www.istock.comKim Vermaat
Coronavirus-Pandemie | 17.03.2020 (editiert am 20.03.2020)

Von Japan lernen

Wer in den letzten Jahren in Tokio war, dem dürften sie nicht entgangen sein: Menschen, die in Zügen oder auf bevölkerten Straßen Atemschutzmasken tragen. Warum tun sie das?

Gibt es in Japan eine größere Angst, einer Epidemie oder Grippe zum Opfer zu fallen? Das vielleicht auch, aber der Grund ist ein anderer: Es gilt als unhöflich, sich hustend und schniefend durch den öffentlichen Raum zu bewegen. Die Atemschutzmaske dient weniger dem Schutz vor der Ansteckung durch andere, sondern dem Schutz anderer vor den eigenen Viren. Ist es nicht Zeichen einer egozentrischen Kultur, dass dieser Aspekt in vielen Diskussionen hierzulande über den Sinn oder Unsinn von Atemschutzmasken nur am Rande, wenn überhaupt, erwähnt wurde?

Es hätte die Verbreitung des Virus vermutlich deutlich gebremst, hätte die Kanzlerin oder der Gesundheitsminister schon vor einem Monat öffentlich dazu aufgerufen, bei jedweden Erkältungssymptomen der Arbeit fern zu bleiben, keine Großveranstaltungen zu besuchen und – sofern man doch öffentliche Verkehrsmittel nutzen muss – über das Anlegen einer Atemschutzmaske nachzudenken, um andere zu schützen. Eine solche Erklärung hätte vielleicht noch rechtzeitig zu einem Kulturwandel beitragen können. Denn noch vor Wochen wäre man mit einer Atemschutzmaske in der U-Bahn schief angesehen worden – als wäre man ein paranoider Irrer, der mit übertriebenen Maßnahmen nur unsinnige Panik schürt.

Statt die Bevölkerung zu beschwichtigen, hätte man auch frühzeitig klarstellen können, worin die zentrale Gefahr einer Pandemie besteht. Schon die Berichte aus Wuhan waren Warnung genug. Statt China für die ergriffenen Maßnahmen zu kritisieren, hätte man über die großen Herausforderungen sprechen müssen, die eine Pandemie für das Gesundheitswesen eines jeden Staates bedeutet. Und rechtzeitig die Kapazitäten erweitern müssen, um katastrophalen Zuständen in Kliniken oder auch Pflegeheimen vorzubeugen.

Auch hätte man Maßnahmen zur Förderung der öffentlichen Hygiene ergreifen können, statt nur ans regelmäßige Waschen der Hände zu erinnern. Doch leider sind nicht nur Krankenhäuser, sondern auch öffentliche Toiletten in den letzten Jahrzehnten dem Privatisierungswahn zum Opfer gefallen. Ob in der Innenstadt, an Bahnhöfen oder auf Autobahnraststätten – inzwischen gibt es kaum noch öffentliche Toiletten, die gratis zu nutzen sind. Auch in vielen Schulen oder Sporthallen sind Toiletten und Waschräume, die über Klopapier und Seife verfügen, eher die Ausnahme als die Regel. Und wie oft werden wohl Gegenstände und Oberflächen, die im öffentlichen Raum von vielen Menschen berührt werden, gereinigt und desinfiziert?

Wie anders ist da Japan. Dort gibt es saubere öffentliche Toiletten an jeder Ecke, selbst in kleinen Supermärkten kann man in der Regel kostenlos sein Geschäft verrichten. Und in vielen japanischen Zügen kann man auch außerhalb der Toiletten sich die Hände waschen und desinfizieren.

In Sachen Katastrophenschutz könnten die Unterschiede ebenfalls kaum größer sein. In Japan gibt es für Notfälle einen zentralen Plan, keinen Kompetenzwirrwarr, wo Ministerien, Bund, Länder und Kommunen sich gegenseitig die Verantwortung zuschieben bis sie schließlich beim schwächsten Glied der Kette landet: den vielfach kaputtgesparten Gesundheitsämtern in den Kommunen.

Gäbe es in Japan nicht den unverantwortlichen Umgang bzw. die große Abhängigkeit von der Kernenergie  – das Land könnte uns als Vorbild dienen, was den Schutz der Bevölkerung vor und den Umgang mit Pandemien oder Umweltkatastrophen angeht.

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