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Debatte | 17.03.2020 (editiert am 20.03.2020)

Eine Heimat für die Heimat

Die Linke konnte sich eigentlich nie als Gegenentwurf zum Liberalismus etablieren. Und dass, obwohl sie ein natürlicher Widersacher wäre. Sie bot den Abgehängten keine Heimat, weil sie die Heimat nicht auf ihrer Rechnung hat. Im Grunde bis heute.

Neulich erzählte mir jemand, er würde seinen Säugling in eine Einrichtung geben, in der man Englisch spreche. Grund sei, dass man nie wisse, wohin es einen beruflich verschlage. Wenn der Spross dann schon mal Englisch beherrsche, hätte man ein Problem weniger beim Auswandern.

Mich wunderte, mit welcher Selbstverständlichkeit vom Verlassen des Landes gesprochen wurde, fast fatalistisch, als ob man gegen etwaige Jobangebote aus dem Ausland nichts ausrichten könne und nur ein Getriebener etwaiger Marktvorgaben ohne Planungsprioritäten sei.

Diese passive Haltung ist indes kein Zufall. Sie ist das Produkt einer Liberalisierung, die uns seit vielen Jahren Flexibilität und Mobilität als Tugenden empfiehlt und abringt. Besonders in den Anfangsjahren der Hartz-IV-Reformen hat man diese Schlagworte an Arbeitslose gerichtet. Zwar vermittelte man sie nicht ins Ausland, wohl aber durchaus ans andere Ende der Republik. Wer da nicht mitzog, galt schnell als nicht arbeitswillig. Einwände wie etwa jener, dass man Freunde, Familie – ja schlicht die Heimat – aufgeben müsse, galten natürlich nicht. Heimatgefühle waren als Wert abgemeldet.

Globalismus: Die angesagte Heimatlosigkeit der Liberalen

Genau an dieser Stelle konnte das linke Spektrum gut andocken an die neoliberale Heilslehre. Denn mit der Heimat stand sie seit Jahrzehnten, seitdem der Nationalismus und dann auch noch der Nationalsozialismus mit diesem Begriff hantierten, auf Kriegsfuß. Im Namen eines falschen und trügerischen Heimatgefühls, so argumentierte man links, seien die widerwärtigsten Verbrechen begangen worden.

Falsch ist diese Einsicht nicht. Die Frage ist nur, ob der Sinn für Heimat zwangsläufig in solche Exzesse münden muss. Das allerdings darf objektiv bestritten werden.

Der Liberalismus hatte nie Berührungsprobleme mit der Heimat, weil er an einen historischen Auftrag glaubte. Für ihn war es nur bequem, wenn man die Menschen – insbesondere die Produktivkraft, die im Menschen steckt – nicht zu sehr an heimatliche Triebe verliert. Das Humankapital sollte offen dafür bleiben, auch mal in die Ferne zu schweifen: Und per Reform zur Aufgabe der Heimat gezwungen werden. Schließlich könne man überall ein Zuhause finden, wenn man nur wolle.

Der Autor dieser Zeilen musste sich in jenen Reformjahren einen Vortrag seines Arbeitsvermittlers in Jobcenter seiner bayerischen Provinzheimat anhören. Der fabulierte von der Scholle, an der man nicht kleben dürfe, wenn man im Wettbewerb bestehen wolle. Wer aber festklebt, der habe quasi schon verloren. In den Behörden entfaltete sich der Reformgeist seinerzeit recht gedeihlich, wenn auch die Mitarbeiter recht sicher auf ihrem heimatlichen Bürostuhl kleben blieben.

Flexibel gibt sich auch das liberale Justemilieu. Ganz selbstverständlich nimmt man Arbeit im Ausland an, lebt dort in einer Bubble, die der in der eigenen Heimat gleicht. Man lebt in Städten und Vierteln mit den gleichen Privilegierten mit dem gleichen elitären Habitus und dem gleichen Selbstverständnis. Als Alexander Gauland vor eineinhalb Jahren darüber in der FAZ schrieb, empörte man sich, weil man dem Mann ein Forum gab. Vielleicht war die Aufregung auch deshalb so groß, weil Gauland bei den »globalistischen Eliten« durchaus einen Punkt traf.

Heimatlosigkeit ist schwer angesagt. Man ist vielmehr auf der Welt zuhause. Wähnt sich als Weltbürger, schaut ein bisschen arrogant auf die runter, die in ihrem nationalen Orkus verharren und die Probleme haben, die es in der verordneten Heimatlosigkeit des Liberalismus so gut wie gar nicht mehr gibt.

Linke ohne Heimat: Zwischen Beliebigkeit und Verlust des Gemeinsinns

Das wirkt auf das linke politische Milieu, das so seine historischen Probleme mit der Heimat hat, natürlich irgendwie chic – ja, ein bisschen so, als seien das verwandte Geister, die sich über nationale Beschränkungen erhoben haben und den Internationalismus mit Flair und Lifestyle leben. So sollten wir alle werden – ständig im Aufbruch, ohne heimatlichen Fixpunkt, Kosmopoliten eben. Dann bräche endlich ein neues Zeitalter an.

Jahrelang hat man an der Dekonstruktion des Heimatbegriffes geschliffen. Für Linke galt es als undenkbar, dass man von seiner Heimat sprach. Da disqualifizierte man sich prompt. Man sprach lieber darüber, was nicht Heimat sein kann – nicht aber, wie sich die Heimat als Begriff und auch als Wertvorstellung in der politischen Debatte auch links der Mitte etablieren könne.

Der Dekonstruktion wurde leider wenig entgegengesetzt. Denn das Heimat als Ort, an dem man ist, an dem man verweilt, sein Leben bestreitet, auch eine Ordnungsentität spezifiziert, hat man im linken Spektrum nicht weiter beachtet. Man warnte lediglich vor ihr, sie könne nur negative Folgen zeitigen.

Aber zu leben, wo man sich heimisch fühlt, birgt viel mehr die Negation: Das konstruiert nämlich sowas wie den Drang, den als Heimat empfundenen Platz mit Rücksicht und Anteilnahme zu begegnen. Man verhält sich daher eher nicht skrupellos, interessiert sich für sein Umfeld und hält sich eher an Gemeinschaftsregeln. Im weitesten Sinne setzt der mittlerweile heute so oft vermisste Gemeinsinn heimatliche Verbundenheit voraus.

Die postulierte Heimatlosigkeit begreift sich hingegen als Beliebigkeit und Unverbindlichkeit. Man fühlt sich nichts und niemanden verbunden, die Welt ist groß genug, morgen ist man vielleicht schon ganz woanders. Lohnt sich da noch gemeinschaftliches Engagement? Oder ist das nicht nur Zeitverschwendung? Sollen doch die machen, die bleiben – ich bin dann mal weg …

Heimat: Ein eigentlich linker Begriff

Heimat und ein mondänes Weltverständnis schließen sich allerdings gar nicht aus. Die Welt ist nichts anderes als eine Summe von Heimaten. Von Gegenden, in denen sich die, die dort geboren wurden oder später dazukamen, im Alltag bewegen. Eine linke Definition darf freilich nicht dem oft von den Konservativen bemühten Idyll auf dem Leim gehen, wonach Heimat der Ort ist, wo man sich glücklich fühlt, einfach weil man da ist. Sie sollte vielmehr als der Ort verstanden werden, an dem man die globale Gesamtheit auf die Übersichtlichkeit schrumpft, die man im progressiven Streben benötigt.

Heimat ist, wo alle sich auf einen Konsens des Zusammenlebens einigen müssen. Gerade gegenüber dem neoliberalen Einfluss wäre eine linke Definition notwendiger denn je. Die liberale Theorie, in der der Mensch als ein heimatloses und nicht sesshaftes Wesen abgehandelt wird, braucht einen entschiedenen Widerspruch mit Heimatbezug.

Menschen möchten weder als potenziell Entwurzelte betrachtet werden noch sich so fühlen müssen. Zumindest die meisten nicht. Diese aufgezwungene Ruhelosigkeit findet aber im liberalen Milieu und im linken Spektrum kaum Beachtung. Dort wird eher noch despektierlich auf eine Heimat herabgesehen, die als sicherer Hafen favorisiert wird. Sie wird als „nationaler Container“ verschrien. Sie wird arrogant als gestrig, beschränkt und nicht mehr zeitgemäß abgetan.

Mit dieser Verachtung entsorgt man noch jedes Bekenntnis zur Gemeinschaftlichkeit und Gemeinsinn. Ehrenamtliches Engagement in Vereinen oder der Gemeinde, das auf einem Zugehörigkeitsgefühl fußt, diskreditiert man gleich mit. Heimat ist nämlich mehr als Nationalstaat und Nationalismus: Sie ist Sozialstaat im weitesten Sinn, ein Garant dafür, als Mensch nicht lediglich Marktfaktor sein zu müssen. Sie kann als Zusammenhalt und Ordnung interpretiert werden, ja als Platz, an dem man nicht Beliebigkeit walten lässt, sondern Verbindlichkeit einfordert und umsetzt.

Den Heimatbegriff in Zeiten der Globalisierung irgendwelchen Rechten oder konservativen Romantikern überlassen zu haben, selbst dann noch, als sich immer mehr Gesellschaftsschichten abgehängt fühlten, mit dem Flexibilitäts-, Mobilitäts- und Beschleunigungswahn der Reformer fremdelten, war schon mehr als fahrlässig. Heimat ist eigentlich ein linker Begriff. Sie stellt eine menschliche Befindlichkeit dar, eine menschliche Bedingung auf Basis des Raum-Zeit-Empfindens. Mit der Sesshaftigkeit des Menschen wurde sie greifbar, mit der Wahrnehmung einer schier endlos großen Welt zum Konzept.

Es gilt nun endlich den Begriff neu aufzuladen. Denn ohne eine Definition von Heimat macht das Gefecht gegen den wurzellosen Liberalismus keinen Sinn.

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