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Konjunktur | 29.05.2020 (editiert am 02.06.2020)

Die deutsche und europäische Konjunktur im Frühjahr 2020 – 3

Aus der fragilen europäischen Normalität ist im März der Ausnahmezustand geworden. Bauproduktion und Einzelhandel brachen historisch ein. Deutschland kommt mit einem blauen Auge davon – vorerst.

Die umfassenden Einführungen von COVID-19-Einschränkungsmaßnahmen durch die EU-Mitgliedstaaten hatten im März erheblichen Einfluss auf die Bautätigkeit. Laut Schätzungen von Eurostat sank die saisonbereinigte Produktion im Baugewerbe gegenüber Februar im Euroraum (EWU19) um 14,8% und in der EU um 12,0%. Im Vormonat war die Produktion im Baugewerbe im Euroraum um 0,5% und in der EU um 0,2% gesunken. (Abbildung 1).

In Deutschland ist die Bauproduktion noch eine Stütze der Wirtschaft. Trotz Shutdown, in Deutschland war die zweite März-Hälfte betroffen, stieg die Produktion um 2,1 % und befindet sich weiter auf einem historischen Hoch.

„Tiefbau“ in Frankreich und Italien

Das krasse Gegenteil ist für Frankreich zu konstatieren. Der Nachbar Deutschlands befand sich schon zuvor auf niedrigem Niveau. Jetzt trifft die Pandemie die französische Bauproduktion gewaltig – es handelt sich hier um keinen Tippfehler: -41,8 %.

Abbildung 1
Abbildung 1

In Südeuropa, das sich seit Jahren ohne nennenswerte Dynamik am Index entlang hangelt, gibt es ein Land mit einer ähnlichen Katastrophe: Covid-19 hat Italien mit aller Härte getroffen. Hier stürzte die Bauproduktion im März mit -38,9 % in die Tiefe (Abbildung 2).

Abbildung 2

Osteuropa, insbesondere Ungarn und Polen, war lange so etwas wie das konjunkturelle Zugpferd der Bauproduktion. Auch hier gab es nun einen durch den Shutdown ausgelösten Dämpfer, wenngleich verhältnismäßig milde.

Ungarn, das sich spektakulär aus der Rezession von 2016 befreien konnte, musste im März wieder einen Rückgang von -8,6 % hinnehmen. Die polnische Produktion, die im Januar und Februar 2020 noch einen kräftigen Anstieg um insgesamt 14,5 % verzeichnen konnte und sich damit auf Rekordhoch befand, geht um -5,3 % zurück (Abbildung 3).

Auch in Tschechien, dass sich zuvor im Aufwärtstrend befand, geht die Produktion im März um -3,6 % zurück.

Damit stehen diese drei Länder noch verhältnismäßig gut da. Ganz anders die Situation in Bulgarien. Die Produktion stagnierte seit nahezu 4 Jahren weit unter dem Index, nun brach die Bauwirtschaft weiter um deutliche 10,3 % ein.

Abbildung 3

In Westeuropa sind die Niederlande die Konjunkturgewinnerin. Im Corona-Monat März gab es laut Daten sogar nochmals einen leichten Zuwachs um 2 %. Korrekturen sind allerdings abzuwarten. (Abbildung 4)

Österreich hingegen gehört wie sein südlicher Nachbar zu den großen Verlierern des Monats März: Die Bauproduktion ging um -18,9 % zurück. Mit dem Unterschied, dass sich die Alpenrepublik im Gegensatz zu Italien zuvor auf einem Rekordhoch befand. Nun ist der jahrelange Aufschwung jähe zunichte gemacht.

Abbildung 4

Einzelhandel: Erstickt im Shutdown

Mit dem Einzelhandelsumsatz ging es in der Währungsunion lange aufwärts. Doch der Shutdown hatte im März auch erheblichen Einfluss auf den Einzelhandel: -12,3% in der EWU19 (Abbildung 5).

Am schlimmsten ist der Rückgang – ähnlich wie im Bau – einmal mehr in Italien (-19,9 %) und Frankreich (-19,7 %). Glimpflich davon kam wieder einmal Deutschland (-4,5 %).

Abbildung 5

In Südeuropa erlebt Portugal das jähe und harte Ende des konjunkturellen Aufschwungs im Einzelhandel (-24,7 %). Damit ist langwierige Erholung von den Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise 2007-11 wieder zunichte gemacht (Abbildung 6). Heftig traf es auch den Einzelhandel in Spanien (-15,7 %). Für Griechenland liegen für März noch keine Daten vor.

Die Härte der Einbrüche spiegeln im Einzelhandel besonders plastisch die Verordnungen der Regierungen wider. Es waren Italien, Spanien und Portugal, die besonders rigorose Quarantänemaßnahmen durchsetzen mussten.

Abbildung 6

Arbeitslosigkeit – ab jetzt geht sie wieder nach oben

Die Arbeitslosigkeit in der EWU sinkt weiter und liegt im Februar auf dem niedrigsten Stand seit 2008 (7,3 %) und um 0,5 % niedriger als im Vorjahresmonat. Solche Meldungen werden ab sofort der Vergangenheit angehören. Zwar gab es nur einen minimalen Anstieg auf jetzt 7,4 %, trotzdem stellt der März einen Wendepunkt dar, der einen starken Anstieg der Arbeitslosenzahlen in den Folgemonaten einläutet. (Abbildung 7).

Deutlicher stieg die Arbeitslosigkeit in Frankreich, die ohnehin schon über EWU-Durchschnitt lag – von 7,9 % im Februar auf nun 8,4 % im März. In Spanien stieg sie – noch deutlicher – von 13,6 auf 14,5 %.

Die Zahlen für Italien – laut Destatis soll es im März ein Rückgang von 9,3 % auf 8,4 % gegeben haben – lassen sich nur damit erklären, dass die Quelle, das italienische Statistikamt Istat, der realen Entwicklung hinterherhinkt. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Tecnè haben 54 Prozent der Italiener Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes.

In Deutschland macht sich nun die Antragsflut bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) zur Kurzarbeit und Arbeitslosenerstanträgen auch in der Statistik bemerkbar. Die Arbeitslosenquote, die lange bei 3,2 % verharrte, liegt im März bei 3,5 %.

Abbildung 7

USA: Zustände wie zur Großen Depression

Lange waren die USA Vorbild in Sachen fiskalpolitischer Stimulierung und Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Entsprechend besser und schneller schafften es die USA, aus der Rezession der Finanz- und Wirtschaftskrise zu kommen.

Doch jetzt sind die USA besonders von der Corona-Krise betroffen. Laut den Zahlen des US-Arbeitsministeriums haben allein zwischen dem 11. und 18. April 4,4 Millionen Bürger Arbeitslosengeld beantragt. Damit setzt sich der historische Abschwung des US-Arbeitsmarkts fort. Bis zum Beginn des Corona-Lockdowns Mitte März herrschte in den USA praktisch Vollbeschäftigung. Seit März beantragten mehr als 33 Millionen Menschen erstmals Arbeitslosenhilfe. Von Februar auf März stieg laut Destatis die Arbeitslosenquote in den USA von 3,5 auf 4,4 %, doch es liegen mittlerweile auch die Daten für April vor: die Zahl wurde auf historische 14,7 % nach oben katapultiert. (Abbildung 8). Das ist der höchste Wert seit Beginn der Aufzeichnungen nach dem Zweiten Weltkrieg.

Das Forschungsinstitut Oxford Economics kalkuliert, dass durch die Corona-Pandemie in den USA insgesamt knapp 28 Millionen Jobs verloren gehen werden. Zum Vergleich: Durch die Rezession nach der Finanzkrise im Jahr 2008 sind in den USA nur etwa neun Millionen Jobs zerstört worden.

Abbildung 8

Deflationsdruck nimmt zu

Kommt wegen staatlicher Schuldenaufnahme und EZB-Bazooka die große Inflation? Von wegen! Also ob wir nicht schon genug Brandherde aufgezählt hätten, erhöht der Shutdown den Deflationsdruck in der Eurozone gewaltig.

Schon im April schrieben wir, dass von einer „Inflationsrate“, zumindest was die Erzeugerpreise betrifft, keine Rede sein kann. Sie sinken auch im März noch weiter in den deflationären Bereich – jetzt bei -2,9 %. Ebenfalls wieder gesunken sind auch die Verbraucherpreise, und bewegen sich mit nun mehr 0,7 % deutlich unterhalb der Zielinflationsrate der EZB. (Abbildungen 9 und 10).

Abbildung 9

Das bedrohliche Bild bestätigt sich mit Blick auf einzelne Länder, deren Verbraucherpreise im März allesamt eingebrochen sind. Griechenland (0,2 %), Italien (0,1 %) und Spanien (0,1%) liegen sogar inzwischen wieder kurz davor, in den deflationären Bereich zu rutschen. Auch die Inflationsraten in Frankreich und Deutschland, die sich im Januar und Februar wieder der Inflations-Zielmarke annähern konnten, sinken wieder deutlich: auf 0,8 % bzw. 1,3 %. Der Druck auf die Preise wird durch wegbrechende Einkommen im Zuge der Corona-Pandemie auch im April weiter zunehmen und die deflationäre Entwicklung weiter verschärfen.

Abbildung 10

 

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