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Arbeit | 10.03.2020 (editiert am 11.03.2020)

Fachkräftemangel – Mythos oder Realität?

Die Klage über den Fachkräftemangel gehört zum Standardrepertoire von Unternehmensverbänden. Das macht sie nicht immer falsch, verdeckt aber nachhaltige und praktikable politische Lösungen.

Immer wieder hört man in Deutschland vom Problem des Fachkräftemangels. Die einschlägigen Meldungen dazu muss man nicht im Einzelnen aufzählen, da das Thema hinlänglich bekannt sein dürfte.

Jüngst berichteten jedoch Medien wie Handelsblatt oder Zeit von einem Phänomen, das so gar nicht zum oft beklagten Fachkräftemangel zu passen scheint: ausgerechnet in einigen jener Berufsgruppen fällt das Gehalt unterdurchschnittlich aus, in denen Fachkräfte gesucht werden – darunter bei Physiotherapeuten oder Bodenverlegern.

Arbeitspreis und Mangel

Das widerspricht der Logik von Angebot und Nachfrage, nach der wenig vorhandene aber vermehrt benötigte Arbeitskräfte teurerer werden, also mehr verdienen sollten. Heißt: Entweder gibt es in diesen Branchen den oft beklagten Fachkräftemangel gar nicht; oder aber die Macht der Arbeitgeber ist dort aus irgendeinem Grund erheblich größer als die der Arbeitnehmer, sodass höhere Löhne nicht durchgesetzt werden können.

Dass Arbeitsmärkte nicht der üblichen Marktlogik gehorchen, wird oft auf MAKROSKOP diskutiert (zum Beispiel hier, hier oder hier). Löhne bestimmen, wie groß in einer Volkswirtschaft die Nachfrage der Privathaushalte ist. Das wiederum hat Rückkoppelungseffekte auf das Angebot an Arbeitsplätzen. Eine schwache Lohnentwicklung oder sogar Lohnsenkungen führen dazu, dass sich die betroffenen privaten Haushalte mit ihren Ausgaben zurückhalten. Besonders drastisch ließ sich das während der Griechenlandkrise beobachten.

Aufgrund regelmäßiger Produktivitätsfortschritte – insbesondere aufgrund technologisch besserer Maschinen – können Unternehmen immer mehr Waren produzieren. Wenn sie dieses „Mehr“ an Produkten an die Haushalte verkaufen wollen, sind entsprechende Lohnsteigerungen wichtig, damit den Haushalten das nötige Geld für den Konsum zur Verfügung steht.

Alternativ könnte noch das Ausland die zusätzlichen Produkte kaufen. Ansonsten drohen die Unternehmen auf ihren Endprodukten sitzen zu bleiben – und mit ihnen im Anschluss auch die Zulieferer der notwendigen Vorprodukte. In Folge bleiben neue Investitionen und damit neue Arbeitsplätze aus.[1]

Zum anderen ist der Arbeitsmarkt in besonderem Maße von Machtverhältnissen geprägt. Treffen wenige Arbeitgeber auf eine große Menge Arbeitnehmer – und drohen den Arbeitnehmern dazu noch Sanktionen seitens des Gesetzgebers, wenn sie schlecht bezahlte Arbeitsplätze ablehnen –, verschieben sich die Machtverhältnisse zugunsten der Arbeitgeber. Hinzu kommt, dass die Tarifbindung in vielen Branchen abgenommen hat.

Anders kann es aussehen, wenn tatsächlich ein akuter Mangel an Fachkräften besteht. Man denke an die besonderen Vorteile, die Ärzte genießen, die sich entscheiden, auf dem Land zu arbeiten, oder auch an die Aussicht auf Verbeamtung für quereinsteigende Lehrer. Auffällig ist, dass beide Berufswege ein Studium voraussetzen.

Schwieriger gestaltet sich die Lage für ausgebildete Personen, etwa in der Physiotherapie oder in der Fleischverarbeitung – ebenfalls Mangelberufe. Der Unterschied könnte sein, dass Personen mit Studienabschluss häufig auch fachfremd arbeiten – das betrifft Geisteswissenschaftler aber auch Ingenieure –, während man sich mit einer Berufsausbildung stärker festlegt und damit Ausweichmöglichkeiten fehlen.

Ähnliches gilt für Jobs in der Pflege. Hier werden bereits verstärkt Pflegekräfte aus dem Ausland angeworben, um die Bedarfe zu decken. Immerhin hat sich die Bundesregierung darauf geeinigt, diese Berufe durch höhere Bezahlung, bessere Arbeitsbedingungen und eine Untergrenze für die Personalbesetzung von Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen zukünftig attraktiver zu machen.

Das Interesse von Arbeitgebern, die Personaldecke aus Kostengründen möglichst niedrig zu halten, hat in der Pflege groteske Züge angenommen. Mit durchschnittlich 13 Patienten pro Pflegekraft liegt Deutschland an der internationalen Spitze der Belastung von Pflegekräften. Dieses Belastungsniveau macht den Job unattraktiv und führt zu mehr Ausfällen. Das System ist aus sich selbst heraus in einen Teufelskreis geraten, der nur durch bessere gesetzliche Bestimmungen wieder durchbrochen werden kann.

Lohndrückerei statt Mangel

Doch auch der Gesetzgeber lässt sich angesichts des Mangels an Pflegekräften erstaunlich viel Zeit. So haben Auszubildende in der Pflege bislang in vielen Bundesländern noch Schulgeld zahlen müssen, wenn sie in privaten Einrichtungen ausgebildet werden. Erst ab diesem Jahr soll das Schulgeld für die Pflegeausbildung bundesweit entfallen, obwohl der hohe Bedarf an zusätzlichen Pflegekräften schon lange bekannt ist und ein entsprechender Beschluss bereits 2018 getroffen wurde.

Besonders oft wird vom Fachkräftemangel in den sogenannten MINT-Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik gesprochen. Fachkräfte aus diesem Bereich würden händeringend gesucht und hätten stets beste Berufsaussichten, heißt es oft. In der Tat gehören Ingenieure und Naturwissenschaftler zu den Studienabsolventen mit den höchsten Einstiegsgehältern in Deutschland (siehe ein Vergleich von Stepstone). Davor kommen nur noch Absolventen mit Medizinabschluss. Man könnte argumentieren, dass das bereits eine Folge des Fachkräftemangels in diesem Bereich ist.

Wer jedoch genauer in die Auswertung schaut, stellt außerdem fest, dass typische Arbeitsplätze für Ingenieure und Naturwissenschaftler vor allem in den am besten zahlenden Branchen wie der Chemieindustrie, dem Fahrzeug- oder Maschinenbau zu finden sind. Diese Industriebranchen haben eine langjährige Tradition in Deutschland, unterliegen noch immer einer relativ starken Tarifbindung und ihre Unternehmen weisen oft eine hochgradige Spezialisierung auf.

2009 behauptete das Institut der deutschen Wirtschaft (IW), es würden im Jahr 2025 sechs bis sieben Millionen Fachkräfte in Deutschland fehlen. Ermittelt wurde dies, indem man die offiziell gemeldeten offenen Stellen mit einem Schlüssel multipliziert hat, um nicht erfasste Stellen zu berücksichtigen und so den tatsächlichen Bedarf hochzurechnen. Die Empfehlung war, die MINT-Fächer zu fördern und gegebenenfalls Fachkräfte aus dem Ausland anzulocken.

2011 sprach der IW plötzlich nur noch von 3,5 Millionen offenen Stellen; man hatte den angenommen Multiplikator nach unten korrigiert und war sich nicht mehr so sicher, ob es tatsächlich zu einem großen Fachkräftemangel kommen wird. Wer mit solchen Zahlen an die Öffentlichkeit geht und laut Alarm schlägt, macht sich der Willkür und absichtlichen Manipulation verdächtig. Der Verdacht liegt nahe, dass der vergleichsweise hohen Bezahlung von Ingenieuren durch ein Überangebot an Bewerbern entgegengewirkt werden sollte.

Mangel an Regionalpolitik

Dass es regionale Engpässe bei MINT-Fachkräften gibt, ist dagegen korrekt und gilt auch für einige andere Berufsgruppen. Vor allem in Süddeutschland (Baden-Württemberg und Bayern), in Rheinland-Pfalz, Niedersachsen und Thüringen sind für die vorhanden offenen Stellen nicht genügend Fachkräfte auf Arbeitssuche. Bei einer regelmäßig von der deutschen IHK durchgeführten, deutschlandweiten Umfrage wird der Fachkräftemangel von immer mehr Unternehmen als Geschäftsrisiko angesehen.[2]

Ein vollständiges Bild ergibt sich allerdings erst, wenn man den offenen Stellen entgegenhält, wie viele arbeitslose Ingenieure nach Bundesland gemeldet sind. Aktuelle Zahlen dazu hat das Institut der deutschen Wirtschaft zusammengetragen. Gemessen an der Anzahl an Einwohnern, weisen vier der fünf Bundesländer mit dem größten MINT-Fachkräftemangel – Bayern, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Thüringen – auch die wenigsten arbeitslosen Ingenieure aus.

Das ist nicht überraschend. Doch warum gibt es dort immer noch mehr als 10.000 Ingenieure, die arbeitslos gemeldet sind? Dafür, dass es dort einen eklatanten Fachkräftemangel geben soll, ist das erstaunlich. Zumal wie bei der Anzahl offener Stellen auch hier von einer Dunkelziffer nicht gemeldeter Arbeitsloser auszugehen ist.

Die relativ gesehen höchsten Arbeitslosenzahlen sind mit Abstand in Berlin und Brandenburg zu finden, gefolgt von Sachsen sowie den Bundesländern im Norden, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein. Offenbar gibt es also ein Ungleichgewicht zwischen Bedarf und Angebot an Ingenieuren. Während der Süden Deutschlands mit seinen großen Fahrzeugherstellern und Maschinenbauern sehr viele Ingenieure benötigt, sind in Norddeutschland, Sachsen sowie im Berliner Raum vergleichsweise viele Fachkollegen arbeitslos.

Diese Art von Ungleichgewicht nennt man in der Arbeitsmarkttheorie Missmatch – und es weist auf ein grundlegenderes Problem in Deutschland hin. Die Ballungszentren in Bayern und im Schwabenland prosperieren in wirtschaftlicher Hinsicht, während andere Regionen seit Jahren und Jahrzehnten nicht aufholen, beziehungsweise weiter abgehängt werden.

Diese Problematik ist eng mit der des Wohnungsmangels verwandt. In einigen Regionen siedeln sich immer mehr Unternehmen an, während andere Gegenden auf Jahre hinweg leer ausgehen. Dadurch mangelt es dort zunehmend auch an Gewerbesteuereinnahmen und damit schließlich an Infrastruktur und kulturellen Angeboten. Die verbleibenden Fachkräfte sind häufiger arbeitslos oder verlassen schließlich auch die strukturschwachen Gegenden und ziehen dorthin, wo die Wirtschaft viele und möglichst attraktive Arbeitsplätze anzubieten hat. Eine ausführliche Analyse der regionalen Divergenzen in Europa und Deutschland gibt es hier.

Gegen den Mangel an Politik

Eine einzige und einfache Lösung für die vorhandenen Engpässe bei Fachkräften gibt es nicht.

Im Bereich der Medizin müssten mehr Studienplätze geschaffen werden, damit interessierte Studienanfänger nicht mehr durch einen zu hohen Numerus Clausus vom Medizinstudium ferngehalten werden. Eine Forderung, die unter anderem die Mediziner-Gewerkschaft Marburger Bund schon lange stellt. Medizinstudienplätze sind allerdings teuer und somit bei der aktuell zurückhaltenden Investitionspolitik der Bundesregierung und Länder unwahrscheinlich.

Auch das Lehramt leidet unter einer restriktiven Ausgabenpolitik, die in Bayern und Baden-Württemberg zur Folge hat, das sich nicht-verbeamtete Lehrkräfte in den Sommerferien regelmäßig arbeitslos melden müssen.

Dem Missmatch bei den MINT-Kräften kann entgegengewirkt werden, wenn durch eine effektive Regionalpolitik die Auseinanderentwicklung zwischen Nord und Süd sowie Ost und West gestoppt wird. Das kostet Geld und wird Zeit benötigen. Strukturen die sich über Jahrzehnte zementiert haben, lassen sich nicht von heute auf morgen erneuern. Kurzfristig könnte man zu diesem Zweck Kooperationsprojekte oder Cluster zwischen Arbeitsagenturen, Ländern, Kommunen und der Wirtschaft gründen oder vorhandene Cluster verstärken, um durch Qualifizierungsangebote und Jobvermittlung schneller auf regionale Bedarfe reagieren zu können.

Und natürlich gilt: wer Fachkräfte benötigt, sollte auch junge Menschen ausbilden. Denn die versäumten Ausbildungen von heute sind die fehlenden Fachkräfte von morgen. Einer Meldung der Bundesagentur für Arbeit vom Januar 2020 zufolge waren Anfang diesen Jahres noch 11.000 seit Oktober 2019 gemeldete Ausbildungsstellen unbesetzt, während gleichzeitig 46.000 seitdem gemeldete Bewerber noch keinen Ausbildungsplatz hatten. Dies entspricht einer Lücke von immerhin 35.000 Stellen alleine in diesen vier Monaten.

Migration ist keine Lösung

Schließlich steht regelmäßig auch die Idee im Raum, Fachkräfte aus dem Ausland anzuwerben. Das ist kurzfristig eine akzeptable Lösung, kann aber auf längere Sicht keine sinnvolle Alternative sein. Zum einen besteht die Gefahr, dass dadurch notwendige Maßnahmen in Deutschland ausbleiben. Zum anderen fördert man damit die Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte aus Ländern, die diese Menschen eigentlich dringender benötigen.

Es gibt Studien, nach denen 30-40 Prozent aller studierten Mediziner in Kenia nach ihrem Abschluss das Land verlassen. Ähnliches dürfte für weitere Berufsgruppen in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern zutreffen. Zudem wirkt das Anwerben von Fachkräften den eigenen Zielen der Entwicklungshilfe entgegen, indem man für ärmere Länder Anreize schafft, erst gar nicht in die Ausbildung von Fachkräften zu investieren. Die Fachkräfte drohen ja sowieso nach der Ausbildung abzuwandern.

Auch wenn es immer einen internationalen Austausch von Arbeitskräften gibt, der durchaus wünschenswert ist: Das aktive Anwerben von Ärzten oder Ingenieuren aus wirtschaftlich schwächeren europäischen Staaten oder sogar Entwicklungsländern in Asien oder Afrika verbietet sich als langfristige Strategie, wenn man Nachhaltigkeit in der Politik irgendwie glaubhaft vertreten will.

 


Anmerkungen

[1]Das Saysche Theorem, laut dem sich „jedes Angebot seine Nachfrage selbst schafft“, wäre demnach nur gültig, wenn die Löhne mindestens im Gleichschritt mit der Produktivität steigen. Kritiker würden an dieser Stelle womöglich mit einer längeren Frist argumentieren: Die Hersteller könnten ihre Produkte beispielsweise an Händler verkaufen. Selbst wenn diese Händler die Produkte nicht loswerden, könnten die Unternehmen anschließend ihre Geldeinnahmen aus dem Verkauf re-investieren und somit den Kreislauf am Leben erhalten. Wer so argumentiert, muss allerdings die Frage beantworten, welche Unternehmen in einem Umfeld schwacher Nachfrage nach ihren Produkten noch zusätzliches Geld investieren wollen – und was das dann für Zulieferer und andere eingebundene Unternehmen bedeutet.
[2]Siehe hier, z.B. bei den exportorientierten Industrieunternehmen, Seite 34). Auch wenn dies nur ein Stimmungsbild aus Umfragen ist, muss man es zur Kenntnis nehmen (ein lesenswerter, kritischer Beitrag zu diesen Umfragen findet sich in der Welt.

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