Bild: istock.com/G0d4ather
Konjunktur | 17.03.2020 (editiert am 20.03.2020)

Die deutsche und europäische Konjunktur im Winter 2019/2020 – 2

Nicht nur für Deutschland, auch für Europa verlief die Konjunktur im Januar moderat. Doch das ist nicht mehr als eine kurze Verschnaufpause. Die Indikatoren für eine markante Abschwächung sind auch vor Corona weiter unübersehbar.

Die Industrieproduktion im Euroraum ist im Januar 2020 insgesamt leicht gestiegen (Abbildung 1). Das gilt auch für die großen Industrienationen Italien (3,7 %), Frankreich (1,2 %) und auch für Deutschland (2,6 %), den großen Verlierer, der nach monatelangem Abstieg erstmals wieder am Index schnuppern darf.

Abbildung 1

Ähnliches gilt aber auch für die EWU ohne Deutschland, dessen Industrieproduktion nach langen rezessiven Tendenzen wieder ein starker Anstieg gelingt. (Abbildung 2). Deutlich schlechter ist die Lage im Vereinigten Königreich. Die britische Industrie ist seit März 2019 im Sinkflug und stagnierte im Januar. Angesichts der globalen Verschlechterung der Wirtschaftslage durch das Coronavirus ist davon auszugehen, dass es in beiden Regionen noch zu einem massiven Einbruch kommen wird.

Abbildung 2

In Südeuropa verzeichnen Portugal leichte und Griechenland (4,2%) starke Verbesserungen. Wenngleich das im Falle Griechenlands die deutlichen Abschwächungen vom Dezember nur relativiert (Abbildung 3). Spanien befindet sich weiter in einem industriellen Stagnationsmodus, der nun schon seit 2 Jahren andauert. Insgesamt sind keine klaren Aufschwungindizien erkennbar.

Abbildung 3

Österreich und Belgien kreuzen ihre Wege. Während sich die Alpenrepublik auch im Januar weiter im rapiden Abstieg befindet, geht der Aufschwung der belgischen Industrie im Januar weiter. Auch die Niederlande konnten im Rahmen ihrer Industrie-Flaute im Januar mit 3,2 % etwas zulegen (Abbildung 4). Das heißt allerdings nicht viel, den die Niederlande befinden sich nach wie vor unter dem Niveau von 2011.

Abbildung 4

Diffus ist die Entwicklung weiterhin in Nordeuropa. Finnland, Schweden und Dänemark, deren Industrieproduktionen lange wuchsen, werden erstmals von Stagnations- und Abstiegstendenzen erfasst. Für Finnland und Dänemark ging es auch im Januar bergab. Schweden konnte leicht zulegen, doch der Aufschwung dürfte auch hier endgültig zu Ende sein. Sonderfall Norwegen, das sich im November und Dezember mit großen Schritten aus der Talsohle befreien konnte, ist wieder unter den Index gerutscht.

Abbildung 5

Auch in Osteuropa hat sich der langanhaltende Aufstieg der Industrie seit 2019 verlangsamt und droht seit Jahresende in Stagnation überzugehen. Am deutlichsten zeigt sich das in Slowenien, Tschechien, der Slowakei und Ungarn, auch wenn letztere im Januar zulegen konnten (Abbildung 6). Polen, das unter der Regierungspartei PiS zuletzt einen deutlichen Wirtschaftsaufschwung erlebte, konnte im Januar seine Industrieproduktion steigern.

Abbildung 6

Endgültig vorbei ist der bis 2019 andauernde Aufschwung im Baltikum (Abbildung 7). Mehr noch, die Stagnationsphase droht nun in die Rezession überzugehen. Sowohl in Lettland, Litauen als auch Estland ging es im Januar mit Industrieproduktion bergab.

Abbildung 7

Im Balkan kann das leichte Auf im Januar nicht täuschen, dass die Industrieproduktion seit Anfang 2019 langsam aber stetig sinkt. Das Niveau ist trotz +2,2 % in Rumänien, +0,6 % in Kroatien und +1,7 % in Bulgarien niedrig.

Abbildung 8

Nullen müssen nicht stehen, sondern fallen

Wie reagiert die EU auf diese Entwicklungen, die sich nun mit dem Coronavirus deutlich verschärfen werden? Die EU-Kommission scheint vom deutschen Virus infiziert zu sein. Ursula von der Leyen hat zwar einen Hilfsfonds angekündigt, doch der ist nicht mehr als reine Propaganda. Anstatt der verlautbarten 25 Milliarden Euro geht es nur um 7,5 Milliarden Euro. Es handelt sich auch nicht um einen neuen Fonds, vielmehr ergeben sich die 7,5 Milliarden aus Strukturfondsmitteln, die bereits an Länder bewilligt, aber dann nicht abgerufen wurden. Und selbst diese Mittel sollen keineswegs neu „ausgeschrieben“ werden, sondern ausschließlich an die Länder gehen, für die sie ursprünglich bewilligt wurden.

Es kann also keine Rede davon sein, dass Italien – vom Coronavirus am stärksten betroffen – geholfen wird. Teilt man dieses Sümmchen durch 27 Mitgliedsstaaten und streckt es auf ein paar Jahre, ist es ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Schlimmer noch: Die EU-Kommission ist darüber hinaus gewillt, den sogenannten Stabilitätspakt der Europäischen Union, der die Mitgliedsstaaten zu rigiden Haushaltseinsparungen zwingt, trotz des historischen Börsenabsturzes nicht auszusetzen. Stattdessen solle er aufgrund der außergewöhnlichen Lage „maximal flexibel“ gestaltet werden, so von der Leyen.

Das heißt auf Deutsch aber auch: Der „Schwarze Schwan“ sorgt dafür, dass die Schwarze Null auch politisch nicht mehr zu halten ist.

Anmelden