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Genial daneben | 20.03.2020 (editiert am 23.03.2020)

Gabor Steingarts Funny Science

Der Wirtschaftsjournalist Gabor Steingart behauptet, der Exportüberschussweltmeister Deutschland sei nicht mehr wettbewerbsfähig.

Das Morning Briefing des jetzt vom Springer-Konzern gesponsorten früheren Handelsblatt-Herausgebers Gabor Steingart schockte seine Leserinnen und Leser am 3. März 2020 mit folgender Schlagzeile: Merkel habe die Erfolge von Schröder an der Front der Tarifpolitik und der Arbeitskosten „verfrühstückt“ (Steingarts Morning Briefing steht kostenlos im Netz). Die deutschen Arbeitskosten seien in den vergangenen Jahren stark gestiegen und die deutsche Wirtschaft habe seine unter Schröder gewonnene Wettbewerbsstärke eingebüßt.

Von Exportweltmeister, Handelsbilanz- und Leistungsbilanzüberschüssen ist allerdings keine Rede, weil das der Klage von Steingart den Boden entzogen hätte. Ein nicht wettbewerbsfähiger Exportüberschussweltmeister wäre zu viel funny science. Daher wird die Entwicklung der Handels- und der Leistungsbilanz einfach ausgeblendet. Sie kommt im Bericht nicht vor. Wir wissen nicht, ob der fehlende Hinweis auf diese Bilanzen das Ergebnis von Absicht oder makroökonomischer Unkenntnis ist.

Welche Lohnstückkosten?

Aber die unternehmensnahe Wirtschaftswissenschaft ist mit im Spiel. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat die deutschen Lohnstückkosten im Verarbeitenden Gewerbe im internationalen Vergleich untersucht. Die Bilanz fällt aus Sicht des Instituts ernüchtern aus. Deutschland nimmt in Ranking der Lohnstückkosten unter 28 Ländern den sechsten Platz ein. Die USA können demgegenüber mit einem Fünftel und Japan mit einen Viertel niedrigeren Lohnstückkosten produzieren.

Trotz der nach den Berechnungen des IW niedrigeren Arbeitskosten in den USA betrugen die deutschen Exporte in die USA 2019 118,7 Milliarden €, die Importe 71,4 Milliarden €. Der Exportüberschuss mit den USA lag daher bei 47,3 Milliarden €.

Im Fall Japan sind die Zahlen anders. Deutschland exportierte im Wert 20,7 Milliarden € und importierte im Wert von 23,9 Milliarden €, das macht ein Defizit von 3,2 Milliarden € (Quelle: Destatis).

Weltweit exportierte Deutschland 2019 Güter und Dienstleistungen im Volumen im Wert von 1328 Milliarden € und importierte ein Volumen im Wert von 1104 Milliarden €. Das macht einen Außenhandelsüberschuss von 224 Milliarden €.

Dieser ist in den vergangenen drei Jahren etwas kleiner geworden, 2016 waren es 249 Milliarden €, aber das zeigt auch eine Folge der sich abschwächenden Weltwirtschaftskonjunktur.

Die Vergleichsgröße von Lohnstückkosten im Verarbeitenden Gewerbe ist zur Messung der Arbeitskosten nicht geeignet. Das IW nimmt sie mit der lapidaren Begründung, dass „das Verarbeitende Gewerbe da es im Mittelpunkt der außenwirtschaftlichen Verflechtungen steht“ zur Basis seiner Berechnungen. Da in die Produktionskosten von Gütern und Dienstleistungen – also des Exports insgesamt – noch andere Arbeitskosten eingehen als die Lohnstückkosten des Verarbeitenden Gewerbes, ist diese Annahme sozialwissenschaftlich nicht begründet. Bei exportierten Dienstleistungen ist klar, dass hier in erster Linie die Lohnstückkosten der entsprechenden Sektoren zu berücksichtigen sind.

In Deutschland sind die Dienstleistungslöhne im internationalen Vergleich anders als in anderen Ländern deutlich niedriger als die Industrielöhne. In Deutschland war der Unterschied zwischen den durchschnittlichen Arbeitskosten im Verarbeitenden Gewerbe und den Dienstleistungssektoren 2018 mit 19 % deutlich größer als in den anderen EU-Ländern.[1]

Dazu kommen bei Gütern und Dienstleistungen gleichermaßen Vorleistungen aus dem In- und Ausland, die in die Arbeitskosten des Exports eingehen. Wir haben es einmal mit dem Verbund der industriellen Produktion mit den inländischen Dienstleistungen zu tun. Hier gibt es Untersuchungen, die die kostensenkenden Effekte dieses Verbundes mit den Dienstleistungen und die Effekte unterschiedlicher Arbeitszeiten und entsprechend niedrigerer Löhne berücksichtigen. Nach den Berechnungen von Nora Albu[2] und Udo Ludwig[3] liegen die dadurch erreichten Kostensenkungen zwischen 14 % (Ludwig) und 11 % (Albu). Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) schätzt, dass das eine Kosteneinsparung von rund 4 Euro pro Stunde ausmacht.

Dazu kommen die Entlastungseffekte, die sich aus den Vorleistungen des Auslands ergeben. Diese haben einen Anteil an den deutschen Exporten von knapp über 20 %, wobei je 10 % auf die Industrie und die Dienstleistungen entfallen. Da die deutsche Industrie viele Vorleistungen aus Osteuropa bezieht, enthalten diese deutliche niedrigere Arbeitskosten. Das war auch das zentrale Argument für die insgesamt falsche These Hans-Werner Sinns von der deutschen Basarökonomie, in der die Teile aus dem Ausland zusammengebaut und verkauft werden.[4]

Die Lohnstückkosten des Verarbeitenden Gewerbes sind nicht nur wenig aussagefähig, was die internationale Wettbewerbsposition betrifft. Sondern sie weisen die Arbeitskosten insgesamt deutlich zu hoch aus, weil die großen Industriegewerkschaften durchgehend höhere Lohnabschlüsse durchsetzen.

Deswegen werden in anderen Untersuchungen, wie von Heiner Flassbeck u.a. und dem Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), die gesamtwirtschaftlichen Lohnstückkosten als Vergleichsgröße herangezogen. Mit diesen werden auch diese niedrigen Dienstleistungslöhne berücksichtigt, die für die internationale Wettbewerbsposition einen wichtigen Effekt haben. Die gesamtwirtschaftlichen Lohnstückkosten sind ein wichtiger Faktor der in Deutschland besonders niedrigen Inflation und führen damit zu einer realen Abwertung deutscher Exporte in einer Währungsunion, weil die niedrige Inflation für Preisvorteile sorgt.

Es sind sowohl die Angebotsseite wie auch die Nachfrageseite einer nationalen Volkswirtschaft zu berücksichtigen, wenn es um die internationale Wettbewerbsposition geht. Niedrige Löhne führen zu niedrigen Produktionskosten auf der Angebotsseite und zugleich zu einer unterdurchschnittlichen Inflation auf der Nachfrageseite und damit zur realen Abwertung, die zusätzlich die Wettbewerbsposition verbessert.

Martin Höpner spricht von Deutschland als einem Unterbewertungsregime, das wirtschaftliches Verhalten in Richtung eines sinkenden realen Wechselkurses und damit auf die Produktion von Exportüberschüssen lenkt. Dieses Regime gab es bereits unter den Bedingungen von Bretton Woods.[5] Es wurde mit der Einführung des Euro durch die bundesdeutsche Regierung und die deutschen Gewerkschaften radikalisiert, wobei die Lohnpolitik der Tarifparteien das funktionale Äquivalent zur monetaristischen Geldpolitik der Bundesbank wurde.

Schröders Leistungen?

Es ist eine der großen Mythen und Märchen der neueren deutschen Wirtschaftsgeschichte. In der Regierungszeit 1999 bis 2005 hätte Gerhard Schröder die deutsche Wirtschaft wieder wettbewerbsfähig gemacht. Daran ist nichts richtig.

Einmal, weil die internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands in der Zeit von 1953 bis 2019 niemals gefährdet war. Durchwegs hatte Deutschland Exportüberschüsse, die es einem hohen Zentralisierungsgrad der Tarifverhandlungen, disziplinierten Gewerkschaften und einer niedrigen Inflation – das Ergebnis eines Zusammenwirkens von restriktiver Geldpolitik der Bundesbank und überwiegend restriktiver Fiskalpolitik der Regierungen – zu verdanken hatte.

Die Zeit von 1970 bis 74 markiert hier eine Ausnahme, weil damals die Gewerkschaften höhere Abschlüsse als nach der Norm der produktivitätsorientierten Lohnpolitik (Verteilungsspielraum = Produktivität plus Inflation) durchsetzen konnte. Aber schon 1973 erhöhte die Bundesbank die Leitzinsen und ging als erste der großen Notenbanken mit ihrem Versuch einer Begrenzung der Geldmenge zur monetaristischen Geldpolitik über.

Auch 1998, als die rot-grüne Regierung die politischen Geschäfte führen durfte, war die deutsche Wettbewerbsposition nicht gefährdet und die Exportbilanz war positiv. Am 31. Oktober kritisierte Heiner Flassbeck die deutschen Lohnabschlüsse als zu niedrig für eine Währungsunion. Das IW zeigt in der erwähnten Studie diese Entwicklung für den Zeitraum ab 1996 auch korrekt, als sich die deutsche Lohnposition gegenüber dem Ausland verbessert hatte. Eine Entwicklung, die nach 1999 zu direkt sinkenden Lohnstückkosten führte, lange bevor die Hartz-Gesetze ihre lohndrückende Funktion spielen konnten.

Der Lohndruck vor 2005 ging von der nach 2001 im europäischen Vergleich hohen Arbeitslosigkeit aus, die wiederum die Folge schwerer finanz- und wirtschaftspolitischer Fehlentscheidungen der Regierung Schröder war. Dazu kam die lohnpolitische Fehlentscheidung der Gewerkschaften, in einem Bündnis für Arbeit Lohnzurückhaltung zu akzeptieren. Es wurde angenommen, dadurch die Beschäftigung zu erhöhen.

Der „kranke Mann Europas“ war eine direkte Folge der wirtschaftspolitischen Kurpfuscherei von Schröder & Co.[6]

Die Rückkehr zur produktivitätsorientierten Lohnpolitik

Ab 2012 normalisiert sich die deutsche Lohnpolitik und folgte wieder dem Pfad der produktivitätsorientierten Lohnpolitik. Irritierend ist dabei, dass in den Gewerkschaften und ihrem wissenschaftlichen Umfeld zwei unterschiedliche Formeln zur Begründung und Bewertung der tarifpolitischen Ergebnisse verwendet werden.

Einmal die traditionelle Formel: Sie besteht darin, dass der verteilungsneutrale Spielraum, der zu keiner Veränderung der Lohnquote führt, aus dem jährlichen Anstieg der Arbeitsproduktivität und dem aktuellen Anstieg des Verbraucherpreisindexes besteht. Diese Formel hat den Nachteil, dass sie prozyklisch wirkt, weil ein Rückgang der Arbeitsproduktivität, also des BIP pro Erwerbstätigenstunde in Krisen zu einem entsprechenden Rückgang der Arbeitsproduktivität führt. Damit würde die Funktion des Nominallohns als Anker in einer instabilen Geldwirtschaft zerstört.

Dieses Risiko ist noch gering, weil die Arbeitsentgelte Vertragseinkommen sind und mindestens im Geltungsbereich der Tarifverträge nicht gesenkt werden können. Dieser Geltungsbereich ist aber seit Anfang der 1990-er Jahre rückläufig bei nur noch etwas über 50 % der Beschäftigten.

Für eine stabile Einkommenspolitik und -verteilung ist es sinnvoller, die durchschnittliche Entwicklung der Arbeitsproduktivität für einen längeren Zeitraum zu nehmen. Konjunkturelle Auf- und Abschwünge werden dadurch geglättet. Auch die Orientierung an der jährlichen Inflation ist problematisch, weil sie der Tendenz zur Deflation folgt.

Aus diesen Gründen wird von keynesianischen Ökonomen und dem IMK eine andere Formel verwendet, die ich als Euro-Formel bezeichne. Hier wird neben dem trendmäßigen Anstieg der Arbeitsproduktivität als zweiter Faktor die Zielinflationsrate der EZB verwendet, der Einfachheit halber also 1,9 %. Wird diese Formel verwendet, so wird der Verteilungsspielraum tendenziell größer, weil die aktuelle Inflationsrate unter der Zielinflationsrate liegt. Die Orientierung an der Zielinflationsrate ist wichtig, weil damit der Tendenz zur Deflation entgegengewirkt wird.

Vorläufige Bilanz – der Vorsprung bleibt

Wenn wir diese beiden Formeln miteinander vergleichen, so führt die traditionelle Formel dazu, dass der so definierte Verteilungsspielraum 2010/11 wegen der hohen Zuwächse der Arbeitsproduktivität deutlich unterschritten, danach mit Ausnahme des Jahres 2017 aber durchgehend überschritten wird. Nach der Euro-Formel sind die Unterschreitungen 2010/11 geringer, da vom Trend der Produktivitätsentwicklung ausgegangen wird. Und ab 2012 sind die Überschreitungen des Verteilungsspielraums deutlich geringer, weil die Zielinflationsrate der EZB durchgehend höher war als die Entwicklung der Verbraucherpreise. Unter dem Strich saldieren sich die Zuwächse nach der traditionellen Formel auf + 2,2 %, nach der Euro-Formel auf 1,9 %.

Insgesamt wurde daher in der Zeit von 2010 bis 2019 der Verteilungsspielraum leicht überschritten. Wenn wir mit beiden Formeln bis 1996 zurückrechnen, so ergibt sich mit der traditionellen Formel zwischen 1996 und 2009 eine Unterschreitung von 7,5 %, nach der Euro-Formel von 19,6 % (siehe Wendl 2019).[7] Der Unterschied liegt hier nicht nur an der Höhe der Inflationsrate, sondern am Unterschied zwischen der aktuellen und der trendmäßigen Produktivitätsentwicklung.

Die Finanzmarktkrise 2008/09 führte zunächst zu einem starken Sinken der Produktivität, weil die Kapazitätsauslastung niedrig war, die Beschäftigung aber relativ hoch blieb. Danach stieg im Aufschwung die Produktivität sehr stark. Der trendmäßige Produktivitätsfortschritt glättet diese starken Schwankungen.

Wenn wir eine Bilanz ziehen, sehen wir, dass die Lohnzuwächse oberhalb des Verteilungsspielraums ab 2012 nicht ansatzweise die Unterschreitungen ab 1996 ausgleichen können. Die in den Jahren 1996 bis 2007 kumulierten Wettbewerbsvorteile und zugleich Abwertungseffekte können ab 2012 nur zu einem sehr kleinen Teil wieder kompensiert werden.

Es kommt hinzu, dass ab 2010 in dem meisten Euro-Ländern die Lohnstückkosten sinken und nur in Deutschland, Frankreich, Österreich und den Niederlanden leicht steigen. Unter dem Strich hat sich zu wenig getan, um den deutschen Arbeitskostenvorteil zu verringern.


[1] Herzog-Stein, A. u.a. (2019): Arbeits- und Lohnstückkostenentwicklung 2018 im europäischen Vergleich. IMK-Report 149, Juni 2019
[2] Albu, N. (2017), Arbeitskosteneffekte des Vorleistungsverbundes der deutschen Industrie unter Berücksichtigung der Arbeitszeiten. IMK-Study Nr. 56, Düsseldorf
[3] Ludwig, U. (2013), Arbeitskosteneffekte des Vorleistungsverbundes der deutschen Industrie unter Berücksichtigung der Arbeitszeiten. IMK-Study Nr. 34, Düsseldorf
[4] Sinn, H.W., Die Basar-Ökonomie, München 2005
[5] Höpner, M., (2019), The German Undervaluation Regime under Bretton Woods. In: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Discussion Paper Nr. 1, Köln
[6] Voy, K. (Hg.) (2019), Deutschland in Europa. Beiträge zur Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik seit 1990, Marburg
[7] Wendl, M., (2019), Von der Makro- zur Mikroökonomie. Die deutsche Lohnpolitik und die Krise der Europäischen Währungsunion, in: Voy, K. (Hg.), Deutschland in Europa

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