichen habe die auf Gewinnmaximierung ausgerichtete Strategie der börsennotierten Pharmaindustrie zu Versorgungsengpässen geführt. Seit Jahren würden sie trotz wachsender Antibiotika-Resistenzen keine neuen Wirkstoffe entwickeln, weil damit die angestrebten Gewinnziele nicht zu realisieren seien. Auch staatliche Zuschüsse hätten die Konzerne nicht bewegen können.

Ähnlich verhalte es sich bei anderen Medikamenten und Wirkstoffen für die medizinische Grundversorgung. Deren Produktion habe die Pharmaindustrie an wenige Billiganbieter in China und Indien abgegeben – mit der Folge, dass das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte aktuell bei 270 Medikamenten Lieferengpässe registriert.

Das alles basiere auf „unmoralischen Gewinnerwartungen“. Auch sei es schwer erträglich, dass die Pharmaindustrie jährlich Hunderte Millionen Dollar in die Taschen von Lobbyisten schleust, die Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen sollen. Es stelle sich schon die Frage: „Warum soll der Staat da nicht gleich die Industrie stärker in die Pflicht nehmen?“

Das ist ein für die FAZ ungewöhnliches Statement, auch wenn es nicht im der Pharmaindustrie wohlgesonnenen Wirtschaftsteil zu lesen ist, sondern im schon mal etwas kapitalismuskritischen Feuilleton. Ist die Corona-Krise für die FAZ so etwas wie die Katharsis im griechischen Drama, also eine durch Katastrophen verursachte Klärung der Dinge? Nicht wirklich, denn nach ihrem Wutanfall machen Kaube und Müller-Jung Rückzieher. Sie sehen keinen politischen Handlungsbedarf, es sei vielmehr eine Sache der Unternehmensmoral.

Mondpreise für Spezialpräparate

Die FAZ-Autoren beschreiben die auf Profitmaximierung ausgerichtete Geschäftspolitik der Pharmakonzerne in speziellen Bereichen wie der Onkologie: „Krebsmedikamente haben die Innovationslaune der Branche mächtig gesteigert.“ Damit erziele man „Mondpreise von weit mehr als hunderttausend Euro pro Behandlungsjahr.“ Deshalb sei das nicht so ertragreiche Geschäft mit der medizinischen Grundversorgung für sie ohne Interesse. Das sei eine unter ethischen Gesichtspunkten fragwürdige Strategie.

Die Krankenkassen melden exorbitante Preissprünge in mengenmäßig eher kleinen, aber dafür umso ertragreicheren Bereichen der Arzneimittelversorgung. Mittlerweile unterliegen die meisten Arzneimittel einer Preisregulierung, seien es Festbeträge für definierte Wirkstoffe beziehungsweise wirkungsgleiche Medikamente, Rabattverträge oder Preisverhandlungen der Krankenkassen mit den Herstellern. Mit ihnen lässt sich immer noch gutes Geld verdienen, aber die damit zu machenden Gewinne reichen der Pharmaindustrie offenbar nicht. Sie investiert in die Entwicklung von Wirkstoffen und Medikamenten, die sich der öffentlichen Preiskontrolle entziehen.

2018 hatten zwar nur 6,4 Prozent der auf Kosten der Krankenkassen verordneten Arzneimittel von den Herstellern frei festgesetzte Preise. Aber hier halten sich die Pharmakonzerne für die durch die Preisregulierung in der Massenversorgung erlittene Reduzierung ihrer Gewinne schadlos. Das dokumentiert der Arzneiverordnungsreport der AOK. In diesem Segment stieg der durchschnittliche Preis einer Verordnung zwischen 2008 und 2018 von 163 auf 471 Euro. Die Preise für die zwanzig teuersten Neueinführungen lag 2008 zwischen 3.000 und 23.000 Euro pro Verordnung, im Jahr 2018 zwischen 10.000 und 320.000 Euro. Das betrifft insbesondere die Onkologie und Neurologie, wo die Fallzahlen wegen der demografischen Entwicklung wachsen und mit patentgeschützten Arzneimitteln enorme Gewinne gemacht werden können.

Das Interesse der Pharmaindustrie gilt außerdem den Arzneimitteln für seltene Krankheiten („Orphan Drugs“). Deren Wirksamkeit kann nur bedingt nachgewiesen werden, weil die Fallzahlen für eine medizinstatistisch belegbare Evidenz zu gering sind. Daher lassen sich hier nur schwer Kostpreise ermitteln, an denen sich Preisverhandlungen mit den Krankenkassen orientieren können. Dieses Geschäftssegment hat wegen seiner extrem hohen Profitabilität ein großes Wachstumspotenzial, das der AOK-Report für die nächsten fünf Jahre auf zwölf Prozent pro Jahr schätzt. Die Hersteller lehnen Preisverhandlungen mit den Krankenversicherungen ab. Es gibt auch keine rechtlichen Instrumente, um sie dazu zwingen. Sie können jeden Preis verlangen, was einer Erpressung der betroffenen Personen und ihrer Krankenkassen gleichkommt.

Die FAZ-Autoren appellieren an die „Gemeinwohlpflicht“ der Pharmaindustrie. Aber um Moral hat die sich noch nie geschert, wie der Schweizer Konzern Novartis zeigt. Er verlangt für sein Gentherapeutikum „Zolgensma“ pro Anwendung 1,9 Millionen Euro. Damit können Kleinkinder mit einer sonst tödlich verlaufenden spinalen Muskelatrophie erfolgreich behandelt werden. Novartis denkt nicht daran, sich auf Preisverhandlungen mit Krankenversicherungen oder staatlichen Versorgungssystemen einzulassen. Die müssen zahlen oder den Tod der betroffenen Kinder in Kauf nehmen.

Aber Novartis bietet, man ist ja kein Unmensch, eine weltweite Verlosung von fünfzig kostenfreien Anwendungen an, um die sich die Eltern der betroffenen Kinder bewerben können. Klarer kann man eine zynische Mentalität wohl nicht zeigen.

Gesundheitspolitische Inkompetenz

Jürgen Kaube und Joachim Müller-Jung wollen ihren Ärger über die moralische Defizite von Pharmakonzernen nicht als Aufforderung zur konsequenten politischen Regulierung des Gesundheitswesens verstanden wissen und schon gar nicht zur Verstaatlichung der Pharmaindustrie.

Bei Pandemien wie Covid-19 habe der Staat wichtige Gründe zum Eingreifen. Hier falle „der Nutzen nicht nur individuell an, sondern gesellschaftlich“ an. Es handele sich um eine aggressive ansteckende Krankheit, die sich der individuellen Verantwortung und Kontrolle entzieht. Daher sei bei Pandemien entschlossenes staatliches Handeln geboten.

Aber das bedeute „nicht automatisch etwas für alle anderen Gesundheitsgüter“. Die könne man der privaten Vorsorge oder einer Krankenversicherung überlassen, weil Gesundheit aus ökonomischer Sicht zumeist „ein privates Gut“ sei.

Nein, das ist es ganz und gar nicht. Hier zeigen die FAZ-Autoren geballte gesundheitspolitische Inkompetenz. Gesundheitschancen und Krankheitsrisiken hängen wesentlich von genetischen und sozialen Konstellationen ab, also von Dingen, die Individuen entweder gar nicht oder nur sehr begrenzt beeinflussen können.

Das gilt auch für die ökonomische Perspektive. Im Gesundheitswesen gibt es nicht nur aus medizinischen Gründen keine Konsumentensouveränität. Es ist ein von den Anbietern dominierter Wirtschaftszweig. Arztpraxen und Krankenhäuser können die Nachfrage nach den eigenen Leistungen beeinflussen. Das belegen zahlreiche medizinsoziologische und gesundheitsökonomische Analysen. Deshalb ist die Begrenzung der Anbieterdominanz durch regulierte Preise und Bedarfsplanung eine zentrale Aufgabe der Gesundheitspolitik.

Dieser Sachverhalt bestimmt auch die Politik der Pharmakonzerne. Sie interessieren sich nicht für die Patientinnen und Patienten, sondern für die Ärztinnen und Ärzte, die Arzneimittel verordnen, und für die Politik als Regulierer des Arzneimittelmarktes. Dieser wird aus guten Gründen vor allem über administrierte Preise gesteuert (siehe oben). Die lassen immer noch eine gute Profitmarge zu.

Deshalb ist auch die Behauptung der FAZ falsch, die Verknappung von bestimmten Arzneimitteln und Wirkstoffen habe mit einem Preisdumping der Krankenkassen zu tun. Diese sind für die Gewährleistung einer umfassenden und bezahlbaren medizinische Versorgung da und nicht für die Bedienung exzessiver Profiterwartungen der Pharmaindustrie. Denen kann man nur mit Preisregulierungen und nicht mit moralischen Vorhaltungen effektiv begegnen. Die gehen Novartis, Sanofi, Pfizer und Co. am Rücken vorbei.

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