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Corona-Krise | 07.04.2020

Die Entwicklungsländer und das Virus

Die globale Pandemie lässt fast niemanden aus. Es ist höchste Zeit, den Entwicklungsländern schnell und rigoros Hilfe zu leisten. Das ist möglich, wenn die Industrieländer auch hier ihre ökonomischen Dogmen schleunigst über Bord werfen.

Die Corona-Krise wird zu einem ganz besonderen Test für die herkömmlichen ökonomischen Doktrinen. Das gilt für Europa mit seiner (deutschen) Doktrin, dass die Zentralbank auf keinen Fall staatliche Budgetdefizite finanzieren darf. Wenn man sieht, wie die deutschen Politiker und die ihnen nahestehenden Ökonomen wie die Katze um den heißen Brei herumschleichen, hat man einen Eindruck von der dogmatischen Hitze des Themas, das sie verstummen lässt, sobald die Sprache darauf kommen müsste.

Noch viel gravierender in ihren Folgen sind dogmatische Tabus für die Entwicklungsländer. Für die meisten von ihnen ist die Bekämpfung der Krise wesentlich schwieriger, da das Ausmaß der benötigten Hilfe größer und die aus eigener Kraft verfügbaren Mittel geringer sind als in den Industrieländern: Es gibt keine vergleichbar funktionierenden staatlichen Institutionen, die einen Shutdown abfedern können. Zudem steht den meisten Menschen auf der Erde eine wesentlich schlechtere Gesundheitsversorgung zur Verfügung, während sie oft viel dichter zusammenleben – beides Faktoren, die die Ausbreitung des Virus und seine oft tödlichen Folgen begünstigen. Gleichzeitig sind die politischen und monetären Systeme bei weitem nicht so gefestigt wie in den Industrieländern. Angesichts des Potenzials an Leid und Schäden, die bei einer nicht angemessenen Reaktion der Wirtschaftspolitik in diesen Ländern drohen, ist es unausweichlich, dass die Industrieländer im eigenen Interesse diesen Ländern schnell und in großem Maßstab helfen.

Kapitalflucht verkraftbar

Als erstes kam es zu Kapitalflucht. UNCTAD belegt in einer der ersten Arbeiten zur Lage der Entwicklungsländer in der Corona-Krise eindrucksvoll, wie schnell und wie massiv sich die westlichen „Kapitalgeber“ aus dem Staub gemacht haben. Schon nach dreißig Tagen war der Nettoabfluss von Kapital aus allen Entwicklungsländern zusammen weit größer als in vorherigen Krisen inklusive der Finanzkrise von 2008/2009.

Das ist jedoch weniger dramatisch, als es scheint: Die Masse der Gelder waren sogenannte Portfolioinvestments, was nur ein wohlklingender Name ist für extrem kurzfristig und zumeist spekulativ angelegtes Kapital, mit dem versucht wird, in Form etwa von Aktien und Bonds und unter Ausnutzung von Währungsschwankungen Gewinne zu machen.

Sichtbar wird das im Anstieg der „spreads“ zwischen den langfristigen Zinsen der Entwicklungsländer und denen der Industrieländer sowie in der massiven Abwertung der Währungen vieler Entwicklungs- und Schwellenländer. Letzteres beinhaltet allerdings auch eine Chance – wenn die Industrieländer bereit sind, den Entwicklungsländern unmittelbar zu helfen –, die Finanzmärkte in Schach zu halten. Zudem sind die Rohstoffpreise (wiederum zum Teil auch nach einer spekulativen Überhöhung) stark gefallen. Das ist ein weiterer Negativfaktor, weil sie für viele Entwicklungsländer eine entscheidende Variable sind, wenn es um die heimischen Finanzen und die Verfügbarkeit von internationaler Währung durch Exporte geht.

Zentralbanken müssen agieren können

Für Europa und die USA ist mittlerweile den meisten Beobachtern klar, dass eine Abfederung des Schocks durch die Fiskalpolitik nur möglich ist, wenn die Geldpolitik die Fiskalpolitik mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln unterstützt. Im Kern: Der Großteil der finanziellen Mittel, über die Staaten in dieser Krise verfügen müssen, kommt direkt oder indirekt von deren Zentralbanken, wird also aus dem Nichts geschaffen.

Die Rolle der Zentralbanken ist dabei, den Spekulanten an den Anleihemärkten das Handwerk zu legen (die Financial Times nannte es: „Central banks have to beat back the bond vigilantes“): Sie setzen dabei ihr niedriges Zinsziel gegen jedweden Druck des Marktes durch und entziehen damit der Spekulation gegen ihre Staaten jegliche Basis. Auch in der EWU muss genau diese Taktik für alle Länder angewendet werden – was leider in Deutschland noch nicht verstanden beziehungsweise aus dogmatischen Gründen systematisch blockiert wird.

Für die Entwicklungsländer, die zwar eigene Währungen haben, deren Wechselkurse aber sehr stark von den Finanzmärkten bestimmt werden, gibt es diese einfache Lösung nicht. Es besteht bei monetär unterstützten großen fiskalischen Hilfsprogrammen die Gefahr, dass die Währungen weiter abstürzen, weil die „Märkte“ erwarten (und darauf spekulieren), dass sich selbst die jetzt erreichten niedrigen Wechselkurse im Verlauf dieser Krise nicht werden halten lassen.

Die Entwicklungsländer brauchen aber US-Dollars, weil sie in Dollars (privat und öffentlich) verschuldet sind und die Schulden bedienen müssen und/oder weil ihre Leistungsbilanzdefizite sie zwingen, für viele lebensnotwendige Güter inklusive medizinischer Ausrüstung US-Dollars an den Kapitalmärkten zu leihen. Ist ihre Währung jedoch unter starkem Abwertungsdruck, können sie (selbst bei hohen, aber naturgemäß endlichen Reserven an US-Dollars) eine Abwertungsspirale ihrer Währung nur verhindern, indem sie die heimischen Zinsen deutlich erhöhen.

Das ist aber genau das Gegenteil dessen, was ihre Wirtschaft in dieser Krise verkraften kann. Es gibt folglich in vielen der ärmeren Länder zusätzlich zum verordneten Stillstand der Wirtschaftstätigkeit eine Währungskrise. Dieser Konstellation das Etikett „globale Schuldenkrise“ anzuheften (wie hier Norbert Häring im Handelsblatt), ist wenig hilfreich, weil es das dringend einzusetzende Instrument der Verschuldung in Misskredit zu bringen droht.

Der Ausweg: Temporär feste Wechselkurse

Aus der Zwickmühle zwischen Zins und Wechselkurs gibt es einen einfachen Ausweg, der absolut naheliegend ist, wenn man sich über die herkömmlichen ökonomischen Dogmen hinwegsetzt. Um den Entwicklungsländern die in dieser Krise lebensnotwendige monetäre Freiheit zu geben, die für große Industrieländer nahezu selbstverständlich ist, muss man den Entwicklungsländern für die Zeit der Bekämpfung des Corona-Schocks – sagen wir: für die nächsten zwölf Monate – eine Wechselkursgarantie geben. Ihre Währungen sollten weiter gehandelt werden, aber einen bestimmten Wert zum US-Dollar oder zum Euro nicht unterschreiten.

Diese Garantie kann nur von den westlichen Ländern (in erster Linie den USA) kommen, weil nur die Feuerkraft von deren Zentralbanken die Finanzmarktakteure von der Glaubwürdigkeit der Garantie überzeugen wird. Sie wissen nämlich, dass sie niemals gegen die Zentralbanken der Länder gewinnen können, deren Währungen entscheidend für das Funktionieren der globalen Wirtschaft sind und die deshalb in einer Krise wie der gegenwärtigen automatisch unter Aufwertungsdruck stehen. Vertreten die westlichen Notenbanken diesen Kurs einmütig, werden sie kaum an den Märkten intervenieren müssen, um die festgelegten Wechselkurse zu fixieren.

Daher sollte auf der Ebene der G-20 unverzüglich beschlossen werden, dass es eine universale zwölfmonatige Garantie für alle Wechselkurse gibt, die zu einem zurückliegenden Stichtag (etwa dem 1. April) galten. Der Stichtag muss ein zurückliegender sein, damit nicht im Vorgriff auf die Garantie noch spekulative Geschäfte eingefädelt werden können. Dass ein solcher Termin und mit ihm die dann zu garantierenden Wechselkurse in gewisser Weise willkürlich sind, muss in Kauf genommen werden.

Genau der falsche Weg ist es, dass die USA über die Federal Reserve, wie bereits geschehen, einzelnen, ihnen nahestehenden Ländern Swaps einräumen – also die Möglichkeit, sich zu einem bestimmten Betrag in US-Dollar zu verschulden. Das ist angesichts der Dramatik der Lage nicht angemessen und führt obendrein zu zusätzlichen politischen Spannungen.

Unter dem Wechselkursschutz können fast alle Länder der Welt mit ihren eigenen Zentralbanken zunächst die Zinsen auf ein vernünftig niedriges Niveau bringen und dann mit einer Kombination von Geld- und Fiskalpolitik dafür sorgen, dass diejenigen im Lande unterstützt werden, die Unterstützung am dringendsten brauchen. Direkte Hilfen in US-Dollars sind für die Länder vorzusehen, deren Wirtschaften dollarisiert sind, wie es etwa in Ecuador und Panama der Fall ist. An dieser Aktion kann sich auch die Europäische Währungsunion unmittelbar für die Länder beteiligen, die ihre Währung lieber an den Euro binden. Da nicht zu erwarten ist, dass sich der Kurs des Euro gegenüber dem US-Dollar stark verändert, ist eine europäische Garantie nahezu so gut wie eine US-amerikanische.

Die besondere Verpflichtung der Länder mit Leistungsbilanzüberschüssen

Auch in dieser globalen Krise zeigt sich wieder, dass Länder mit Leistungsbilanzdefiziten von vorneherein in einer schlechteren Position sind, wenn sich die privaten Kapitalströme, aus welchem Grund auch immer, plötzlich umkehren. Asien etwa ist von der hier geschilderten Problematik kaum betroffen, weil die meisten Länder dort Leistungsbilanzüberschüsse aufweisen und ihre Währungen daher weniger unter Druck stehen. Die Vulnerabilität von Defizitländern schafft besondere Verpflichtungen der Überschussländer. Sie müssen an vorderster Front dafür sorgen, dass die Defizitländer bei der Bekämpfung der Pandemie nicht benachteiligt sind.

Das gilt für die Länder der Europäischen Währungsunion untereinander, das gilt aber auch im weltweiten Maßstab. Da nicht alle Länder der Welt Leistungsbilanzüberschüsse aufweisen können, ist eine Haltung in den Überschussländern á la „Was kann ich dafür, dass die anderen nicht so solide waren wie ich selbst?“ arrogant und dumm. Erstaunlich, dass sich in Deutschland selbst einige Befürworter europäischer Solidarität weigern, den unauflöslichen Zusammenhang zwischen der Lage von Überschuss- und Defizitländern zur Kenntnis zu nehmen (wie hier Thomas Fricke im Spiegel).

Kein Zweifel, die temporäre Wechselkursfixierung ist nur die notwendige, nicht aber die hinreichende Bedingung für eine rasche Überwindung des Corona-Schocks in den Entwicklungs- und Schwellenländern. Viele andere Hilfsmaßnahmen wie die Lieferung medizinischer Ausrüstung müssen hinzukommen. Wenn jedoch in Ländern, in denen auch in normalen Zeiten viele Menschen tagtäglich um ihr Überleben kämpfen, jetzt monetäres Chaos ausbricht und die Zinsen steigen, werden die Schäden, die vom Stillstand der Wirtschaft ausgehen, für Jahrzehnte nicht mehr gutzumachen sein.

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