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Corona-Krise | 20.03.2020 (editiert am 23.03.2020)

Die Coronakrise, die Ethik und der Wert eines Menschenlebens

Sind die Maßnahmen vieler Regierungen gegen die Ausbreitung des Coronavirus als Gesundheitsdiktatur zu kritisieren und wäre die Durchseuchung nicht geradezu ethisch geboten?

Ein Virus verändert gerade die Welt. Es tut dies in einem epochalen Ausmaß, wie es weder die Flüchtlinge noch der Klimawandel vermocht haben. In der Süddeutschen Zeitung hat die philosophische Verdauung der Coronakrise begonnen. René Schlott warnt am letzten Dienstag in einem Zwischenruf, die offene Gesellschaft würde „erwürgt, um sie zu retten“.

Hier kehrt das Dilemma zwischen Freiheit und Sicherheit wieder, das auch die Debatte um den richtigen Umgang mit dem Terrorismus prägt. Zwar folgt René Schlott etwas zu sehr dem Alarmismus 2. Art, also der übertriebenen Warnung davor, dass sich die Regierungen gerade in Sachen Gesundheitsdiktatur üben – das Pendant zum Alarmismus 1. Art, dass wir alle am Virus sterben und die Regierung am besten alle Kranken in Lager stecken sollte. Aber die von René Schlott aufgerufene Frage danach, was die Coronakrise von unserem Verständnis von Liberalität übrig lässt, ist natürlich trotzdem berechtigt.

Etwas unbehaglich darf einem schon werden, wenn mit dem Rechtsinstrument der „Allgemeinverfügung“, einer Form des Verwaltungsakts nach § 35 VerwVfG, im Vollzug des Infektionsschutzgesetzes, etwa § 28 IfSG, so weitreichende Einschränkungen der Grundrechte in Gang gesetzt werden, wie wir das zurzeit erleben.

Ein zweiter Artikel, von Alexander Menden, beschäftigt sich mit der Strategie oder der fehlenden Strategie zum Umgang mit dem Virus in Großbritannien. So ganz klar ist ja nicht, was man dort plant. Alexander Menden geht davon aus, die britische Regierung folge einem utilitaristischen Ansatz. Er stützt sich dabei auf eine Äußerung des Regierungsberaters Patrick Vallance, mit einer Durchseuchungsrate von 60 % würde man gezielt eine Herdenimmunität aufbauen.

Proteste weltweit haben daraufhin den britischen Gesundheitsminister Matt Hancock veranlasst, zu sagen, das sei ja so gar nicht geplant – was eben die Frage aufwirft, was denn dann geplant ist. Nach den „Planungen“ von Boris Johnson zum Brexit befürchte ich Schlimmstes.

Die Proteste gegen die Herdenimmunitäts-Strategie von Vallance haben vor allem ins Feld geführt, dass damit viele tausend Tote aus den vulnerablen Gruppen in Kauf genommen würden. Alexander Menden zitiert dazu Johnson mit einer unfreiwillig komischen Aussage:

„Ich muss zur britischen Bevölkerung ehrlich sein: mehr Familien, viel mehr Familien werden geliebte Angehörige früher verlieren als erhofft.“

Das war allerdings ein Übersetzungsfehler, kein Freudscher Fehler der hoffenden Erbengeneration.

Utilitarismus ist kein Rechenfehler

Aber ist, wie Alexander Menden schreibt, aus utilitaristischer Sicht „der Fall klar“? Wäre aus utilitaristischer Sicht die Durchseuchung wirklich „nicht nur sinnvoll, sondern geradezu ethisch geboten“? Seine Begründung:

„Selbst bei einer hohen Sterberate wie jener in Italien wäre der weit überwiegende Teil der Bevölkerung dann vor dem Virus sicher. Der größte Nutzen für die größte Menge wäre gewährleistet.“

Das ist nun in jeder Hinsicht grober Unfug. Wenn 60 % der Bevölkerung infiziert werden müssen, um eine Herdenimmunität herzustellen, ist nicht der „weit überwiegende Teil der Bevölkerung“ vor dem Virus sicher, es sei denn, in Großbritannien sind 40 % mehr als 60 %. Wie gesagt, beim Brexit hat man vielleicht auch so gerechnet und wenn man die Meinungsfreiheit in der Mathematik hochhält, mag das irgendwie o.k. sein.

Des Weiteren würde die Überlastung des Gesundheitswesens während einer schnellen Durchseuchung mehr und nicht weniger Sterbefälle kosten als bei einer „Flatten the curve“-Strategie, wie sie Deutschland verfolgt. Man würde zudem auch noch darauf verzichten, dass man eventuell schon vor einer Durchseuchung von 60 % der Bevölkerung eine Impfung hat, wenn man die nötige Zeit durch eine „Flatten the curve“-Strategie gewinnen kann.

Es mag also sein, dass Großbritannien eine andere politische Kultur hat als Kontinentaleuropa, so das Fazit Alexander Mendens, aber gut begründet ist das in dem Fall mit dem Stichwort Utilitarismus nicht. Eher hat man es hier mit einer pathologischen Deformationen des Trolley-Problems zu tun: Darf ich mehr Menschen opfern, um weniger Menschen zu retten, wenn ich glaube, mehr Menschen zu retten?

Menden kommt des Weiteren darauf zu sprechen, dass vielleicht auch bei uns noch utilitaristische Abwägungen anstehen, etwa wenn es darum geht, sich zwischen der Beatmung eines alten „Rauchers mit Diabetes“ und einer jungen, bisher gesunden „Unternehmerin und Mutter zweier Kinder“ zu entscheiden. In der Tat wäre das die Denkwelt utilitaristischer Strategien, wie sie in der Gesundheitsökonomie auch sonst gang und gäbe sind. Genau diese Logik ist z.B. der Evaluation von Maßnahmen anhand des Outcomes „QUALYs“, der qualitiätsadjustierten Lebensjahre, inhärent. Dass Menden eine „Unternehmerin“ für sein Beispiel anführt, zeigt, wie heikel die dabei zum Tragen gebrachten Nützlichkeitsbewertungen eines Menschenlebens sein können.

In neoliberalen Kreisen genießen solche Szenarien jedoch seit jeher Sympathie. Thomas Straubhaar, in diversen wirtschaftsnahen Zirkeln aktiv, u.a. als „Botschafter“ der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, plädiert in der WELT ebenfalls für eine kontrollierte Durchseuchung: Die Jüngeren und Gesunden sollen Corona kriegen, dann seien die anderen geschützt. Bis dahin müssten die Alten und Kranken isoliert werden. Leider verrät auch er nicht, wie diese kontrolliere Durchseuchung technisch umgesetzt werden könnte.

Ich fürchte, er hat nicht einmal nachgerechnet, ob die Jungen und Gesunden 60 % der Bevölkerung ausmachen. Für einen Ökonomen geht er ziemlich schludrig mit der Abwägung von Alternativen um. Er spricht zwar zurecht Probleme des derzeit in Deutschland und vielen anderen Ländern verfolgten Versuchs an, mit dem brachialen Mittel eines weitgehenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lock-Downs die schnelle Verbreitung des Virus zu stoppen, damit das Gesundheitssystem nicht überlastet wird, aber bei seinem eigenem Vorschlag sieht er nur Vorteile und bleibt vor allem im Vagen.

Wenn er schreibt, „dass für die Masse der Infizierten die Erkrankung zwar lästig und einschränkend ist, aber eben ohne nachhaltige Gesundheitsfolgen bleibt“, dann wüsste man doch gerne, was das konkret an schweren Erkrankungen und Sterbefällen bedeutet. Schließlich sterben sehr wohl auch junge Leute. Und wenn er fordert, wer „eine bestimmte Altersgrenze überschritten hat oder im Erkrankungsfall besonders an Leib und Leben gefährdet ist, darf Wohnung, Haus, Pflege- oder Altenheim nicht mehr ungeschützt verlassen“ – wie stellt er sich das vor?

Wie viele Millionen Menschen müssten dazu von wem isoliert und betreut werden? Nähme man alle über 65 Jahren, wären das in Deutschland fast 18 Millionen Menschen, zieht man die Grenze bei 80 Jahren, sind es immer noch fast 5,5 Millionen Dazu kämen, soweit nicht altersbedingt schon miterfasst, die Kranken. Die würde man gar nicht trennscharf erfassen können, z.B. wissen mehr als 1 Mio. Diabetiker gar nicht, dass sie Diabetes haben. Und wie viele aus der „geschützten“ Gruppe würden trotzdem infiziert, z.B. weil ihre „Betreuer“ sie infizieren oder sie sich gegenseitig anstecken? Darüber schweigt er, schlimmstenfalls hat er nicht einmal darüber nachgedacht.

Und wiederum in der Süddeutschen war gerade ein Bericht darüber, dass auch die Niederlande die Strategie der gezielten Durchseuchung der Jüngeren verfolgen. Man rechne dabei mit 40.000 bis 80.000 Toten. Für ein durch Interventionen gewonnenes gesundes Lebensjahr gehe man von vertretbaren Kosten bis 60.000 Euro aus. Vermutlich hat man für die 40.000 bis 80.000 erwarteten Toten die verlorenen Lebensjahre hochgerechnet und entschieden, dass sich die volkswirtschaftlichen Verluste infolge noch schärferer Maßnahmen nicht lohnen. Vielleicht zieht man aber auch nur die Konsequenzen daraus, dass man wie in Großbritannien kaum Intensivbetten hat: In den Niederlanden gibt es nur ein Fünftel so viele Intensivbetten wie in Deutschland, ein Versorgungsniveau, das in einer Epidemie schnell an seine Grenzen kommt.

Public Health-Ethik

Man muss den Utilitarismus in solchen Fällen vor seinen Anhängern schützen. Nach der Krise wird man sicher die ethischen Fragen zu diskutieren haben, seien es Gerechtigkeitsfragen des Zugangs zur Gesundheitsversorgung, seien es Fragen zum Verhältnis von Freiheit und Sicherheit, seien es Fragen zum Vorsorgeprinzip (z.B. zum Vorhalten von Ressourcen in den Krankenhäusern oder im ÖGD), seien es Fragen der Verantwortung unserer Art, Landwirtschaft zu betreiben oder globale Produktionsabläufe zu verketten.

Vordringlich erscheint aber im Moment, dieses verdammte Virus besser zu kontrollieren, Entscheidungen darüber, wer beatmet wird, zu vermeiden und ansonsten mit guten Methoden zu prüfen, ob die Seuchenkontrollmaßnahmen auch wirklich das leisten, was sie leisten sollen. So richtig weiß das nämlich niemand.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf „Gesundheits-Check“.

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