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BIP und Energie | 24.04.2020 (editiert am 28.04.2020)

Last exit Corona

Die Coronakrise führt dazu, dass in diesem Jahr die Klimaziele erreicht werden. Damit steht uns die Herausforderung des Klimawandels drastisch vor Augen: Auf absehbare Zeit jährliche Rückgänge des erreichten Wirtschaftsvolumens im Umfang der aktuellen Coronakrise.

„Jede wirtschaftliche Aktivität kann als Umwandlung des Zustands der Materie mit Hilfe von Energie angesehen werden.“ Mit diesem Satz hatten wir in Teil 1 unserer kleinen Serie die Behauptung aufgestellt, dass der Abschied von fossiler Energie wegen der damit verbundenen Produktivitätseinbußen (weniger Technik und Maschinen) nicht ohne Einfluss auf das Wirtschaftsvolumen (Entwicklung des BIP) bleiben wird.

In dem groß angelegten Realitycheck, den uns leider aktuell das Coronavirus beschert, können wir feststellen, dass der umgekehrte Zusammenhang jedenfalls zutrifft.

Die weltweite Schrumpfung des Bruttoinlandsprodukts infolge des Coronavirus führt zu dem für die Erreichung des 2-Grad-Ziels erforderlichen Rückgang der CO2-Emmissionen um 4% in 2020: Die Welt (und speziell auch Deutschland) schafft in diesem Jahr ihre Klimaziele!

Damit steht uns die Herausforderung des Klimawandels drastisch vor Augen: Auf absehbare Zeit jährliche Rückgänge des erreichten Wirtschaftsvolumens im Umfang der aktuellen Coronakrise – und kein neues CO2-trächtiges Wirtschaftswachstum zwischendurch.

Letzteres ist deshalb ein Problem, weil auch der für Deutschland zu Recht angemahnte energetische Umbau der Industriegesellschaft Energie (und Ressourcen) erfordert. Hierzu sofort auf fossile Energieträger zu verzichten, den energetischen Umbau also ausschließlich mit erneuerbaren Energien zu bewerkstelligen, erscheint angesichts der zentralen Rolle, die fossile Energieträger weltweit und hierzulande immer noch spielen, kaum vorstellbar.

Andererseits gerät die Schiefererdölproduktion in den USA, die seit der erfolgten Überschreitung von peak oil für konventionell gefördertes Erdöl im Jahre 2008 den für die wirtschaftliche Entwicklung unabdingbaren Zuwachs an Erdöl liefert und die USA zum größten Erdölproduzenten weltweit machte, mit dem Preisverfall in der Coronakrise massiv unter Druck – bis hin zu negativen (!) Preisen für Erdöl.

Ob die Schiefererdölproduktion je rentabel war, ist ohnehin fraglich. 2019 stagnierten die Brancheninvestitionen, offenbar weil Investoren und Kreditgeber den erwarteten Gewinnen nicht länger hinterherlaufen wollten. Der dauerhafte Preisverfall für Erdöl wegen des Nachfragezusammenbruchs in der Coronakrise könnte damit das Aus für die Schiefererdölindustrie bedeuten – wenn die US-Regierung sie sterben lässt. Die hochgesteckten Erwartungen einer erforderlichen Verdoppelung der Schieferdölproduktion bis 2025 für die Deckung des vor der Coronakrise ermittelten weiterhin steigenden Welterdölbedarfs sind aber so oder so nicht mehr zu erfüllen.

Der energetische Umbau der Industriegesellschaft ist also doppelt unabweisbar: Aus klimatischen Gründen und weil Erdöl endgültig knapp wird.

Kann der erforderliche jährliche Rückgang der Treibhausgasemissionen durch gleichzeitiges Wachstum der eneuerbaren Energien ohne Einsatz fossiler Energie energetisch kompensiert werden? Wenn ja, wäre das der Schlüssel, um notwendigen Schrumpfungen im Ausmaß wie durch die Coronakrise zur Vermeidung der Klimakatastrophe zu entgehen bzw. die notwendige Wachstumsumkehr durch „grünes Wachstum“ zu kompensieren.

Gleichgültig, ob dies vollständig gelingen kann oder nicht: Auf den Weg zum Ziel – jährlicher Nettoersatz der Fossilen durch Erneuerbare im Umfang des durch die Corankrise eingetretenen Rückgangs der CO2-Emmissionen – müssen wir uns sofort machen. Der erforderliche radikale Umbau muss Bestandteil der Bewältigung der wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise sein: Last exit Corona!

Glaubt man der von Ursula von der Leyen geführten Europäischen Kommission, ist die hier geführte Diskussion allerdings glatt überflüssig. Mit ihrem Vorschlag für eine „Verordnung zur Schaffung eines Rahmens für die Verwirklichung der Klimaneutralität“ präsentiert sie ein leuchtendes Zukunftsszenario, wie man es sich sogar in der Sowjetunion nicht besser hätte wünschen können. Zitat:

In der Mitteilung über den europäischen Green Deal wurde eine neue Wachstumsstrategie vorgestellt, mit der sich die EU zu einer fairen und wohlhabenden Gesellschaft mit einer besseren Lebensqualität heutiger und künftiger Generationen und einer modernen, ressourceneffizienten und wettbewerbsfähigen Wirtschaft wandeln soll, in der im Jahre 2050 keine Netto-Treibhausgasemissionen mehr freigesetzt werden und das Wirtschaftswachstum von der Ressourcennutzung abgekoppelt ist. Mit dem europäischen Green Deal bekräftigt die Kommission ihr ehrgeiziges Ziel, Europa bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent zu machen.

Konkrete Vorschläge, wie ab 2050 CO2-neutrales produktives Wachstum ohne zusätzlichen Ressourcenverbrauch, also unmittelbar durch Sonne, Wind und Wasser ohne bislang hierzu erforderliche Technik und sonstige Materie verwirklicht werden soll, enthält die Verordnung nicht. Die Mitgliedstaaten sind aufgefordert, zielführende Vorschläge zu unterbreiten. Darüber hinaus hat der russische Staatsbürger Grigori Potjomkin der Kommission seine Mitarbeit angeboten.

Hervorzuheben ist auch der Finanzierungsplan für den European Green Deal, mit dem das europäische Umweltprogramm durch private Investoren finanziert werden soll. Die derzeitige Aussetzung der nationalen Defizitgrenzen durch die Kommissionspräsidenten und das Coronakrisenankaufprogramm der EZB sollen nach Ende der Coronakrise allerdings keinesfalls fortgesetzt werden. Was sind schon Klimaziele gegenüber der Einhaltung der von Deutschland bestimmten Regeln des Eurostatuts?

Im nächsten Teil betrachten wir, wie die Alternative zur Marktlösung für das 21. Jahrhundert aussieht.

Weitere Teile dieser Serie

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