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Corona in den USA | 01.05.2020 (editiert am 08.05.2020)

Amerika probt schon mal die Wiedereröffnung der Wirtschaft

Charakter und Ausmaß der Krise werden von vielen noch immer nicht gewürdigt. Doch schon macht sich Ungeduld breit. Als sei staatliche Willkür und nicht die tobende Pandemie an der Krise schuld, mehren sich im Namen der Freiheit Proteste gegen die Ausgangssperre.

Der Internationale Währungsfonds hat in seinem jüngsten Ausblick zur weltwirtschaftlichen Entwicklung den wirtschaftlichen Einfluss der Coronavirus Pandemie unter dem Titel „Die große Ausgangssperre“ (The Great Lockdown) besprochen. Die Projektionen des IWF zur US Wirtschaft zeigen für das laufende Jahr eine erhebliche Schrumpfung um rund sechs Prozent, gefolgt von einer auch im nächsten Jahr nur unvollkommenen Erholung.

Der Einbruch am amerikanischen Arbeitsmarkt übertrifft die globale Finanzkrise und „Große Rezession“ von vor gut zehn Jahren deutlich und ähnelt eher der Großen Depression der dreißiger Jahre. Was damals vier Jahre brauchte, geschieht heute allerdings in gut vier Wochen. Einige Gouverneure von US Bundesstaaten wollen dieser Entwicklung nicht weiter tatenlos zusehen und erproben die Wiedereröffnung der Wirtschaft. Amerika hat die Bekämpfung der Coronavirus-Gesundheitskrise gründlich vermasselt. Jetzt droht neues Versagen und noch größerer volkswirtschaftlicher Schaden.

Amerika hat sehr spät auf die Ausbreitung des Coronavirus reagiert. Man hat lange gar nicht oder nur wenig getestet, schwelgte in Illusionen und leugnete unzweideutig klare Warnungen. Präsident Donald Trump höchstpersönlich hat die Gefahr bis in den Monat März hinein verniedlicht. Der ihm wohlgesonnene (Pseudo-)Nachrichtendienst „Fox News“ berichtete über das Covid-19 in einer Art und Weise, die man nur als kriminelle systematische Desinformation mit massenhafter Todesfolge bezeichnen kann.

Als Amerikas verspäteter Lockdown dann endlich kam, war die Belastung im Gesundheitswesen, insbesondere im Ballungsgebiet New York City, kaum noch zu beherrschen. Mit etwas Verzögerung wurde dann auch die landesweite Verseuchung mit dem Coronavirus immer deutlicher, mit vielen weiteren Hot Spots sowohl in Großstädten als auch dünner besiedelten Regionen des Landes. Inzwischen hat die Zahl der getesteten mit dem Coronavirus infizierten Personen die Marke von einer Million überschritten. Auch die Zahl der bekannten aktiven Fälle steigt weiterhin. Aber noch immer ist die Testkapazität unzureichend und die Dunkelziffer bleibt entsprechend hoch.

Teile Amerikas verlieren aber bereits die Geduld mit der in weiten Teilen des Lands verhängten („stay at home“) Ausgangssperre, die mehrheitlich von der Bevölkerung noch unterstützt wird. Zuerst kam es zu einer Auseinandersetzung darüber, wer denn überhaupt das Kommando über die Wiederöffnung hätte. Präsident Trump beanspruchte zunächst die absolute Alleinmacht auch darüber für sich. Das war eine erneute 180-Grad Wende zu seiner vorherigen Ablehnung jeglicher Verantwortung für das desaströse Corona-Krisenmanagement mit mittlerweile über 55.000 Toten in Amerika.

Die Gouverneure einiger Bundesstaaten – allen voran New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo – hielten dagegen, erinnerten den Verantwortung ablehnenden, aber ruhmhungrigen Präsidenten daran, dass diese Entscheidung laut US Verfassung ihnen zustehe. Trump gab ungewöhnlich schnell kleinlaut bei. Die Trump Administration hat seither zwar Bundesrichtlinien zur Wiedereröffnung bekanntgegeben. Aber die Entscheidungen werden jeweils vor Ort getroffen. Regionale Gruppen von Bundestaaten koordinieren ihre Wiedereröffnungspläne.

Einige Gouverneure zeigen dabei jedoch deutlich mehr Eile als andere oder, anders ausgedrückt, haben weniger Hemmungen ihre Einwohner erneut den nach wie vor bestehenden Risiken der Pandemie auszusetzen. Gedrängelt wird sowohl von manchen wirtschaftlichen Interessen als auch von „freiheitsliebenden“ Fanatikern, die medienwirksame Protestkundgebungen organisierten. Galt der Protest demokratischen Gouverneuren, so wurden sie dazu lautstark „zwitschernd“ (also per Twitter) von Präsident Donald Trump ermuntert. Als dann aber einige republikanische Bundesstaaten sofort weitreichende Lockerungen ihrer Ausgangssperre beschlossen, die den Bundesrichtlinien klar wiedersprachen, kritisierte sie Donald Trump sogar dafür: Verwirrung als Strategie?

Vor einigen Tagen hat sich der 45. Präsident der Vereinigten Staaten auf einer Pressekonferenz dann den absoluten Böller erlaubt, indem er verkündete, schnellste Heilung würde versprechen, wenn man den an Covid-19 Erkrankten einfach Desinfektionsmittel (etwa das amerikanische Äquivalent zu Sagrotan) injizierte und sie konzentrierter Lichtbestrahlung aussetzte. Ärzte, Wissenschaftler und die betroffenen Unternehmen reagierten panisch, gaben sofort Warnungen an die Bevölkerung aus, derartige Versuche unbedingt zu unterlassen. Auch zu von Donald Trump als Wundermittel gepriesenen Medikamenten zur Behandlung anderer Krankheiten hat die zuständige Bundesbehörde mittlerweile entsprechende Warnungen herausgegeben.

Es fällt immer schwerer das sich hier abspielende Narrentheater zu ertragen. Da wütet jemand, der im Grunde alle Experten und Wissenschaftler zu nutzlosen Idioten erklärt, aber anscheinend glaubt, selbst Allround-Experte – eben „stabiles Genie“ – in allen Angelegenheiten zu sein. Ist das planlos, chaotisch, oder schlichtweg wahnsinnig?

Trumps Umfragewerte sind zuletzt wieder auf das Vorkrisenniveau zurückgefallen. Aber die Hardcore Basis seiner Anhängerschaft und rund 90 Prozent der republikanischen Wählerschaft stehen unbeeindruckt hinter ihm. Es hat eine Reihe von Werbespots von Trump Gegnern gegeben, die auf Basis von Trump Zitaten eine sachliche Chronik seines völligen Versagens als Krisenmanager zeigen. Für Fox News war das nur Anlass dafür, eine neue Kampagne gegen die vermeintlich völlig unfaire Verunglimpfung des Corona-Kriegshelden in den „Mainstream Medien“ zu starten. Im Land der unbegrenzten Lügen (Pardon: „alternativen Fakten“) ist heute einfach alles möglich.

Wie steht es derweil um Amerikas Wirtschaft?

Abbildung 1
Wöchentlicher Index zur Wirtschaftsleistung
Wöchentlicher Index zur Wirtschaftsleistung
Quelle: https://www.newyorkfed.org/research/policy/weekly-economic-index

Die Schätzungen darüber, um wieviel genau die Wirtschaftsleistung in Amerika seit Februar gefallen ist, gehen weit auseinander. Abbildung 1 zeigt hierzu einen wöchentlichen Index der New Yorker Fed. Laut diesem Index sank das Wirtschaftswachstum von rund 1,5 Prozent in den ersten Wochen des Jahres auf minus 11,5 Prozent in der Woche, die am 25. April endete.

Der untere Teil der Abbildung verdeutlicht die Tiefe des Einbruchs im Vergleich zur Großen Rezession von 2008-9. Große regionale Unterschiede bestehen dabei. Gewöhnlich bricht vornehmlich die Industrieproduktion in der Rezession scharf ein. Die Corona-Krise trifft dagegen den viel größeren Dienstleistungssektor besonders hart. Einige Branchen ruhen fast völlig. in manchen Bundestaaten und Regionen sind diese Branchen eben  besonders stark vertreten.

Wer nun glaubt, die schnelle Wiedereröffnung würde eine sofortige Wiederherstellung der vollen Wirtschaftsleistung bedeuten, der irrt gewaltig. Ein solches Szenario wäre bestenfalls dann vorstellbar, wenn man die Weltbevölkerung bereits durchgeimpft hätte. Ein Jahr scheint hierfür aber ein sehr optimistischer Zeithorizont zu sein. Bevor dieser Zustand erreicht ist, erfordert eine Wiedereröffnung ohne erneute Eskalation der Pandemie unbedingte Wachsamkeit und weitreichende Fähigkeit zu testen, zu isolieren, und Kontaktpersonen ausfindig zu machen. Das ist in Amerika bis heute nicht gegeben.

Und in weiten Teilen Amerikas übersteigt die tägliche Anzahl der Neuinfizierten auch weiterhin die tägliche Zahl der Menschen, die entweder geheilt oder gestorben sind. Dank Lockdown ist die Wachstumsrate der aktiven Fälle zwar stark gesunken, bleibt aber bis heute positiv. In dem Maße, wie Wiedereröffnung der Wirtschaft weniger Soziale Distanzierung bedeutet, droht die Zahl der aktiven Fälle wieder schneller zu wachsen. Man kann dann, bis die Krankenhäuser überflutet sind, zwar versuchen die Augen erneut zu verschließen, aber das Risiko einer zweiten Vollbremsung der Wirtschaft in der näheren Zukunft wäre damit hoch.

Wie auch immer man es dreht oder wendet, die Wirtschaftsleistung wird auf geraume Zeit stark gedrosselt bleiben. Eine Erholung kann selbst im günstigsten Fall nicht blitzschnell erfolgen. Übereilte Wiedereröffnung macht keinen Sinn, wird am Ende nur noch teurer. Solange akute Gesundheitsrisiken bestehen bleiben und die Bevölkerung entsprechend besorgt und verängstigt ist, werden selbst diejenigen, die ihren Arbeitsplatz nicht bereits verloren haben, weniger Geld ausgeben. In den letzten fünf Wochen gab es 26,5 Millionen neue Arbeitslosmeldungen. In den nächsten Wochen ist ein weiterer Anstieg zu erwarten. Die Arbeitslosenquote würde dann noch weiter in Richtung auf das Niveau der Großen Depression der dreißiger Jahre ansteigen. Damals erreichte sie im Höhepunkt 25 Prozent.

Aufgestockte Arbeitslosengeldzahlungen werden zwar einen Teil des Einkommensverlustes ausgleichen. Aber der kritische Punkt ist, dass eine wirkliche Erholung für einen beträchtlichen Teil der Volkswirtschaft, etwa Restaurants und Unterhaltung, Tourismus und Reisebranche, unmöglich bleibt, solange die Covid-19 Bedrohung besteht. Diese verbleibende Lücke macht einen beträchtlichen Anteil der Volkswirtschaft aus. Makroökonomisch bedeutet sie eine gewaltige Belastung von Umsätzen und Gewinnen in der übrigen Wirtschaft, eine Bremse für Konjunktur und Beschäftigung. Weder niedrige Zinsen noch ein teilweiser staatlicher Ausgleich von Einkommensverlusten wird die Lücke auffüllen.

Man könnte in dieser kritischen Lücke eine Chance für einen „Green New Deal“ erblicken: Der Staat könnte doch die Energiewende und Transformation der Volkswirtschaft vorantreiben, dabei gleichzeitig den Schaden der Rezession verhindern.

Aber ist Amerika, sollte Joe Biden im November zum 46. Präsidenten der USA gewählt werden, wirklich reif für solche progressiven Träume? Donald Trump versucht derweil jedenfalls lieber, den Ölpreis zu unterstützen (der in manchen Förderregionen in den USA aufgrund mangelnder Lagermöglichkeiten im Termingeschäftshandel zeitweise unter null gefallen ist), um die US Ölindustrie zu erhalten. Im letzten Wahlkampf waren es Arbeitsplätze im Kohlebergbau, heute geht es ums Öl, der „Brown New Deal“ gewinnt rechts halt immer. (Und ich verkneife mir hier jegliche Witze, warum braune Industrien so ungleich gut zu diesem Präsidenten und seinen Anhängern passen.)

Die Federal Reserve und auch die Bundesregierung haben in den letzten Wochen noch weitere geld- und fiskalpolitische Hilfsmaßnahmen eingeleitet, aber zunehmende Ungeduld droht Amerika nur noch tiefer als heute unvermeidbar in die Krise hineinzureiten.

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