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EZB-Politik | 31.03.2020

Streit um die Rolle der EZB

Als EZB-Chefin Christine Lagarde jüngst in einer Pressekonferenz mit Blick auf Italien feststellte, es sei nicht Aufgabe der EZB, Risikoaufschläge bei Anleiherenditen zu beseitigen, hagelte es international Kritik und Lagarde musste schnell zurückrudern. Applaus kam dagegen aus Deutschland.

Nicht sehr geschickt: Inmitten der weitverbreiteten Panik über die ökonomischen Folgen des Coronavirus informierte Christine Lagarde, die neue Chefin der Europäischen Zentralbank (EZB), in einer Pressekonferenz am 12. März 2020 über die Ergebnisse der letzten Sitzung des EZB-Rates und wurde gefragt, was die EZB tun könne, wenn die Spreizung der Zinssätze für Staatsanleihen im Euroraum zunehme. Ihre Antwort lautete:

„Wir werden – wie schon gesagt – unsere volle Flexibilität nutzen, aber wir sind nicht dafür zuständig, die Renditeabstände (spreads) zu schließen. Dies ist nicht die Funktion oder der Auftrag der EZB“ (hier ab Minute 43:16).

Unterschiedliche Reaktionen

Da die Frage auf Italien – als besonders vom Coronavirus betroffenes Land – gemünzt war, ließen die Reaktionen nicht lange auf sich warten: Italienische (und auch griechische) Staatstitel verloren stark an Wert und als Folge erhöhten sich ihre Renditen. Daraufhin versuchte Lagarde, in einem Fernsehinterview mit dem US-Sender CNBC nach der Pressekonferenz die Wogen zu glätten: Natürlich sei sie fest entschlossen, jede Fragmentierung an den Staatsanleihemärkten zu verhindern, weil hohe Risikoaufschläge wegen des Cornonavirus die Transmission der Geldpolitik beeinträchtigten. Philip Lane, Chefvolkswirt der EZB, sprang ihr einen Tag später mit einem Blogeintrag bei der EZB zur Seite: Selbstverständlich werde die EZB keine Gefahren für die reibungslose Transmission der Geldpolitik tolerieren. Auch Spaniens Notenbankchef Pablo Hernandez de Cos und Italiens Notenbankpräsident Ignazio Visco versuchten die Lage zu beruhigen, indem sie – falls notwendig – den Kauf von Staatsanleihen Italiens und anderer Länder zur Vermeidung einer Fragmentierung bzw. vorgezogene und auf wenige Länder konzentrierte Anleihekäufe in Aussicht stellten (hier und hier). Laut Financial Times erklärte ein anderes Mitglied des EZB-Rates zur Äußerung Lagardes:

„Sie hat nur die Konzentration verloren. […] Ich glaube, sie war mit ihren Gedanken woanders“.

Derweil entschuldigte sich Christine Lagarde bei den anderen Mitgliedern des EZB-Rates für ihre verpatzte Kommunikation der neuen geldpolitischen Strategie der EZB.

Während aber die Bemerkung Lagardes in vielen Ländern Europas nicht gut ankam (sie wurde u.a. als „töricht“, „Fauxpas“ oder „grober Schnitzer“ bezeichnet), sah die Bewertung in Deutschland anders aus, wie auch die Financial Times feststellt:

„Jedoch wurden Frau Lagardes Kommentare in Teilen Europas gelobt, vor allem in Deutschland.“

So stimmte etwa Jens Weidmann, Chef der Deutschen Bundesbank, Christine Lagarde ausdrücklich zu (hier). Und die Financial Times zitiert in diesem Zusammenhang aus einem von Edmund Stoiber, Peer Steinbrück, Wolfgang Clement, Günther Oettinger, Franz-Christoph Zeitler, Kurt Faltlhauser, Marcus Vitt und Hans-Werner Sinn verfassten Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen:

„Wie Präsidentin Lagarde zu Recht ausgeführt hat, ist es auch nicht Aufgabe des Eurosystems, Zinsunterschiede zu verringern.“

Herstellung gleicher Wettbewerbsbedingungen

Doch, meine Herren, genau das ist die Aufgabe der EZB! Als Zentralbank, die die Verantwortung für den Euro-Währungsraum innehat, trägt die EZB mit ihren Staatsanleihekäufen wesentlich zur Einhaltung des Diskriminierungsverbotes nach Artikel 18 im Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV) bei, nach dem „jede Diskriminierung aus Gründen der Staatsangehörigkeit verboten“ ist.

Da bei unterschiedlichen länderspezifischen Risikoprämien die Renditen auf langfristige Staatsanleihen im Euroraum differieren und da die Banken eben auf Grundlage dieser Renditen ihre Zinssätze für langfristige Unternehmensfinanzierungen festsetzen, hätten die Unternehmen je nach Land, in dem sie ansässig sind, höhere oder niedrigere Finanzierungskosten. Das aber lässt sich nicht mit der Idee eines einheitlichen Binnenmarktes in Einklang bringen, in dem alle Unternehmen unter (weitgehend) gleichen Ausgangsbedingungen miteinander in Wettbewerb treten, was natürlich auch impliziert, dass sie einen einheitlichen Preis für Fremdkapital gleicher Fristigkeit zahlen.

Die EZB stellt mit ihrem Ankauf von Staatsanleihen solche gleichen Rahmenbedingungen für alle Unternehmen im Euroraum her. Sie agiert damit in gewisser Weise wie eine „normale“ Zentralbank eines souveränen Staates. Denn anders als in den neoklassischen Lehrbüchern, in denen der Zinssatz durch das Angebot an und die Nachfrage nach Kreditmitteln determiniert wird und mithin ein Marktergebnis darstellt (vgl. etwa Mankiw/Taylor 2018, S. 750ff), setzt in der realen Welt die Zentralbank den kurzfristigen Zins und bestimmt den langfristigen entscheidend mit. Der von der Zentralbank festgelegte kurzfristige Zinssatz überträgt sich auf die längerfristigen Zinssätze, wobei der Unterschied zwischen dem kurzfristigen Zinssatz und den langfristigen Zinssätzen tendenziell Risiko- und (langfristige) Inflationserwartungen widerspiegelt.

Ist die Zentralbank dennoch der Meinung, dass die langfristigen Zinsen zu hoch sind, kauft sie Staatsanleihen am Sekundärmarkt auf und senkt auf diese Weise das Zinsniveau. Das Umgekehrte gilt, wenn sie die langfristigen Zinsen für zu niedrig hält: In diesem Fall verkauft sie Staatsanleihen. Die Zentralbank kann folglich – wenn sie es denn will – jederzeit die Rendite von Staatsanleihen kontrollieren, d.h. auf ein von ihr gewünschtes Niveau (inkl. Null) bringen, indem sie mit Käufen oder Verkäufen dieser Anleihen am Sekundärmarkt interveniert.

Monetäre Staatsfinanzierung?

Aber – so ein häufig zu hörender Einwand – geht es der EZB mit ihren Anleihekäufen denn wirklich darum, Störungen im geldpolitischen Transmissionsmechanismus zu beheben, wie sie behauptet? Tatsächlich erklärt der EZB-Rat sogar sein am 18. März 2020 beschlossenes „Pandemie-Notfallankaufprogramm“ (PEPP) in Höhe von 750 Mrd. Euro damit, dass er den Risiken begegnen wolle, „die der Ausbruch und die rasant zunehmende Ausbreitung des Coronavirus (COVID-19) für den geldpolitischen Transmissionsmechanismus und die Aussichten des Euroraums darstellen“ (hier; Hervorhebung G.G.). Betreibt jedoch die EZB nicht in Wahrheit mit dem im Mai 2010 beschlossenen „Securities Markets Programme“ (SMP), bei dem sie Staatsanleihen angeschlagener Euroländer auf dem Sekundärmarkt aufkaufte, dem OMT-Programm („Outright Monetary Transactions“), das im September 2012 das SMP ablöste, dem „Asset Purchase Programme“ (APP) ab Januar 2015, mit dem offiziell die Anwendung einer „quantitativen Lockerung“ auch im Euroraum beschlossen wurde, und jetzt mit dem neuen PEPP eine nach Artikel 123 AEUV verbotene sogenannte „monetäre Staatsfinanzierung“?

Diese Kritik ist zwar nicht unberechtigt, aber letztlich belanglos. Denn sie verkennt, dass der EZB gar keine andere Möglichkeit blieb, wenn sie nicht die – mit der starken Ausweitung der Renditedifferenzen zwischen den Staatsanleihen der Euroländer drohende – Insolvenz mehrerer Mitgliedsstaaten und letztlich das Auseinanderbrechen der Eurozone riskieren wollte. Tatsächlich rettete bereits das SMP den Euro, da es der EZB ermöglichte, die Haushaltsdefizite von Staaten zu finanzieren, die Gefahr liefen, insolvent zu werden. Dem SMP folgten die anderen genannten Ankaufprogramme, die in ähnlicher Weise der Eurozone das Überleben sicherten. Hätte die EZB nicht die Budgetdefizite der Euroländer finanziert, wären vermutlich bereits 2010 und 2012 mehrere Länder aus der Eurozone ausgeschieden. Italien etwa wäre im Jahr 2012 insolvent geworden, wenn die EZB dies nicht mit dem Kauf großer Mengen italienischer Staatsanleihen auf dem Sekundärmarkt (im Rahmen des SMP) verhindert hätte.

Ähnliches gilt für das – bereits erwähnte – aktuelle Pandemie-Notfallankaufprogramm PEPP der EZB, das den Ankauf von Vermögenswerten des öffentlichen und privaten Sektors im Umfang von 750 Mrd. Euro vorsieht. Die Ankäufe im Rahmen des PEPP werden getrennt von und zusätzlich zu den Ankäufen im Rahmen des APP vorgenommen, das der EZB-Rat im Januar 2015 beschlossen hatte. Auch marktfähige Schuldtitel, die von der griechischen Regierung begeben werden, sind – anders als noch beim APP – im Rahmen des PEPP für Ankäufe zugelassen. Natürlich handelt es sich beim PEPP – wie Heiner Flassbeck mit Recht feststellt – um „eine indirekte Finanzierung der Staaten durch die EZB“. Und Flassbeck ist ebenso zuzustimmen, dass dies auch klar kommuniziert und die Gelegenheit genutzt werden sollte, nun endlich die entsprechenden rechtlichen Hindernisse für eine direkte Finanzierung aus dem Weg zu räumen.

In diese (richtige) Richtung geht auch der Vorschlag des belgischen Ökonomen Paul De Grauwe, die EZB solle in der gegenwärtigen Ausnahmesituation, in der die Nationalstaaten in massivem Umfang angeschlagene Unternehmen und notleidende Haushalte finanziell stützen müssten und ihre Budgetdefizite sprunghaft anstiegen, Staatsanleihen auf den Primärmärkten kaufen, um die Haushaltsdefizite der Euroländer zu finanzieren. Nun ist allerdings fraglich, ob sich das Verbot für die EZB, Staatsanleihen unmittelbar auf dem Primärmarkt zu erwerben, kurzfristig aufheben oder mit juristischen Tricks umgehen lässt, wie De Grauwe offenbar meint. Aber ganz unabhängig davon gilt die Tatsache, dass die EZB im Euroraum dazu in der Lage ist, staatliche Budgetdefizite jeder Größenordnung zu finanzieren, ohne dass es für sie hier irgendeine (finanzielle) Grenze gäbe. Darauf hat gerade die „Modern Monetary Theory“ immer wieder hingewiesen.

Eigene Beschränkungen der EZB und ihre Handhabung

Abgeschafft gehören einige selbst auferlegte Beschränkungen der EZB. Dazu zählt auch die Verteilungsregel, die die EZB in ihrer Pressemitteilung vom 18. März 2020 erwähnt:

„Bei den Ankäufen von Wertpapieren des öffentlichen Sektors richtet sich die Verteilung auf die einzelnen Länder weiterhin nach dem jeweiligen Kapitalschlüssel der nationalen Zentralbanken.“

Dieser Kapitalschlüssel, auf dessen Basis die EZB ihre Käufe im Rahmen des „Public Sector Purchase Programme“ (PSPP) – des volumenmäßig bedeutendsten Teilprogramms des APP – tätigt, orientiert sich sowohl an der Bevölkerungsgröße als auch an der Wirtschaftskraft der Mitgliedsländer.[1] Das heißt, die EZB verteilt offiziell diese Käufe proportional zum EZB-Kapitalschlüssel auf die Euro-Mitgliedsländer. Jedoch zeigt Mitchell (2018) am Beispiel von Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien, dass die EZB ihrer eigenen Richtlinie, wie sie sich aus dem Kapitalschlüssel ergibt, bei ihren monatlichen PSPP-Käufen ohnehin nicht sehr eng gefolgt ist. Die Abweichung der monatlichen Anteile der PSPP-Käufe von den Kapitalschlüssel-Anteilen, d.h. von den Anteilen des eingezahlten Kapitals, ist seit Beginn des PSPP im März 2015 beträchtlich. Zu ähnlichen Ergebnissen führen die Berechnungen von Friedrich Heinemann: Danach verfehlt die EZB seit dem Startjahr des PSPP zunehmend ihre Zielsetzung, die Anleihekäufe nach dem EZB-Kapitalschlüssel auszurichten. Die Abweichungen der PSPP-Anleihekäufe vom EZB-Schlüssel seien erheblich; für die im Jahr 2017 getätigten Käufe erreichten sie beispielsweise bei vier Ländern rund 10 Prozent nach oben (Heinemann 2018, S. 7).

Es ist deshalb an der Zeit, die Anleihekäufe zukünftig auch offiziell nicht mehr entsprechend dem EZB-Kapitalschlüssel vorzunehmen. Entscheidendes Kriterium für die Verteilung der Anleihekäufe auf die Euroländer muss vielmehr sein, dafür Sorge zu tragen, dass sich die Zinsen für Staatsanleihen der Länder nicht auseinanderentwickeln.

Aufzuheben ist aus dem gleichen Grund auch die freiwillig auferlegte Ankaufgrenze der EZB. Danach ist es der EZB nicht erlaubt, mehr als ein Drittel der ausstehenden Staatsanleihen eines Landes zu kaufen. Dass eine Beseitigung dieses Limits vollkommen unproblematisch ist, zeigt der Fall Japan: Dort hielt die „Bank of Japan“, die japanische Zentralbank, im September 2018 rund 48 Prozent aller ausstehenden japanischen Staatsanleihen, ohne dass damit irgendwelche negativen Folgen (z.B. eine hohe Inflationsrate) verbunden gewesen wären.

Tatsächlich will die EZB ihre Käufe im Rahmen des neu aufgelegten Ankaufprogramms PEPP flexibler gestalten. Ganz deutlich wird das in der Veröffentlichung des Beschlusses der EZB im Official Journal of the European Union (dem Amtsblatt der EU). Dort heißt es ausdrücklich, dass zwar eine Orientierung am Schlüssel für die Kapitalzeichnung der EZB stattfinde, dass ein „flexibler Ansatz bei der Zusammensetzung der Ankäufe im Rahmen des PEPP jedoch unerlässlich“ sei. Und in Artikel 5 seines Beschlusses stellt der EZB-Rat fest: „Die Ankäufe im Rahmen des PEPP erfolgen flexibel, wodurch Schwankungen im Zeitverlauf bei der Verteilung der Ankäufe hinsichtlich der Anlageklassen und der Länder möglich sind“. Zudem ist die selbst auferlegte 33-Prozent-Ankaufgrenze der EZB für Staatsanleihen eines Landes offenbar für das PEPP ausgesetzt.[2]

Ein ESM-Programm mit Reformauflagen?

Anders als die EZB bewegt sich Lars Feld, Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, ganz in gewohnten Bahnen. Er weist in einem Interview mit der FAZ zunächst darauf hin, dass es in der Fiskalpolitik kein „Whatever it takes“ (Mario Draghi) gebe, sondern „zwangsläufig Grenzen, weil der Finanzminister nicht sein eigenes Geld drucken kann“. Sollte also etwa Italien wegen Corona am Anleihemarkt nicht mehr genügend Kredit erhalten, „müsste die Regierung in Rom ein ESM-Programm beantragen, das dann auch an Reformauflagen geknüpft werden muss“.[3]

Nun hat allerdings auch niemand behauptet, dass der Finanzminister „sein eigenes Geld drucken kann“, schon gar nicht in der Eurozone, in der die Mitgliedsländer mit dem Euro faktisch eine fremde Währung verwenden.[4] Aber die EZB kann und muss die Staaten mit groß angelegten Ankäufen ihrer Anleihen auf den Sekundärmärkten unterstützen, um so zu verhindern, dass die Bondmärkte extrem hohe Renditen verlangen. Schließlich ist die EZB die einzige Institution in der Eurozone, die einem Aufwärtsdruck auf die Renditeabstände der Staatsanleihen im Euro-Währungsgebiet entgegenwirken kann. Gerade die aktuell am schwersten angeschlagenen Euroländer wie Italien und Spanien müssen über sehr lange Dauer durch EZB-Finanzierung gestützt werden, wenn sie solvent bleiben und die immensen Kosten, die für sie aufgrund der Anti-Coronavirus-Maßnahmen entstehen, bewältigen sollen.

Da in der Architektur der Eurozone die „fiskalische Funktion“ fehlt, die eine moderne Geldwirtschaft auf der Ebene des Währungsemittenten benötigt, übernahm die EZB de facto diese Funktion, indem sie ihr Mandat ausdehnte. Das kann ihr nicht zum Vorwurf gemacht werden; problematisch ist nur die Konditionalität, an die die EZB-Interventionen in der Vergangenheit häufig geknüpft waren (Kauf von Anleihen nur dann, wenn die entsprechenden Länder „Reformauflagen“ erfüllten): Dies verringerte die Wachstumsaussichten der betroffenen Länder erheblich und ließ sie in Stagnation und hoher Arbeitslosigkeit verharren.

Immerhin ist in der Ankündigung des Pandemie-Notfallankaufprogramms durch die EZB von „Reformauflagen“ nicht mehr die Rede. Umso befremdlicher, dass Lars Feld nichts Besseres einfällt, als für das von der Corona-Pandemie schwer getroffene Italien genau solche Reformauflagen – nach Beantragung eines ESM-Programms – zu fordern. Und ebenso schlimm ist, dass er dafür auch noch Unterstützung von deutschen Wirtschaftsvertretern erhält. So äußerte sich der Generalsekretär des CDU-Wirtschaftsrates, Wolfgang Steiger, gegenüber dem Spiegel wie folgt: „Sollte ein Euroland in Schwierigkeiten geraten, greift der ESM-Rettungsschirm mit seinen klaren Bedingungen“, die „nicht aufgeweicht werden“ dürften. Dies richtet sich gegen den Wunsch von Italiens Premierminister Guiseppe Conte nach Gemeinschaftshilfen für Italien ohne Auflagen oder Bedingungen.

Inakzeptable Vorschläge

Nun sollten Euroländer ohnehin nicht – wie Paul Steinhardt in einem Beitrag auf Makroskop zu Recht feststellt – dazu gedrängt werden, ESM-Mittel zu beanspruchen, denn die werden stets nur gegen drastische Sparauflagen (Sozial- und Rentenkürzungen, Steuererhöhungen etc.) gewährt. Und solche Auflagen sind das Letzte, was schwer angeschlagene Länder während und nach der zu erwartenden dramatischen Corona-Wirtschaftskrise brauchen können.

Die Äußerungen von Lars Feld sind aber auch deshalb so unangebracht, weil Deutschland schon einmal – vor nicht einmal 10 Jahren – eine sehr unrühmliche Rolle in Bezug auf Italien gespielt hat (vgl. hier und hier). Beginnend mit einem Brief der EZB an die italienische Regierung im August 2011 übte nämlich die Zentralbank mit Unterstützung der deutschen Bundesregierung Druck auf Italien aus, harte Einschnitte bei den öffentlichen Ausgaben und speziell im Gesundheitswesen vorzunehmen. Nur dann werde die EZB Italien davor schützen, steigende Zinsen für Staatsanleihen zahlen zu müssen. Die italienische Regierung gab nach und im Zuge der „Sparmaßnahmen“ verringerte sich unter anderem die Zahl der italienischen Krankenhäuser um 15 Prozent. Die Krise des Gesundheitssystems mit den fehlenden Behandlungskapazitäten im Krankenhausbereich, die in Italien jetzt offen zutage tritt, wurde zu einem Großteil durch die dem Land aufgezwungene Austeritätspolitik verursacht.[5] Norbert Häring hat dies scharf und prägnant im Titel eines Blog-Beitrages zusammengefasst: „Draghi, Merkel und Schäuble haben die Toten in Italien mit auf dem Gewissen.“

Es stünde deshalb allen hiesigen Vertretern aus Politik, Wirtschaft und neoliberaler Ökonomik gut an, sich diesmal mit „klugen“ Vorschlägen zum Umgang mit den krisengeschüttelten Euroländern zurückzuhalten.

 


[1] Das Kapital der EZB stammt von den nationalen Zentralbanken aller EU-Mitgliedsländer und beträgt rund 10,83 Mrd. Euro. Der Anteil der nationalen Zentralbanken an diesem Kapital errechnet sich mit Hilfe eines Kapitalschlüssels (an dem sich dann die Anzahl der Anleihekäufe orientiert): Auf jede nationale Zentralbank entfällt ein festgesetzter Prozentsatz, dessen Höhe sich nach der Größe des jeweiligen Mitgliedslandes in Relation zur gesamten EU richtet – gemessen jeweils zur Hälfte an dem Anteil des einzelnen Mitgliedslandes an der Gesamtbevölkerung und an dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) der EU. Anteilseigner der EZB sind mithin nicht nur die nationalen Zentralbanken der Euro-Mitgliedsländer, sondern alle nationalen Zentralbanken der EU. Allerdings müssen nur die Zentralbanken der Euro-Mitgliedsländer ihren Kapitalanteil tatsächlich vollständig einzahlen; die nicht dem Euroraum angehörenden nationalen Zentralbanken brauchen lediglich 3,75 Prozent ihres Anteils am gezeichneten Kapital der EZB zu leisten.
[2] So schreibt der EZB-Rat im EU-Amtsblatt, dass „soweit selbst auferlegte Beschränkungen die EZB möglicherweise daran hindern, so zu handeln, wie es zur Erfüllung ihres Mandats erforderlich ist, das Eurosystem die Überarbeitung dieser Beschränkungen in Erwägung ziehen wird, soweit es notwendig ist, damit sein Handeln in einem angemessenem Verhältnis zu den Risiken steht, mit denen wir konfrontiert sind. Zur Sicherstellung der Wirksamkeit dieses Beschlusses findet die in Artikel 5 des Beschlusses (EU) 2020/188 der Europäischen Zentralbank (EZB/2020/9) vorgesehene Konsolidierung der Anlagen auf die PEPP-Anlagen keine Anwendung“. Nach diesem Artikel 5 des Beschlusses 2020/188 gilt für notenbankfähige marktfähige Schuldtitel nach Konsolidierung der Anlagen in sämtlichen Portfolios der Zentralbanken des Eurosystems eine Gesamt-Ankaufobergrenze von 33 Prozent der ausstehenden Wertpapiere des jeweiligen Emittenten (nur bei internationalen Organisationen oder multilateralen Entwicklungsbanken ist eine andere Gesamt-Ankaufobergrenze festgelegt).
[3] Unterstützung bekommt Feld von anderen konservativen Ökonomen aus Deutschland (darunter Clemens Fuest und Marcel Fratzscher) und anderen Ländern. Sie schlagen in einem gemeinsamen Aufruf die Nutzung des ESM für Corona-Kreditlinien an die EU-Staaten vor. Der Vorteil sei, dass wenig Koordination und Solidarität unter den Mitgliedsstaaten notwendig sei, da alle Mitgliedsstaaten allein für ihre jeweiligen Schulden gegenüber dem ESM verantwortlich blieben.
[4] Theoretisch könnte in einem Land mit einer souveränen Währung (dazu zählen nicht die Euroländer!) das Finanzministerium auch direkt Geld emittieren und mithin die Zentralbank überflüssig machen. In der Realität geschieht dies bekanntlich aber nicht; hier werden Zahlungen vom und an das Finanzministerium über die Zentralbank ausgeführt (was – nebenbei bemerkt – auch bedeutet, dass das Finanzministerium und die Zentralbank die Aktivitäten koordinieren müssen).
[5] Nicht nur gegenüber Italien, sondern auch gegenüber Spanien und Griechenland betätigte sich die Bundesregierung damals als Scharfmacher mit der Devise „Hilfen nur gegen Kürzungen“. Die spanische Regierung musste die Ausgaben für das Gesundheitssystem allein 2012 um 5,7 Prozent senken; Griechenland traf es mit einer Kürzung der staatlichen Mittel von 16,2 Mrd. Euro auf 8,6 Mrd. Euro, also um 47 Prozent, im Zeitraum 2009 bis 2016 noch schlimmer.

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