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Konjunktur | 06.05.2020 (editiert am 08.05.2020)

Die deutsche und europäische Konjunktur im Spätwinter 2019/2020 – 3

Bauproduktion und Einzelhandel standen im Februar noch ganz im Zeichen der fragilen europäischen Normalität. Die Arbeitslosenquote erreicht gar einen historischen Tiefstand. Eine trügerische Momentaufnahme.

Noch immer ist die Bauproduktion in der Europäischen Währungsunion (EWU) von der schlechten gesamtkonjunkturellen Entwicklung unbeeindruckt (Abbildung 1). Zwar gab es für Deutschland nach einem starken Anstieg im Januar (7,2 %) wieder einen leichten Rückgang im Februar (-1,2 %). Eine Abschwungstendenz im Allgemeinen lässt sich daraus aber nicht ableiten. Die Produktion liegt deutlich über dem Vorjahresmonat (4,2 %) und weiter auf einem historischen Hoch.

Eine ähnliche Entwicklung hat die EWU im Januar (4,3 %) und Februar (-1,7 %) zu verzeichnen. Doch hier befindet man sich im Vergleich zum Vorjahresmonat leicht im Minus (-0,6 %) und nach wie vor weit unter dem Niveau von 2009, was vor allem mit der Lage in Südeuropa zusammenhängt (siehe unten)…

… und Frankreich. Der Nachbar Deutschlands bleibt unter ferner liefen und in der Stagnation. Das Land befindet sich auf niedrigem und seit 2016 fast unverändertem Niveau. Insgesamt tritt Frankreichs Bauindustrie seit dem Ende der Finanzkrise auf der Stelle und hat seitdem das Produktionsniveau von 2009 nicht mehr erreicht.

Abbildung 1

Keine Rede Wert ist eigentlich Südeuropa, das sich seit Jahren ohne nennenswerte Dynamik am Index entlang hangelt (Abbildung 2). Noch weitaus stärker als Frankreich liegen Italien, Spanien und Portugal unter dem Niveau von 2009. In Portugal ist das Volumen der Bauproduktion seit Februar 2009 um sage und schreibe mehr als die Hälfte eingebrochen! Will man unbedingt etwas positives sagen: Seitdem ging es lange nicht weiter bergab, im Februar gar ein kleines Stückchen bergauf (1,4 %) – was daran liegen mag, dass man sich schon seit Jahren fast auf der Talsohle befindet.

Abbildung 2

Die lang andauernde und starke Baubelebung in einigen Ländern Osteuropas hat sich etwas abgeschwächt. Ungarn, das sich spektakulär aus der Rezession von 2016 befreien konnte, ist seit 2019 wieder stärkeren Schwankungen ausgesetzt. Im Februar gab es wieder einen Anstieg um satte 9,4 %, die Produktion liegt aber um -5,3 % unter dem Rekordmonat Juli 2019. Nachdem sich auch die Konjunktur in Polen im Laufe des vergangenen Jahres abgeschwächt hatte, gab es im Januar und Februar 2020 wieder einen kräftigen Anstieg um insgesamt 14,5 %. Damit befindet sich die polnische Bauproduktion auf einem neuen Rekordhoch (Abbildung 3). Auch Tschechien befindet sich weiter im Aufwärtstrend.

Ganz anders nach wie vor die Situation in Bulgarien. Die Produktion stagniert seit nahezu 4 Jahren weit unter dem Index. Das Niveau von 2009 scheint hier wie auch in den Ländern des Südens unerreichbar

Abbildung 3

In Westeuropa ähnelt die Bauentwicklung der Niederlande der Lage in Ungarn – nach 6 Jahren reger Bautätigkeit scheint der Anstieg seit 2019 abzuflachen (-3,2 % im Februar). (Abbildung 4). Anders in Österreich, wo der ähnlich lang andauernde Aufschwung ungebrochen weiter zu gehen scheint – plus 5,9 % im Januar und Februar und damit ein neues Rekordhoch. Schwer einzuschätzen bleibt die Situation in Dänemark, Schweden befindet sich trotz eines leichten Anstiegs im Februar offenbar auf den Weg in die Rezession, Belgien stagniert weiter auf niedrigem Niveau.

Abbildung 4

Einzelhandel: Noch ein bisschen Glück vor dem Corona-Schock

Für den Einzelhandelsumsatz geht es in der Währungsunion weiter aufwärts. Auch im Februar legte die EWU-19 um 1% zu (Abbildung 5). Parallel dazu verläuft die Entwicklung in Deutschland (0,9 %) und – auf höherem Niveau – in Frankreich (1,2 %). Sogar in Italien, dem seit geraumer Zeit stagnierenden Sorgenkind, gab es im Januar und Februar eine Mini-Belebung (1,4 % seit November 2019) und einen neuen „Höchstwert“ seit März 2012.

Abbildung 5

In Südeuropa erlebt Portugal im Einzelhandel das Gegenteil zur Bauproduktion. Es geht weiter konjunkturell aufwärts, erst recht im Februar (3,6 %). Damit liegt das Land erstmals deutlich über dem Niveau von 2009 (Abbildung 6). Ein wesentlicher Grund dürfte sein, dass nach jahrelangen Stagnationen und Kürzungen die Löhne und Gehälter in Portugal seit 2015 wieder leicht ansteigen.

Spanien und Griechenland bewegen sich seit 2019 leicht nach oben, auch im Februar gab es hier einen Anstieg.

Doch für den gesamten Euroraum gilt: Der Februar ist nur eine kurze Momentaufnahme eines konjunkturellen Höhepunkts, der im März im Corona-Schock sein jähes Ende finden wird.

Abbildung 6

Arbeitslosigkeit im Euroraum auf niedrigsten Stand seit 2008

Die Arbeitslosigkeit in der EWU sinkt weiter und liegt im Februar auf dem niedrigsten Stand seit 2008 (7,3 %) und um 0,5 % niedriger als im Vorjahresmonat. (Abbildung 7). Auch in Frankreich sinken die Arbeitslosenzahlen, allerdings nur sehr langsam. Die Zahlen liegen mit 8,1 % über EWU-Durchschnitt. Italien liegt mittlerweile im einstelligen Bereich (9,7 %), allerdings noch immer weit über dem Niveau von 2009. Keine Veränderungen gab es in den letzten Monaten in Deutschland (nach wie vor 3,2 %).

Doch auch hier gilt mit Blick auf Kurzarbeitergeld und Arbeitslosenerstanträgen, das im März die Karten völlig neu gemischt werden. Die neuesten Daten der Bundesagentur für Arbeit (BA) zur Kurzarbeit (Stand 31.3.2020) zeigen bereits jetzt, wie enorm die Antragsflut ist.

Abbildung 7

In Südeuropa setzt sich der Rückgang der Arbeitslosigkeit ebenfalls sehr langsam und auf hohem Niveau fort. Griechenland liegt mit 16,4% zwei Prozentpunkte niedriger als im Vorjahresmonat. Wenn man diese Zahl aber mit dem Stand von 2009 in Relation setzt, wird klar, dass das Wort „Erfolg“ nicht angebracht sein kann.

Ähnlich schleppend verläuft die Entwicklung in Spanien, immerhin hat man hier den Wert von 2009 wieder unterschritten – Stand Februar 2020: 13,6 %. Doch zum Vergleich, im Januar 2008, kurz vor dem Einbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise, lag die Arbeitslosigkeit noch bei 9,1 %.

Mit Abstand am besten ist die Lage wieder einmal in Portugal. Die Arbeitslosigkeit stagniert auf vergleichsweise niedrigem Niveau (6,5 %) und liegt auch deutlich unter dem Vergleichswert von 2009.

Abbildung 8

Preise bewegen sich in der „Deflationsrate“

Von einer „Inflationsrate“ kann, zumindest was die Erzeugerpreise betrifft, keine Rede sein. Sie liegen, Stand Februar, weiter im deflationären Bereich bei -1,5 %. Die Verbraucherpreise bewegen sich mit 1,2% unterhalb der Zielinflationsrate der EZB. (Abbildungen 8 und 9). Ein Versagen der Wirtschaftspolitik. Man will in der EWU nicht erkennen, dass nicht die lockere Geldpolitik der EZB, sondern nur eine Rückkehr zu einer angemessenen Lohnentwicklung die Preisentwicklung wieder ins Lot bringen kann.

Abbildung 9

Das bedrohliche Bild bestätigt sich mit Blick auf einzelne Länder, deren Verbraucherpreise allesamt unter der Zielinflationsrate liegen. Griechenland (0,4 %), Italien (0,2 %) und Spanien (0,9%) liegen sogar inzwischen wieder weit unter der Hälfte des Inflationsziels. Allein Frankreich und Deutschland konnten sich im Januar und Februar wieder der Zielmarke annähern. Allerdings dürfte der Druck auf die Preise auch hier durch wegbrechende Einkommen im Zuge der Corona-Pandemie ab März zunehmen und die deflationäre Entwicklung weiter verschärfen.

Abbildung 10

Es wird schon nicht so schlimm, oder doch?

In Berlin schien sich bisher die Überzeugung durchgesetzt zu haben, es sei das Beste, die ökonomischen Folgen des Corona-Schocks herunterzuspielen, um den Druck der Öffentlichkeit, namentlich den aus Wirtschaftskreisen, zu verringern, die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie zu beenden. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmeier hält „einen Überbietungswettbewerb mit schlechten Prognosen nicht für sinnvoll.“

Jetzt hat Altmeier die Aussichten für die deutsche Wirtschaft doch nach unten korrigiert müssen und spricht von einer „schweren“ Rezession. Man rechnet mit einem kulanten BIP-Rückgang von 6,3 % für das gesamte Jahr. Das ist zwar weit realistischer, als das, was der Sachverständigenrat prognostiziert hatte (2,8 % Rückgang), aber weit entfernt von den 25 %, die Heiner Flassbeck in den Raum stellt. Mit anderen Worten: Es wird sicher noch einige Korrekturen nach unten geben.

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