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Corona: Die Wirtschaft der Zukunft | 20.05.2020 (editiert am 25.05.2020)

Jetzt, da alle Wunden offen liegen

Einen wirtschaftlichen Schock dieser Größenordnung haben die Niederlande seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr erlebt. Das Coronavirus lehrt uns eine Lektion. Aber was machen wir daraus?

Es ist 2045. Der Premierminister hat soeben den Schwebezug Amsterdam-Groningen in Betrieb genommen. Es ist der Abschluss eines 2024 begonnenen Projekts, bei dem der Bau elektrischer Hochgeschwindigkeitsstrecken auf allen Hauptverkehrsadern des niederländischen Straßennetzes begonnen wurde. Darüber hinaus werden E-Bikes eingesetzt, die Geschwindigkeiten von bis zu sechzig Stundenkilometern erreichen; besonders beliebt ist die sichere Dreiradvariante. Die überflüssigen Asphaltstreifen werden mit Solarzellenfolien einem Nutzen zugeführt.

In der Gemeinde Loon op Zand brennt eine ewige Flamme (auf Sonnenblumenöl) in Erinnerung an den Corona-Schock von 2020, dem Beginn des Endes der fossilen Wirtschaftsweise. Die war – es ist schwer vorstellbar – um den Fernkonsum herum organisiert. Der Schock führte zur Anti-Veve-Bewegung („gemeinsam gegen Viren, Emissionen, Umweltverschmutzung und Erschöpfung“) mit der Post-Corona-Partei (PCP) als politischem Zweig. Im Jahr 2022 dann leitete die PCP-Koalition den wirtschaftlichen Transformationsprozess ein.

Die zwei Millionen Hektar holländischen Ackerlandes sind größtenteils zu Speisewäldern oder zum Leinenanbau für die bulgarische Textilproduktion geworden. Sämtliches Fleisch in den Geschäften stammt von ökologisch wirtschaftenden Betrieben, Energie wird aus Sonnenenergie und Wasserstoff produziert, 87 Prozent der Produkte, die wir kaufen, sind Made in Europe.

Die Kunststoffproduktion wird seit der industriellen Anwendung des Feringa-Verfahrens (Feringa erhielt 2039 seinen zweiten Nobelpreis) wiederverwendet. Die Rohstoffversorgung erfolgt über Depots, Kunststoffsteuern und Versorgung aus Kunststoffnetzen, die seit 2026 weltweit im Meer versinken. Nur noch fünf Prozent der Wohnungen und Büros haben keine Wärmepumpe. Die Messungen von Stickstoffablagerungen und CO2-Emissionen wurden 2031 eingestellt; sie waren vernachlässigbar geworden. In den Kanälen von Amsterdam sind Forellen beobachtet worden. Ein paar Biber haben sich unter der Mageren-Brücke niedergelassen.

Laut Angaben des niederländischen Statistikamt arbeiten Niederländer im Durchschnitt 17,3 Stunden pro Woche. Zudem wurde ein auskömmliches Grundeinkommen beschlossen.

Das geltende Recht hat sich stark verändert. Die Hälfte des Wohnungsbestandes befindet sich heute in den Händen von Wohnungsbaugesellschaften. Die Kreditvergabe entspricht den Auflagen einer Aufsichtsbehörde, die der niederländischen Zentralbank Grundsätze der Kreditvergabe vorschreiben darf ; private Kredite, insbesondere Hypothekendarlehen, sind stark zurückgegangen. Die Hauspreise sind seit einem Jahrzehnt nur noch in selben Umfang wie die Einkommen gestiegen.

Die Lohn- und Mehrwertsteuer wurden gesenkt. Da 85 Prozent der Staatseinnahmen aus einer Steuer für die Wertsteigerung von Immobilien stammen, zahlen sich Immobilienspekulationen nicht mehr aus. Private Kapitalströme sind innerhalb Europas weitgehend verschwunden; der Europäischen Zentralbank dagegen wurde es sehr viel leichter gemacht, öffentliches Kapital in Europa dort hin zu lenken, wo es gebraucht wird. Die südeuropäischen Einkommen nähern sich stetig dem nordeuropäischen Niveau an, was durch die stark gestiegene Nachfrage nach Made in Europe-Produkten unterstützt wird.

Wird es so kommen? Es scheint sich um kein sehr realistisches Szenario zu handeln, zumindest um keine Zukunftsvision, die das Niederländische Büro für Wirtschaftspolitikanalyse oder ein Think Tank mit Renommee übernehmen will. Aber es ist trotzdem eine Antwort auf die Probleme, die durch das Virus offengelegt wurden.

Das Virus legt die Finger auf die wunden Punkte unserer Wirtschaft

Denn das Virus legt den Finger auf die wunden Punkte unserer Wirtschaft. Die Welt ist unglaublich komplex, die Probleme, die wir haben, sind vielgestaltig. Wie hängen sie zusammen? Das ist eine Frage, die unsere intelligentesten Denker nicht beantworten können. Und siehe da, eine winzige Kugel aus Protein und DNA zoomt mit großer Präzision auf unsere neuralgischen Punkte, die eines gemeinsam haben: Sie sind verwundbar gegenüber Covid-19. Ein Rätsel, das sich niemand hätte vorstellen können. Als ob das Virus Probleme sichtbar machen soll.

Das Virus zwingt uns, die Luftverschmutzung zu reduzieren und dafür auf das Auto oder Flugzeug zu verzichten. Das Virus schränkt alles ein, was auf Mobilität angewiesen ist. Globale Produktionsketten werden zum größten Teil stillgelegt. Die Schornsteine in China rauchen, damit anderswo mehr konsumiert werden kann – aber jetzt viel weniger. In Europa wird die Automobilindustrie Opfer von internationalen just-in-time  Lieferketten – mit verheerenden Folgen.

Das Virus ist auch ein Lackmustest, für die Widerstandskraft sozialer Sicherungssysteme. Gerade in den USA zeigt sich, dass, wie selbst Präsident Donald Trump anerkennen musste, hinter den durch das Virus verursachten Verwüstungen, sozioökonomische Ursachen stecken. Das ist die Lektion von Dr. Covid. Dort, wo das Gesundheitswesen und die Sozialversicherungssysteme schwach sind, dort wo die Einkommensungleichheit groß und die Arbeitsplatzsicherheit gering ist, dort bricht auch die Wirtschaft schneller zusammen. Altmodisch ausgedrückt: Je stärker das Kapital von der Ausbeutung der Arbeitskraft profitiert, desto stärker sind die Menschen jetzt in wirtschaftlichen Schwierigkeiten.

Die flexible Hülle, die es Unternehmen erlaubte, billiger zu produzieren, fällt als erstes ab. Plötzlich sind Freiberufler, Kleinstunternehmer und Uber-Fahrer nicht mehr eine Lösung, sondern ein Problem für die Gesellschaft. Es gibt einfach zu viele wirtschaftlich schwache Menschen und zu wenig administrative Infrastrukturen, um schnell genug Geld auf deren Bankkonten zu überweisen.

Ein akutes makroökonomisches Problem

Um so mehr das Kapital von der Ausbeutung der Lohnabhängigen profitiert, desto stärker stecken diese Menschen in wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Vierzig Prozent der Amerikaner und Briten haben nicht einmal die paar hundert Dollar oder Pfund, die sie für einen neuen Kühlschrank brauchen. Also arbeiten die wirtschaftlich Schwachen trotz Corona weiter, überfluten die Krankenhäuser, kürzen ihre Ausgaben. Der Nachfragerückgang ist enorm. Covid-19 verwandelte ihre wirtschaftliche Verwundbarkeit in ein akutes makroökonomisches Problem.

Sagen Sie nicht, das sei gerecht. Wie wollen Sie das den 17 Millionen arbeitslosen Amerikanern erklären? Es ist eine brutale Tatsache, Amerika ist schon lange Zeit ein Dritte-Welt-Land. Die Pandemie bringt es an den Tag.

Dort wo die Wirtschaft durch die zunehmende Verschuldung angetrieben wurde, ist der wirtschaftliche Rückschlag jetzt am Stärksten. Die Kreditaufnahme ist problematisch geworden und Kredite sind schwer zu prolongieren. Die Belastung durch Tilgung und Zinsen kann plötzlich den Unterschied zwischen Bankrott und Überleben machen.

Auch die Übergewichtsepidemie in vielen Ländern rächt sich nun. Die öffentliche Gesundheit wurde unter dem Deckmantel der Eigenverantwortung der Bürger und der Werbefreiheit untergraben. Wieder einmal bieten die USA das beste Beispiel: Dank der Unzugänglichkeit zu gesunden Lebensmitteln in den städtischen Lebensmittelwüsten und einer tödlichen Kombination aus endemischer Bildschirmabhängigkeit und zu vieler Antidepressiva, Alkohol, Süßigkeitenwerbung und Fast-Food-Verkaufsstellen, werden Menschen krank gemacht. Bei uns ist es nicht viel besser. Die Hälfte der erwachsenen niederländischen Bevölkerung ist ernsthaft übergewichtig – und auf den Intensivstationen sind neun von zehn Patienten übergewichtig.

So wie das Virus Körper zerstört, so frisst die Geißel des Massentourismus unsere alten Städte auf. Eine Stadt wie Venedi,g ist völlig ruiniert. Das Virus befreite auch die Inselstadt von seinen Peinigern. Umweltverschmutzung, Ausbeutung, Verschuldung, Ungleichheit, Wohlstandskrankheiten, Massentourismus – das sind die großen Probleme unserer Zeit. Sie alle werden auf einen Schlag von Covid-19 für jeden ersichtlich.

Das Virus lehrt uns eine Lektion. Die Frage ist nun, was wir daraus machen. Denn Lektionen sind noch keine Handlungsstrategien. Was wir brauchen, sind Handlungsstrategien, die Perspektiven für die Zukunft entwerfen. Zu viele dieser Strategien aber sind zu phantasielos. Sie sind so formuliert, als gäbe es keinen Spielraum für Entscheidungen. Es sind „Tina“-Strategien, nach den berüchtigten Worten von Margaret Thatcher: Es gibt keine Alternative.

Nicht die Phantasie ist an der Macht, sondern die Alternativlosigkeit. Das einzige Wahl , die wir zu haben scheinen, ist Dauer und Ausmaß von Kontaktbeschränkungen. Erzählt wird uns, dass das Drucken von Geld zu mehr oder weniger Inflation führt. Was wiederum dazu führt, dass die Zinssätze steigen oder auch nicht. Die lebenswichtige Infrastruktur wird verstaatlicht und dann wieder privatisiert. Unser BIP erholt sich nach drei oder auch erst nach sechs Jahren. Und so weiter und so fort.

Wir müssen uns einen Bruch der Geschichte wünschen

In diesem eng gesteckten Rahmen denken wir über die Auswirkungen der Coroankrise nach, deren Größenordnung zur Vor-Corona-Wirtschaft recht groß sein können. Das alles hat aber recht wenig mit den Lektionen zu tun, die uns das Virus gelehrt hat. Es handelt sich vielmehr um Strategien zur Rückkehr des Kapitalismus, wie wir ihn kennen: Deutschland kann es kaum erwarten, seine Automobilindustrie wieder anzukurbeln. Die niederländische Fluggesellschaft KLM hofft, bald alle ihrer 164 Flugzeuge wieder in die Luft zu bekommen. Venedig will im Herbst wieder Touristen empfangen können. Dass es eine Rückkehr zum Business as usual geben wird, steht fest – die Frage ist nur, wie schnell.

Aber die Zukunft ist nicht in Stein gemeißelt. Die Schritte, die wir jetzt gehen, bestimmen, welche Zukunft uns erwartet, sagte der Schriftsteller und Physiker Paolo Giordano vor kurzer Zeit. Wir müssen eine Vision für eine alternative Zukunft haben. Wir müssen uns einen Bruch der Geschichte wünschen.

Leider gibt es für das Wunschdenken einen Haken. Wenn die Kontaktbeschränkungen lange dauern (sechs Monate oder länger), wird das die alte Ordnung zerstören. Dann gibt es kein Geld, um in einen Übergang zu investieren. Wenn wir aber in zwei Monaten wieder an die Arbeit gehen können, wird sich die alte Ordnung einigermaßen erholen – und der Reformdruck wird fehlen.

Wir sollten die nicht nachhaltige Form des Kapitalismus – mit seiner Ungleichheit, seiner Verschuldung, seiner Umweltverschmutzung, seiner extremen Verwundbarkeit – keinesfalls zerstören wollen. Vielmehr müssen wir die Marktwirtschaft mit mutigen Reformen vor sich selbst retten. Aber wir müssen auch weiterhin uns im Wunschdenken üben und von den Lehren durch das Virus so erschüttert sein, dass wir einen wirklichen Wandel einleiten wollen. Sonst verlieren wir uns in der Tina-Realität.

Für die Politik gilt: Unterstützt keine Unternehmen, die die Gesundheit und die Umwelt schädigen oder ein Finanzkasino betreiben. Gebt Liquidität unter der Bedingung von Nachhaltigkeit und Schuldenumstrukturierung. Lasst Aktionäre und Gläubiger zahlen. Verteidigt die Löhne. Haltet an einer begrenzten Form eines Grundeinkommens fest. Organisiert eine Sozialversicherung für Selbständige. Ändert das Steuersystem – progressiver ausgestaltet und mit einer höheren Vermögenssteuer. Es gibt genug zu tun für den Anfang.

Wir haben einen Schock wie den durch das Virus in unserem Leben noch nicht erlebt, deshalb müssen wir Dr. Covids Analyse für den Rest unseres Lebens im Gedächtnis behalten. Wir müssen uns gesellschaftliche Alternativen jenseits des vorgegebenen Rahmens vorstellen. Sie sind auf längere Sicht realisierbar, wenn man Dr. Covids Lehren als Leitfaden benutzt.

Der Artikel wurde zuerst in der niederländischen Wochenzeitung „De Groene Amsterdammer“ veröffentlicht.

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