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Corona-Krise | 14.04.2020 (editiert am 17.04.2020)

Als im Jahre 2020 die Zukunft begann

Die Coronakrise führt uns vor Augen, was die Mängel des gegenwärtigen Wirtschaftssystems sind. Gleichzeitig aber ist sie ein Wegweiser, wie eine zukunftsfähige Organisation der Wirtschaft aussehen könnte.

Das Schöne an MAKROSKOP ist, dass kritische Stimmen unterschiedlichster Couleur zu Worte kommen. Eine große Klammer um all diese Stimmen ist eine Kritik des neoliberal entfesselten Kapitalismus.

Vereinfacht würde ich mich selbst als Marxisten bezeichnen, beziehungsweise genauer formuliert als Wertkritiker. Hinter der Kritik am Neoliberalismus steht auf Basis der Wertkritik eine grundsätzliche Kritik am Verhältnis von Kapital und Arbeit, an der Kapitalverwertung und an den Besitz- und Herrschaftsverhältnissen im Kapitalismus. Das gegenwärtige Krisenszenario bietet eine gute Möglichkeit, um das Bild einer wünschenswerten Ökonomie zu zeichnen, die in Teilen auf dieser Kritik basiert.

Gekennzeichnet ist der gegenwärtige Zustand unserer Wirtschaft durch eine drastisch verminderte Produktion, eingeschränkten (stationären) Handel, eingeschränkten Im- und Export, einen durch diese Faktoren bedingten Einbruch der Erwerbsarbeit, eingeschränkte Mobilität und eine Form des Konsums, die sich erzwungenermaßen auf das Notwendigste reduziert. Stellen wir uns einmal vor, dieser oder ein ähnlicher Zustand wäre ein dauerhafter (ich habe bereits hier und hier darüber geschrieben, dass dieses Szenario im Kontext von Peak Oil kein unwahrscheinliches ist).

Was brauchen wir für ein menschenwürdiges Leben?

Was würde dies für unsere Gesellschaft bedeuten? Wir bräuchten dauerhaft weniger Arbeitskräfte in der industriellen Produktion sowie im Handel, Konsumoptionen würden dauerhaft wegfallen. Wir bekämen dadurch eine riesige »Surplusarbeiterpopulation« (Marx), die nicht mehr gebraucht würde. Die zentrale Frage in einem solchen Systemzustand ist folgende: Was brauchen wir, von der Versorgungsseite her gedacht, um ein menschenwürdiges Leben zu führen?

Meine Antwort lautet: Nahrungsmittel, Wohnraum inklusive Ausstattung, Kleidung, medizinische Versorgung, Bildung, Mobilität, Kommunikation mit Mitmenschen, Kunst und Unterhaltung. In diesen Bereichen brauchen wir also weiterhin dringend Arbeitskräfte. Wenn Sie derzeit einen Supermarkt betreten, können Sie anhand dessen, was chronisch ausverkauft ist, problemlos ableiten, welche Güter des täglichen Bedarfs die Menschen zum Überleben brauchen respektive zu brauchen glauben.

Im Supermarkt meiner Wahl sind das in erster Linie Toilettenpapier, Handseife, Mehl, Hefe, Nudeln und Tomatendosen. Damit kommt man recht weit. Was derzeit ebenfalls händeringend benötigt wird, sind Kranken- und Altenpfleger, Ärzte, Krankenhäuser, Medikamente und medizinische Instrumente. Nach drei Jahrzehnten neoliberaler Verwüstung gibt es von Allem zu wenig, allerorten haben wir im Gesundheitssystem derzeit einen Mangel an Arbeitskräften und Ausstattung.

Wir haben also auf der einen Seite eine sprunghaft gewachsene Surplusarbeiterpopulation, auf der anderen Seite einen Mangel an Arbeitskräften unter anderem im Gesundheits-, Pflege- und Bildungsbereich sowie in der Landwirtschaft, weil die günstigen Erntehelfer aus Osteuropa aufgrund eingeschränkter Mobilität diese Saison zum Teil wegfallen.

Die folgenden Vorschläge gelten zum einen für die derzeitige Situation, zum anderen sind es Vorschläge für eine zukunftsfähige Ökonomie, die dauerhaft gekennzeichnet ist durch ein »Weniger« (an Produktion, Handel, Konsum, Mobilität). Denken wir diese Vorschläge doch einmal (wie Matthias Horx) von einem Zeitpunkt in der Zukunft aus rückwärts (sagen wir aus dem Jahre 2040).

Reorganisation der Wirtschaft

Der Staat hatte im Jahre 2020 begonnen, im großen Maßstab Geld ins Gesundheitssystem zu investieren. Er schuf nicht nur hunderttausende Stellen in der Kranken- und Altenpflege, sondern erarbeitete auch einen Fünf-Jahres-Plan, um die Ärztedichte drastisch zu erhöhen und die ärztliche Versorgung in Deutschland zu verbessern. Da hierfür Ausbildungs- und Studienplätze benötigt wurden, wurden die notwendigen Mittel zur Verfügung gestellt, um in ausreichender Zahl Ausbildungs- und Studienplätze zu schaffen.

Alle Stellen im Gesundheitssystem wurden auf 20 Stunden pro Woche begrenzt, sowohl die bestehenden als auch die neuen, damit noch mehr Arbeitsmöglichkeiten geschaffen werden konnten. Ärzte und Pflegekräfte haben seither ausreichend Regenerationszeit, sind auf der Arbeit ausgeruht und können ihrer Arbeit mit Freude und Energie nachgehen.

Alle Unternehmen wurden in Genossenschaften umfirmiert, in denen die Mitarbeiter kollektive Teilhaber der Unternehmen wurden und fortan mitentscheiden konnten. Der Gesellschaft fiel recht schnell auf, dass das Leben auch ohne Kapitalgesellschaften Sinn macht und man demokratischen Strukturen, in denen die Menschen tatsächlich etwas mitentscheiden können, sehr gut vertrauen kann.

Seither werden Unternehmen im Sinne der Gemeinschaft und des Gemeinwohls geführt. Das bedingte auch, dass nur noch Güter hergestellt wurden, die gesellschaftlich notwendig und sinnvoll waren (siehe oben). Gemeinwohlbilanzen und die 20-Stunden-Woche als Höchstarbeitszeit wurden für alle Unternehmen verpflichtend, damit in den notwendigen Bereichen mehr Menschen in Arbeit gebracht werden konnten.

Die Autonomie der Wirtschaftssubjekte (also der Unternehmen) blieb ebenso erhalten wie der Austausch am Markt – wir sprechen also nicht von sozialistischer Planwirtschaft – lediglich die Eigentümerstruktur der Unternehmen (die Mitarbeiter sind die Shareholder) sowie die unternehmerische Erfolgsmessung (Gemeinwohl anstatt Finanzgewinn) veränderten sich. Die gesellschaftlichen Folgekosten (auch: externalisierte Kosten), die durch die unternehmerische Tätigkeit entstanden, mussten fortan von den Unternehmen selbst getragen werden, wodurch eine ökologisch-soziale Ausrichtung zum Wettbewerbsvorteil wurde (die externalisierten Kosten der Umweltzerstörung der Großkonzerne lagen vor 2020 jährlich bei etwa 50% der erwirtschafteten Erträge).

Begonnen hat die Umfirmierung von Kapitalgesellschaften in Genossenschaften (oder gemeinnützigen Stiftungen) bei denjenigen Unternehmen, die gegen Artikel 14 Absatz 2 Grundgesetz verstoßen hatten, indem sie Ressourcen verschwendet, die Ökosysteme geschädigt, Mitarbeiter ausgebeutet, Lieferanten unter Druck gesetzt oder Kunden gesundheitlich gefährdet haben.

Praktischerweise stellte sich heraus, dass das für alle börsennotierten Aktiengesellschaften zutraf. Bei den verfassungswidrigen Härtefällen wie den verurteilten Unternehmen VW, Audi, BMW, Mercedes, Porsche, Bayer-Monsanto und Deutsche Bank (im Jahre 2016 war die Deutsche Bank in sage und schreibe 7800 Prozesse verwickelt – wir schrieben auf Makroskop darüber) hat man sich vorsorglich für Verstaatlichung entschieden. Bayer-Monsanto wurde zu einem gemeinwohlorientierten, staatlichen Medizin- und Landwirtschaftsbetrieb, der neben der medizinischen Versorgung die ökologische Landwirtschaft vorantrieb, die Deutsche Bank zu einer Behörde, die mit großer Kreativität Steuerschlupflöcher aufspürte.

Die Corona-Krise wurde genutzt, um sich von der irrationalen Idee des motorisierten Individualverkehrs zu verabschieden, weil die ökologischen und sozialen Kosten dieser Mobilitätsform in keinem Verhältnis zum gesellschaftlichen Nutzen standen. Die Produktion der verstaatlichten Autobauer wurde schrittweise zurückgefahren, was einige Jahre später aufgrund von Ressourcenengpässen im Kontext von Peak Oil (vgl. hier) ohnehin erzwungen worden wäre. Die sinkende Anzahl an Automobilen wurde durch jahrelange Investitionen sukzessive durch ein dichtes Netz an öffentlichen Verkehrsmitteln im Nah- und Fernverkehr sowie ein dichtes Netz an Carsharing-Angeboten kompensiert. Die verstaatlichten Autobauer wurden zu den Architekten dieses Projekts. Der öffentliche Verkehr war fortan gratis.

Da günstige osteuropäische Erntehelfer aufgrund eingeschränkter Mobilität ausfielen, mussten in Deutschland lebende arbeitslose Personen dazu gebracht werden, in der Landwirtschaft zu arbeiten. Das funktionierte nur mit anständiger Bezahlung, was die Nahrungsmittelpreise verteuerte. Deshalb war es notwendig, Einkommen und Vermögen so umzuverteilen, dass sich trotz erhöhter Nahrungsmittelpreise alle mit ausreichend Nahrungsmitteln versorgen konnten.

Die Gesellschaft besann sich darauf, dass Deutschland einmal ein bedeutender Standort für Bekleidungsindustrie war und man in Deutschland aus heimischen Pflanzen (Flachs, Hanf, Brennnessel) sowie aus Schafswolle problemlos in ausreichender Menge Fasern für Kleidung herstellen kann. Die Rückverlagerung der Textilproduktion von Asien nach Deutschland schaffte zahlreiche Arbeitsplätze, verteuerte jedoch auch die Kleidung. Alles, was sich regional erbringen ließ, wurde fortan regional erbracht, immer mit den gleichen Effekten: neue Arbeitsplätze, höhere Kosten.

Drastische Umverteilung von Einkommen

Sowohl die veränderte Preisstruktur als auch die Begrenzung der Höchstarbeitszeit auf 20 Stunden pro Woche erforderte eine drastische Umverteilung von Einkommen. Es bedurfte eines menschenwürdigen Auskommens auch bei halber Arbeitszeit. Die Gehaltsspreizung in den genossenschaftlich organisierten Unternehmen wurde gesetzlich auf 1:6 begrenzt, das bedeutet, dass diejenige Person im Unternehmen, die am meisten verdient, maximal das Sechsfache von dem verdienen darf, was die am geringsten bezahlte Person bekommt (in einigen Unternehmen lag die Gehaltsspreizung vor der Corona-Krise bei 1:500). Dadurch wurden absurd hohe Vergütungen abgeschafft und die unteren Einkommen stiegen massiv an, weil sie deutlich mehr an der Gesamt-Wertschöpfung beteiligt wurden.

Der Mindestlohn wurde auf 25 Euro pro Stunde erhöht, bei einer 20-Stunden-Woche waren das 2000 Euro pro Monat. Erzielten die Genossenschaften einen Gewinn, wurde dieser an alle Mitarbeiter zu gleichen Anteilen verteilt oder Rücklagen gebildet. Das Steuersystem wurde so angepasst, dass es in einem gewissen Rahmen zwar noch Einkommensunterschiede geben konnte, jedoch wurde Armut ebenso beseitigt wie Luxus. Bekam man nur den Mindestlohn von 2000 Euro, zahlte man keine Einkommenssteuer. Kapitalerträge, die sich aufgrund der systemischen Veränderungen ohnehin weitgehend erübrigt hatten, wurden fortan drastisch besteuert ebenso wie Erbschaften.

Für ein bedingungsloses Grundeinkommen war die Gesellschaft im Jahre 2020 noch nicht weit genug, weshalb man sich zunächst für eine andere Option entschieden hat: Jeder, der sich arbeitslos meldete, bekam fortan ohne Bedürftigkeitsprüfung einen Satz, der für die oben angeführte menschenwürdige Versorgung ausreicht (zunächst 1500 Euro monatlich bei freier Miete). Nach einiger Zeit stellten die Statistiker verblüfft fest, dass nur zwei Prozent der Bevölkerung es aufgrund dieses Geldes fortan vorzogen, gar nicht mehr zu arbeiten. Allen anderen fiel im Jahre 2020 bereits nach wenigen Wochen im Home-Office die Decke auf den Kopf und sie freuten sich, als sie wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren konnten – als Teilhaber des Unternehmens mit besserer Entlohnung und Mitspracherecht. Aufgrund dieser Erfahrungen war man 2025 bereit für ein Grundeinkommen.

Es wurde eine gestaffelte jährliche Vermögensabgabe eingeführt: 5% bei einer Million, 10% bei zwei Millionen, 15% bei drei bis vier Millionen, 20% bei fünf bis zehn Millionen, über zehn Millionen 25%, über 25 Millionen 50% jährlich. Langfristig hatten sich damit extrem hohe Privatvermögen erledigt. Anstatt Arbeit wurde fortan Kapital besteuert. Da das Bundesverfassungsgericht die Grundsteuer im April 2019 für verfassungswidrig erklärt und den Bundestag verpflichtet hatte, das Grundsteuersystem zu reformieren, nutzte man, wie in den Blättern für deutsche und internationale Politik vorgeschlagen, im Jahre 2020 die Gelegenheit, um von der Grundsteuer auf eine Bodenwertsteuer umzusteigen. In diesem Prozess stellte sich heraus, dass es eigentlich gar keinen Grund gab, dass Grund und Boden überhaupt in privater Hand sein sollte. Die Regierung verstaatlichte kurzerhand den Boden inklusive des darauf stehenden Wohnraumes, die vorigen Eigentümer wurden angemessen entschädigt (ein Teil des Geldes floss über die Mehrwertsteuer sowie der jährlichen Vermögensabgabe zurück an den Staat). Eine bestimmte Quadratmeterzahl pro Person ist seither gratis, wer auf größerem Raum leben möchte, muss dafür bezahlen.

Die Besteuerung von Arbeit in den Unternehmen wich einer Besteuerung von Material und Energie, was (in Kombination mit der Einpreisung der externalisierten Kosten) dazu führte, dass Input und Output auf ein verträgliches Maß sanken. Gesellschaftlich notwendige Gebrauchsgüter wurden fortan möglichst langlebig und reparaturfähig konzipiert. Die Wertschöpfung der Unternehmen verlagerte sich Stück für Stück von der Neuproduktion auf produktbezogene Dienstleistungen wie Instandhaltung, Überarbeitung und Upcycling. Produkte, deren Herstellung und Nutzung einen hohen Ressourcenverbrauch bedingten, verschwanden aus dem Markt, da sie nicht mehr konkurrenzfähig waren.

Haushaltung statt Kapitalismus

Plötzlich wurde der Gesellschaft gewahr, dass ein auch nur einigermaßen sinnvoller Einsatz der gemeinsamen Ressourcen mit dem neoliberal entfesselten Kapitalismus völlig unvereinbar geworden war. Plötzlich sah man, dass der Kaiser nackt und der neoliberale Kapitalismus ein System der exploitativen, irrationalen, verschwenderischen Bedürfnis- und Begierdebefriedigung gewesen war, das nach und nach seine eigene Grundlage aufgezehrt hatte. Die Gesellschaft besann sich darauf, dass »Ökonomie« im eigentlichen Wortsinn »Haushaltung« bedeutet. Es wurde erkannt, dass vernünftiges »haushalten« bedeutete, sparsam mit den vorhandenen Ressourcen umzugehen und sie sinnvoll, rational und rationell einzusetzen.

Die VWL-Studenten (warum es die weiterhin gab, ist bis heute ein Mysterium), lasen ihre Bücher plötzlich mit wachem Verstand und lernten, dass das Ziel jeder Ökonomie die gesellschaftliche Bedarfsdeckung mit dem geringstmöglichen Mitteleinsatz ist (das bedeutete mit dem geringstmöglichen Einsatz von Material, Ressourcen, Energie und Arbeit). Die Volkswirte weisen seither in jedem Interview penetrant darauf hin, dass von wirtschaftlicher Entwicklung nur die Rede sein kann, wenn unsere Ökonomie fortwährend besser darin wird, Ressourcen einzusparen und Ökosystemdienstleistungen aufrecht zu erhalten, ohne dass dadurch ein Mangel entsteht.

2020 ging als das Jahr in die Wissenschaftsgeschichte ein, in dem die Volkswirte endlich damit begannen, ihre eigenen Lehrbücher ernst zu nehmen. Die BWL wurde aufgrund zu offensichtlicher Absurdität abgeschafft, Betriebswirte und Unternehmensberater mit großem Aufwand resozialisiert.

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