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Corona-Krise | 02.04.2020 (editiert am 07.04.2020)

Die Stunde der Resilienz

Corona zeigt, wie störungsanfällig unsere globalisierte Wirtschaft ist. Eine zukunftsfähige, lebensdienliche Wirtschaft ist eine durch regionale Strukturen geprägte, kleinteilige Wirtschaft.

Resilienz bezeichnet die Eigenschaft von Systemen, mit akuten Gefährdungen oder krisenhaften Entwicklungen fertig zu werden und seine Systemfunktionen aufrechtzuerhalten. Das Ziel regionaler Resilienz ist, die Widerstandsfähigkeit von Regionen gegenüber externen Risiken und Krisen zu erhöhen.

Seit Jahren kritisieren wir die auf Kapitalverwertung, Konkurrenz und Wachstum ausgerichtete Form der ökonomischen Globalisierung, bei der sowohl die negativen sozial-ökologischen Effekte als auch die Netzwerkrisiken ausgeblendet werden. Insbesondere vor dem exponentiellen Ansteigen der Risiken in den hoch vernetzten Strukturen, die in einer einlinigen Form weiterentwickelt wurden, haben wir gewarnt.

Wie in der sowjetischen Zentralverwaltungswirtschaft haben sich Staaten mehr und mehr spezialisiert – China auf die Produktion von Massengütern, die USA auf IT-Dienste, Deutschland auf technische Produkte wie Maschinenbau oder Fahrzeugindustrie. Dieser einer liberalen Marktlogik folgende Prozess hat zu Abhängigkeits- und Ausbeutungsverhältnissen geführt und demokratische Werte beziehungsweise Strukturen unterminiert.

Seit Jahren fordern wir daher, dass unsere Ökonomie durch Entflechtung und Re-Regionalisierung resilienter werden muss, da unsere hochgradig globalisierte Wirtschaft mit ihren komplexen Wertschöpfungsketten und vernetzten Strukturen nicht krisensicher, sondern höchst störungsanfällig ist. Die Corona-Krise führt uns das nun vor Augen.

Bereits 2016 warnten wir, dass soziale, ökologische und ökonomische Krisen zukünftig abrupt und in globalem Maßstab auftreten werden. Heute müssen wir ökonomische Alternativen entwickeln, die regionale Resilienz fördern, sozial gerecht, demokratisch und gemeinwohlorientiert sind, deren Ziel die gesellschaftliche Versorgung mit sinnhaften Gütern und Dienstleistungen mit dem geringst möglichen Ressourceneinsatz ist. Eine zukunftsfähige, lebensdienliche Wirtschaft ist eine durch regionale Strukturen geprägte, kleinteilige Wirtschaft.

Corona zeigt – wie im Übrigen auch die aufziehende Klimakrise –, wie störungsanfällig unsere globalisierte Wirtschaft ist. Sie ist nicht zukunftsfähig, weil sie das Gegenteil von resilient ist. Regionale Resilienz basiert grundsätzlich auf drei Säulen: Möglichst hohe Selbstversorgungsquoten bei allem, was sich regional erbringen lässt, dezentrale Energieerzeugung und möglichst kurze Wertschöpfungsketten.

Nun ist genau das eingetreten, wovor wir gewarnt haben: dass eine erzwungene Mäßigung der Produktion und des Konsums unsere Wirtschaft unvorbereitet innerhalb auf Expansion ausgelegter Strukturen trifft. Corona zwingt uns derzeit zu einer eingeschränkten regionaleren Versorgung, zu einer Fokussierung auf die wesentlichen Güter des täglichen Bedarfs, zu weniger Mobilität, weniger Arbeit, weniger Produktion.

Eigentlich alles wünschenswert, wenn eben unsere ökonomischen Strukturen darauf ausgelegt worden wären. Doch da viele chinesische Fabriken über Wochen stillstanden und auch derzeit nur eingeschränkt arbeiten, fehlen Vorprodukte, Teile oder komplette Erzeugnisse, die hierzulande verarbeitet beziehungsweise verkauft werden. Gestört sind nicht nur Importe, sondern auch Lieferungen nach China.

Das trifft den Exportweltmeister Deutschland natürlich besonders hart. Unsere Wirtschaft ist nicht ausgelegt auf Regionalisierung und Schrumpfung. Sie ist von hoher Fremdabhängigkeit in einer globalen Ökonomie geprägt und auf einen hohen Energieaufwand in Form weltumspannender Beschaffung von Vorprodukten und Alltagsgütern angewiesen. Die Notwendigkeit, beträchtliche Mobilitätszwänge auf sich zu nehmen, um zum Arbeitsplatz zu gelangen oder sich mit Gütern des täglichen Bedarfs zu versorgen, sind kein Zeichen eines hohen Entwicklungsstandes eines ökonomischen Systems, sondern seines Versagens.

Zukünftige Veränderungen müssen deshalb darauf ausgerichtet sein, systemische Abhängigkeiten zu verringern und in neuen Strukturen gänzlich zu vermeiden.

Eine resilienzorientierte Strategie der Risikobeherrschung bedeutet eine grundlegende Transformation der Wirtschaftsweise hin zu einer bedürfnisorientierten Ökonomie. Die Konsequenz ist die regionale Re-Integration internationaler Wertschöpfungsketten. Die Exportorientierung muss schrittweise durch regional-wirtschaftliche Strukturen auf Basis regionaler Wirtschaftskreisläufe ersetzt werden. Wo heute die Orientierung auf dem Export liegt, wird morgen die lokale Versorgung im Mittelpunkt stehen. Kommunen müssen jene Produkte selbst erbringen, die die Menschen zum Leben brauchen und die regional produziert werden können.

Für die Zukunftsfähigkeit von Regionen ist nicht der Export aus der Region entscheidend, sondern die in der Region verbleibende Wertschöpfung – und diese ist stark davon abhängig, wie hoch der Anteil importierter Vorleistungen in den Exportprodukten ist. Daher ist das Ziel einer hohen Exportquote unsinnig, der Indikator sagt nichts über Wertschöpfung und Wohlstand der Region aus.

Das Entstehen globalisierter Ökonomien hat die Menschheit in ungekanntem Ausmaß miteinander vernetzt und voneinander abhängig gemacht – in einer kapitalorientierten Wirtschaft, die auf der billigen Verfügbarkeit fossiler Energieträger und anderer endlicher Ressourcen basiert.

Ähnliche Auswirkungen wie Corona wird in einigen Jahren die schrittweise Reduktion der globalen Erdölfördermenge mit sich bringen. Transport wird verteuert, globalisierte Wertschöpfungsketten erst problematisch, später unmöglich. Da 95 Prozent aller industriell gefertigten Produkte heute von der Verfügbarkeit von Erdöl abhängen, führt der Rückgang der maximalen Erdölfördermenge zu drastischen Veränderungen in den globalen Wertschöpfungsketten.

Seltsamerweise ist sich kaum jemandem des ganzen Ausmaßes der Abhängigkeit vom Erdöl bewusst. Erdöl ist nicht nur der Ausgangsstoff für die Produktion von Treib- und Schmierstoffen, sondern in fast allen Bereichen unseres Lebens zu finden: im Kunststoff, in Farben und Lacken, Vinylböden, Schaumstoffen, Matratzen oder Seifen, in der Kleidung, in Klebstoffen, Pharmazeutika, Verpackungen, usw. All diese Güter müssten nach Ende des Ölzeitalters auf der Grundlage nachwachsender Rohstoffe hergestellt werden. Eine Studie der Deutschen Bundeswehr zeichnet folgendes Szenario:

Der Anstieg der Rohölpreise verteuert energieintensive landwirtschaftliche Betriebsmittel wie Dünger und Pflanzenschutzstoffe sowie den Transport der landwirtschaftlichen Zwischen- und Fertigprodukte, was zu einer Verteuerung von Nahrungsmitteln führt. Der Verzicht auf erdölbasierte Dünger, erdölbasierte Pflanzenschutzmittel und maschinelle Bewirtschaftung führt wiederum zu einer drastischen Verringerung der Erntemengen. Angesichts des anhaltenden Bevölkerungswachstums verschärft sich die Problematik einer regionalen Nahrungsmittelunterversorgung bis hin zu Hungerkrisen. Steigende Ölpreise senken Konsum und Output, wodurch es zu Rezessionen kommt. Der steigende Anteil der Transportkosten verteuert alle gehandelten Waren, die Handelsvolumina gehen zurück. Staatshaushalte geraten unter extremen Druck, die Ausgaben für die Sicherstellung der Nahrungsmittelversorgung sowie Sozialausgaben konkurrieren mit den notwendigen Investitionen in Erdölsubstitute. Die Einnahmen des Staates sind durch die Rezession dabei erheblich gemindert. Es droht der Kollaps internationaler Wertschöpfungsketten. Die Anpassung der Wirtschaftsstrukturen wird mit Friktionen am Arbeitsmarkt einhergehen und zu hoher Transformationsarbeitslosigkeit führen.

„Mittelfristig bricht das globale Wirtschaftssystem und jede marktwirtschaftlich organisierte Volkswirtschaft zusammen.“ (Bundeswehr-Studie 2010, S.49)

Man muss es sich so vorstellen: Der gegenwärtige Zustand in Corona-Zeiten ist der zukünftige Dauerzustand unserer Wirtschaft: der dauerhafte Zustand von weniger Konsum, weniger Handel, weniger Produktion, weniger Mobilität. Es ist nicht schwer vorstellbar, dass dadurch das globale Wirtschaftssystem in seiner heutigen Form zusammenbricht. Was ist also zu tun?

Nehmen wir einmal an, wir hätten vor zehn Jahren einen Umbau unserer Ökonomie vorgenommen: Wir hätten Einkommen gerecht verteilt, die Versorgung regionalisiert, uns auf die notwendigen Güter und Dienstleistungen beschränkt, unsere Mobilität eingeschränkt und die Erwerbsarbeit in Form von Home- und Mobile Office so weit möglich dezentralisiert. Dann hätte die Corona-Krise nur zu sehr geringen Veränderungen geführt.

Da die nächste globale Krise nur eine Frage der Zeit ist, sollten wir mit diesem Umbau sofort beginnen, um beim nächsten Mal besser vorbereitet zu sein.

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