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Im Schweiße Deines Angesichts …

Die Philosophie in Zeiten von Covid-19 stand im Verhältnis von Mensch zur Natur (irgendwie ging es trotzdem ständig um das Verhältnis von uns Menschen untereinander) und forderte ein Waffenstillstand mit Gaia. Nun geht es darum, wie wir wirtschaften.

Angeln ist die einzige Art von Philosophie, von der man satt werden kann. – Peter Bamm

Ein in einem wild lebenden Tier beheimatetes Virus springt über Haustiere auf einen menschlichen Wirt über, indem es sich verwandelt. Unsanft werden wir daran erinnert, dass die Basis unseres Wirtschaftens auf stofflichen Prozessen ruht, die nur naturwissenschaftlich verstanden werden können.

Im „Schweiße unseres Angesichts“ treten wir arbeitend in den stofflichen Austausch mit der Natur, und welche Massen da verarbeitet werden, können wir uns vermutlich genauso wenig vorstellen wie exponentielles Wachstum. Diese Prozesse begründen den volkswirtschaftlichen Nutzen, verursachen aber nicht erst seit Corona auch riesige Schäden – sei es nun durch die Verschmutzung von Luft und Flüssen, Müllberge und nicht zuletzt den CO2-Ausstoß aus fossilen Brennstoffen. Deswegen ist ein Waffenstillstand oder sogar Friedensvertrag mit Gaia, wie ich im letzten Teil (Is mother nature a bitch?) gefordert habe, nichts für Feiglinge.

Für erneuerbare Energien gibt es zumindest Rechenmodelle, wie unser Energiebedarf ohne fossile Energieträger gedeckt werden kann. Aber für andere Bereiche, z.B. die Landwirtschaft? Mit Ökobetrieben zu je 20 glücklichen, freilaufenden Schweinen werden die 7,5 Milliarden Menschen der Erde wohl schwerlich satt werden.

Friedrich Schmidt-Bleek (Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie) beschreibt das Problem so:

„Ich kann mich auf Michaels Sitzbezügen im Flugzeug [hergestellt nach dem cradle-to cradle Prinzip] sehr wohl fühlen. Ich warte aber noch immer auf den detaillierten Vorschlag, die anderen 99,99 Prozent des Airbusses A380 nach seinen Prinzipien zu gestalten.“

Welche Antworten hat die Volkswirtschaft darauf? Wie schwierig die Umsetzung von grundlegenden Änderungen ist, sehen wir ja beim Thema Klimaschutz. Die vergleichsweise harmlose Aufgabe, die Hotspots der für Menschen schädlichen Virenproduktion zu überwachen, und dort gleichzeitig diesen Prozess durch Hygienemaßnahmen und ähnliches etwas zu verlangsamen, ist ja schon eine große Herausforderung.

Der freie Markt ist überfordert

Wie will man zu wirksamen Maßnahmen kommen ohne grundlegende Konzepte? Haben wir überhaupt verstanden, worum es geht? Wo ist das Verbindungsglied zwischen Volkswirtschaft und Stofflichkeit der Produktion? Da, wo man Umweltfaktoren einen Preis gibt? Oder findet sich die Lösung in der praktischen Zusammenarbeit aller Beteiligten, indem z.B. eine Stadt wie Amsterdam beschließt, ihre Entwicklung auf Basis der Doughnut-Prinzips zu gestalten, Betriebe sich dem Konzept der Gemeinwohlwirtschaft verschreiben, oder Großbetriebe gemäß UN Global Compact regelmäßige Nachhaltigkeitsberichte abgeben?

Sicher ist, dass der freie Markt diesbezüglich zumindest überfordert ist, und dass politische Maßnahmen nötig sind.

Die Stoff-Massen werden nicht nur verarbeitet, sondern auch transportiert, und wer einmal in einem Containerhafen war, kann anfangen, die Dimensionen zu ahnen. Ob dieses System globaler Produktionsketten unter Klimaschutzgesichtspunkten so aufrecht erhalten werden sollte, ist ja schon lange zweifelhaft, und angesichts des Dieselverbrauchs der Containerschiffe kann es einem absurd erscheinen, sich daheim beim Duschen einzuschränken oder das Auto stehen zu lassen.

Mit Corona kommen neue Zweifel hinzu, denn die Lieferengpässe erinnern schmerzlich daran, wie abhängig man von den produzierenden Ländern ist. Wird es nun einen Trend von der Hyper-Globalisierung zur Renationalisierung geben? Es scheint ja auch sonst in der Krise mehr Verlass auf den Nationalstaat zu sein als auf supra-nationale Organisationen. Aber warum in einem Industrieland wie Deutschland nicht ganz schnell die Produktion auf Güter umgestellt werden kann, die wir aus dem Ausland gerade nicht mehr beziehen können, bleibt vollkommen unverständlich.

Wenn dringend benötigter Nachschub von Konkurrenten gehijackt wird, merkt man, wie wichtig eine gute, friedliche internationale Zusammenarbeit ist. Oder verschärfen sich die internationalen Auseinandersetzungen nun, z.B. indem nun China als die neue Bedrohung angesehen wird?

So mancher, der meinte, er sei „seines Glückes Schmied“, muss jetzt wahrhaben, dass das nur sehr begrenzt stimmt. Ja, ich kann mir als Handwerker durch harte und fleißige Arbeit eine Existenz schaffen. Aber, wenn meine Kunden kein Geld mehr haben oder mich aus Angst vor Ansteckung nicht in die Wohnung lassen, wenn ich keine Arbeits-Materialien mehr bekomme, weil die Hersteller nicht mehr arbeiten, oder die internationalen Lieferketten unterbrochen wurden, wenn ich dann kein Einkommen mehr habe und staatliche Unterstützung erbitten muss, merke ich, in was für einer vernetzten Welt ich eigentlich lebe – und wie abhängig ich davon bin, auch wenn ich mich zeitlebens ganz anders gesehen habe. Der homo oeconomicus als Idealtypus, der selbstoptimierend die unsichtbare Hand des Marktes zum Wohle aller zum Zuge kommen lässt, ist nichts als bullshit.

Der große Gleichmacher scheint SarsCoV-2 doch nicht zu sein

Wir leben in einem extrem differenzierten sozialen Welt-System – wir sind nicht nur uns selbst optimierende Individuen mit ein wenig Kontakt zu unseren Familien und Nachbarn, sondern auch Landwirte und Subsistenzbauern, Lohnabhängige, prekär Beschäftigte und Arbeitslose, Beamte und Wissenschaftler, Soldaten und Generäle, mächtige und weniger mächtige Politiker, Groß- oder Klein-Unternehmer, Bankiers und Finanzoligarchen mit unterschiedlichen Interessen und sehr unterschiedlichen Einflussmöglichkeiten. Und in dieser Krise wird das mal wieder mehr als deutlich.

Nicht nur die Güter sondern auch die Arbeitskräfte fehlen bei geschlossenen Grenzen, und das führt nicht nur bei den Spargelbauern und in der Logistikbranche zu Engpässen. Mit der Suche nach Ersatzarbeitskräften stehen plötzlich wieder einmal die Lohnstrukturen und die Preise, die wir bereit sind, für unsere Konsumgüter zu zahlen, auf dem Prüfstand. Denn auch dass die Helden, die gerade im Gesundheitssystem, in den Supermärkten, in den Versandhäusern und beim Liefern der Waren in jedes Haus diejenigen sind, die die größten Gesundheitsrisiken eingehen und dafür am Schlechtesten bezahlt werden, während es sich andere auf der Basis eines sicheren Einkommens in der Quarantäne, gegebenfalls umsorgt von Dienstboten, gemütlich machen können, und die Wochenenden trotz des lock-ins am Zweitwohnsitz verbringen, erscheint nun offen als der Skandal, der dies schon lange ist. Der große Gleichmacher scheint SarsCoV-2 doch nicht zu sein.

In einer Zeit, da große Teile der Wirtschaft lahmgelegt sind, erinnern wir uns auch daran, dass – trotz aller Aktienkurse, Inflationsraten und Staatsverschuldungsquoten und aller möglichen Rechenkurven – die Realwirtschaft von zentraler Bedeutung ist für die Herstellung und Verteilung realer Güter. Alles muss erarbeitet werden: die Befriedigung der Grundbedürfnisse, ebenso wie die Möglichkeit Kinder zu haben und aufzuziehen, die Gesundheitssysteme, die Bildung, die Kultur, die Werbung, die Waffen und die Reserven für schlechte Zeiten.

Rational für den Konsumenten ist es, Ware zu horten

Wenn Atemschutzmasken, Beatmungsgeräte und Klopapier fehlen und es keine Nahrungsmittel mehr gibt, merken wir, dass es volkswirtschaftlich darum geht, dafür zu sorgen, dass alle verfügbaren Ressourcen zur Befriedigung realer Bedürfnisse mobilisiert werden, und welche Dinge wichtig sind. In Zeiten wie diesen kommt es einem als vollkommen absurd vor, dass dieser Prozess sich optimal durch die unsichtbare Hand des Marktes und lauter sich rational verhaltende, ideale Einzelakteure regeln soll.

Dem Markt ist es gleichgültig, ob Pflugscharen oder Schwerter, Atemgeräte oder Panzer hergestellt werden. Rational für den Konsumenten ist es, Ware zu horten, für den Produzenten, die Preise ins Unermessliche zu steigern. Rational für den Konsumenten wäre ein Produkt, das ein Leben lang hält, für den Produzenten müssen Verschleißteile eingebaut werden, der Pharmahersteller möchte schnell Impfstoffe und Medikamente auf den Markt werfen, für den (potentiell) Kranken ist das gefährlich.

Marktversagen nur angesichts der heutigen Ausnahmesituation? Das Argument zieht nicht: Krisen sind seit Anbeginn der Menschheit Normalität. Darauf hätte sich der Markt, wenn er denn funktionieren würde, rechtzeitig einstellen müssen, und es hätte genügend Atemschutzmasken gegeben. Aber auch hier geht es um politisch gestaltete Vorsorge. (Und seit wann hat der Markt die Auftragslage für die Schwerter bestimmt?)

Bill Mitchell u.a. definieren die verschiedenen volkswirtschaftlichen Theorieansätze in ihrem MMT- Lehrbuch folgendermaßen:

Orthodoxe, neoklassische Ansätze untersuchen die Verteilung knapper Ressourcen angesichts unbegrenzter Bedürfnisse. Heterodoxe Wirtschaftstheorien befassen sich mit der sozialen Schöpfung und sozialen Verteilung der Ressourcen einer Gesellschaft. [Übersetzung Ulrike Simon]

So müssen die Wirtschaftswissenschaften sich aus meiner Sicht als Sozialwissenschaft verstehen. Denn für die allergrößte Mehrheit der Menschen geht es ja nicht um grenzenlose Gier, sondern um die Erfüllung der Grundbedürfnisse wie Nahrung, Kleidung, Wohnung oder Gesundheitsversorgung. Und vielleicht zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte sind die Mittel da, jeden Weltbürger entsprechend zu versorgen. Es geht um die soziale Verteilung der Ressourcen, und das Thema Knappheit muss neu betrachtet und um die ökologische Dimension erweitert werden.

Und das Geld?

Plötzlich ist es zur Rettung der Wirtschaft da, was jedem sozial oder ökologisch engagiertem Menschen die Tränen der Wut in die Augen treibt, wenn er / sie daran denkt, wie oft man sich anhören musste, dass diese oder jene Forderung nicht bezahlbar sei. Thomas Fazi schreibt:

„Im Gegenteil, sogar Kommentatoren aus dem Mainstream geben jetzt zu, dass massive Defizite kein Problem darstellen, weil sie sehr wahrscheinlich von den jeweiligen Zentralbanken der Staaten ‚monetarisiert‘ werden: einfacher gesagt, die Zentralbanken werden so viele Staatsanleihen wie nötig aufkaufen und diese so lange wie sie möchten (potentiell für immer) in ihren Bilanzen fortschreiben.

Wie Lord Turner, der frühere Leiter der Finanzbehörde des Vereinigten Königreiches vor kurzem sagte: ‚Ich bin der Meinung, dass die Zeit reif für monetäre Finanzpolitik ist. Dann wäre es für alle klar, dass es keine Grenzen des verfügbaren Geldes gibt.‘ Damit ist die Austeritätslüge aufgedeckt: es gab nie zu wenig Geld für Bildung, Gesundheitssystem, Infrastruktur, Sozialleistungen und andere öffentliche Dienste.“ [Übersetzung U. Simon]

Aber werden künftige Generationen die jetzige Geldschwemme nicht doch mit Inflation, Austerität und Arbeitslosigkeit bezahlen müssen, wie so mancher Wirtschaftsexperte auch jetzt wieder warnend hervorhebt? Es bestünde die Gefahr, dass es so kommt, genauso wie nach der Finanzkrise, meint Fazi. Klassenkampf ist nötig, schreibt Bill Mitchell. Jetzt ist der Zeitpunkt für kritische Ökonomen, in die Offensive zu gehen, wie es z.B. die Freiburger Diskurse tun, und zu erklären, warum das nicht sein muss.

Und wie soll mit dem zu erwartenden Konjunktureinbruch und der zu erwartenden horrenden Arbeitslosigkeit umgegangen werden? Wie Friederike Spieker anmerkt, herrscht im Mainstream momentan eher Ratlosigkeit. Ich persönlich verstehe an der neoklassischen Theorie nicht, dass Geld dort nur als Mittel gesehen wird, unterschiedlichen Waren vergleichbare Werte zuzuschreiben. Diese Vorstellung will mir nicht zum kapitalistischen Prinzip passen, dass Kapital zum Zwecke der Erzeugung von mehr Kapital eingesetzt wird.

Ich stelle mir in unserem Wirtschaftssystem Geld als dynamischen Antrieb vor, der den Wirtschaftskreislauf in Gang setzt. (Kennen Sie die kleinen Flieger mit Gummimotorantrieb –  mit Geld ziehe ich den Gummimotor auf, lasse los, und ab geht die Post. Irgendjemand muss genug Energie aufladen, damit der Flieger optimal fliegen kann.) Mit Geld als Antrieb werden Waren gekauft und verkauft, neue produziert. (In anderen Systemen würde vielleicht Hunger als Antrieb reichen oder ein hungriger Sklaventreiber.)

Aber wie kriege ich in dieser Situation das Geld in den Kreislauf, Helikoptergeld, Erhöhung des Kurzarbeitergeldes, staatliche Jobgarantie? Oder vielleicht lieber doch Investitionszuschüsse oder Infrastrukturaufträge? Und wie berechnet man die erforderliche Geldmenge? Schließlich können ja andererseits viele Leute ihr Geld gerade nicht ausgeben, weil Kneipenbesuche und geplante Urlaubsreisen ausfallen.

Gleichgültig ist es jedenfalls nicht, wem der Goldregen zugute kommt. Ob der ‚kleine Mann‘ in den USA seinen Job verliert und sich mit einer Einmalzahlung von 1200 $ für vier Monate begnügen muss, während die großen Firmen für ihre Verluste reichlich kompensiert werden; ob kleine und mittelständische Betriebe in den Ruin getrieben und von den Großen aufgekauft werden; ob an die bailouts Bedingungen geknüpft werden, z.B. bezüglich der Dividendenzahlungen, oder nicht; ob es sozial gerechte Entlastungen gibt, und die Reichen zur Kasse gebeten werden und sich zumindest nicht in einer Krise noch zusätzlich bereichern können (Amazon verdient gerade sehr gut), macht einen großen Unterschied.

Für die einzelnen Menschen sowieso, aber auch für die optimale Nutzung der gesamtgesellschaftlichen Potentiale ist es eben nicht egal, wie unser Wirtschaftssystem organisiert ist, zu welchem Zweck gewirtschaftet wird, wem die Produktionsmittel gehören, wer sich welchen Anteil der Ergebnisse aneignet und welche Regeln dabei gelten. Es steht zu befürchten, dass einmal mehr das neoliberale Modell die Oberhand gewinnt, obwohl es sich als dysfunktional für die große Mehrheit der Menschen erwiesen hat.

Nur weil jemand von einem Mord profitiert, hat er diesen nicht automatisch begangen

Und zum Schluss noch ein wenig Verschwörung: Klar stand es um die Weltwirtschaft auch vor Corona nicht gut, und schon lange wurde ein neuer Finanzcrash heraufbeschworen / vorausgesagt. Da kommt das Virus gerade recht. Aber wurde es deswegen erfunden? Leider scheint ja nichts zu abwegig zu sein, um wahr sein zu können: der Irak-Krieg wurde auf Basis einer Lüge begonnen, der Einstieg der USA in den Vietnamkrieg auch (und Biowaffenversuche gab und gibt es ja ebenfalls zur Genüge). Aber an eine gemeinsame Verschwörung von China, Russland, Iran, Europa und den USA zur Rettung der Finanzindustrie mag ich dann doch nicht glauben.

Es kann sein, dass etwas zu einem bestimmten Zweck inszeniert wurde. Die Gesetze der Logik verbieten es uns jedoch, aus der Nützlichkeit einer Sache für einen bestimmten Zweck automatisch auf eine Inszenierung zu schließen; der Tatbestand kann ganz andere, von der Nutzung völlig unabhängige Ursachen haben; und das ist vermutlich auch viel wahrscheinlicher. Nur weil jemand von einem Mord profitiert, hat er diesen nicht automatisch begangen. Eine sorgfältige Untersuchung ist angebracht, Motiv, Mittel und Gelegenheit müssen zusammentreffen, wie wir jeden Sonntag im Tatort sehen können.

Allerdings lernen wir dort nur auch allzu oft, dass zur Überführung von ‚Bösewichtern‘ die ‚Guten‘ ruhig mal Recht, Gesetz und Menschenrechte verletzen dürfen. Diese Einstellung beobachten wir leider auch im wirklichen Leben, doch das ist, wie Michael Ende so schön schreibt, eine andere Geschichte, und die soll in meinem nächsten Essay erzählt werden.

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