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Doku-Serie "Tiger King" | 01.05.2020 (editiert am 06.05.2020)

Der Tiger und der Wilde Westen

Mitten im Corona-Lockdown entwickelte sich die Doku-Serie „Tiger King“ zum viralen Hit. Sie zeigt das ernüchternde Bild einer sozialen Konfliktdynamik, in der Jedermann zum gewissenlosen Nutzenmaximierer wird – sogar die Macher selbst.

Dass Streamingangebote im Moment zu den wenigen Sparten gehören, die vom Lockdown in Zeiten der Corona-Pandemie profitieren, dürfte nicht überraschen. Dass aber ausgerechnet eine ursprünglich nur als Tierdokumentation gedachte Serie zu einer heißdiskutierten Angelegenheit und sogar zu einem Politikum werden würde, ist dennoch etwas Besonders.

Dem Streaminganbieter Netflix ist dieser Erfolg mit der siebenteiligen Dokumentation Tiger King: Murder, Mayham and Madness gelungen. Bereits in der ersten Startwoche war sie eine der meistgesehenen Produktionen des Hauses. Und welch hohe Wellen dieser „Wahnsinn“ dabei bis in die Politik hinein schlug, dass ließ sich kürzlich sogar auf einer Pressekonferenz des Weißen Hauses verfolgen, als ein Reporter der New York Post den höchsten Amtsträger des Landes – Präsident Donald Trump – fragte, was er denn nun hinsichtlich des Schicksal eines gewissen Joe Exotic zu tun gedenke. „Joe wer?“, gab dieser etwas verdutzt zurück, worauf sich der Journalist bemühte, den Präsidenten über das Gnadengesuch eines inhaftierten Tigerkatzenhalter aufzuklären und die Sache so zu einer ernsten Angelegenheit zu machen.

Würde man nun die Empörungswellen in den sozialen und digitalen Medien zum Seismographen gesamtgesellschaftlicher Dringlichkeiten erheben, dann hätte der Vorstoß des Reporters durchaus seine Berechtigung. Denn dort wird derzeit heiß über allerlei Ungereimtheiten der Geschehnisse aus Tiger King diskutiert: Wer von den Portraitierten hat eigentlich – im wahrsten Sinne des Wortes – keine Leichen im Keller? Und war die Verurteilung eines Einzelnen da nicht ein abgekartetes Spiel? Wäre es vielmehr nicht höchste Zeit, einen jahrelang zurückliegenden Vermisstenfall noch einmal gründlich aufzurollen? Welche dubiose Rolle spielt dabei eine sich als moralische Eminenz gebärdende Tierschützerin? Und sagt das Geschehen darüber hinaus irgendetwas Nützliches über Amerika oder die Welt im Besonderen aus?

Eher true crime-Format als Tierdoku

Dabei sollte Tiger King ursprünglich – so behaupten jedenfalls die Macher der Serie – nur eine Dokumentation über das Schicksal exotischer Raubkatzen in Privathaltung werden, die zweifelsohne Anlass geboten hätte, grundlegend über Tierschutz und eine artgerechte Lebensweise der Großkatzen nachzudenken.

Als sich der Konflikt zwischen den Zoobesitzern und einer Tierschützerin während des Drehs aber immer weiter zuspitzte, da rückten die Tiere allmählich aus dem Blickfeld des Interesses. Schließlich sorgten die Protagonisten, mitsamt ihren verwickelten Fehden untereinander, so bald selbst für jede Menge dramaturgischem Mehrwert. Es muss dem Produktionsteam irgendwann gedämmert haben, dass die Thematik besser in einem true crime-Format als in einer Tierdoku aufgehoben wäre.

Spätestens dann nämlich, als Joe Exotic einen Mord an seiner Erzfeindin, der Tierschützerin Carol Baskin, in Auftrag gibt – diese fordert einen Big Cat Safety Act, um seinem durchaus lukrativen Tigerstreichelzoo den Garaus zu machen –, nimmt die Sache fast schon shakespearesche Dimensionen an. Der menschlichen Abgründe sind damit noch nicht Genüge getan. Denn besagte Mrs. Baskin steht wiederum selbst in Verdacht, vor knapp 20 Jahren ihren wohlhabenden Ehemann ermordet und seine Leiche anschließend an ihre eigenen Tiger verfüttert zu haben. Jedenfalls verschwand der Mann so plötzlich wie spurlos, woraufhin Baskin in den alleinigen Besitz wertvoller Immobilien kam.

Die Wildnis des Nutzenmaximierers

So weiß man beim Sehen nie so ganz, ob man der Dokumentation dieses sich aufschaukelnden Konflikts überhaupt Glauben schenken kann – oder ob man nicht vielmehr in einer grotesken Version jener alten Erzählungen über den Wilden Westen versetzt wurde, die seit jeher das kulturelle Herzstück Amerikas bilden. Die Sehnsucht der Urgroßväter Amerikas, ein Stück Wildnis für sich zu erobern, einzuhegen und zu zivilisieren, ist bei den Portraitierten aus Tiger King jedenfalls noch so lebendig wie ehedem und scheint dabei allerlei merkwürdige Persönlichkeiten hervorzubringen, die sich dennoch bestens in die heutige Zeit einzufügen scheinen.

Denn wo sich die Wilderer von früher gerne stolz mit Trophäen schmückten, die von heroischen Kämpfen in der Wildnis Zeugnis geben sollten (der Trend ausgestopfter Tiere erlebte im 19. Jahrhundert seine Blütezeit), da spürt der Mensch im Angesicht der Raubkatze wohl auch heute noch etwas von dieser bizarren Lust nach roher Natur außerhalb der zivilisatorischen Grenzen. Wenngleich die exotische Natur in Form von knuddeligen Tigerbabys, die nun für hippe Selfies, putzige YouTube-Clips und freudige Kinderaugen herhalten müssen, bereits vollständig kommodifiziert und in jener wohlfeilen Dosis Kitsch und popkulturellem Trash daherkommt, dass sie passgenau zu den Ansprüchen der Popkultur passt.

So schnell wie der Tiger allerdings auf diese Weise zu einem reizvollen Prestigeobjekt für die Trendsetter und Erlebnishungrigen der Welt geworden ist, so schnell scheint den Haltern der Tiere ihr stolzes Selbstverständnis zu Kopf zu steigen. Und hier hat Tiger King seine besten Momente, wenn die Serie zeigt, wie die Protagonisten aus ihrer Person einen mythischen Kult machen, der ganz eigene Vorstellungen von Recht und Gesetz miteinzuschließen scheint. Statt Demut vor der Natur zu empfinden, kann der moderne Naturbezwinger scheinbar nicht anders, als dem Sirenengesang nach fame and glory zu erliegen, um sich im Zuge dessen der Gunst von möglichst vielen attraktiven Sexualpartnern zu versichern.

Wird der Status bedroht und das eigene Selbstverständnis angegriffen, kippt das Gemüt reflexartig und schaltet in einen Verteidigungsmodus um, der überall im und um das eigene Terrain Feinde wittert. Und so gelingt es der Dokumentation schließlich auch, das eindrucksvolle Zustandsbild einer sozialen Dynamik einzufangen, in der bald Keinem und Niemandem mehr zu trauen ist. Irgendwann kämpft hier Jeder gegen Jeden, paktiert einmal hier und einmal dort, klüngelt und mauschelt im Sinne des eigenen Vorteils und hält dabei stets noch die eigenen Wertmaßstäbe für unhintergehbar.

Ganz im Sinne der neoklassischen Verhaltensmaximen sind hier unterschiedlich Figuren von Nutzenmaximierern aufeinander losgelassen worden, die alle auf ihre kuriose und exzentrische Art und Weise das Dogma opportunistischer Kalküle tief und fest verinnerlicht haben. Hier ist in feinster hobbesscher Manier der Mensch dem Menschen wieder ein Wolf. Und der individuelle Wertekompass eines Jeden dreht sich so schnell wie das Fähnchen im Wind, bis er schließlich jedwede Allgemeingültigkeit eingebüßt hat und zu einem reinen Mittel zum Zweck verkommen ist.

In ihrer verdichteten Form erzählt die Serie so tatsächlich etwas sehr Wesentliches über eine allgemeine Tendenz in der westlichen Welt, in der die amerikanischen Superlative an Exzentrik nur deutlichere Exempel von dem abgeben, was auch hierzulande anzufinden ist. Es ist der sich verselbstständigte Ausbootungs- und Überbietungswettbewerb der Subjekte im modernen Kapitalismus, für die Mensch und Natur, ja selbst moralische Kategorien oft nichts Weiteres mehr sind als hilfreiche Werkzeuge der Lust-, Prestige- und Kapitalsteigerung.

Genauso wenig wie die Zoobesitzer in Tiger King als vertrauenswürdige Identitätsfiguren taugen, so sehr stellt sich auch bei der selbsternannten Tierschützerin die Frage, ob sich Kommerz, Profitinteresse und Lust am Besitz wilder Tiere hier nicht einfach hinter einem besonders raffinierten Moralapell verbirgt.

Das Medium und die digitale Meute

Wäre dem Gezeigten damit Genüge getan, so könnte man dies den Produzenten der Serie sicherlich hoch anrechnen. Denn wo gelang es schon in jüngster Zeit, die hässlichen Seiten eines erbitterten Kampfes um ökonomisches und symbolisches Kapital – für das der Tiger schließlich eine Verdinglichung ist – derart eindrücklich einzufangen. Leider aber entschlossen sich die Macher, sich dieser Logik auch höchstselbst zu ergeben. Damit wird das Format letzten Endes zu einem Paradebeispiel für mediale Manipulation.

Das zeigt sich insbesondere dort, wo sich die Produzenten offenbar so sehr an der true crime-Dramatik erfreuen konnten, dass man sich kurzerhand entschloss, der bereits erwähnten Carol Baskin den Mord an ihrem vermissten Ex-Mann suggestiv in die Schuhe zu schieben, ohne dass diese dazu in irgendeiner Form Stellung nehmen konnte. Was dieses dramaturgische Gebräu für Produzenten wie Streaminganbieter an Mehrwert bietet, ist selbsterklärend. Dass man auf diese Weise aber eine reale Person gnadenlos vorverurteilt und – die Analogie bietet sich hier zweifellos an – der digitalen Meute zum Fraß vorwirft, ist selbst nichts anderes als purer Opportunismus.

Nicht ohne Grund musste inzwischen der zuständige Sheriff betonen, dass gegen die Beschuldigte bis heute nicht der geringste Verdacht besteht. Und Baskin selbst wies in ihrem Nachruf darauf hin, dass es in Vergangenheit auch an der moralischen Integrität ihrer Beschuldiger, die in der Serie unwidersprochen zu Wort kommen, Zweifel gab. So wollte die Ex-Frau des Vermissten beispielsweise vor dessen Verschwinden bereits einen übergroßen Kuchen vom geteilten Eigentum Baskins und ihres Gatten erstreiten und scheint bis heute noch darauf zu schielen. Und auch die ehemalige Sekretärin des Mannes fiel schon durch Veruntreuung von Geldmitteln auf. Der Gedanke liegt also nahe, dass auch die Ankläger Baskins ein gewisses Eigeninteresse verfolgen könnten – womit man wieder am Anfang stünde: Getraut werden darf hier niemandem.

Kann man aus diesem Schlamassel als Zuschauer noch irgendetwas mitnehmen, dass über den reinen Unterhaltungswert hinausgeht? Einen angemessenen Sinn ergibt das Ganze nur dann, wenn man darin ein lauttönendes Zerrbild einer sozialen Konfliktdynamik sieht, in der sich Opportunismus, Eigennutz und ein narzisstisches Selbstverständnis als Maximen des eigenen Handelns verselbstständigt haben.

Wo das letztlich endet, davon immerhin kann Tiger King erzählen. Dass sich die Medienschaffende selbst an den gleichen opportunistischen Kalkülen orientieren, die sie an ihren portraitierten Persönlichkeiten dokumentieren, ist die besondere Pointe dieses Formats.

Für Tiger King heißt das, dass die Dokumentation sich letztlich als ein weiteres Beispiel in jene traurige mediale Traditionslinie einreiht, in der Existenzen und Sachlagen durch Vorverurteilung und Vorurteile diskreditiert werden.

Um die Sache selbst, den Tiger, geht es dabei schon lange nicht mehr. Zu diesem moralinsauren Schluss kommen die Macher am Ende sogar selbst. Als Zuschauer sollte man zu diesem opportunistischen Strudel lieber eine ausreichend reflexive Distanz suchen. Nicht dass man sich am Ende noch selbst inmitten einer rauen Wildnis wiederfinden muss.

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