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Modern Monetary Theory | 17.04.2020 (editiert am 20.04.2020)

MMT ≠ Helikoptergeld

Im Zuge der Coronakrise häufen sich Berichte über die MMT. Ihre Grundidee wird dabei oft mit dem Begriff des „Helikoptergelds“ dargestellt. Ein Irrtum.

Die Tatsache, dass der Modern Monetary Theory (MMT) größere mediale Aufmerksamkeit zukommt ist zu begrüßen. Jedoch ist die Berichterstattung häufig von Aussagen über die MMT geprägt, die nicht korrekt sind und den interessierten Leser in die Irre führen. Tatsächlicher Kerninhalt der MMT ist die Beschreibung der Funktionsweise des Geldsystems, die zeigt, dass darin dem Staat als Schöpfer der Währung eine zentrale Rolle zukommt. Dabei wird deutlich, dass Geld vom Staat ausgegebene Steuergutschriften sind, über die er selbstverständlich in unbegrenzter Menge verfügt. Daher kann es nicht sein, dass ein Staat in seiner eigenen Währung zahlungsunfähig werden muss.

Das Handelsblatt titelte kürzlich „Bargeld für die Bürger: Ökonomen loben das Helikoptergeld“. Darin wird das Helikoptergeld mehrfach als politische Handlungsempfehlung der MMT dargestellt. Das Helikoptergeld wird dabei wie folgt charakterisiert:

„Die Notenbank schafft neues Geld und stellt jedem Bürger einen Scheck aus. Um im Bild zu bleiben, kreist sie mit dem Hubschrauber über Städten und Dörfern und wirft Scheine ab. Damit können sich die Menschen dann kaufen, was immer sie wollen – und schieben so das Wachstum an. […] Bislang findet sich das Konzept vor allem in Lehrbüchern. In der Praxis schreckten Notenbanken bisher davor zurück – vor allem aus Angst, die Grenzen zwischen Geld- und Finanzpolitik zu verwischen.“.

Die Verbindung zur MMT wird dann wie folgt hergestellt:

„Befürworter des Helikoptergeldes wollen Geld- und Finanzpolitik stärker verzahnen. In den USA sind dabei die Verfechter der Modern Monetary Theory (MMT) am radikalsten. Ihre Vorstellungen laufen letztlich auf eine Umkehr der Rollen von Geld- und Fiskalpolitik hinaus […]. Ihrer Meinung nach sollte die Notenbank alle Staatsausgaben finanzieren.“

Was sagt der Mainstream?

Interessant ist der Verweis darauf, dass sich das Konzept bislang vor allem in den Lehrbüchern fände. Wenn wir in die aktuellen Lehrbücher der Makroökonomik hineinschauen, wird uns vermittelt, dass sich der Staat über drei Wege finanzieren könne, und zwar: 1) über Steuern, 2) über Staatsanleihen, also den Verkauf von Anleihen an den Kapitalmarkt und 3) über die Druckerpresse, also das Schaffen von neuem Geld durch die Zentralbank. Dabei sei allerdings nur die erste Option „nachhaltig“, denn der Staat funktioniere wie ein Haushalt und letztlich seine Ausgaben durch entsprechende Einnahmen „decken“. Option 2 würde zum Auftürmen von Staatsschulden führen und daher langfristig eine Belastung für die nachfolgende Generation darstellen. Option 3 müsse eigentlich immer in Hyperinflation enden.

Angesichts der gegenwärtigen Krise und der weit verbreiteten Schuldenphobie, erwägt der Mainstream nun aber doch – trotz aller Zweifel – Helikoptergeld zu befürworten. Mit der MMT  haben solche Vorschläge aber freilich nichts zu tun.

Der Kontrast zur MMT

Aus Perspektive der MMT ist eine solche Darstellung und Argumentation irreführend. Denn nach der MMT führt jede Staatsausgabe zur Schaffung von neuem Geld und jede Besteuerung zur Vernichtung von Geld. Optionen 1 und 2 aus den aktuellen Lehrbüchern sind also nicht möglich. Lediglich Option 3 ist eine reali­stische Beschreibung der monetären Zusammenhänge. Der Kontrast zwischen Mainstream und MMT könn­te also größer nicht sein.

Der Staat kann seine Ausgaben im funktionalen Sinne nicht „finanzieren“, denn diese kann er nur mit sei­nen eigens herausgegebenen Mitteln, der staatlichen Währung, bezahlen. Wenn der Staat Ausgaben tätigt, erhöht die Zentralbank das Zentralbankguthaben der Geschäftsbank des Zahlungsempfängers. Die Geschäftsbank wiederum kreditiert das Giralgeldkonto des Zahlungsempfängers. Da hierdurch die Menge an Zentralbankgeld (auch Reserven genannt) im Interbankensektor steigt, würde die Staatsausgabe ceteris paribus (alles andere konstant gehalten) einen abwärts gerichteten Druck auf den Interbankenzins erzeu­gen. Die Zentralbank, deren wichtigstes Instrument der Geldpolitik eben die Festlegung und Steuerung dieses Zinses ist, möchte verhindern, dass der Interbankenzins von ihrem Ziel abweicht. Um diesen ab­wärts gerichteten Druck durch den Überschuss an Zentralbankgeld im Bankensektor zu sterilisieren, wer­den Staatsanleihen verkauft. Der genaue Prozess unterscheidet sich je nach Landeskontext, nimmt aber keinen grundlegenden Unterschied auf das Endresultat. Wie dies in der Praxis aussieht, wird von Günther Gru­nert hier sehr gut beschrieben.

In den meisten Ländern, wie z.B. in der Eurozone oder auch in den USA, verlangt die Geldverfassung, dass das Finanzministerium zuerst Anleihen an den Kapitalmarkt verkauft, bevor es Ausgaben in Höhe der Anleihen tätigt ― sprich: das Finanzministerium darf sein Konto bei der Zentralbank nicht überziehen. Die Zentralbank versorgt den Kapitalmarkt über Offenmarktgeschäfte oder Kredite (oftmals in Form sogenannter Repurchasing Agreements, kurz: Repos) mit Zentralbankgeld. Das Finanzministerium verkauft Anleihen an den Kapitalmarkt, tauscht also Anleihen gegen Zentralbankgeld, das es dann bei der Tätigung der Staatsausgabe wieder in den Bankensektor injiziert. Der Bankensektor nutzt das ihm dann wieder zufließende Zentralbankgeld und tilgt damit seinen Kredit bei der Zentralbank.

Alternativ könnte die Zentralbank dem Staat die Anleihen auch direkt gegen Zentralbankgeld abkaufen. Eine derartige Interaktion zwischen Finanzministerium und Zentralbank wurde gerade in Großbritannien beschlossen (siehe hier). Das führte allerdings ebenso zu einem Überschuss an Zentralbankgeld im Interbankenmarkt und brächte den Zins unter Druck, sodass die Zentralbank die Anleihen dann doch wieder an die Banken verkaufen würde, um das überschüssige Zentralbankgeld abzuziehen. Die Unterschiede zwischen direkter und indirekter „Staatsfinanzierung“ sind also, anders als angenommen, aus funktioneller Sicht marginal.

Der Fall des Helikoptergeldes

Betrachten wir nun die Ausgabe von Geld als Helikoptergeld. Da auch hier die Zentralbank die Zentralbankkonten der Geschäftsbanken der Zahlungsempfänger erhöht, entstünde genau wie in den vorigen Beispielen ein Überschuss an Zentralbankgeld im Interbankensektor und übte Druck auf den Interbankenzins aus. Auch beim Helikoptergeld wäre die Zentralbank also gezwungen, diesen Überschuss mit dem Verkauf von Staatsanleihen zu kompensieren ―sofern sie nicht die Kontrolle des Interbankenzinses aufgibt bzw. ein Absinken auf den Zins der Einlagefazilität akzeptiert (sofern dies noch nicht der Fall war) oder alternative Wege nutzt, um die erhöhte Menge an Zentralbankgeld wieder aus dem Interbankenmarkt abzuziehen..

Wir sehen: Ob direkte Staatsfinanzierung, indirekte Staatsfinanzierung oder „Druckerpresse“ ― in allen Fäl­len führen Staatsausgaben zu einer Erhöhung der Zentralbankkonten der Banken und einer Erhöhung der Giralgeldkonten der privaten Nichtbanken. Staatsanleihen haben demnach keine Finanzierungsfunktion, sondern sind ein Instrument der Zinssteuerung.

Fazit

Die MMT liefert eine Beschreibung des Geldsystems und ist in gleicher Weise für alle möglichen Wege der Tätigung von Staatsausgaben gültig. Zwar ließe sich mit einer durch die MMT informierten Auffassung argumentieren, dass es bessere Wege gäbe, den Interbankenzins zu stabilisieren ― etwa, indem über­schüssige Reserven im Interbankenmarkt gelassen würden, sodass bei einem ständigen und ausrei­chenden Überschuss an Reserven der Einlagezins dem Interbankenzins entspräche ―, aber die mediale Darstellung, dass das Helikoptergeld eine Forderung der MMT oder eine zu präferierende Methode sei, wird der Sache nicht gerecht. Wie gezeigt, entbehrt vor allem der Satz „Ihrer Meinung [der MMT] nach sollte die Notenbank alle Staatsausgaben finanzieren“ jeglicher inhaltlichen Grundlage und ist aus MMT-Perspektive absurd.

Die Vorteile des Helikoptergeldes wären wahrscheinlich eher politischer Natur, da damit die Schulden­grenze, die sich nur auf ausstehende Staatsanleihen bezieht, und die verbreitete und verfestigte Auf­fassung, dass Staatsschulden des Teufels wären (siehe hierzu auch diesen Beitrag), umschifft werden könnten.

Ferner sei noch angemerkt, dass die Unterscheidung zwischen Geld- und Fiskalpolitik häufig davon ab­hän­gig gemacht wird, welche Institution die politische Handlung ausführt. Sinnvoller wäre allerdings eine funk­tionale Unterscheidung vorzunehmen. Demnach würde die Ausgabe von Staatsanleihen unter die Geld­politik und Ausgeben von „Helikoptergeld“ unter die Fiskalpolitik fallen.

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