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Corona-Krise | 06.05.2020 (editiert am 08.05.2020)

Gesundheit oder Wirtschaft: Die falsche Alternative – 2

Von der jetzt verfolgten Stop-and-Go „Strategie“ erwartet man sich positive wirtschaftliche Effekte. Schaut man aber auf die Fakten, ist zu befürchten, dass wir mit den „Lockerungen“ weniger Gesundheit und einen größeren volkswirtschaftlichen Schaden gleichzeitig bekommen.

Der in den Anmeldungen zur Kurzarbeit manifestierte wirtschaftliche Absturz der deutschen Volkswirtschaft ist äußerst besorgniserregend. Eine Regierung, die mit Blick auf diese Zahlen nicht reagiert, handelt ohne Zweifel verantwortungslos. Doch ist die Öffnung aller bis noch zum 20. April geschlossener Betriebe der geeignete Schritt, um „die Wirtschaft wieder hochzufahren“?

Das wäre nur dann der Fall, wenn der deutsche Shutdown primäre Ursache der deutschen Wirtschaftskrise ist. Die verfügbaren Evidenzen sprechen allerdings gegen diese These.

Der deutsche Shutdown war’s (nicht)

Wollen wir die wirtschaftlichen Folgen eines Shutdowns abschätzen, müssen wir vor allem das Ausmaß der staatlich verordneten Stilllegung von Betrieben in den Blick nehmen.

So spricht man zwar sowohl im Hinblick auf Italien als auch Deutschland pauschal von einem Shutdown. Die beiden Shutdowns haben aber vollkommen andere Dimensionen. In Italien hatte man am 21. März die Stilllegung aller nicht lebensnotwendigen Betriebe veranlasst. In Deutschland dagegen waren von Stilllegungen weitgehend nur Unternehmen des Einzelhandels, Dienstleistungssektors und des Gastgewerbes betroffen.

Um zumindest grob einschätzen zu können, wie stark der deutsche Shutdown eine Reduktion der deutschen Wertschöpfung erklären kann, betrachten wir uns zunächst die Umsätze der einzelnen Wirtschaftsbranchen.

Abbildung 1

Von der staatlich verordneten Stilllegung waren die Branchen der „sonstigen Dienstleistungen“, „Kunst, Unterhaltung und Erholung“ und das „Gastgewerbe“ besonders stark betroffen. Ohne Zweifel sind diese Stilllegungen für viele Menschen, die in diesen Branchen arbeiten, existenzbedrohend. Dennoch dürfte offensichtlich sein, dass die direkten volkswirtschaftlichen Effekte als äußerst gering einzuschätzen sind.

Volkswirtschaftlich ins Gewicht fallende Effekte könnte man nur für den relativ großen Einzelhandelssektor plausibel machen. Viele Geschäfte aber – wie etwa der Einzelhandel für Lebensmittel, Abhol- und Lieferdienste, Getränkemärkte, Apotheken, Sanitätshäuser, Drogerien, Tankstellen, Reinigungen, Waschsalons, der Zeitungsverkauf, Bau-, Gartenbau- und Tierbedarfsmärkte und der Großhandel – waren von staatlich verordneten Stilllegungen gar nicht direkt betroffen.

Der Verdacht, dass die volkswirtschaftlichen Folgen des deutschen Shutdowns extrem überschätzt werden, wird zur Gewissheit, wenn man die Anmeldungen zur Kurzarbeit nach Branchen betrachtet.

Abbildung 2

Von den insgesamt von der Bundesagentur für Arbeit (BA) geschätzten 10,14 Millionen Personen, für die ihre Betriebe Kurzarbeit angemeldet haben, sind 5,9 Millionen Beschäftigte definitiv nicht in Branchen beschäftigt, deren Betrieb temporär seit 20. März untersagt wurde.

Etwas schwierig ist die Beurteilung der im Binnenhandel Beschäftigten. Denn hier sind unter dem Klassifikationsbegriff „Handel, Instandhaltung. und Reparatur v. KfZ“ neben dem Einzelhandel alle auch vom Shutdown nicht betroffenen Handelssegmente zusammengefasst. Von den 2017 insgesamt in dieser Branche Beschäftigten sind etwas mehr als die Hälfte im Einzelhandel beschäftigt. Unsere Berechnungen auf Basis von Informationen aus einer Publikation des Statistischen Bundesamtes (S. 596) ergaben, dass sich kaum mehr als 40% von der Kurzarbeit betroffene Personen in Unternehmen des Binnenhandels direkt auf den deutschen Shutdown zurückführen lassen.

Das heißt aber zusammengefasst, dass ca. zwei Drittel der Anmeldungen zur Kurzarbeit nicht direkt durch den deutschen Shutdown verursacht sind. Wie dann lassen sich die Zahlen erklären, die BA-Chef Detlev Scheele „ein bisschen den Atem stocken“ ließen?

Ein gewaltiger Nachfrageschock

Als plausible Erklärung kommt nur ein Rückgang der effektiven Nachfrage infrage. Dabei ist zwischen der Nachfrage aus dem Inland und der aus dem Ausland zu unterscheiden.

Betrachten wir zur Beantwortung der Frage, wie stark für einen Rückgang der Gesamtnachfrage der Binnen- bzw. Exportmarkt verantwortlich zu machen ist, die 15 bedeutendsten deutschen Exportgüter nach Warengruppen.

Unschwer kann man erkennen, dass diese Güter überwiegend in Betrieben produziert werden, die dem „Verarbeitenden Gewerbe“ zugeordnet sind, das bei Weitem die meisten Anmeldungen zur Kurzarbeit zu verzeichnen hat. Viele dieser Betriebe liefern nicht nur viele Waren ins Ausland, sondern sind von der Auslandsnachfrage extrem abhängig. So belief sich etwa die Exportquote des deutschen Maschinenbaus letztes Jahr auf 80 % und die der Automobilindustrie auf 65 %.

Aufgrund der Größe des Verarbeitenden Gewerbes und seiner großen Abhängigkeit vom Export reagiert Deutschlands Wirtschaftsentwicklung sehr stark auf Veränderungen der Auslandsnachfrage, wie die folgende Grafik zeigt.

Abbildung 4

In der gegenwärtigen Situation rächt sich also Deutschlands extrem große Exportabhängigkeit. Dafür trägt die deutsche Politik die Verantwortung, die noch Ende letzten Jahres mit einer Industriestrategie aufwartete, die darauf zielte, die „Wettbewerbsfähigkeit der [deutschen] Industrie nachhaltig zu stärken“.

Vor diesem Hintergrund ist es geradezu kurios, dass Clemens Fuest und Monika Grimm empfehlen, Betriebe mit einer „hohen Wertschöpfung, wie sie insbesondere Teile des verarbeitenden Gewerbes aufweisen, als Kriterium für prioritäre Öffnung zu berücksichtigen“. Auch neoklassische Ökonomen sollten einsehen, dass schwerlich wieder zu öffnen ist, was die Regierung gar nicht geschlossen hat. Anders ausgedrückt: Es kann für den Rückgang der deutschen Exporte unmöglich der deutsche Shutdown verantwortlich gemacht werden.

Richtig ist, dass auch der Export deutscher Güter vorrangig durch Shutdowns eingebrochen ist. Aber eben durch Shutdowns anderer Regierungen. Durch die Brille der Exportindustrie mag man die in anderen Ländern verfügten Shutdowns als übervorsichtig kritisieren, aber der Einfluss der deutschen Politik auf deren Entscheidungen, darf man dennoch als minimal erachten.

Bestritten wird natürlich nicht, dass der deutsche Shutdown dem Binnenmarkt ebenfalls Nachfrage gekostet hat. Die Einkommen der Menschen, die aufgrund von Stilllegungen von Betrieben arbeitslos geworden sind bzw. in Kurzarbeit geschickt wurden, haben sich um bis zu 40 % reduziert. Darüber hinaus sind auch weitere mittelbare Nachfrageeffekte des Shutdowns zu berücksichtigen. Zu denken ist in diesem Zusammenhang an die temporäre Schließung von Kitas und Schulen, aufgrund derer viele Eltern sich um die Betreuung ihrer Kinder kümmern mussten.

Allerdings sind solche indirekten negativen Nachfrageeffekte des Shutdowns keineswegs ein Argument für eine schnelle Lockerung. Man hätte die betroffenen Personen problemlos für ihre Einkommensausfälle vollständig kompensieren können.

Aber selbst mit solchen Kompensationen hätten sich die Deutschen vermutlich beim Konsum trotzdem zurückgehalten. Denn die durchaus berechtigten Zukunftsängste führen dazu, Geld für erwartet schlechtere Zeiten zurückzulegen.

Die deutsche Volkswirtschaft aus dem Winterschlaf wecken

Eine illustre Runde von zwei neoliberalen Ökonomen, einem Philosophen, einem Politiker, einer Schriftstellerin und sogar einem Virologen trommelt vehement für ein „raus aus dem Lockdown“. Sie wollen so „rasch wie möglich in eine Phase übergehen, die unsere Volkswirtschaft aus dem Winterschlaf aufweckt“.

Wer wollte das nicht? Die Frage ist nur, ob das mit dem deutschen Exit aus dem Shuthdown gelingen kann. Sicher werden Menschen wieder mehr einkaufen gehen, wenn die bislang geschlossenen Geschäfte wieder geöffnet sind. Aber ein plötzlicher Konsumrausch steht nicht zu erwarten. Das Virus ist weiterhin unter uns und eine Impfung der Bevölkerung in weiter Ferne.

Da der Anteil der Wertschöpfung der geschlossenen Betriebe bei nur etwas mehr als 20% liegt und die Nachfrage nicht allzu schnell wieder auf das Niveau vor der Coronakrise zurückkehren wird, sollte man den Wachstumsimpuls aufgrund der Öffnung dieser Betriebe nicht zu hoch einschätzen. Vor allem aber mag er, wenn die pessimistischen Vorhersagen von Epidemiologen auch nur annähernd zutreffen, von recht kurzer Dauer sein.

Spätestens an dieser Stelle erhebt sich die Frage, warum man dann überhaupt die vielen Lockerungen beschlossen hat. Das Argument, die Bürger hätten gegen die unerträglichen Freiheitsbeschränkungen massiv Sturm gelaufen, verfängt dabei jedenfalls nicht. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov waren noch letzte Woche nur 15 % der Befragten der Meinung, die Einschränkungen des öffentlichen Lebens würden zu langsam zurückgenommen. Beinahe die Hälfte von ihnen dagegen votierte gegen die nun beschlossenen Lockerungen.

Sucht man nach einer Erklärung, warum diesem recht eindeutigen Votum der Bevölkerung nicht entsprochen wurde, landet man unvermeidlich bei den „Öffnungsdiskussionsorgien“. Mit der Diskussion über Ausstiegsszenarien wurde – wie von Merkel richtig befürchtet – eine unheilvolle politische Dynamik eingeleitet. Denn jede in Aussicht gestellte Lockerung musste mit guten Gründen den Widerstand derjenigen hervorrufen, die weiterhin von Einschränkungen betroffen waren.

Warum zum Beispiel sollten kleinere Geschäfte wieder öffnen dürfen, aber größere nicht? Und es ist ja auch richtig, dass jede Einzelmaßnahme für sich betrachtet bei der Eindämmung des Virus keinen großen Unterschied macht. Daher hätte man von Anfang an sehr viel klarer Kriterien für die Schließung von Betrieben formulieren und kommunizieren müssen. Und dann keine nicht wirklich gut begründeten Ausnahmen – wie etwa für Baumärkte – machen dürfen.

Tatsache ist, dass keine der notwendigen Voraussetzungen erfüllt sind, die aus epidemiologischer Sicht die nun verkündeten Lockerungen hätten rechtfertigen können. Es gibt noch nicht einmal ausreichend OP-Masken, geschweige denn wurden Test- und Nachverfolgungskapazitäten in ausreichendem Umfang aufgebaut. Völlig ungerührt davon werden nun im Stundentakt immer weitere Lockerungen schon im Mai versprochen.

Nach übereinstimmender Meinung der im ersten Teil genannten vier deutschen Forschungseinrichtungen ist daher bald mit wieder steigenden Fallzahlen zu rechnen. Man mag hoffen, dass Covid-19 ähnlich saisonal reagiert wie das Influenza-Virus. Diese Hoffnung wird jedoch trügen, wenn „das Virus substanzielle Ausbrüche unabhängig von der Jahreszeit erzeugt“ – wie die Mehrheit der Virologen und Epidemiologen zu glauben scheint. Zu befürchten ist dann, dass die Politik aufgrund der inzwischen weit verbreiteten Kritik am Shutdown darauf nicht schnell genug mit der Rücknahme der Lockerungen reagieren wird.

In diesem Fall muss, so wird in der gemeinsamen Stellungnahme der genannten Forschungsinstitute ausgeführt, innerhalb weniger Monate mit einer Überlastung des Gesundheitswesens gerechnet werden. Es ist allerdings nur schwer vorstellbar, dass die deutsche Regierung nicht mit einem erneuten und möglicherweise auch weitergehenden Lockdown reagieren wird, sobald uns aus deutschen Städten Berichte erreichen, die an die Bilder aus Bergamo erinnern.

Man mag eine solche Reaktion für grundverkehrt halten. Aber wenn die Ausbreitung des Virus außer Kontrolle gerät und in Folge eine große Zahl von Familienmitgliedern, Verwandte, Freunde oder Bekannte ernsthaft an Covid-19 erkranken, dann kann das zu einer Panik großer Teile der Bevölkerung führen. Spätestens dann reden wir nicht mehr über politisch prinzipiell beherrschbare Einkommenseinbußen, sondern über Produktionsausfälle, die möglicherweise sogar die Befriedigung von Grundbedürfnissen infrage stellen können.

Fazit

Das erstaunlichste Phänomen der Coronakrise ist – neben der steigenden Popularität der Eugenik – die endemisch um sich greifende Realitätsverweigerung. Es ist, wie der Physiker und Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar schreibt, gerade der Erfolg der Maßnahmen der Kontaktbeschränkung, der nun dazu führt, dass „unsere brennende Sehnsucht nach einer unbekümmerten Normalität allmählich unsere Ohren verschließt“. So bedauerlich es ist, es wird wohl erst eine große Anzahl von Menschen krank werden und sterben müssen, bis man wieder bereit ist, die Ohren zu öffnen.

Wem es darum geht, auf Basis wissenschaftlich gewonnener Evidenzen gesundheitliche und wirtschaftliche Schäden so weit als nur möglich zu begrenzen, der sollte die Empfehlungen von Epidemiologen nach einer „adaptiven Eindämmungsstrategie“ unterstützen und für eine solche Strategie komplementäre Wirtschaftspolitik werben.

Eine solche Wirtschaftspolitik muss zunächst mit großzügigen Liquiditätshilfen die bestehende Wirtschaftsstruktur zu konservieren versuchen. Insbesondere aber muss sie Einkommensausfälle von Lohnabhängigen bis zu einem bestimmten Höchstbetrag vollständig ausgleichen. Ferner muss sie die Weichen stellen, um dann, wenn der Kampf gegen das Virus gewonnen ist, eine schnellstmögliche Wirtschaftserholung zu ermöglichen.

Unabdingbar dafür wird sein, gern gehörte Wirtschaftsmärchen sowohl bei Politikern und Wählern aus den Köpfen zu bekommen. Zu nennen sind in erster Linie die Mär von der tugendhaften schwarzen Null, des die Sparguthaben drohenden deutschen Haftungsrisikos für andere Mitgliedsländer der Europäischen Währunggemeinschaft und nicht zuletzt die von den segensreichen Wirkungen der „Lohnmoderation“.

Das wird schon schwierig genug sein. Und es sind keineswegs nur Denkgewohnheiten und andere intellektuelle Hürden, die es an dieser Stelle zu überwinden gilt. Denn Verteilungskonflikte werden in überschaubarer Zukunft massiv zunehmen. Dass Privilegierte des Status quo ohne Widerstand die Verbreitung von Theorien zulassen, mit denen sich zeigen lässt, dass der Staat ohne die Finanzmärkte um Erlaubnis zu bitten, im Gemeinwohlinteresse handeln kann und sinkende Löhne keineswegs Arbeit schaffen, sondern sogar zerstören, ist wenig wahrscheinlich. Zu befürchten ist daher, dass wir in nicht allzu ferner Zukunft sowohl weniger Gesundheit als auch eine lang anhaltende Wirtschaftskrise bekommen.

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