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Corona-Krise | 17.04.2020 (editiert am 21.04.2020)

Philosophie in Zeiten von Covid-19

Zeigt die Coronakrise nicht auch, dass unsere Normalität vor Corona schon sehr veränderungsbedürftig war? Werden die jetzigen Erfahrungen dazu führen, dass sich alles zum Besseren wendet? Oder landen wir am Ende in der Dystopie eines Polizeistaates?

“I am aware human being is not made to learn the lesson needed from the Coronavirus. Soon people will forget. I know. This is what happen after every war. Anyway, … “ Elijah J Magnier

Covid-19. Realität. Und doch kommt man sich vor wie in einem schlechten Film, und hofft, dass er bald endet. Viele Menschen sind aus unterschiedlichen Gründen erregt und extrem besorgt, vielleicht sogar panisch, oder wütend. Es brodelt in den alternativen und konventionellen Medien und auch im Zwischenmenschlichen. Personen, Medien, die man als vertrauenswürdig betrachtet hat, erscheinen einem plötzlich als fragwürdig, Menschen, die man als Gleichgesinnte betrachtet hat, sind plötzlich völlig anders unterwegs als man erwartet hat. Ich möchte mir die Ohren zuhalten vor all dem Getöse und die physische Isolation durch den totalen Kommunikationsstopp ergänzen.

Und doch will ich wissen, verstehen, wie es zu dieser Situation kommen konnte. Ob die Regeln, denen wir uns gerade unterwerfen, diejenigen sind, die uns von der Fiktion wieder in die Realität führen werden. Und wie lange wir noch in diesem Film ausharren müssen.

Aber welche Realität? Zeigt die Situation denn nicht auch, dass unsere Normalität vor Corona schon sehr veränderungsbedürftig war? Werden die jetzigen Erfahrungen dazu führen, dass sich alles zum Besseren wendet? Oder landen wir am Ende in der Dystopie eines Polizeistaates, in dem wir allen möglichen Zwangsmaßnahmen unterworfen werden, und alle Ungerechtigkeiten und die Kritik dagegen mit Gewalt unterdrückt werden?

Ich will versuchen, mich – zumindest für eine Weile – von der allgemeinen Aufregung zu lösen, und in Ruhe darüber nachdenken, was das alles bedeutet.

Philosophie

Alle sind Irre; aber wer seinen Wahn zu analysieren versteht, wird  Philosoph genannt. –  Ambrose Bierce

Covid-19 zwingt uns alle dazu, uns mit der Möglichkeit unseres Todes zu beschäftigen. Natürlich ist dieser eigentlich auch sonst allgegenwärtig. Natürlich sterben immer noch viel mehr Menschen an anderen Ursachen und Krankheiten. Aber die sind entweder nicht ansteckend, oder vermeidbar, indem man sich angemessen schützt oder seinen Lebensstil ändert. Das kann man sich jedenfalls einbilden und so leichter das Unvermeidbare verdrängen.

Jetzt kann ich mich / können sich meine Lieben jederzeit anstecken, und den Verlauf der Krankheit haben wir nur bedingt in der Hand. Es können leichte Symptome sein oder lebensbedrohliche, sodass wir medizinische Versorgung brauchen. Wenn dann ein Infizierter schon zwei bis drei andere angesteckt hat und exponentiell so weiter, dann ist auch der gesellschaftliche Verlauf nicht zu stoppen, und ich erhalte diese unter Umständen nicht. Auch dann nicht, wenn ich ‚nur‘ Krebs habe.

Nein, es ist nicht die Pest. Aber das Virus SARS-CoV- 2 erinnert uns daran. Und es erwischt nicht nur die armen Schlucker sondern auch Prinz Prospero, der sich mit seinem lustigen Gefolge in die Quarantäne zurückgezogen hat und gegen die Langeweile rauschende Feste feiert. Und auch Boris Johnson, der nun seine Liebe zum staatlichen britischen Gesundheitssystem, dem NHS, entdeckt hat. Das mit der Verdrängung funktioniert gerade nicht mehr.

Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das sich seiner individuellen Sterblichkeit bewusst ist.

Demgemäß suchen wir alles zu kontrollieren, was unser Überleben ermöglicht und das Sterben verhindert. Und wir sind dabei weit gekommen. Die Zahl der Menschen auf dieser Welt hat sich vervielfacht, ebenso wie die individuelle Lebenserwartung sich wesentlich erhöht hat.

Die ultimative Kränkung des Todes bleibt.

Denn wie anders könnte ein Wesen, das durch das Kosten der Früchte vom Baum der Erkenntnis dem ‚lieben Gott in die Karten geschaut‘ hat (frei nach Einstein), die Tatsache empfinden, dass es am Ende doch nicht Gott ist?

Nichts anderes erzählt uns die Geschichte von Adam und Eva als Stammeltern der Menschheit und ihrer Vertreibung aus dem Paradies (vergl.1. Buch Moses). Die Vertreibung aus dem Garten Eden symbolisiert die Trennung der Menschheit vom Schöpfer / von der Schöpfung durch das Bewusstsein des eigenen Seins und also der Möglichkeit des Nicht-(mehr-)Seins.

Die Strafe für diesen Sündenfall war, dass wir Menschen nun unter Schmerzen nackt in eine feindliche Umwelt geboren werden, im ‚Schweiße unseres Angesichts unser Brot essen‘ müssen, bis wir am Ende – oft auch unter Schmerzen – wieder ‚zu der Erde werden‘, von der wir ‚genommen wurden‘.

Der Mensch folgt nun nicht mehr nur dem biologischen Programm, was immer dieses sein mag, sondern entwickelt sich in einem ganz anderen Kontext, dem der Arbeit, des Wissens und der Gesellschaft.

Denn trotz der Ursünde – oder, da sie ja nun einmal begangen wurde, und Gott das Beste daraus machen wollte? – bekamen ja die beiden Urmenschen den Auftrag fruchtbar zu sein, sich zu mehren und die Erde untertan zu machen. Die Geschichte erzählt, wie auf der Basis der unterschiedlichen Berufe, die die Kinder und Kindeskinder Adam und Evas ergriffen, komplexe Gesellschaften entstanden, die nicht nur Landwirtschaft betrieben sondern auch befestigte Städte schufen, in denen Handwerk und Handel blühten, wie also eine wirtschaftliche und soziale Ordnung entstand.

Als Gemeinschaft bewusstseinsbegabter Lebewesen muss die Menschheit nun fortwährend die folgenden Entwicklungsaufgaben bewältigen, auch wenn wir in jeder Phase unserer Entwicklung, je nachdem in welcher Gesellschaft wir leben und welchen Platz wir darin einnehmen, und auch individuell, recht unterschiedliche Lösungen gefunden haben:

  • Eine Beziehung zum natürlichen Umfeld herstellen,
  • Erarbeitung des Lebensunterhalts,
  • Gestaltung der menschlichen Gemeinschaft,
  • Lenkung dieser Gemeinschaft,
  • Erarbeitung, Sammlung und Weitergabe des Wissens über alle Bereiche unseres Lebens,
  • Umgang mit dem Spannungsfeld zwischen individueller Sterblichkeit und Überleben der Gemeinschaft im Universum.

Es versteht sich von selbst, dass alles mit allem zusammenhängt. Und dass wir kulturell viele Ausdrucksmöglichkeiten gefunden haben, diese Dinge zu leben und zu kommunizieren.

Die menschliche Gemeinschaft bewusstseinsbegabter Wesen ist nicht nur eine Getriebene. Ihre Mitglieder treffen Entscheidungen und beeinflussen so, was geschieht. Das bedeutet im Bild der Bibel, dass sie auch Entscheidungen treffen können, mit denen sie sich entweder an der Schöpfung bzw. dem Schöpfer versündigen. Oder die Regeln der Gemeinschaft verletzen, und damit den Mitmenschen – wiederum willentlich – Unrecht tun. Für die Versündigung an der menschlichen Gemeinschaft steht Kain mit dem Mord an seinem Bruder Abel.

Dr. Raphael M. Bonelli stellt dies auf die Psychologie der einzelnen Menschen bezogen folgendermaßen dar: Unser Verhalten ergibt sich aus dem Zusammenspiel von Bauch, Kopf und Herz. Mit dem Bauch spulen wir unser genetisches Programm ab, und reagieren emotional auf die Umweltreize, seien diese nun natürlich oder gesellschaftlich bedingt. Der Bauch sucht Lust und will Unlust vermeiden. Mit dem Kopf interpretieren wir diese Gefühle und analysieren alles, was uns begegnet. Das Herz integriert Bauchgefühl und Kopfanalysen und entscheidet. Kain hätte Abel nicht töten müssen. Wir wissen nicht, ob er mit dem Mord seinem Bauchgefühl gefolgt ist, oder ob der Kopf seinem Herzen gesagt hat, dass er seinen Bruder töten müsse, da sonst …. In jedem Fall stellt sich die Frage, ob die Entscheidung richtig oder falsch war, welche Werte es somit sind, die befolgt werden (sollten).

Unser Temperament sei vorprogrammiert, aber wir können an unserem Charakter arbeiten, sagt Bonelli. Es käme dabei auf drei Dinge an, nämlich darauf, eine innere Ordnung zu entwickeln, mit anderen zu kooperieren und unserem Leben einen Sinn zu geben, der nicht nur um uns selbst kreist. Wie einfach das doch klingt, und wie schwierig es doch ist.

Es mag sich lohnen, so denke ich, diese Sichtweise auch auf Gesellschaften oder deren Teile anzuwenden.

Aus der Fähigkeit zur Erkenntnis, ergeben sich die Fähigkeit und der Zwang, Willens-Entscheidungen zu treffen und daraus die Notwendigkeit von Wertmaßstäben.

Nach welchen Regeln wird gespielt, und woher kommen diese? Im Bild der Bibel stammen sie von Gott, und der ist es auch, der die Menschen dazu anhält, sowohl die Regeln der göttlichen Ordnung / der Schöpfung als auch die der menschlichen Ordnung zu respektieren, die Menschen bestraft, ihnen aber auch verzeiht und neue Hoffnung gibt. Denn am Ende wird die aus dem Paradies vertriebene Menschheit wegen ihres sündigen Lebens durch eine Naturkatastrophe  – die Sintflut – vernichtet. Noah und seine Familie, jedoch, bekommen im Zeichen des Regenbogens die Chance für einen Neuanfang.

Ob wir uns nun auf die zehn Gebote oder die Erklärung der Menschenrechte und die Charta der Vereinten Nationen berufen wollen, unabhängig davon, ob wir an einen richtenden Schöpfer oder möglicherweise die Rache der Natur glauben oder nicht, könnten wir uns heute fragen, ob diese Chance vertan wurde. Denn Atombombe und Umweltzerstörung sind menschengemachte Bedrohungen unserer Lebensgrundlagen und könnten damit ohne Weiteres als Versündigung an der Schöpfung interpretiert werden. Alle irdischen Anstrengungen zur Überwindung des Todes enden doch wieder dort; individuell sowieso – aber auch für unsere gesamte Art? Ist also alles eitel? Landen wir von der Hybris nun direkt in der Depression?

Oder verweist uns dies nicht viel mehr darauf, dass nur ‚gut‘ lebt, wer seine Grenzen akzeptiert, und dem es gleichzeitig gelingt, für Dinge einzustehen, die über die individuellen Grenzen hinausweisen, seien es nun Mitmenschen, Sachen oder Überzeugungen? Dass also ‚wahres‘ Menschsein bedeutet, dem Regenbogen zu folgen.

Covid-19

Aber zurück zum Virus SARS-CoV-2 und der Krankheit, die es verursacht. Plötzlich stehen alle Bereiche unseres Lebens – die Art und Weise also, wie wir unsere Entwicklungsaufgaben bewältigen – auf dem Prüfstand. “Mother nature is a brutal bitch, red in tooth and claw, who destroys what she creates,” schrieb Ernest Becker. So will es scheinen. Eine organische Einheit, nicht einmal ein Lebewesen, führt dazu, dass wir unsere Welt lahmlegen. Wahrscheinlich haben wir durch unsere Lebensweise oder Ernährungsgewohnheiten die Entstehung des Virus begünstigt. Es ist eine reale Bedrohung unseres Lebens, und das macht uns Angst. Es bringt unsere Wertmaßstäbe durcheinander, verführt zu Schuldzuweisungen und der Erzeugung von Feindbildern, zum Beispiel zur Verurteilung für uns fremder kultureller Gewohnheiten.

Es stellt unser Wirtschaftssystem an allen Ecken und Enden in Frage, genauso wie unsere Sozialsysteme. Es stellt alle Regierungen vor große Herausforderungen; und die Experten, auf deren Urteile sie bei ihren Entscheidungen angewiesen sind, ebenfalls.

Das Virus bringt jedoch Regierte dazu, die Vertrauensfrage zu stellen, nicht nur den Regierenden sondern auch der Wissenschaft und den Medien, auf die wir angewiesen sind, wenn wir uns informieren wollen. Denn hätte denn nicht Vieles im Vorfeld verhindert werden können? Gleichzeitig werden die Reichen und Mächtigen dazu verführt, die Gelegenheit auszunutzen, um sich zusätzlich zu bereichern und ihre Macht auszubauen. Viele Stimmen werden laut, die vor Panikmache warnen, die Gefahr für übertrieben oder sogar für erfunden halten, um genau das zu erreichen. Der Ruf ‚Krieg den Palästen – Friede den Hütten‘ ist schon leise zu hören.

Auch international geht es um Krieg und Frieden, nicht nur unter der Annahme, das Virus sei das Ergebnis von schiefgegangenen Biowaffen-Versuchen oder sogar bewusst als Biowaffe in die Welt gesetzt worden, was die EU für gezielte Desinformation hält. Plötzlich steht eine Weltmacht ohnmächtig da, aber wehe dem, der das laut ausspricht: „Ein Flugzeugträger der stärksten Macht der Erde mit 70 Kampfjets und 5000 Soldaten an Bord schreit um Hilfe, ach und da helfen keine Atombomben?“ twittert E.J.Magnier.

Schließlich aber gibt es keine/n von uns, der/die sich in dieser Situation nicht der Frage stellen müsste, wie wir mit der Gesundheitsbedrohung und all den Ängsten vor den möglichen Folgen der Krise umgehen sollen, was das richtige persönliche Verhalten uns selbst und den Mitmenschen gegenüber ist, und welche Bedeutung in dieser Welt wir haben können und wollen.

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