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Finanzsystem | 13.03.2020

Ein ethischer Werkzeugkasten für Finanzrisiken

Die Finanzkrise hat allein die Frage aufgeworfen, wie systemische Risiken begrenzt werden können. Aber welche systemischen Risiken sind überhaupt moralisch legitim?

Im Nachgang zur weltweiten Finanzkrise 2008 schrieben Wissenschaftler der altehrwürdigen British Academy einen Brief an die Queen, Elisabeth II., um zu erklären wie es denn zu der Krise und dem Kollaps britischer Banken kommen konnte. Die Erklärung der British Academy war so ernüchternd wie sie einfach war. Die Finanzkrise konnte nur ihren Lauf nehmen, weil sich führende schlaue Köpfe einen solchen systemweiten Super-GAU gar nicht vorstellen konnten. Oder wie es im Englischen so schön heißt:

„So in summary, Your Majesty, … the crisis … had many causes, … principally a failure of the collective imagination of many bright people … to understand the risks to the system as a whole.“

Arme schlaue Köpfe also, die sich einfach systemischer Risiken nicht hinlänglich bewusst waren.

Finanzmarktreformen adressieren systemische Risiken nicht

Seit der Finanzkrise 2008 erhalten systemische Finanzrisiken nun besondere Aufmerksamkeit. Unter dem Stichwort der systemic risk governance wurde auf internationaler Ebene am globalen Finanz- und Bankensystem gewerkelt. Wer dabei jedoch dachte, dass es sich eventuell um eine radikale Reform oder völlige Neuausrichtung des Systems handeln würde, der sah sich enttäuscht.

Die sogenannten Basel III Reformen standardisierten zwar, wie Risiken gemessen werden sollen – beispielsweise indem Loan-to-Value (LTV) Kalkulationen benutzt werden um die Risikoklasse von Hauskrediten zu bewerten – aber nach kritisch tiefgreifender Analyse von systemischen Finanzrisiken sucht man vergebens.

Stattdessen ist die Strategie von Basel III und anderen Regulierungen klar: zum einen die Liquiditätsanforderungen an Banken erhöhen, um Banken gegen finanzielle Risiken resistenter zu machen; zum anderen den Zugang sozio-ökonomisch benachteiligter Gruppen zu Krediten zu beschränken, beispielsweise durch loan-to-income (LTI) Bestimmungen.

Wie inadäquat diese Antworten auf die Finanzkrise sind, lässt sich am Beispiel des Klimawandels verdeutlichen. Die beiden oben genannten Maßnahmen sind ungefähr so schlau und effektiv, wie wenn man als Reaktion auf den Klimawandel einfach die Dämme erhöht und Menschen in den Entwicklungsländern sagt, dass sie leider keine fossilen Brennstoffe benutzen dürfen – denn ein Recht auf Entwicklung für alle gäbe es nun einmal nicht.

Anders gesagt: Banken einem Stresstest zu unterziehen und die Eigenkapitalquote zu erhöhen, ist hilfreich, wenn man es etwas unwahrscheinlicher machen will, dass ein systemisches Risiko zu einer Systemkrise wird. Aber Stresstests und Eigenkapitalquoten helfen nicht (oder nur sehr bedingt) wenn es darum geht, systemische Risiken selbst in den Griff zu bekommen.

Das Problem ist ganz einfach: Sämtliche Antworten auf die Finanzkrise haben systemische Risiken als gegeben hingenommen, anstatt sie zu hinterfragen. Aus der trivialen Tatsache, dass systemische Risiken unvermeidbar sind (denn jedes System kann kollabieren), leiten Finanzhüter ab, dass sämtliche systemischen Risiken moralisch neutral sind und es lediglich darum geht, Mitglieder im System resistenter zu machen.

Systemrisiken und die Moral

Ein echter Trugschluss. Ein gewichtiger Grund weshalb die Finanzkrise von vielen Bürgern als ungerecht empfunden wurde, war, dass einige Akteure auf der Suche nach Profit risikobehaftete Geschäfte eingingen, die – wenn auch unintendiert – zusammen genommen anderen Bürgern ein Risiko auferlegte. Als die Krise dann kam, mussten kausal völlig unschuldige Bürger die Zeche für die sich vorher bereichernden Risikoverursacher zahlen. Die Demonstranten rund um die Occupy-Bewegung waren nicht etwa sauer, weil ein paar ‚schlaue Köpfe‘ systemische Risiken unterschätzt oder verkannt hatten. Sondern weil gierige Finanzkapitalisten mit den Ersparnissen, Rentenabsicherungen und Steuergeldern einfacher Bürger gezockt hatten und jetzt auch diese unschuldigen Bürger die Banken retten sollten.

Abstrakt philosophisch ausgedrückt heißt das, die Finanzkrise war zumindest teilweise ein Problem der moralisch illegitimen Risikoauferlegung, da A unilateral, ohne die Interessen von B zu berücksichtigen oder B eine Chance zu geben die Entscheidung zu verhindern, B ein signifikantes Risiko auferlegt, und der Großteil der Schäden verbunden mit diesem Risiko auf B entfällt.

Wenn man nun aber Finanzexperten und Markthüter fragt, welche systemischen Risiken überhaupt moralisch vertretbar sind, kommt die Antwort meistens in Form einer mehr oder weniger defizitären Kosten-Nutzen-Rechnung (im Englischen cost-benefit-analysis, kurz CBA). Selbst abgewogene und komplexe CBAs versuchen die moralische Vertretbarkeit von Risikoauferlegung durch das utilitaristisch motivierte, gesamtgesellschaftliche Aggregieren von angenommenen Kosten und Nutzen für verschiedene Bevölkerungsteile zu ermitteln.

Dieses Vorgehen ist jedoch äußerst problematisch. Denn nicht nur werden alle Vor- und Nachteile normalerweise mit dem gleichen, monetären Maße bewertet, sondern auch das Schicksal einzelner Menschen oder Bevölkerungsgruppen gerät bei einer solchen Makrokalkulation außer Augen. Darüber hinaus wird die zentrale Frage nie gestellt, ob es Risikoarten gibt, die man schlicht und ergreifend aus moralischer Sicht anderen nicht auferlegen darf.

Aus moralphilosophischer Sicht ist es klar, dass systemische Finanzrisiken wie die, die die Finanzkrise lostraten, auf struktureller Ungleichheit, ungenügsamer Sorgfalt, und unkontrollierter Machtausübung beruhten. Diese gefährliche Kombination führte letzten Endes zu willkürlicher Freiheitsberaubung, ungerechtfertigter Lebenschancenverschlechterung und massiven sozialen Kosten. Wer in Anbetracht dieser Analyse behauptet, systemische Finanzrisiken bräuchten keinen ethischen Passierschein, dessen moralischer Kompass ist komplett defekt.

Die Finanzkrise zerstörte die Lebenschanchen vieler Menschen, die wenig bis gar keine Verantwortung für die Krise hatten. Da es sich aber um eine Systemkrise handelte, gab es auch keinen Ausweg für Bürger, die nicht Teil des Systems sein und sich gegen die Schäden der Krise schützen wollten. Wenn es aber nichts gab, was diese unschuldigen Bürger tun konnten um sich zu schützen, dann handelt es sich bei dem unilateral auferlegten Risiko der Lebenschanchenzerstörung um eine fundamentale Ungerechtigkeit.

Aus diesem Grunde brauchen wir einen ethischen Werkzeugkasten, um die moralische Vertretbarkeit diverser systemischer Risiken zu beurteilen.

Werkzeugkasten zur normativen Beurteilung systemischer Risiken

Konkret bedarf es der Analyse innerhalb wenigstens dreier Kategorien. Erstens, der Verteilung des Risikos und der Vorteile der risikogenerierenden Aktivitäten. Diese Verteilung ist eine Frage der Fairness.

Zweitens, eine Analyse der Größe des Risikos und der unter Umständen auftauchenden Schäden und deren Vermeidbarkeit auf individueller Ebene. Dies ist eine Frage der Freiheit und des Schutzes der moralischen Grundinteressen. Wenn ich, egal was ich tue, auf Grund der Handlungen dritter in Lebensgefahr schwebe, so untergräbt dies in erster Linie meine Freiheit, weil meine moralischen Grundinteressen nicht ausreichend geschützt sind und weil ich keinerlei Kontrolle über die Situation habe.

Drittens, die Analyse der Vorhersehbarkeit und Wahrscheinlichkeit systemischer Risiken. Dies ist eine Frage der Sorgfaltspflicht des Staates und anderer Regelhüter und des Respekts vor den moralischen Grundinteressen aller Bürger.

Wenn man systemische Risiken entlang dieser drei normativen Kategorien aufsplittet, wird klar, dass die moralische Vertretbarkeit dieser Risiken davon abhängt, inwieweit die Werte der Fairness, Freiheit, und des Respekts verletzt wurden. Systemische Risiken sind vor allem dann moralisch fragwürdig, wenn Schaden und Kosten unfair verteilt und willkürlich die Lebenschancen Unbeteiligter aufs Spiel gesetzt werden.

Darüber hinaus zeigt eine solche ethische Analyse auf, wo Lösungsversuche ansetzen können. Sollte beispielsweise der Staat als Hüter der moralischen Grundinteressen aller Bürger in der Rahmensetzung für Finanzmärkte eher einem Vorsorgeprinzip folgen? Sollten Banken und andere Finanzmarktakteure in guten Zeiten einen Teil ihrer Gewinne in einen Rettungsfond abgeben müssen, um die Verteilung von Gewinnen und Risiken zu verändern?

Oder müssten im Sinne der angesprochenen moralischen Werte größere Veränderungen vorgenommen werden, so wie beispielsweise die Durchsetzung makroökonomischer Regulierung mit makromoralischen Wertvorstellungen, so dass Zentralbanken sich auch um unfaire und freiheitsraubende soziale Ungleichheiten kümmern müssen, und der Staat sich der Herrschaft der Finanzmärkte entgegen stellt?

Sobald wir systemische Risiken einer ernsten moralphilosophischen Analyse unterziehen, wird klar, wie wichtig es ist zu wissen, welchen moralisch-normativen Maßstab man nutzt, um die sozialer Verträglichkeit diverser Regelwerke und Institutionen zu beurteilen. Die systemischen Risiken, welche während der Finanzkrise 2008 Wirklichkeit wurden, waren im Hinblick auf Fairness, Freiheit und Respekt moralisch unentschuldbar.

Allerdings gehen viele der Ungerechtigkeiten der Krisenjahre nicht nur auf die angesprochenen systemischen Risiken zurück, sondern auch auf die Entscheidung, ausgerechnet eine sozial völlig ungerechte Sparpolitik als Krisenmanagement zu nutzen. Wie Philip Alston in seinem UN Report zu den Auswirkungen der Austeritätspolitik im Vereinigten Königreich treffend analysierte, war die Sozialpolitik der britischen Regierung nicht nur ungerecht. Sie schien die Schwächsten der Gesellschaft zurück in den von Thoams Hobbes beschriebenen Urzustand zu führen, wo das Leben „poor, nasty, brutish, and short“ sei.

Um aber eine Wirtschafts- und Sozialpolitik zu haben, die allen Bürgern gerecht wird und ihre basalen Grundfreiheiten und moralischen Grundinteressen schützt, brauchen wir eine Rückbesinnung auf Ökonomen wie John Maynard Keynes und Hyman Minsky. Sie stellten klar, dass gute Makroökonomie nur mit guten Werten funktioniert. Es sind ebendiese Werte, welche auch die ethische Analyse von systemischen Finanzrisiken leiten sollen.

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