Carl Christian von Weizsäcker, Bild: Olaf Kosinsky - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0 de, Link
Aufgelesen | 17.03.2020 (editiert am 20.03.2020)

Eine Diffamierung der Globalisierungskritik – die ihr Autor selbst widerlegt

Im Rahmen der Globalisierungsdebatte unterstellen liberale Ökonomen den Kritikern schrankenloser Kapitalmobilität gerne ökonomi­sche Unbildung. Konfrontiert mit der Realität, müssen die Vorwürfe zurück in die Mottenkiste. Hier geht es um einen solchen Fall, und er ist instruktiv.

Zunächst das Positive: 2019 haben die Ökonomen Carl Christian von Weizsäcker und Hagen Krämer ein Buch mit dem Titel „Sparen und Investieren im 21. Jahr­hundert“ veröffentlicht.[1] Im Mittelpunkt steht die These, dass unter den aktuellen Bedingungen in den entwickelten Ländern Kapitalknappheit nicht mehr existiert. Die gestiegene Lebenserwartung, der längere Ruhestand und der zunehmende Wohlstand habe den Sparwunsch immer weiter wachsen lassen.

Demgegenüber sei die Absorptionsfähigkeit der Wirtschaft für Kapital begrenzt. Denn in vielen Fällen verbessere ein zusätzlicher Kapitaleinsatz nicht mehr die Rentabilität der Produktion. Da der Zins nicht beliebig unter 0 fallen könne, bringe er Sparen und Investie­ren nicht mehr zum Ausgleich. Um eine desaströse Abwärtsspirale und hohe Arbeitslosigkeit zu verhindern, sei deshalb eine zusätzliche Verschuldung jener wirtschaft­lich stabilen Staaten erforderlich, die über einen positiven Leistungs­bi­lanzsaldo verfügen, „in einer Welt, in der Staatsschulden im großen Stil erfor­der­lich sind, weil der private Vermögenswunsch das sinnvoll, also produktiv ver­wendbare Real­vermögen weit übertrifft“.[2]

Während also in der orthodoxen neoklassi­schen Theorie der Zinssatz für den Ausgleich von Investitionen und Ersparnissen und damit auch für ein Vollbeschäftigungsgleichgewicht sorgt, gibt es in dem von den Autoren ver­tretenen modifizierten neoklassischen Denkmodell – genau wie im keynesianischen Paradigma – keinen derartigen Automatismus.[3]

Das Buch, zu dem sich zwei in mancher Hinsicht recht unterschiedliche Autoren zusammengefunden haben, hat seine Verdienste – nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass es auch mit neoklassischen Überlegungen zu Schlüssen kommt, die keynesianische Ökonomen seit langem vertreten. Anderes ist diskussionsbedürftig. Einige Bemerkungen finden sich in Jörg Bibows MAKROSKOP-Beitrag „Sündenbock EZB als Vollstrecker der Schuldenbremse“.

Die „Logik der Globalisierung“ – ein Pamphlet

Die Lektüre hat mich verleitet, ein anderes Buch Carl Christian v. Weizsäckers noch einmal zur Hand nehmen, das dieser 1999 unter dem Titel „Logik der Globalisierung“ veröffentlicht hat.[4] Es wurde als Reaktion auf die immer stärkere Resonanz der Globalisierungskritik verfasst. Unter ande­rem hatten drei Jahre zuvor Hans-Peter Martin und Harald Schumann mit ihrem populären Buch „Die Globalisierungsfalle“ ein erhebliches Echo erzielt.

In seiner „Logik der Globalisierung“ verurteilt Weizsäcker jede Globalisierungs­kritik als verkürztes Denken, das bei vordergründigen Effekten stehenbleibe und die segensreichen längerfristigen, insbesondere die Staaten disziplinierenden Wirkungen der Globalisierung ignoriere. Die Kritik sei das Werk einer „linksorientierten Intellektuellenschicht“, die in der Regel von Wirtschaft nicht viel verstehe.[5]

Die Globalisierung könne demgegenüber nützlich sein zum „Wachrütteln eines Volkes von Traumtänzern unter der Führung einer populistischen Regierung“.[6] Weizsäckers Schelte der Globalisierungskritik gipfelt in dem monströsen Satz: „Die Weltprobleme werden dadurch gelöst, dass man der Wirtschaft die Führungsrolle vor der Politik überlässt.“[7]

Soll man sich zwei Jahrzehnte nach dem Erscheinen eines solchen Werkes noch damit befassen? Lohnt es sich, alte Sünden aufzuspießen? – Immerhin, sie wirken politisch fort, und sie wurden und werden immer noch vielfach begangen. Es soll hier aber nicht so sehr um den Verfasser gehen. Im Vordergrund steht die in der „Logik der Globalisie­rung“ als politischer Hebel verwendete Argumentation.

Keine Besteuerbarkeit von Unternehmensgewinnen?

Ein zentraler Punkt der „Logik der Globalisierung“ ist die Behauptung, schrankenlose Kapitalmobilität verschlechtere nicht die Möglichkeiten, Unternehmens­gewinne zu besteuern. Allen geläufigen Annahmen zum Trotz verschiebe sie keine Steuerlasten vom Kapital zur Arbeit, weil – und das ist sozusagen die Pointe – das Kapital ohnehin jede Form von Besteuerung längerfristig auf die Arbeit abwälzen könne.[8]

Denn auch in einer geschlossenen Volkswirtschaft, ohne jede Möglich­keit des Kapitaltransfers ins Ausland, seien Unternehmensgewinne kaum besteuerbar. Nicht nur Kosten, sondern, so Weizsäcker, auch alle Gewinnsteuern könnten die Unternehmen längerfristig auf die Arbeitnehmer überwälzen. Viel spreche dafür, dass das sogar zu 100 Prozent möglich sei.[9] Wenn die Finanzminister „in einem internationalen Kartell der Steuererheber“ trotzdem versuchten, Unterneh­mensgewinne stärker zu besteuern, dann jagten sie letztlich einem Phantom nach.[10] Es sei also „nicht recht einzusehen, weshalb der Fiskus hinter den Steuern auf Unternehmensgewinne her ist wie der Teufel hinter der armen Seele“.[11]

Allein diese Behauptung, dass die Unternehmensgewinne auch in einer geschlosse­nen Volkswirtschaft komplett überwälzbar und damit letztlich nicht besteuerbar sind, wollen wir uns noch einmal ansehen. Träfe sie zu, würde sie Teile der Globalisierungskritik ja tatsächlich stark relativie­ren.

Auch wenn sich Weizsäckers Buch an ein breiteres Publikum richtete, war es im Kern ein Stück Politikberatung oder zumindest Politikbeeinflussung. Weizsäcker selbst schreibt in einem Aufsatz: „Ökonomische Politikberatung ist primär Politikberatung der Öffentlichkeit und weniger eine Beratung der politischen Organe, der Regierung und des Parlaments.“[12] Seine Politikberatung gründete sich auf ein ziemlich windiges Modell; und es lohnt sich, dieses Konstrukt noch einmal anzuse­hen, mit dem so brachial politische Wirkung erzeugt werden sollte.

Ein mehr als dubioses Modell

Das Modell dreht sich um die Entwicklung des Eigenkapitals der Unternehmen. Weizsäcker weist dem Eigenkapital eine zentrale Funktion für Wachstum und Beschäftigung zu.[13] Ausgangspunkt ist ein Vollbeschäftigungsgleichgewicht. Die im Modell verwendeten und nachfolgend genannten Zahlen dienen lediglich der Anschaulichkeit. Sie haben keine eigenständige Bedeutung.

Im Modell wird ein jährliches Wirtschaftswachstum von 3 Prozent gebraucht, um die Beschäftigung konstant zu halten. Einzige Voraussetzung dafür ist, dass die Unternehmen jedes Jahr 3 Prozent ihrer Gewinne reinvestieren. Wie in der Neoklassik üblich, spielt die Absetzbarkeit der Produktion keine Rolle. Der Brutto-Unternehmensgewinn ist zudem allein von der Höhe der Löhne abhängig. Die Unternehmen reinvestieren jeweils 60 Prozent ihrer Netto-Gewinne und schütten 40 Prozent an ihre Eigentümer aus, unabhängig davon, wie die Geschäfte laufen.

Solange ihre Gewinne nicht besteuert werden, erzielen die Unternehmen brutto gleich netto Gewinne von 5 Prozent, von denen sie 60 Prozent reinvestieren. Damit werden jene 3 Prozent Reinvestitionen erreicht, die annahmegemäß zum Vollbeschäftigungs­gleich­gewicht führen. Erhebt der Staat nun jedoch eine Gewinnsteuer von 50 Prozent, reinvestieren die Unternehmen nur noch 60 Prozent von 2,5 Prozent, also 1,5 Prozent und damit zu wenig. Das Wirt­schaftswachstum sinkt unter die für Vollbeschäftigung erforderliche Rate.

Längerfristig verschlechtert sich die Verhandlungspo­sition der Arbeitnehmer. Ihre Löhne sinken. Da die Löhne die einzige Größe sind, die im Modell die Höhe der Unternehmensgewinne bestimmt, steigen bei sinkenden Löhnen jedoch wieder die Ge­winne und mit ihnen die Reinvestitionen. Das geht solange, bis das daraus resultierende Wachstumstempo erneut zum Gleichgewicht führt. Die Unternehmen verdienen jetzt allerdings vor Steuern 10 Prozent, nach Steuern wieder 5 Prozent und reinvestieren 3 Prozent. Die Arbeitnehmer büßen mit gesunkenen Löhnen für die Unternehmenssteuern und bezahlen sie also aus eigener Tasche, voraussichtlich sogar komplett.[14]

Der umgekehrte Fall tritt bei der Abschaffung der Gewinnbesteuerung ein. Zwar steigen zunächst die Nettogewinne der Unternehmen. Aber dank höherer Reinvestitionen und Verknappung der Arbeitskräfte steigen anschließend auch die Löhne und führen die Gewinne auf die altbekannten 5 Prozent zurück. Die Unternehmen werden also längerfristig durch die Abschaffung der Steuer gar nicht bessergestellt. Allein die Arbeitnehmer sind die Profiteure durch höhere Einkommen. Weizsäckers Fazit: „Die Abschaffung der Gewinnsteuer wirkt sich letztlich wie eine steuerliche Entlastung der Arbeitnehmer aus.“[15] „Die Rendite nach Steuern ist im Wachstumsgleichgewicht völlig unabhängig vom Gewinnsteuer­satz.“[16] Mit der starren Kopplung von Wachstum und Beschäftigung an die Netto-Gewinne der Unternehmen ist dieses Ergebnis vorgezeichnet.

Weizsäcker gegen Weizsäcker

Ein haarsträubendes Modell mit einer Vielzahl mehr als nur problematischer Prämissen? – In vielen Fällen enden leider auch Diskussionen über haar­sträubende Theorien in festgefahrenen Stellungskämpfen.

Vorliegend aber ist das glücklicherweise etwas anders. Denn was ergibt sich, wenn man die Schriften Weizsäckers von 1999 und 2019 miteinander konfrontiert? Die suspekte Annahme der „Logik der Globalisierung“, ein bei abgesenkten oder abgeschafften Gewinnsteuern wachsendes Kapitalpolster der Unternehmen würde automatisch reinvestiert und zu einer Verknappung der Arbeitskräfte und steigenden Löhnen führen, ist auf der Basis von „Sparen und Investieren im 21. Jahrhundert“ weniger haltbar denn je. Wenn es stimmt, dass das Kapitalangebot nicht mehr in der Realwirtschaft untergebracht werden kann, dann vergrößern steigende Nettounternehmensgewinne nicht den Produktionsapparat, sondern nur das Anlagemöglichkeiten suchende Kapitalangebot. Zu Investitionen in die Real­wirtschaft kommt es nicht.

Und so ist es ja auch zu beobachten. Der Unternehmenssektor ist zum Nettosparer geworden. International agierende Unternehmen ersetzen nicht nur Fremdfinanzierungen durch Eigenfinanzierungen. Sie suchen darüber hinaus nach Anlagemöglichkeiten für ihr überschüssiges Kapital auf den Kapitalmärkten der Welt, die zu Casinos werden.

Auch Weizsäcker selbst hat das in einem Interview 2014 deutlich gemacht: Die erfolgreichen Unternehmen zum Beispiel in der Informationstechnologie „haben allesamt riesige Cash-Reserven. Die wissen gar nicht, wohin mit ihrem Geld. Apple beispielsweise ist einer der größten Kapitalanbieter der Welt. Apple braucht natürlich auch Betriebskapital, verdient jedoch so viel, dass das Unternehmen das aus den eigenen Erträgen spielend gewinnt. Mit dem Rest werden amerikanische Staatsanleihen gekauft.“[17] Kein Unternehmen mit einer ausreichenden Gewinnperspektive habe Probleme, an das für seine Investitionen nötige Kapital zu kommen.

Natürlich brauchen Investitionen Gewinne. Aber von einem Mechanismus, durch den sich Gewinne in arbeitsplatzschaffende Investitionen verwandeln, kann keine Rede sein. Die Behauptung, dass die Besteuerung von Unternehmen selbst in einer geschlossenen Volkswirtschaft am Ende immer die Arbeitnehmer trifft und folglich nur sinnlose Bürokratie erzeugt, ist nicht zu halten. Diese Logik aus Pappmaché-Modellen war schon früher falsch, und der Anlagenotstand macht es nun auch für den Letzten evident.

Folglich fehlt der Verunglimpfung der Kritik, die an unbeschränkter Kapitalmobilität zurecht geübt wird, jede Grundlage. Das ist, um es zu wiederholen, kein überraschender Befund. Weizsäcker 2019 widerlegt Weizsäcker 1999. Und doch ist das natürlich eingängi­ger, als wenn hier unterschiedliche Autoren gegeneinander stünden, die sich in ihren Positionen eingraben.

Im Laufe der Jahre darf man sicher klüger werden. Doch ist das wirklich der Fall? Weizsäckers Schriftenverzeichnis lässt nicht erkennen, dass er seine Position aus der „Logik der Globalisierung“ je geräumt hätte. Im Gegenteil wartet er mit zwei­felhaften bis kuriosen Vorschlägen auf: Da die Sparschwemme durch einen verlän­gerten Ruhestand, für den gespart werde, mitverursacht sei, solle sie auch durch eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit bekämpft werden, selbst wenn der Effekt begrenzt sei.[18] Seine neoliberalen Bekenntnisse sind konstant geblie­ben. Das ist – sagen wir mal – bedauerlich.

Aber immerhin, in dem erwähn­ten Interview hat er auf die Frage „Was sollten Politik und Öffentlichkeit von einem Ökonomen nie erwarten?“ geantwortet: „Endgültige Wahrheiten.“[19]


[1] Carl Christian v. Weizsäcker, Hagen Krämer, „Sparen und Investieren im 21. Jahrhundert, Wiesbaden 2019. Wesentliche Aussagen des Buches finden sich aber beispielsweise auch schon in einem Artikel v. Weizsäckers „Die Notwendigkeit von Staatsschulden“, Wirtschaftsdienst, 2010, S. 720 ff.
[2] Sparen und Investieren, S. 150
[3] aaO S. 224 f.
[4] Carl Christian v. Weizsäcker, Logik der Globalisierung, Göttingen 2. Aufl. 2000
[5] aaO S. 67
[6] aaO S. 109 f.
[7] aaO S. 123
[8] aaO S. 79 ff.
[9] aaO S. 84
[10] aaO S. 80
[11] aaO S. 91 f.
[12] „Wir leben in einem gänzlich neuen Zeitalter“, Perspektiven der Wirtschaftspolitik, 2014, 15 (1), S.24 ff. (S.31 f.)
[13] Lediglich angedeutet wird, warum andere Quellen der Unternehmensfinanzierung vernachlässigbar sein sollen.
[14] Logik der Globalisierung, S. 86 ff.
[15] aaO S. 88
[16] aaO S. 85
[17] „Wir leben in einem gänzlich neuen Zeitalter“, S. 28
[18] Carl Christian v. Weizsäcker, „Europas Mitte“, Perspektiven der Wirtschaftspolitik, 2016, 17 (4), S. 1 ff. (S. 9 f.)
[19] aaO S. 32

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