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Konjunktur | 20.03.2020

Die deutsche und europäische Konjunktur im Winter 2019/2020 – 3

Was für die Industrieproduktion gilt, betrifft auch die anderen Sektoren der europäischen Wirtschaft: Der Januar verschont die Konjunktur vor nennenswerten Einbrüchen. Es ist die Ruhe vor dem Sturm.

Im Januar 2020 stieg laut Schätzungen von Eurostat die saisonbereinigte Produktion im Baugewerbe gegenüber Dezember 2019 im Euroraum um 3,6% (Abbildung 1). Im Dezember 2019 war die Produktion im Baugewerbe im Euroraum noch um 1,8% gefallen. Auch Deutschland (5,3 %) und Frankreich (2,8 %) konnten zulegen.

Somit zeigt die Produktionskurve seit 2016 immer noch tendenziell nach oben. Gegenüber Januar 2019 stieg die Produktion im Baugewerbe im Januar 2020 im Euroraum immerhin um 6,0%.

Abbildung 1

Bauproduktion in Italien, Spanien und Portugal

Spanien und Portugal darben weiter. Während es für Portugal mit 1,3 % im Vergleich zum Vorjahresmonat leichte Verbesserungen auf niedrigstem Niveau gab, befindet sich Spanien auf dem Weg noch weiter nach unten (-0,3%) (Abbildung 2).

Mit Italien gab es in der Bauwirtschaft im Januar wieder einen Ausreißer nach oben (8 %). Wie bei so vielen hektischen Bewegungen in den letzten Monaten lässt sich allerdings nicht sagen, ob er Bestand hat. Wahrscheinlich ist das nicht.

Abbildung 2

Auf welch niedrigem Niveau sich die Bauproduktion dieser Länder insgesamt befindet, zeigen die Relationen in langer Sicht: 2009 ist die Produktion im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise massiv eingebrochen, seit 2014 herrscht Stagnation nah am Index. Vom Niveau vergangener Dekaden ist man meilenweit entfernt (Abbildung 3).

Abbildung 3

Bauproduktion in Osteuropa

In Ungarn gab es im Januar zwar einen leichten Anstieg (1,5 %), mittelfristig ist das rasante Wachstum aber zum Erliegen gekommen (Abbildung 4). Im Vergleich zum Dezember 2018 sank die ungarische Produktion um -2,4%. Ganz ähnlich sah es in Polen aus, allerdings gab es im Januar mit 11 % nochmals einen kräftigen Schub hin zu einem neuen Spitzenwert. Weiter auf dem Weg noch oben ist Tschechien. Umso trostloser ist weiterhin die Lage in Bulgarien.

Abbildung 4

Bauproduktion in weiteren Ländern

Weiter stetig auf dem Weg nach oben befindet sich auch die Bauproduktion in den Niederlanden (Abbildung 5). Mit einem Anstieg von 3,3 % wurde auch hier ein neuer Spitzenwert erreicht. Schweden hat sich von einer konjunkturellen Delle erholt und strebt seit Oktober 2019 wieder steil nach oben. Der Zuwachs für Belgien im Januar kann hingegen nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die dortige Bauproduktion in der Stagnation befindet. Österreich und Dänemark haben Rückgänge zu verzeichnen.

Abbildung 5

Einzelhandel – Immer noch geht es (leicht) aufwärts

Im Januar 2020 stieg das saisonbereinigte Absatzvolumen des Einzelhandels gegenüber Dezember 2019 im Euroraum leicht um 0,6% (Abbildung 6). Im Dezember 2019 war das Einzelhandelsvolumen im Euroraum um 1,1% gesunken. Gegenüber Januar 2019 stieg der kalenderbereinigte Einzelhandelsindex im Januar 2020 im Euroraum um 1,7% und in der EU27 um 2,1%. Insgesamt hält sich der Einzelhandel damit weiter schadlos. Nur Italien kriegt weiterhin keinen Fuß auf den Boden.

Abbildung 6

Völlig am Boden hingegen ist der Einzelhandel weiter in Südeuropa (Abbildung 7). Wie auch im Baugewerbe kommen Spanien und Griechenland seit dem großen Absturz ab 2010 nicht vom Fleck. Freundlicher stellt sich die Lage in Portugal dar. Die Früchte der partiellen Abkehr von der Austeritätspolitik durch die sozialistische Regierung Costa scheint im neuen Spitzenhoch des Einzelhandelsumsatzes seit 2009 zum Ausdruck zu kommen (4,9 % im Januar).

Abbildung 7

Preise – Deflationsgefahr weiter nicht gebannt

Die deflationäre Entwicklung im Euroraum konnte sich im Januar zum dritten Mal in Folge leicht abschwächen, liegt aber immer noch unter der Zielinflationsrate der EZB (Abbildung 8). Insbesondere die Erzeugerpreise der Industrie befinden sich nach wie vor unter der Nulllinie.

Abbildung 8

Die Entspannung ist vor allem den Verbraucherpreisen geschuldet, die sich wieder Zielinflationsrate der EZB annähern (Abbildung 9). In fast allen Ländern, die sich bisher auf dem besten Wege in die Deflation befanden, ist auch im Januar ein leichter Preisanstieg zu verzeichnen. Ausnahme Italien, das weiter nah an der Nulllinie kratzt. In Deutschland haben sich die Verbraucherpreise um 0,1 % im Vergleich zum Dezember 2019 verändert.

Abbildung 9

Auch die Erzeugerpreise stiegen in der Industrie im Januar gegenüber Dezember 2019 – im Euroraum um leichte 0,4%. Dass die Lage aber nach wie vor deflationär ist, zeigt der Vergleich mit dem Vorjahresmonat: hier sanken die Erzeugerpreise in der Industrie im Januar 2020 im Euroraum um 0,5%. Länder wie Italien, und Spanien befinden sich unter der Nulllinie (Abbildung 10). Doch nur in Spanien gab es einen nennenswerten Preisanstieg um 1 %.

Abbildung 10

Das Auf an der Preisfront entspannt die Lage für die Zentralbanker etwas. Doch dass die Preise weiterhin unter der Zielinflationsmarke liegen, zeigt, wie fragil die Lage ist. An eine Rückkehr zur geldpolitischen „Normalität“ ist spätestens mit der Corona-Krise nicht mehr zu denken. Auch die geldpolitischen Kriseninstrumente der EZB sind ausgereizt.

Arbeitslosigkeit – Im Euroraum niedrigste Quote seit 2008

Im Euroraum lag die saisonbereinigte Arbeitslosenquote im Januar 2020 bei 7,4%. Damit blieb sie unverändert gegenüber Dezember 2019 und sank von 7,8% im Januar 2019. Dies bleibt somit die niedrigste Quote, die seit Mai 2008 im Euroraum verzeichnet wurde. Allerdings ist das nach wie vor ein recht hohes Niveau bei einem nur langsamen, wenn auch stetigen Rückgang.

Das zeigt aber, dass die Rezessionstendenzen in Europa immer noch nicht auf die Arbeitsmärkte durchgeschlagen haben. In Deutschland bleiben die Zahlen seit Oktober 2019 unverändert bei 3,2 %.

Unterschlagen bei all diesen Zahlen wird, wie katastrophal hoch in Griechenland (36,1%), Spanien (30,6%) und Italien (29,3%) die Jugendarbeitslosigkeit ist. Im Euroraum insgesamt lag sie im Januar bei 15,6%.

Abbildung 11

Wie hoch das Niveau der Arbeitslosigkeit in der EWU ist, zeigt sich seit der Finanzkrise im internationalen Vergleich. Japan und die USA befinden sich seit Jahren deutlich unter der 4-Prozent-Marke.

Abbildung 12

Interessant dürfte werden, wie sich angesichts brachliegender Produktion (bei VW) und gerissener globaler Lieferketten die Arbeitslosigkeit im Frühjahr entwickeln wird.

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