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Demografie und Rente  | 07.04.2020

Die Bedeutung des demographischen Wandels für das Rentensystem

Nicht der Anstieg der Zahl der Rentner wird das große soziale Problem der Zukunft sein – sondern die Frage, wie es gelingen kann, den Arbeitskräftebedarf der Wirtschaft zu befriedigen.

Die Menschen in Deutschland leben immer länger. Lag das durchschnittliche Sterbealter im Jahr 1968 noch bei 70 Jahre, beträgt es heute – 50 Jahre später – bereits 80 Jahre. Und es wird allgemein davon ausgegangen, dass sich diese Entwicklung weiter fortsetzt.

Das hat Folgen für die Alterssicherung. Folgen, die bei der Ausgestaltung des zukünftigen Rentensystems berücksichtigt werden müssen. Es genügt allerdings nicht, lediglich vor der wachsenden Differenz zwischen der Zahl alter und der Zahl junger Menschen zu warnen und daraus abzuleiten, dass die gesetzliche Rente bald nicht mehr bezahlbar sein wird, das Renteneintrittsalter folglich angehoben und die private Vorsorge ausgeweitet werden müsse. Das sind vorschnelle und nur bedingt zielführende Schlussfolgerungen. Um in angemessener Weise auf die demographischen Veränderungen reagieren zu können, müssen diese zunächst genauer betrachtet und analysiert werden.

Im Jahr 2019 hat das Statistische Bundesamt (StBA) seine letzte Bevölkerungsvorausberechnung vorgelegt.[1] Die Studie berücksichtigt den Bevölkerungsstand bis zum Jahr 2018 und erstreckt sich bis ins Prognosejahr 2060. Die mögliche zukünftige Entwicklung wird vom StBA mittels Szenarien abgeschätzt, also aufgezeigt, wie sich die Bevölkerung unter bestimmten Annahmen entwickeln könnte bzw. entwickeln würde. Als variable Einflussgrößen gehen die Geburtenhäufigkeit, die Lebenserwartung und der Wanderungssaldo in die Berechnung ein (vgl. Tab. 1).

Tabelle 1

Das Statistische Bundesamt stellt Prognoseszenarien für sämtliche kombinatorischen Ausprägungsmöglichkeiten zur Verfügung. Das läuft auf 27 Szenarien hinaus. Die für die Szenarien angenommenen Zuwanderungsraten sind aus den Wanderungssalden der Vergangenheit abgeleitet. So entspricht eine Nettozuwanderung von jährlich 147.000 Personen der mittleren Zuwanderung zwischen 1955 und 1989. Der Wert erhöht sich auf 221.000 Personen, wenn der gesamte Zeitraum von 1955 bis 2018 betrachtet wird. Und zwischen 1990 und 2018 sind durchschnittlich 311.000 Zuwanderer ins Land gekommen. Das StBA ergänzt das Prognosetableau noch um zwei Szenarien ohne jede Zuwanderung sowie um ein Szenario mit einem besonders hohen Wanderungssaldo von +386.000 Personen per anno.

Der starke Zuzug ausländischer Arbeitskräfte in der Vergangenheit ist Ausdruck einer prosperierenden Wirtschaft auf der einen Seite und eines Rückgangs der Geburtenrate der einheimischen Bevölkerung auf der anderen Seite. Abbildung 1 vermittelt einen anschaulichen Eindruck davon wie sich der Geburtenrückgang demographisch ausgewirkt hat und wie die weitere Entwicklung der Zahl der Unter-20-jährigen aussehen könnte.

Abbildung 1

In den letzten 50 Jahren verringerte sich die Zahl junger Menschen von einem absoluten Höchststand von 23,6 Millionen Personen im Jahr 1969 (Babyboomer-Generation) auf nur noch 15,3 Millionen im Jahr 2018. Seit 2013 ist ein leichter Anstieg der Werte zu beobachten. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, könnte für 2060 mit etwa 17,4 Millionen Über-20-jährigen gerechnet werden (G3). Für den Fall, dass die Geburtenziffer dagegen auf 1,4 Kinder pro Frau zurückgeht, würde die Zahl der Kinder und Jugendlichen auf 14,1 Millionen im Jahr 2060 absinken (G1).

Es stellt sich die Frage, welche der zahlreichen Prognosevarianten des Statistischen Bundesamtes für die Analyse und Beurteilung der zukünftigen Rentensituation Verwendung finden sollte. Ist in Zukunft eher mit steigenden oder mit sinkenden Zuwanderungszahlen zu rechnen? Sollte man eher von hohen oder von niedrigen Geburtenziffern ausgehen? Auch die Frage, wie alt die Menschen in Zukunft werden, ist für die Rentenproblematik von Bedeutung.

Ein wichtiger Fingerzeig, wie man an dieser Stelle vorgehen sollte, kommt von Professor Rürup. Er verweist darauf, wie wichtig es ist, ökonomische und demographische Entwicklungen aufeinander abzustimmen. In dem 2003 veröffentlichten Abschlussbericht der Rürup-Kommission zur Finanzierbarkeit sozialer Sicherungssysteme heißt es:

„Die Projektion der Arbeitsmarktentwicklung allein aus der demographischen Entwicklung ohne Einbettung in ein gesamtwirtschaftliches Szenario ist zwar möglich, birgt aber das Risiko unplausibler Ergebnisse, da der implizit damit verbundene Wachstumspfad außer Acht gelassen wird“.[2]

Übertragen auf die vorliegende Problemstellung bedeutet dies, dass die Zahl der Einwohner im Erwerbsalter groß genug sein muss, um eine angenommene wirtschaftliche Entwicklung gewährleisten zu können. Sie sollte andererseits nicht so hoch ausfallen, dass die Zahl der Arbeitslosen stark ansteigt.

Entscheidend für die Höhe der zukünftigen Nachfrage nach Arbeitskräften ist, wie sich die Produktivität im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) entwickelt. Steigt das BIP prozentual stärker an als die Produktivität, nimmt die Nachfrage nach Arbeitskräften zu. Im umgekehrten Fall geht der Arbeitskräftebedarf zurück. Zwischen 1991 und 2018 nahm das BIP jährlich um durchschnittlich 1,05% zu. Die Produktivität stieg im gleichen Zeitraum lediglich um 0,71%. Folgerichtig nahm die Zahl der Erwerbstätigen zu. Sie stieg von 38,8 Millionen (1991) auf 44,8 Millionen (2018).

Zur Abschätzung des zukünftigen Erwerbstätigenbedarfs werden unterschiedliche Annahmen hinsichtlich der Entwicklung der Produktivität gemacht. Während der Zuwachs des BIP mit +1,05% konstant gehalten wird, variiert die Produktivität um den mittleren Wert von +0,71% (Szenario A). Im Szenario B wird ein jährlicher Produktivitätszuwachs von +0,49% unterstellt, im Szenario C von +1,06%.

Im Falle einer wirtschaftlichen Entwicklung wie im Szenario A würde die benötigte Zahl an Erwerbstätigen von 44,8 Millionen im Jahr 2018 auf 50,1 Millionen im Jahr 2060 ansteigen. Sollte die Produktivität weniger stark zunehmen, würden mehr Erwerbstätige benötigt und der Bedarf würde im Jahr 2060 bei 53,5 Millionen liegen (Szenario B). Stiege die Produktivität dagegen ähnlich stark an wie das BIP (+1,06% gegenüber +1,05% beim BIP), würde die Nachfrage nach Arbeitskräften nicht zunehmen, sondern bliebe über den gesamten Prognosezeitraum hinweg etwa konstant (Szenario C).

Grundsätzlich gilt, dass stets ein hinreichend großes Potential an Einwohnern im Erwerbsalter vorhanden sein muss, damit der Arbeitskräftebedarf befriedigt werden kann. Als potentielle Arbeitskräfte werden hier alle Personen zwischen 20 Jahre als unterer Altersgrenze und dem gesetzlichen Renteneintrittsalter als oberer Grenze angesehen. Diese Größe wird allgemein als Erwerbstätigenpotential bezeichnet. Die demographische Entwicklung muss nun so gewählt werden, dass das Erwerbstätigenpotential ausreicht, den Arbeitskräftebedarf zu decken. Die entscheidenden Stellschrauben sind hierbei die Geburtenrate und die Zuwanderung. Dabei ist zu beachten, dass die Geburtenrate sich erst nach etwa zwanzig Jahren spürbar auf den Arbeitsmarkt auswirkt, während über Zuwanderung auch aktuelle Defizite ausgeglichen werden können.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang die Höhe der Erwerbstätigenquote. In den zurückliegenden zwanzig Jahren ist der Anteil der Erwerbstätigen bezogen auf das Erwerbstätigenpotential kontinuierlich angestiegen, von 74% im Jahre 1996 auf 89% im Jahr 2018. Es wird davon ausgegangen, dass die Quote weiter ansteigen und in Zukunft bei etwa 95% liegen wird. Ein solcher Anstieg ist möglich, wenn mehr Frauen einer Erwerbsarbeit nachgehen und/oder mehr Arbeitslose von der Wirtschaft nachgefragt und eingestellt werden.

Für die Höhe des Erwerbstätigenpotentials ist noch das gesetzliche Renteneintrittsalter von Bedeutung. Je höher es liegt, desto höher ist das Reservoir an Arbeitskräften. Bis zum Jahr 2011 lag das Renteneintrittsalter über viele Jahre hinweg konstant bei 65 Jahren. Seit dem Jahr 2012 wird es stufenweise angehoben und im Jahr 2030 dann 67 Jahre betragen. Da vielfach bereits eine Anhebung des Rentenalters auf 70 Jahre gefordert wird, wird zusätzlich aufgezeigt, wie sich eine solche Maßnahme auf den Arbeitsmarkt und auf die Zahl der Rentner auswirken würde.

Abbildung 2 vermittelt (als rein theoretische Betrachtung) einen anschaulichen Eindruck von der zukünftigen Arbeitsmarktsituation. Aufgetragen sind die Entwicklung des Erwerbstätigenbedarfs bei einer wirtschaftlichen Entwicklung wie sie im Szenario A angenommen wird und die Entwicklung des Erwerbstätigenpotentials für den (theoretischen) Fall, dass in Zukunft keine Zuwanderung mehr erfolgen würde.

Trotz einer relativ hoch angesetzten Geburtenrate weisen die Kurven über den gesamten Prognosezeitraum hinweg eine gegenläufige Entwicklung auf, die bis zum Jahr 2060 keinerlei Abschwächung erfährt und sich vermutlich auch danach weiter fortsetzten wird. Die Differenz zwischen der Nachfrage und dem Angebot an Arbeitskräften würde danach bis 2060 auf fast 15 Millionen Personen ansteigen. Geschlossen oder verringert werden kann die Lücke nur durch Steigerung der Arbeitsproduktivität, durch Zuwanderung ausländischer Arbeitskräfte oder durch Anhebung des Renteneintrittsalters. Die Geburtenrate hat wenig Einfluss auf die Situation.

Abbildung 2

Durch ein Anheben des Renteneintrittsalters auf 70 Jahre stiege das Erwerbstätigenpotential bis 2060 um etwa 3 Millionen Personen an (vgl. Abb. 4). Wie sich die Produktivität auf den Arbeitskräftebedarf auswirkt, kann aus den Ergebnissen der verschiedenen Szenarien abgelesen werden, die ja mit unterschiedlichen Annahmen zur Produktivitätsentwicklung verbunden sind.

Die wichtigste Größe zur Beeinflussung der Arbeitsmarktsituation ist darüberhinaus die Zuwanderung. Für die Szenarien A, B, und C wird im Weiteren aufgezeigt, wie hoch die Zuwanderung ausfallen müsste, damit der Wirtschaft zukünftig genug Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Dabei wird eine Geburtenrate von 1,7 Kinder pro Frau unterstellt und ein Renteneintrittsalter von 67 Jahren.

Das Szenario A ist, wie bereits erwähnt, mit einem Erwerbstätigenbedarf von 50,1 Millionen Personen im Jahr 2060 verbunden. Geht man von einer Erwerbstätigenquote von 95% aus, so ist ein Potential von 52,7 Millionen Einwohnern erforderlich, damit der Arbeitskräftebedarf gedeckt werden kann. Ein derart hohes Erwerbstätigenpotential kann mit keiner der Prognosevarianten des Statistischen Bundesamtes sichergestellt werden. Um den Erwerbstätigenbedarf decken zu können, müssen mehr Arbeitskräfte ins Land kommen. Die Prognoseszenarien des StBA bieten zum Glück die Möglichkeit, durch Abgleich der vorhandenen Szenarien, die Höhe der erforderlichen Zuwanderung abzuschätzen. Im Falle des Szenarios A muss danach mit einem Wanderungssaldo von etwa 460.000 Personen pro Jahr gerechnet werden, damit genug Arbeitskräfte zur Verfügung stehen (vgl. Tab. 2).

Tabelle 2

Sollte die Produktivität weniger stark als im Szenario A ansteigen (bei gleichem BIP) muss die Zuwanderung höher ausfallen. Im Falle einer wirtschaftlichen Entwicklung wie im Szenario B würden im Mittel jährlich 570.000 Immigranten zusätzlich benötigt.

Wenn die Produktivitätssteigerung (wie im Szenario C) deutlich höher ausfällt und etwa dem prozentualen Zuwachs des BIP entspricht, steigt der Bedarf an Erwerbstätigen nicht weiter an, sondern bleibt konstant. Zur Abschätzung der demographischen Entwicklung kann in diesem Fall auf die Prognosevariante 21 des Statistischen Bundesamtes zurückgegriffen werden. Das bedeutet, dass jährlich etwa 311.000 ausländische Arbeitskräfte ins Land kommen müssen.

Wie wirken sich die unterschiedlichen wirtschaftlich-demographischen Entwicklungen auf die Zahl der Rentner aus? Die Antwort hängt wesentlich von der zukünftigen Lebenserwartung der Menschen ab. Es wird hier davon ausgegangen, dass Männer im Jahr 2060 durchschnittlich 84,4 Jahre und Frauen 88,1 Jahre alt werden. Das entspricht der mittleren Prognosevariante des Statistischen Bundesamtes (vgl. Tab. 1).

Die unterschiedlich hohen Zuwanderungsraten haben wenig Einfluss auf die Zahl der Rentner (vgl. Abb. 3). Steigt die Zahl der Immigranten von 311.000 auf 570.000 Personen jährlich, was einem Anstieg um 83% entspricht, so erhöht sich die Rentnerzahl im Jahr 2060 lediglich um 2%. Die Zahl zukünftiger Rentner kann folglich recht genau prognostiziert werden, vorausgesetzt die Lebenserwartung entwickelt sich wie angenommen.

Abbildung 3

Der schwache Effekt, den die Zuwanderung auf die Rentnerzahlen hat, wird nicht auf Dauer so bleiben. Irgendwann wird sich die hohe Zuwanderung auch hier bemerkbar machen. Es handelt sich um einen ähnlichen Zeitverzögerungseffekt wie bei den Babyboomern, die in den 1960er Jahren geboren wurden und die ab Mitte der 2020er Jahre verstärkt in Rente gehen werden.

Wichtig für die Finanzierbarkeit zukünftiger Renten ist allerdings nicht in erster Linie, wie sich die absolute Zahl der Rentner entwickelt, als vielmehr, wie viele Einwohner im Erwerbsalter ihnen gegenüberstehen. Die Relation dieser beiden Größen zueinander wird als Altersquotient bezeichnet. Der Quotient weist gegenwärtig einen Wert von 0.34 (2018) auf. Das bedeutet, dass im Mittel drei Erwerbstätige die Rente für einen Rentner aufbringen müssen. Der Wert wird in den nächsten Jahren ansteigen und im Falle einer Entwicklung wie im Szenario A im Jahr 2060 bei 0,42 liegen. Das entspricht einem Zuwachs um 24%.

Sollte die Produktivität in Zukunft schwächer respektive stärker ansteigen als im Szenario A angenommen, so würde auch der Altersquotient entsprechend schwächer oder stärker zunehmen und im Jahr 2060 bei 0,39 (Szenario B) bzw. 0,46 (Szenario C) liegen. Über den gesamten Zeitraum von 2018 bis 2060 gerechnet, entspräche das einem Zuwachs von 15% (Szenario B) bzw. von 35% (Szenario C). Ursächlich für die unterschiedlichen Altersquotienten sind die unterschiedlichen Zuwanderungsraten in den Szenarien. Denn je mehr Menschen ins Land kommen, desto stärker steigt die Zahl der erwerbsfähigen Einwohner und desto geringer wird der Altersquotient.

Die hier ermittelten Altersquotienten fallen deutlich geringer aus als allgemein angenommen wird. Das Prognos-Institut beispielsweise unterstellt in einer Studie für die Hans-Böckler-Stiftung in dem Referenzszenario einen Zuwachs um 63% zwischen 2015 und 2050.[3] Professor Börsch-Supan geht in seiner offiziellen Stellungnahme zum geplanten RV-Leistungsverbesserungs- und Stabilisierungsgesetz von einem Zuwachs um 72% aus (2015 bis 2060).[4] In einem Interview mit der Zeitschrift Capital im Oktober 2016 spricht er sogar davon, dass sich der Anstieg des Alterquotienten bis 2030 ungefähr verdoppelt. Professor Werding geht in der Referenzvariante seiner Studie zum demographischen Wandel von einem Anstieg des Altersquotienten um mehr als 80% aus (2015 bis 2060).[5]

Hauptursache für die unterschiedliche Einschätzung der weiteren Entwicklung des Altersquotienten ist, dass in den zitierten Studien der Einwanderungsaspekt nicht angemessen berücksichtigt wird. Zudem wird durchweg mit einer Regelaltersgrenze von 65 Jahren gearbeitet. Es überrascht, dass selbst in dem erst kürzlich vorgelegten Abschlussbericht der Rentenkommission, die von der Bundesregierung eingesetzt wurde, um Empfehlungen für einen verlässlichen Generationenvertrag zu erarbeiten, die weitere Entwicklung des Altersquotienten bis 2060 anhand einer Regelaltersgrenze von 65 Jahren diskutiert wird – so als hätte es die Entscheidung, die Altersgrenze bis 2030 auf 67 Jahre anzuheben, nie gegeben.[6]

Doch zurück zu den absoluten Rentnerzahlen. Betrachtet man die Entwicklung der Zahl der Rentner in Abhängigkeit von der Regelaltersgrenze, so erhält man die in Abbildung 4 dargestellten Kurvenverläufe. Im Unterschied zur Zuwanderung, die bis 2060 nur wenig Einfluss auf die Zahl der Rentner hat, wirken sich Änderungen beim gesetzlichen Renteneintrittsalter relativ zeitnah auf die Entwicklung aus.

Die dargestellten Kurvenverläufe basieren jeweils auf dem Szenario A. Für den Fall, dass das Rentenalter nicht weiter angehoben wird, sondern bei 67 Jahren verbleibt, steigt die Zahl der Rentner von 12 Millionen (1991) bzw. von 17 Millionen (2018) auf knapp 22 Millionen im Jahr 2060 an. Obwohl die Anhebung des Renteneintrittsalters von 65 auf 67 Jahre zwischen 2012 und 2030 den Anstieg der Rentnerzahlen dämpft, muss bis 2038 mit 4,2 Millionen zusätzlichen Rentnern gerechnet werden. Danach entspannt sich die Situation und die Zahl der Rentner nimmt bis 2060 kaum noch zu.

Betrachtet man den gesamten Prognosezeitraum von 2019 bis 2060, so stellt man überrascht fest, dass der jährliche Zuwachs an Rentnern mit durchschnittlich 112.000 Personen deutlich niedriger ausfällt als in der Vergangenheit. Zwischen 1991 und 2018 nahm die Zahl der Rentner im Mittel um 193.000 Personen jährlich zu, lag also fast doppelt so hoch. Das ist ein deutliches Indiz dafür, dass eine Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters zwischen 2030 und 2060 aus demographischen Gründen nicht erforderlich ist.

Abbildung 4

Wäre die Rente mit 65 beibehalten worden, so wäre die Zahl der Rentner ab 2011 stark angestiegen und bis 2038 auf 23,2 Millionen angewachsen und hätte im Jahr 2060 um 2,1 Millionen Personen höher gelegen als bei der Rente mit 67. Würde andererseits ab dem Jahr 2031 das Renteneintrittsalter schrittweise (bis 2060) auf 70 Jahre angehoben werden, so hätte das zur Folge, dass die Zahl der Rentner nicht nur relativ zurückgeht – d.h. bezogen auf die Rentnerzahl bei einem Eintrittsalter von 67 Jahren –, sondern auch absolut. Zwischen 2038 und 2060 würde sich die Zahl der Rentner von 20,5 Millionen auf 18,8 Millionen verringern.

Die steigende Lebenserwartung der Bevölkerung hat (in Verbindung mit der angenommenen positiven Geburtenentwicklung von 1,7 Kinder je Frau und den zu erwartenden, relativ hohen Zuwanderungszahlen) zur Folge, dass die Gesamtbevölkerung (unabhängig vom gewählten Szenario) in jedem Fall zunehmen wird. Im Jahr 2060 wird sie sich auf mindestens 86,1 Millionen Einwohner belaufen (Szenario C) und damit um 3 Millionen Einwohner über dem Wert des Jahres 2018 liegen (83,1 Millionen). Mit rückläufigen Einwohnerzahlen ist nur zu rechnen, wenn die Produktivität prozentual deutlich stärker ansteigen sollte als das Bruttoinlandsprodukt und als Folge davon weniger ausländische Arbeitskräfte ins Land kommen müssten.

Als Fazit lässt sich festhalten: Nicht der Anstieg der Zahl der Rentner wird das große soziale Problem der Zukunft sein, sondern die Frage, wie es gelingen kann, den Arbeitskräftebedarf der Wirtschaft zu befriedigen. Zumindest, wenn das gegenwärtige Produktionsniveau gehalten oder sogar gesteigert werden soll, die Produktivität jedoch mit dieser Entwicklung nicht Schritt hält. Dann müssten Jahr für Jahr sehr viele Menschen nach Deutschland einwandern, um die Wirtschaft am Laufen zu halten. Und das über einen Zeitraum von mehr als vierzig Jahren.

Sollte dieses Problem befriedigend gelöst werden, würde auch die zukünftige Rentenfinanzierung keine grundsätzlichen Probleme aufwerfen. Denn das gesetzliche Rentensystem ist robust und flexibel genug, sich verändernden Realitäten anzupassen – solange eine stabile wirtschaftliche Grundlage vorhanden ist und die gesetzliche Rente von der Politik in ausreichendem Maße unterstützt und gefördert wird.

Wer sich über den demographischen Aspekt hinaus grundlegender und umfassender mit der Rentenproblematik befassen möchte und daran interessiert ist, wie sich die gesetzliche Rente unter bestimmten Rahmenbedingungen bis zum Jahr 2060 weiterentwickeln könnte bzw. weiterentwickeln wird, sei auf das im Rhombos Verlag erschienene Buch „Die Rente im Spannungsfeld von Politik, Wirtschaft und Demographie“ verwiesen[7] sowie auf den Wirtschaftsdienst-Artikel „Das Rentensystem bedarf einer Kurskorrektur“.[8]

 


[1] Statistisches Bundesamt (Hrsg.): 14. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung. Wiesbaden 2019
[2] Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung (Hrsg.): Nachhaltigkeit in der Finanzierung sozialer Sicherungssysteme (Rürup-Kommission), Berlin 2003
[3] O. Ehrentraut, S. Moog: Zukunft der Gesetzlichen Rentenversicherung, Hans-Böckler-Stiftung, Study Nr. 345, Düsseldorf 2017
[4] A. Börsch-Supan: Stellungnahme zum Gesetz über Leistungsverbesserungen und Stabilisierung in der Gesetzlichen Rentenversicherung, Ausschussdrucksache 19(11)180neu des Deutschen Bundestages, Berlin 2018
[5] M. Werding: Demographischer Wandel, soziale Sicherung und öffentliche Finanzen, Bertelsmann-Stiftung, Gütersloh 2018
[6] Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Hrsg.): Bericht der Kommission Verlässlicher Generationenvertrag Band I – Empfehlungen, Stand: 27. März 2020, Berlin
[7] G. Eder: Die Rente im Spannungsfeld von Politik, Wirtschaft und Demographie. Datenbasierte Überlegungen zur Zukunft der gesetzlichen Rente. 2. Auflage, Rhombos Verlag, Berlin 2020
[8] G. Eder: Das Rentensystem bedarf einer Kurskorrektur, in: Wirtschaftsdienst, 99. Jg. (2019), H. 6, S. 425-431

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