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Corona-Krise | 12.05.2020

Der Lockdown als Einladung zum Neustart

Der Lockdown zeigt, dass wir mit einer Wirtschaft leben, in der wir uns das ökologisch notwendige Sparen aus ökonomischen Gründen nicht leisten können. Es sei denn, wir lösen unser Verteilungsproblem.

Minus 7 Prozent in Deutschland und Österreich, 6 Prozent weniger BIP in der Schweiz. Das sind die Prognosen des Weltwährungsfonds für das Jahr 2020. Das Schweizer Staatssekretariat für Wirtschaft Seco hat das Minus inzwischen auf 6,7 Prozent hochgeschraubt. Entsprechend pessimistisch fallen die Schlagzeilen aus: Sie warnen vor der größten Rezession seit der ersten Ölkrise in den 1970er Jahren und der TagesAnzeiger spricht gar von “unheimlich düsteren Prognosen.“

Eine düstere Zukunft

Diese Warnungen vor einer düsteren Zukunft muten insofern seltsam an, als Otto Normalverbraucher das, was die Ökonomen auf die Kommastelle genau ausgerechnet haben, seit vielen Wochen am eigenen Leib erleben. Der Einbruch des BIP ist längst Tatsache – und zwar geht es nicht nur um 6 oder 7 sondern schätzungsweise 25 bis 30 Prozent. Wir gehen nicht mehr ins Restaurant, trinken unseren Kaffee zuhause, reisen kaum noch, verzichten auf die Dienste der Putzhilfe, gehen weder ins Fitnessstudio noch zum Coiffeur und kaufen weniger Klamotten. Wie sehr das Wirtschaftsleben erlahmt ist und keinen Treibstoff mehr braucht, zeigt sich exemplarisch daran, dass der Preis des Erdöls zeitweise unter Null gesunken ist.

Wie leben wir in dieser Gegenwart? Zumindest in den Ländern, die keine Ausgangssperre kennen, leben die allermeisten recht gut. Sie haben immer noch genug zu essen, es fehlt ihnen an nichts Wesentlichem. Sie nutzen die zusätzliche Freizeit für Spaziergänge, benutzen das Fahrrad statt das Auto und die öffentlichen Verkehrsmittel. Sie leben vermutlich gesünder als zuvor – und sie sparen viel Geld. Warum also diese Angst vor einer unheimlich düsteren Zukunft?

Ganz einfach: Die Minus 25 bis 30 Prozent beziehen sich auf die Verwendungsseite des BIP, also letztlich auf den Konsum. Dass 30 Prozent weniger Verbrauch kein ernsthaftes Problem sind, zeigt unter anderem auch der Vergleich mit 1974, dem Jahr vor der ersten Ölkrise. Damals lag das BIP pro Kopf in der Schweiz um 32, in Deutschland um 50 Prozent und in Österreich gar um 54 Prozent tiefer als heute. Herrschte damals Düsternis? Im Gegenteil: Es ist die Zeit, die wir heute als Höhepunkt der „Goldenen 30 Jahre“ in Erinnerung haben, eine Zeit, in der – zumindest im Vergleich mit den Kriegs- und Nachkriegsjahren – Milch und Honig floss.

Der vergleichsweise kleine Rückgang von 6 bis 7 Prozent hingegen bezieht sich auf die Produktionsseite des BIP. Er wirft die in der Tat düstere Frage auf, wer sich denn morgen noch an der Produktion beteiligen kann, wenn der Konsum dauerhaft um 6 bis 7 Prozent schrumpft. Schon vor der Krise waren Jobs heiß umkämpft, waren wir Job-Junkies. Von 100 arbeitswilligen Deutschen etwa waren etwa 5 arbeitslos, 10 waren nur geringfügig beschäftigt, 22 hatten bloß einen Teilzeitjob. Und von den glücklichen 63, die eine Vollzeitstelle ergattern konnten, haben mindestens 5 nicht genug verdient, um eine Familie ernähren zu können.

Grob vereinfacht könnte man sagen, dass in Deutschland 80 Leute die Arbeit von 100 machen. Oder anders gesagt, dass 20 von 100 vom Staat durchgefüttert werden müssen (von den Rentnern mal abgesehen). Das kostet viel Geld. In der Corona-Krise sind nun – in unseren Denkmodell – von den 80 Aktiven weitere 20 aus der Produktion entfernt worden, so dass jetzt 60 Arbeitskräfte den behördlich reduzierten Bedarf der 100 decken. Der Staat muss also noch mehr Geld zu den Verlierern transferieren. Das läppert sich.

Der Schweizer Finanzminister Ueli Maurer rechnet für 2020 mit einem Defizit von 40 Milliarden Franken. Dazu kommen ungedeckte Ausgaben der Kantone, Gemeinden und der Arbeitslosenkassen. Der Weltwährungsfonds schätzt die Corona-Kosten für die Schweiz auf insgesamt 65 Milliarden Franken. In Deutschland hat die Bundesregierung für das laufende Jahr einen Nachtragshaushalt mit einer Neuverschuldung von 156 Milliarden Euro beschlossen. Darüber hinaus schlägt Finanzminister Scholz ein Konjunkturprogramm im Umfang von 50 Milliarden Euro vor. Damit auch die höher verschuldeten Staaten des Euro-Verbunds ihre Corona-Kosten decken können, hat die europäische Zentralbank  EZB ein neues Anleihekaufprogramm (PEPP) in Höhe von 750 Milliarden Euro aufgelegt.

Angesichts dieser Zahlen ist es nicht verwunderlich, dass sich viele Leute und auch Politiker sorgenvoll fragen, ob wir uns diese Schulden überhaupt leisten können? Die Sorge schrumpft, sobald man die Vorfrage stellt, wer sich denn hier bei wem verschuldet? Letztlich läuft es daraus hinaus, dass sich der Staat, stellvertretend für die Verlierer des Arbeitsmarkts, bei den Siegern verschuldet. Er pumpt damit genau das Geld wieder in den Kreislauf zurück, dass die „Sieger“ des Lockdowns gespart haben. Das Land wird dabei nicht ärmer. Auch die viel beschworenen „künftigen Generationen“ werden durch die gestiegenen Staatsschulden zumindest dann nicht belastet, wenn sie von ihren Eltern die Corona-Bonds erben.

Zurück in die Zukunft

Theoretisch heißt das, dass wir die Corona-Delle problemlos mit zusätzlichen Staatsschulden ausbügeln könnten. Das heißt, der Staat könnte alle corona-geschädigten Unternehmen und deren Mitarbeiter für die Dauer der Krise finanziell über Wasser halten. Das hätte den Vorteil, dass die Wirtschaft schnell wieder auf Touren kommt und alles wieder wird wie zuvor.

Doch ein solch kreditfinanziertes Durchseuchen wäre auch dann gefährlich, wenn diese Schulden zinslos sind und die Sparer nicht noch zusätzlich belohnt werden. Wie wir wissen, entwickeln Finanzguthaben eine Eigendynamik. Sie rotten sich auf den Finanzmärkten zusammen, treiben abwechslungsweise die Immobilien- oder die Aktienpreise hoch und beuten Arbeitnehmer und Mieter aus. Zudem wird mit solchen zusätzlichen Finanztiteln eine ohnehin viel zu teure Finanzindustrie weiter aufgebläht.

Vor allem aber kann es nicht einfach darum gehen, den alten Pegelstand von Arbeit, Konsum und Umweltbelastung mit den üblichen Ankurbelungsprogrammen möglichst schnell wieder zu erreichen. Damit hätten uns alle alten Probleme wieder eingeholt, bloß die Verteilung wäre noch etwas schiefer als zuvor. Deshalb sollten wir die Chance eines Neustarts nutzen, um unser Wirtschaftssystem zukunftstauglich zu machen – resistenter gegen Umweltkatastrophen und alle künftigen Pandemien.

Den Neustart planen

Der Feldversuch des Lockdown hat uns gelehrt, dass wir auch massive Einschränkungen des Konsums gut ertragen – sofern das Verteilungsproblem gelöst oder zumindest entschärft wird. Doch jetzt müssen wir den Notbehelf der Kurzarbeitsgelder und der punktuellen staatlichen Zuschüsse durch eine auf Dauer angelegte Lösung ersetzen. Und da führt kein Weg an massiven Verkürzungen der Arbeitszeit vorbei. Wir müssen uns endlich vor der Illusion verabschieden, dass wir mit immer mehr Konsum (und immer höheren Exportüberschüssen) das Volumen der bezahlten Arbeit erhalten können.

Würden alle Menschen so leben, wie die Schweizer oder die Deutschen, bräuchten wir die ökologische Kapazität von drei Erden. Das heißt nicht zwingend, dass wir unseren Konsum und damit das Arbeitsvolumen um zwei Drittel senken sollten, aber ohne substantielle Abstriche wird es wohl nicht gehen. Der Corona-Feldversuch hat gezeigt, dass wir damit gut umgehen können. Dabei waren die Einschränkungen, die uns der Lockout abverlangt hat hinsichtlich Umweltschutz und Spaßfaktor eher suboptimal. Schulen, Fitnessstudios und Coiffeure etwa verschlingen relativ wenige Ressourcen. Die kürzeren Arbeitswege und die Stilllegung des Flugbetriebs haben deutlich mehr gebracht.

Wenn wir uns auch in Zukunft eher lokal versorgen und ernähren, gewinnen wir Job-Junkies sogar an beiden Fronten. Wir geben heute vor allem deshalb kaum 10 Prozent des Einkommens für Nahrungsmittel aus, weil wir für eine Stunde unserer Arbeit 20 Arbeitsstunden eines Erntehelfers in Spanien kaufen können. Erhöhen wir den Anteil an einheimischen Nahrungsmitteln, holen wir auch die Arbeit wieder zurück ins Land. Andererseits können wir mit einer gesünderen Ernährung die Gesundheitskosten massiv senken – und sparen damit Jobs.

Eine vielleicht noch größere Gefahr für unsere Gesundheit geht vom immer härteren Kampf um die Jobs und von den oft miesen Arbeitsbedingungen aus. Für Deutschland ist dies (im Datenreport 2018) bestens dokumentiert. So beklagen sich etwa 45 Prozent der 45- bis 64-jährigen Männer im untersten Einkommensviertel über einen allgemein schlechten Gesundheitszustand, gegenüber bloß 12,5 Prozent im obersten Zehntel. Wie berechtigt diese Klagen sind, zeigt ein Blick auf die Lebenserwartung bei Geburt: 70,1 Jahre für die da unten, fast 11 Jahre mehr, nämlich 80,9 für die dort oben. Bei den Corona-Opfern dürfte sich ein ähnliches Bild zeigen, doch diese Statistik muss erst noch gemacht werden.

Mit dem Festhalten am Ziel der „Vollbeschäftigung“ würden  wir bloß den ungesunden Zustand verewigen, in dem – plakativ gesagt – 70 Prozent der Arbeitsbevölkerung mit ihrer Arbeitswut ihre Gesundheit aufs Spiel setzen und den anderen den Job wegnehmen oder nur eine Teilzeitstelle übrig lassen. Eine ausufernde Sozial- und Arbeitsmarktbürokratie stopft die größten finanziellen Löcher und das Lazarett unseres Gesundheitssystems päppelt die ausgebrannten „Sieger“ dieses Kampfes wieder auf und sediert die, die im Sesseltanz um die schwindenden Jobs leer ausgegangen sind.

Klar: Aus rein betriebswirtschaftlicher Sicht ist es effizienter, dasselbe Arbeitsvolumen mit 50 statt mit 70 Angestellten zu bewältigen. Doch sozial und volkswirtschaftlich gesehen, ist die 40-Stunden-Normwoche eine extrem teure Angelegenheit. Als diese vor gut 50 Jahren  in Deutschland eingeführt wurde, bedeutete das, dass jeder in etwa so viel produzierte, wie für die Deckung der eigenen Bedürfnisse (und die der Familie) nötig war. Heute, bei einer rund dreimal so hohen Produktivität läuft es darauf hinaus, dass man sich gegenseitig die Arbeit wegnimmt, und dass wir die dank dem Produktivitätsfortschritt gewonnene Freizeit in Arbeitslosigkeit umwandeln. Wir bauen damit unsrem Wirtschaftssystem einen Wachstumszwang  ein, der das ökologische Fundament unseres Wohlstands zerstört.

Jetzt hat uns ein Virus einen Wink gegeben.

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