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Corona: Die Wirtschaft der Zukunft | 29.05.2020 (editiert am 02.06.2020)

Hilfe für Unternehmen muss an Bedingungen geknüpft sein

Dänemark macht es vor: Unternehmen, die in Steueroasen registriert sind, erhalten keinen Zugang zu öffentlichen Beihilfen. Warum nicht ein Zertifizierungssystem, das öffentliche Gelder an die Unternehmenskultur koppelt?

Im Zuge der Covid-19-Krise geben die europäischen Mitgliedsstaaten große Summen an öffentlichen Geldern aus. Ein Teil dieser Gelder wird in die Stärkung der Gesundheits- und Sozialversicherungssysteme fließen, der andere Teil zur Unterstützung der sozialen und wirtschaftlichen Erholung eingesetzt werden. Tatsächlich haben sowohl die EU als auch die Mitgliedsländer begonnen, Konjunkturprogramme auszuarbeiten, die mit der Lockerung des Shutdowns schrittweise angewendet werden sollen.

Keine Hilfen ohne Bedingungen

In Hinblick auf den sozialen Schutz der am stärksten gefährdeten Gruppen, die vom Lockdown und dem Einbruch der Wirtschaftstätigkeit besonders hart betroffen sind, werden in einigen Ländern wie Spanien vorübergehende Grundeinkommen in Erwägung gezogen. Eine solche Einkommenssicherung hat ein dreifaches Ziel: erstens die Sicherung der materiellen Lebensbedingungen; zweitens die Vermeidung der Ausbreitung der Pandemie durch die Verringerung des Drucks, das Haus auf der Suche nach Mitteln zum Lebensunterhalt zu verlassen; und drittens die Aufrechterhaltung des Binnenkonsums. Der Zugang zu diesem Grundeinkommen ist an eine Reihe von Bedingungen geknüpft: Zugehörigkeit zur Erwerbsbevölkerung, Höhe und Dauer des Einkommensverlusts, persönliches Vermögen, Familienstruktur sowie andere soziale Variablen.

Solche Bedingungen werden auch an Hilfen für Unternehmen geknüpft, die mit einem Produktionsrückgang konfrontiert sind. In Kanada, Dänemark, Frankreich und Polen beispielsweise dürfen Unternehmen, die in Steueroasen registriert sind, keinen Zugang zu jenen öffentlichen Beihilfen erhalten, die gewährt werden, um die Güter- und Dienstleistungsversorgung auf nationaler Ebene zu sichern, Arbeitsplätze zu schützen und Steuereinnahmen zu erhalten. In Portugal wurde zwar bisher keine konkrete Regelung vorgelegt, aber sowohl Regierung als auch Opposition haben öffentlich erklärt, dass Banken in den Jahren 2020 und 2021 keine Gewinne erwirtschaften und die Kreditvergabe zur Unterstützung der Wirtschaft als Gegenleistung für die Rettungspakete, die sie nach 2008 erhalten haben, erhöhen sollten.

Dieses letzte Beispiel weist auf den Kardinalfehler der Sanierungspolitik nach 2008 hin, nämlich dass der Transfer öffentlicher Gelder an „too-big-to-fail“ Akteure (Finanz-, Versicherungs- und Immobiliengesellschaften) ohne Konditionen erfolgte. Die Vermögenspreise des sogenannten FIRE-Sektors wurden durch die von den Staaten und Haushalten aufgenommene Neuverschuldung gedeckt. All das erfolgte mit nur wenigen bis gar keinen Auflagen im Bereich sozialer, ökologischer oder staatlicher Verantwortung. Die Folgen waren fatal: steigende Ungleichheit, Korruption, mangelnde öffentliche Kontrolle und Rechenschaftspflicht. Der Schaden für die demokratische Legitimität war enorm.

Bedingungen basierend auf ESG-Kriterien

Bei einem Szenario von -3,8% des EU-Bruttoinlandsprodukts im ersten Quartal 2020 sollten die Regierungen bestrebt sein, die Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen wieder anzukurbeln, die Zerstörung des Produktionssektors zu vermeiden und Grundlagen für ein neues und widerstandsfähigeres Produktionsmodell zu schaffen. Die Folgen dieser Krise werden eine Relokalisierung und Reindustrialisierung der europäischen Volkswirtschaften begünstigen, um die Abhängigkeit von globalen Lieferketten zu verringern – insbesondere in den für die innere Sicherheit sensibelsten Sektoren wie Gesundheit, Nahrungsmittel oder Energie.

Wie erwähnt, werden Nationalstaaten im Allgemeinen öffentliche Hilfe innerhalb ihrer Grenzen an Bedingungen knüpfen – entweder bei der direkten Bereitstellung von Einkommen für die Bevölkerung oder bei anderen verschiedenen Arten der Hilfe für Unternehmen und Banken. Die Summen dieser Ausgaben werden sehr hoch sein, so hoch sollte auch der Grad der Verantwortung sein, der von den Empfängern dieser Gelder, insbesondere den Mächtigsten, verlangt wird. Verantwortung sollte nicht nur eine kurzfristige Bedingung bis zur Überwindung der Krise sein, sondern einem dauerhaften Rahmen von Bedingungen entsprechen, der widerstandsfähigere und nachhaltigere Produktions- und Konsummodelle ermöglicht.

In den letzten Jahren sind Kriterien für ökologische, soziale und unternehmerische Verantwortung (Environmental, Social and Governance – ESG) Teil des üblichen Vokabulars öffentlicher als auch privater Investoren geworden. Der ESG-Ansatz ist ein System zur Bewertung von Geschäftspraktiken aus Umwelt-, Sozial- und Governance-Perspektiven.

Das Ekona Center of Economic Innovation hat auf der Grundlage dieser allgemeinen Prämissen ein ESG-Zertifizierungssystem entwickelt, das auf die Realwirtschaft ausgerichtet ist. Ziel ist es, das Verantwortungsbewusstsein der Unternehmen zu bewerten. Die Zertifizierung bietet eine objektive Messung eines repräsentativen Satzes von Variablen, die mit den Bereichen Umwelt, Soziales und Führung von Unternehmen verbunden sind, was einen zusammengesetzten Indikator ergibt. Dieses Modell ermöglicht einerseits die Messung der aktuellen Leistung im Bereich der ESG-Verantwortung und andererseits die Ermittlung von Möglichkeiten für die strategische Entwicklung im Hinblick auf die ESG-Verantwortung. Der Vorteil des Ekona-Modells gegenüber der selbstdeklarativen Berichterstattung zur Corporate Social Responsibility (CSR) liegt auf der Hand: eine objektive Messung in Abwesenheit von Interessenkonflikten.

Wie in Abbildung 1 dargestellt, ermöglicht dieses Modell öffentlichen und privaten Fondsanbietern, verantwortungsbewusste Unternehmen anhand der im Rahmen der Zertifizierung erhaltenen Bewertung zu identifizieren. Mit diesen Informationen können die öffentlichen Verwaltungen ihre Bemühungen durch öffentliche Ausschreibungen oder andere Hilfen lenken. Das versetzt sie in eine sehr vorteilhafte Position, um das Verantwortungsprofil von Unternehmen zu schärfen.[1]

Abbildung 1: ESG-Zertifizierungssystem; Quelle: eigene Ausarbeitung

Gerade in der Zeit vor der Covid-19-Krise nahm die Bedeutung von ESG-Kriterien rapide zu, da der Klimawandel öffentlichen Druck sowohl auf die öffentlichen Verwaltungen als auch auf den privaten Sektor ausübte. Da die Klimarisiken immer offensichtlicher werden, verlagern sich die ESG-Bedenken rasch vom Bereich des Impact Investing (das neben einer positiven finanziellen Rendite messbare, positive Auswirkungen auf Umwelt oder Gesellschaft erzielen will) zur konventionellen Investitionspraxis.

Gegenwärtig umfasst der globale Markt für verantwortungsbewusste Investitionen mehrere Milliarden Euro. Er wächst jährlich mit zweistelligen Raten, obwohl er sich bisher eher auf Großunternehmen als auf kleine und mittlere Unternehmen konzentrierte, die noch keine Methode gefunden haben, um in die ESG-Investmentkategorie aufgenommen zu werden.

Die wachsende Bedeutung dieser neuen Kriterien zeigt sich auch auf institutioneller Ebene, wie zum Beispiel in der Europäischen Union. Sie hat einen Aktionsplan für ein nachhaltiges Finanzwesen entwickelt, der als Grundlage für die Integration von ESG-Kriterien in die Bewertung finanzieller Risiken dienen kann. Auch auf der Ebene der Arbeitsgruppe der Vereinten Nationen für transnationale Unternehmen und Menschenrechte erhalten ESG-Kriterien Einzug.[2]

Der Ansatz von Ekona in Bezug auf die ESG-Kriterien entspricht ökologischer, sozialer und unternehmerischer Verantwortung. Er zielt aber auch auf eine effiziente Verteilung der verfügbaren Ressourcen, eine angemessene Investitionsrendite und eine strukturierte und nachhaltige Relokalisierung der Wirtschaft. Diese Prinzipien werden besonders in einem Szenario wertvoll sein, in dem ein Bedarf an großen öffentlichen Investitionsinitiativen besteht, die verantwortungsvoll, effizient, lokal wirksam und nachhaltig sind.

Daher glauben wir, dass wir diese Art von Instrumenten auf die Produktionsökonomie kleiner und mittlerer Unternehmen anwenden müssen, die mehrheitlich auf dem europäischen Territorium tätig sind und für die Erhaltung der Beschäftigung von grundlegender Bedeutung und einer der wichtigsten sozialen Grundpfeiler sind.

Hilfe auf Grundlage von ESG-Kriterien

Beginnen die öffentlichen Gelder, wie in den Sanierungsplänen festgelegt, zu fließen, werden die Bedingungen für ihre Verwendung bereits definiert sein. Der Erfolg der Wiederaufbaupläne wird von der Art dieser Bedingungen abhängen. Die Verwendung des Modells der ESG-Zertifizierung ermöglicht die Gestaltung eines Anreizsystems, das für eine effiziente Ressourcenallokation als auch eine korrekte Bewertung der sozialen, ökologischen und administrativen Erträge öffentlicher Investitionen notwendig ist. Die Wirksamkeit der ESG-Kriterien beruht auf den folgenden Säulen:

Öffentliches Auftragswesen: Die Konjunkturprogramme werden das Potential berücksichtigen, das die Vergabepolitik für alle Verwaltungen als Motor für die Lenkung öffentlicher Investitionen und Ausgaben hat. Das wirtschaftliche Volumen des öffentlichen Auftragswesens beläuft sich in der EU auf 2 Billionen Euro, was 14% des BIP der EU entspricht. Dieser erhebliche Betrag wird eine Schlüsselrolle im Prozess der Verbesserung, der mit dem Aufschwung verbundenen Unternehmensstruktur spielen. In diesem Sinne stellen ESG-Kriterien ein effizientes Instrument dar, um eine größtmögliche Harmonie zwischen den verschiedenen in den Konjunkturplänen enthaltenen Programmen zu erreichen.

Vor-Bedingungen: Unternehmen können im Verhältnis zu ihrem relativen Grad der Verantwortung in ihren Wirtschaftssektoren, gemessen an ESG-Kriterien, als förderungswürdig angesehen werden. Eine solche Beurteilung der Eignung für öffentliche Finanzierung muss vor der Einführung der Konjunkturpläne und unabhängig davon erfolgen. Sie wird Orientierungshilfen für effiziente Prozesse der Ressourcenallokation und Anreize für Unternehmer bieten, die Qualität und Verantwortung ihrer Projekte unter ESG-Kriterien zu verbessern, was wiederum zur Relokalisierung von Lieferketten beitragen wird. Auf diese Weise wird die Einführung dieses neuen Instruments im Rahmen der Konjunkturprogramme für eine einfachere Verwaltung sorgen.

Kontinuierliche Zertifizierung: Es besteht die Notwendigkeit, ein harmonisiertes Verantwortlichkeits-Buchhaltungssystem einzurichten, das mit den derzeitigen Buchhaltungsmethoden interagieren oder sich sogar in diese integrieren kann. Das hier vorgeschlagene System, das auf ESG-Kriterien basiert, sieht eine periodische Zertifizierung der Unternehmen vor. Die Einführung der ESG-Zertifizierung ist offizielle Methode zur Bewertung der Eignung während des gesamten Konjunkturprogramms. Die Zahl der Unternehmen, die das ESG-Buchhaltungssystem nutzen, wird sich dadurch erhöhen, wodurch die Nachhaltigkeit und Resilienz der öffentlichen Investitionen im Rahmen des Konjunkturprogramms verbessert wird.

Institutionelle Zielgenauigkeit: Das Konjunkturprogramm braucht Tiefe und Breite, was bedeutet, dass es eine breite Ausdehnung mit einem hohen Grad an institutioneller Zielgenauigkeit braucht. Um in dieser Hinsicht erfolgreich zu sein, müssen die Mittel auf die verschiedenen Ebenen der öffentlichen Verwaltungen verteilt werden, mit besonderem Schwerpunkt auf die lokalen Verwaltungen, deren finanzielle und politische Kapazität erhöht werden muss.

Ferner würde die Anwendung des ESG-Modells die Erfolgswahrscheinlichkeit der Konjunkturprogramme erheblich verbessern. Das neue Modell würde den Unternehmen Anreize geben, strategische Risiken für die Erfüllung der Ziele der nachhaltigen Entwicklung einzugehen. Kurzfristig würden lokal tätige Unternehmen von dieser neuen Mittelvergabe profitieren. Mittelfristig würden neue Unternehmen von Anfang an in Übereinstimmung mit den ESG-Prinzipien gegründet werden. Bereits seit langem etablierte Firmen werden sich an die neuen Bedingungen anpassen oder aber ihre Dienstleistungen für die öffentlichen Verwaltungen einstellen müssen.

Dieses Modell könnte durch ergänzende Politiken, die mit den lokalen Bedürfnissen und Ressourcen übereinstimmen, angepasst und ausgebaut werden. In diesem Sinne könnte die lokale Politik in dem Maße noch erfolgreicher sein, in dem öffentliche Institutionen Unternehmern, die das ESG-Modell nutzen wollten, unterstützende Dienstleistungen anbieten. Das könnte im Zusammenhang mit Geschäftsberatung, Kreditvergabe und Konzertierung/Konsortialbildung zwischen lokalen Interessengruppen stehen. Auf diese Weise konnten mögliche Hürden oder Abweichungen bei der Einführung des ESG-Modells korrigiert werden.


[1] Eine umfassendere Erklärung ist verfügbar unter : http://www.esgaequum.com/certification/?lang=en
[2] https://www.ohchr.org/en/hrbodies/hrc/wgtranscorp/pages/igwgontnc.aspx

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