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Konjunktur | 22.05.2020

Die deutsche und europäische Konjunktur im Frühjahr 2020 – 2

Europa hat im März einen nur historisch zu nennenden Einbruch der Industrieproduktion erlebt. Doch das ist nur der Anfang vom Anfang – dem Beginn der größten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg.

Die Produktion im Euroraum ist im März bedingt durch die Corona-Pandemie um historische -11,7 % abgestürzt. Damit liegt sie auf dem exakt gleichen Niveau wie im November 2009. Der Tiefpunkt der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2007-11 ist damit zwar noch nicht unterschritten, doch im April dürfte angesichts der Folgen der politisch verordneten Shutdowns auch diese Marke pulverisiert werden. (Abbildung 1). Der schon seit 2018 einsetzende Abwärtstrend in der EWU ist damit Makulatur.

Italien, das von der Corona-Pandemie am härtesten getroffen wurde und dementsprechend auch besonders umfangreiche Quarantänemaßnahmen durchsetzte, erleidet einen weitaus heftigeren Zusammenbruch der Industrieproduktion: -29,6 %. Von einer Katastrophe zu sprechen, dürfte hier keine Übertreibung sein.

Auch Frankreich, das einen wesentlich resoluteren und längeren Lockdown als Deutschland verhängt hat, ist überdurchschnittlich hart betroffen: -16,9 %.

Deutschland, seit Beginn der europäischen Abwärtsbewegung einer der größten Verlierer, ist im März der „Gewinner“ unter den Verlierern der Kernländer. Der Einbruch der Industrieproduktion betrug „nur“ -11,2%.

Abbildung 1

Deutlich abheben vom Kontinent konnte sich Großbritannien. Die Industrieproduktion im Vereinigten Königreich, das erst äußerst spät mit Maßnahmen gegen eine Ausbreitung von Covid-19 reagierte, ging laut ersten Berechnungen im März nur um -4,2 % zurück (Abbildung 2). Dieser vergleichsweise milde Einbruch relativiert sich, wenn man beachtet, dass sich die britische Industrieproduktion zuvor jahrelang weit unter EWU-Niveau befand. Abzuwarten bleiben zudem statistische Korrekturen und die Folgemonate.

Abbildung 2

Das gilt in besonderem Maße für die skandinavischen und baltischen Länder, wo ein Zurückhängen der Statistik keine brauchbaren Rückschlüsse auf die tatsächliche Entwicklung der Produktion im Monat März zulassen. Auf Schaubilder haben wir daher diesmal verzichtet.

In Südeuropa trifft das auch auf Griechenland zu – die Statistik ist irreführend, die Daten nicht so aktuell wie von den statistischen Ämtern angegeben. Aussagekräftig sind dagegen die Zahlen, die für Spanien und Portugal vorliegen (Abbildung 3).

Das portugiesische Zwischenhoch zum Jahresbeginn und der vielversprechende wirtschaftspolitische Kurz der sozialistischen Regierung wurde durch die Corona-Krise vorerst zunichte gemacht. Die zähe Erholung des Landes von den Verwerfungen der Finanz- und Wirtschaftskrise 2007-11 kann von vorne beginnen: Mit -8,6 % im März ist man wieder auf das Niveau von Mai 2012 zurückgeworfen.

Spanien, zuvor bereits in einer langen Stagnationsphase und ähnlich wie Italien schwer von der Pandemie getroffen, zahlte ebenfalls einen entsprechend hohen wirtschaftlichen Preis: -12,4 %. Auf solch niedrigem Niveau befand sich die spanische Wirtschaftsleistung weder zur Finanz- und Wirtschaftskrise noch in der Zeitspanne unserer statistischen Erhebungen seit 2005!

Abbildung 3

Glaubt man den ersten statistischen Erhebungen, ist in den kleineren nördlichen Ländern die Krise weniger heftig eingeschlagen als in den europäischen Kernländern (Abbildung 4). In den Niederlanden, bereits zuvor in endloser Stagnation auf niedrigem Niveau, ging die Industrieproduktion um 0,8 % zurück. Hier dürfte es allerdings noch deutliche Korrekturen nach unten geben. Belgien lange im Aufschwung, muss einen Rückgang um -6,3 % hinnehmen. Für Österreich liegen noch keine Daten für März vor.

Abbildung 4

Der allgemeine und stetige Aufschwung in den mittel- und osteuropäischen Ländern hat mit der Corona-Krise ein dramatisches Ende gefunden. Slowenien und Ungarn verzeichneten im Februar Produktionseinbußen um -13,9 bzw. -12,2 %. Ähnliches gilt für Polen (-9,2 %), die Slowakei (-13,2%) und Tschechien (-9,7 %). All diese Länder reagierten ebenfalls mit mehr oder weniger rigorosen Verordnungen auf die Pandemie. (Abbildung 5).

Abbildung 5

Unverändert ist die Lage in Bulgarien und Kroatien, die Länder bleiben – immer unter Vorbehalt vorläufiger Daten und in Relation zu anderen Ländern – der Stagnation treu. Im Corona-Monat März ging die Industrieproduktion um 5,5 % in Bulgarien bzw. um 4,9 % in Kroation zurück (Abbildung 6). In Rumänien war die Konjunkturphase bereits in den Vormonaten eingebrochen. Nun ging es nochmals um 4,3 % bergab. Die vergleichsweise geringen Einbrüche lassen sich aber auch mit der kleinen industriellen Basis erklären. Die Abhängigkeit von westlichen Firmen, die dort produzieren, führen zu statistischen Schwankungen, die gesamtwirtschaftlich kaum zu interpretieren sind.

Abbildung 6

Corona hat im März das Herz der europäischen Wirtschaft, die Industrieproduktion, schwer getroffen. Doch das ist erst der Anfang. Auch April und Mai werden angesichts heruntergefahrener Produktionen und gerissener Liefer- und Wertschöpfungsketten – nicht nur in der Auto- und Kraftfahrzeugindustrie und ihrer Zuliefererbetriebe – dramatische Zahlen liefern und aus dieser Krise die größte seit der Depression der Vorkriegszeit machen.

Umso wichtiger wäre entschiedenes fiskalpolitisches Handeln seitens der EU und ihrer Mitgliedsstaaten. Doch die vielen Hürden für selbst unzureichende Bemühungen wie dem Mercron-Plan zeigen, dass es danach derzeit nicht aussieht.

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