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Modern Monetary Theory | 12.05.2020 (editiert am 13.05.2020)

Eine empirische Theorie mit blinden Flecken

Die MMT ist die gegenwärtig am weitesten entwickelte monetäre Ökonomik. Sie weist aber konzeptuelle Schwächen auf, deren Beseitigung sowohl theoretische als auch praktische Folgen hat.

Der Anspruch der Vertreter der Modern Monetary Theory (MMT) ist zweifelsohne, eine empirische Theorie entwickelt zu haben. Bill Mitchell, einer der Gründerväter der MMT, drückt das so aus:

„[MMT] is a coherent body of propositions that allow us to understand how the monetary system works. Understanding comes with explanation.“

(„MMT ist ein kohärentes Bündel von Aussagen, die es uns zu verstehen erlauben, wie das Geldsystem funktioniert. Das Verständnis kommt mit der Erklärung“.)

Norbert Häring kritisiert, die MMT beschreibe moderne Geldsysteme nicht korrekt. Es entspreche z.B. nicht der empirischen Realität, die Regierung und die Zentralbank als einen einheitlichen Staatssektor zu konzeptualisieren. Damit trifft er einen wunden Punkt der MMT.

Das Drei-Sektoren Modell …

In einer Geldwirtschaft gilt, dass die Einnahmen eines Wirtschaftssubjekts die Ausgaben eines anderen Wirtschaftssubjekts sind. Wir können daher prinzipiell Wirtschaftssubjekte nach beliebigen Eigenschaften kategorisieren, ohne dass sich an der Richtigkeit der Aussage, dass sich deren Finanzierungssalden zu 0 addieren, etwas ändern würde.

So könnte man zum Beispiel zwischen rothaarigen und nicht-rothaarigen Wirtschaftssubjekten unterscheiden. Und da deren Finanzierungssalden sich zu 0 addieren, darauf hinweisen, dass die rothaarigen Wirtschaftssubjekte nur dann ein Geldvermögen aufbauen können, wenn die nicht-rothaarigen sich verschulden.

Allerdings ist diese richtige Aussage wenig informativ. Die Frage, warum man Wirtschaftssubjekte in einer bestimmten Weise kategorisiert, scheint also von größter Bedeutung zu sein. Die MMT kategorisiert Wirtschaftssubjekte nach ihrer Zugehörigkeit zum Staatssektor, Privatsektor oder Auslandssektor. Dabei wird die Zentralbank dem Staatssektor und die heimischen Geschäftsbanken dem Privatsektor zugeordnet. Aber ist eine solche Kategorisierung auch empirisch adäquat oder muss man nicht vielmehr, wie Häring anregt, bei der Modellierung einer Geldwirtschaft einen separaten Bankensektor annehmen?

Die MMT unterscheidet selbst korrekt zwischen Geldproduzenten und Geldnutzern. Ist es dann aber nicht geboten, Zentralbanken und Geschäftsbanken unter der Kategorie der Geldproduzenten zusammenzufassen und dann streng von den Geldnutzern zu unterscheiden?

Prima facie spricht viel dafür. Denn es kann kaum bestritten werden, dass (1) Geschäftsbanken das Privileg der Geldschöpfung zukommt und (2) viele institutionellen Hürden aufgebaut wurden, die Zentralbanken daran hindern, Geld auf Anforderung „ihres“ Finanzministeriums zu produzieren.

… und seine Rechtfertigung

Auf diese Tatsachen reagieren die MMT-Vertreter mit zwei Argumentationsstrategien. Um die Bedeutung von (1) herunterspielen, wird Geld als ein „I owe you (IOU)“, also als ein Schuldschein, definiert. Dann wird darauf hingewiesen, dass jeder einem anderen solche Schuldscheine ausstellen kann. Aber es gäbe bezüglich ihrer Akzeptanz eine hierarchische Ordnung zu berücksichtigen, wie sie von einem weiteren Pionier der MMT, L. Randall Wray, in der folgenden Grafik behauptet wird.

Pyramid of Liabilitis, Quelle: L. Randall Wray: Modern Money Theory: A Primer on Macroeconomics for Sovereign Monetary Systems, S. 86.

Die IOU des Staates stehen also nach Meinung der MMT-Vertreter an der Spitze dieser Hierarchie. Denn sie alleine seien dazu imstande, Geldschulden ohne Wenn und Aber zu begleichen.

Nun wird aber auch von MMT-Vertretern nicht bestritten, dass Geldschulden mit den IOU’s der Banken beglichen werden können. Man könnte sogar meinen, dass diese IOU’s erlaubten, Steuerschulden zu begleichen. Wenn es aber richtig ist, – wie von der MMT behauptet wird – dass Geld sich von anderen Zahlungsmitteln dadurch unterscheidet, dass man damit Steuerschulden bezahlen kann, dann sind Geschäftsbanken zweifelsohne Geldproduzenten.

Diesen Argumenten für die Richtigkeit von (1) wird von Vertretern der MMT wie folgt begegnet:

(a) Man unterschlage, dass Geschäftsbanken ihren Kunden das Versprechen abgegeben hätten, ihre IOU’s in solche des Staates zu konvertieren.

(b) Steuern würden immer mit IOU’s des Staates bezahlt werden. Die Geschäftsbank agiere, auch wenn der Kunde das nicht wisse, als Vermittler „zwischen den Steuerzahlern und dem Staat, indem sie quasi Steuerzahlungen in Reserven im Auftrag der Steuerzahler vornehmen“.

(c) Berücksichtigt werde nicht, dass der sogenannte Zahlungsausgleich mithilfe von Zentralbankgeld zu erfolgen habe, wenn sich die Zahlungsströme zwischen unterschiedlichen Geschäftsbanken nicht decken.

Die Existenz institutioneller Hürden (2) wird von Vertretern der MMT ebenfalls nicht bestritten. Sofort aber wird darauf hingewiesen, dass solche Regelungen für das Verständnis der Funktionsweise moderner Geldsysteme irrelevant seien. Denn diese Beschränkungen, meint etwa Bill Mitchell, „sind rein freiwillig und haben keinen intrinsischen Status.“

Nun scheint es aber durchaus einen großen Unterschied zu machen, ob eine Regierung Geld produzieren darf, um ihre Ausgaben zu decken oder ob es dafür notwendig ist, ihre Zentralbank einzuschalten.

Wray widerspricht dieser Aussage unmissverständlich:

„What MMT has shown […] is that you can consolidate or deconsolidate and the balance sheet ends up in exactly the same place.“

(„Was die MMT gezeigt hat ist, dass man konsolidieren oder dekonsolidieren kann und die Bilanz exakt gleich ausschaut.“)

Gemeint ist:

(d) beim Erwerb eines Wirtschaftsguts direkt durch eine Regierung stellen sich die Bilanzen der Regierung, der Geschäftsbank und des Verkäufers nach Abschluss aller dazu notwendigen Buchungen – mit oder ohne Zentralbank – vollkommen identisch dar.

Bei dieser Operation wird freilich unterstellt, dass man unproblematisch die Bilanzen einer Zentralbank und der Regierung konsolidieren kann.

Aber selbst wenn das der Fall sein sollte – macht es denn keinen Unterschied, wenn die Zentralbank der Regierung keine ihrer IOU’s zur Verfügung stellen darf, die Regierung also gezwungen ist, ihre Staatsausgaben über die Emission von Staatsanleihen zu refinanzieren?

Wer so fragt, hat nach Meinung von MMT-Vertretern den

(e) Charakter von Staatsanleihen missverstanden. Im Prinzip handele es sich auch bei Anleihen um eine Art Zentralbankgeld. Der einzige Unterschied sei, dass er ihren Inhabern die Zahlung eines Zinses einräumt.

Die Funktion der Emission von Staatsanleihen sei bei Licht betrachtet nicht die der Finanzierung von Staatsausgaben, sondern der Zinssteuerung:

„[W]heter the bond sales are by the central bank or the Treasury they should be thought of as monetary policy operation.“

(„Egal ob die Anleiheverkäufe durch die Zentralbank oder das Finanzministerium erfolgen, sollten sie als geldpolitische Operation betrachtet werden.“)

Können MMT-Vertreter mit diesen Argumenten der konzeptuellen Kritik an ihrer Theorie entkommen?

Schuldscheinhierarchie

Um diese Frage zu beantworten, ist es am besten, ihre Argumente auf empirische Adäquatheit hin zu überprüfen.

Aussage (a) ist eine These über mentale Zustände von Geldnutzern. Sie besagt, dass Geldnutzer das Bankengeld zur Begleichung von Geldschulden nur akzeptieren, weil sie überzeugt sind, dass sie es jederzeit in Bargeld konvertieren können.

Das erscheint weit hergeholt. Ein Großteil des Zahlungsverkehrs wird inzwischen bargeldlos abgewickelt. Auf die Frage, warum man denn eine solche Zahlungen akzeptiere, wird man vermutlich kaum jemals die Antwort bekommen: „Ich kann es ja in Bargeld umtauschen“. Der Großteil aller Geldnutzer denkt über solche Fragen einfach nicht weiter nach. Er benutzt das Bankengeld gewohnheitsmäßig und hat – weil das in der Regel tadellos funktioniert – keinen Grund, über seine Konvertierbarkeit in Bargeld nachzudenken.

Deshalb dürfte ihn auch die Auskunft (b), dass die Banken in seinem Auftrag mit Zentralbankgeld seine Steuern bezahlen, staunen lassen. Er weiß, dass er seiner Zahlungspflicht nachgekommen ist, wenn er die entsprechenden Beträge an das Finanzamt überwiesen hat. Und mehr braucht er auch nicht zu wissen.

Sicher ist richtig, dass es bei diesem Zahlungsvorgang mit der Reduktion des Giroguthabens des Kunden gleichzeitig zu einer Reduktion des Zentralbankguthabens der dabei involvierten Geschäftsbank kommt. Das aber ist ein mehr oder weniger vollständig automatisierter Prozess, der eine Vorrangstellung des Staatsgelds nicht zu begründen vermag. Unabdingbar ist, dass ein Steuerzahler über entsprechendes Guthaben verfügt, um seine Steuerschulden begleichen zu können. Es ist aber kaum vorstellbar, dass die Überweisung scheitert, weil die Geschäftsbank nicht über ausreichend Zentralbankgeld verfügt.

Aussage (c) kann ebenfalls eine solche Vorrangstellung nicht überzeugend begründen. Zwar ist richtig, dass ein Zahlungsausgleich Zentralbankgeld erfordern kann. Allerdings spielt Zentralbankgeld unter heutigen Bedingungen dabei nur noch eine ganz geringe Rolle.

Das heißt nicht, dass die Bedeutung der Zentralbanken als Geldproduzent zu bestreiten ist. Härings Hinweis, dass „über 90 Prozent des umlaufenden Geldes nicht von der (staatlichen) Zentralbank, sondern von privaten Geschäftsbanken in Form von Bankguthaben geschaffen werden“ scheint mir falsch. Zwar führen Zahlungen der Zentralbank zu einer Erhöhung von Giroguthaben, ausgelöst werden sie aber durch einen Überweisungsauftrag der Zentralbank, der automatisch auch zu einer Erhöhung des Zentralbankguthabens der entsprechenden Geschäftsbank führt.

In Umlauf befinden sich also sowohl Staats- als auch Bankengeld. Heißt, sowohl Zentralbanken als auch Geschäftsbanken sind als Geldproduzenten zu sehen. Es spricht daher bereits hier einiges für den Vorschlag Härings, Banken als einen eigenständigen Wirtschaftssektor zu konzeptualisieren.

Eher in den Blick kommen dann auch problematische Aspekte unseres Geldsystems, die von der MMT nicht systematisch adressiert werden. So z.B. die Rolle, die Geschäftsbanken beim Aufbau und dem Erhalt eines unproduktiven und oft sogar für die Realwirtschaft schädlichen Finanzsektors spielen.

Daran anschließend lässt sich auch fragen, ob die These von Joseph Huber, dass Zentralbanken sich zunehmend von einer Bank des Staates zu einer Bank der Banken entwickelt haben, nicht den Nagel auf den Kopf tritt. Und daraus folgend, ob das zweistufige Banksystem nicht einer radikalen Reform bedarf.

Entsprechende Reformvorschläge findet man bei der MMT nicht. Hier ist man offenbar der Meinung, dass es vollkommen ausreichend sei, die unsinnigen Beschränkungen bei der Produktion staatlichen Geldes über Bord zu werfen.

Konsolidierung von Regierung und Zentralbank

Ein jedes Geldsystem ist eine Institution. Wie jede Institution hat auch das Geldsystem eine oder mehrere Funktionen. Das heißt, dass Institutionen soziale Phänomene sind, die für etwas „gut“ sind. Institutionen sind damit so etwas wie Werkzeuge. Und wie bei Werkzeugen lässt sich fragen, ob sie diese Funktion mehr oder weniger gut erfüllen.

Beim Bau von Institutionen werden aber andere Materialen benötigt als beim Bau von Werkzeugen. Der wohl bedeutsamste Unterschied ist, dass Institutionen aus Regelsystemen gebaut werden. Eine korrekte Beschreibung einer Institution erfordert daher eine korrekte Identifikation der Regeln, die diese konstituieren.

Vor diesem Hintergrund erscheint die Beschreibung und Erklärung modernen Geldsysteme durch die MMT defizitär. Konkret: Einwand (2) wurde von ihr nicht überzeugend widerlegt. Denn es gibt nun einmal Regeln, die nahelegen, zwischen einer Regierung und einer Zentralbank ebenso zu unterscheiden wie zwischen Zentralbankgeld und Staatsanleihen.

Man mag solche Regeln als so schwachsinnig erachten wie die, dass ein Finanzminister eine bestimmte Anzahl von Liegestützen machen muss, um bestimmte Ausgaben tätigen zu dürfen. Ist aber eine solche Regel in Geltung, dann ist sie eine Realität. Die Ausgaben eines Staates sind dann durch die physischen Fähigkeiten von Finanzministern beschränkt.

Man mag nun das Konzept unabhängiger Zentralbanken für ebenso schwachsinnig halten. Aber um die Funktionsweise solcher Geldsysteme zu verstehen, kann man von den entsprechenden Regelungen nicht einfach absehen. Es hilft dabei keineswegs, wie Wray darauf hinzuweisen, dass das Ergebnis der Bilanzierung das exakt gleiche sei: Der Staat also doch immer ein Wirtschaftsgut und die Bank und der Hersteller immer ein Guthaben hätten, das exakt dem Preis des Wirtschaftsguts entspricht.

Mit ihrer Konsolidierungsthese begeht die MMT eine gleich zweifache Petitio Principii. Mit oder ohne Einschaltung einer Zentralbank landet sie nur deshalb in „exactly in the same place“, weil sie voraussetzt, was erst zu beweisen wäre. Nämlich, dass man zwischen der Regierung und ihrer Zentralbank nicht unterscheiden muss und dass zwischen Staatsgeld und Staatsanleihen kein essenzieller Unterschied besteht.

Es scheinen aber tatsächlich viele Unterschiede zu bestehen. Zunächst einmal scheint sich ein Staat, der Geld emittiert, keineswegs verschulden zu müssen. Jedenfalls dann nicht, wenn man unter „Schuld“ eine kreditähnliche Konstruktion versteht. Streng genommen zahlt daher ein Staat, der Geld ohne die Zwischenschaltung einer Zentralbank emittiert, nicht mit Schuldscheinen sondern Steuergutschriften. Die implizite Behauptung, dass Geld und Kredit notwendig Hand in Hand gehen, ist also falsch.

Richtig ist auch nicht, dass zwischen Staatsanleihen und Staatsgeld kein Unterschied besteht. Ein Finanzministerium muss sich, bevor es seine Ausgaben bezahlen kann, bei einer Bank verschulden. Es bekommt Geld im Gegenzug für die Verpflichtung, den Anleihebetrag samt Zinsen und anfallenden Gebühren vollständig und fristgerecht zurückzuführen.

Die Emission von Staatsanleihen als eine geldpolitische Operation zu beschreiben, geht damit weit an der Realität vorbei. Staaten emittieren nicht Staatsanleihen, um damit den Zins zu steuern. Sie tun es, weil sie unter den bestehenden institutionellen Gegebenheiten nur so an Geld kommen können, das sie zur Bezahlung ihrer Ausgaben benötigen.

Sicher ist richtig, dass unter bestimmten Umständen zwischen den unterschiedlichen Möglichkeiten der „Refinanzierung“ von Staatsausgaben praktisch kein Unterschied besteht. Es ist aber in jedem Fall immer zu argumentieren, welche Umstände das genau sind.

So mag man etwa zu Recht argumentieren, dass mit dem Pandemic Emergency Purchase Programme bei den gegenwärtigen Zinssätzen faktisch schuldenfrei Geld emittiert werden kann. Trotzdem gilt, dass Regierungen Geld aufgrund eines kreditähnlichen Vertragsverhältnisses erhalten haben und damit verbundene Regelungen nicht abgeschafft, sondern lediglich ausgesetzt wurden.

Damit besteht aber weiterhin die Möglichkeit des Bankenkomplexes, das Haushaltsgebaren von Regierungen in ihrem Interesse zu steuern. Häring hat daher recht: Die Konsolidierungsthese verhindert zu prüfen, ob die Konzeptualisierung einer Geldwirtschaft mit Bankensektor nicht besser in der Lage ist, bestimmte makroökonomische Phänomene, wie etwa die Blasenbildung an Aktienmärkten, zu erklären.

Fazit

Um ihrem Anspruch einer empirisch adäquaten Theorie kapitalistisch organisierter Geldwirtschaften gerecht zu werden, muss die MMT verstärkt institutionelle Realitäten real existierender Geldsysteme zur Kenntnis nehmen.

Sobald sie das tut, wird sie erkennen, dass eine Kritik an bestehenden Regelungen noch lange keine Reformvorschläge für eine neue Geldordnung beinhaltet. Aufgabe ist es dann, alternative institutionelle Regelungen auszuarbeiten, die sicher stellen, dass das Steuerungsmittel Geld zu einer Ressourcenverwendung führt, die am Gemeinwohlinteresse orientiert ist.

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