istock.com/cheekylorns
Corona-Krise | 12.05.2020 (editiert am 13.05.2020)

Keiner ist eine Insel

Sowohl der einsame homo oeconomicus als auch sich selbst regulierende Märkte sind eine Fiktion. In der gegenwärtigen Situation merken wir, wie sehr wir auf eine funktionierende Gesamtgesellschaft angewiesen sind.

 Einen sicheren Freund erkennt man in unsicherer Sache – Marcus Tulius Cicero

In welcher Gesellschaft lebe ich, in welcher möchte ich sein? Das ist für uns in Zeiten von social distancing zunächst eine sehr praktische und konkrete Frage: Kann ich mich als introvertierter Mensch daheim einigeln, gründlich erholen und darüber freuen, dass ich niemanden zum Geburtstag einladen muss? Oder ist es gerade umgekehrt, leide ich Höllenqualen, weil ich nicht unter Leute darf, vielleicht mit meinen kleinen Kindern in einer winzigen Wohnung eingesperrt bin und wichtige Angelegenheiten nicht erledigen kann?

Halte ich mich an die Regeln oder nicht? Finde ich neue Kommunikationsmöglichkeiten? Ist es meine Pflicht, in erster Linie dafür zu sorgen, dass ich nicht krank werde? Oder ist es meine Pflicht, im Einsatz für andere das Risiko Krank-Werden einzugehen? Kann ich mir das überhaupt aussuchen? Brechen jetzt alle unterschwelligen Familienprobleme auf und führen zu zunehmender häuslicher Gewalt oder gelingt eine neue Gemeinsamkeit? Bleiben die Schulkinder ungebildet und versinken in Computersucht oder blühen sie auf, weil sie ganz neue Bildungsmöglichkeiten entdecken? Bekomme ich die Hilfe, die ich brauche? Entdecke ich, dass gerade ich für andere wichtig sein kann? Verliere ich mein Haus, weil ich das Darlehen nicht bedienen kann? Lässt mich die Gesellschaft mit meinen finanziellen Sorgen allein, oder bekomme ich Unterstützung? Merke ich, wie dankbar ich für das sein kann, was ich habe, oder entdecke ich, dass es Zeit ist, aufzustehen und Forderungen zu stellen?

„Der Mensch wird vom Du zum Ich“

In so einer Situation merken wir, wie sehr wir auf eine funktionierende Gesamtgesellschaft angewiesen sind, und dass Margret Thatchers berühmte Äußerung

And, you know, there’s no such thing as society. There are individual men and women and there are families. And no government can do anything except through people, and people must look after themselves first. It is our duty to look after ourselves and then, also, to look after our neighbours.“

vermutlich einer der dümmsten Sätze der Geschichte ist. Beschreibt er aber nicht trotzdem auch einen Teil unserer Realität?

Unser Bauch signalisiert uns nicht nur Lust und Unlust, er gibt uns auch die Möglichkeit, Empathie zu empfinden, sagt Bonelli. Jeder Mensch sei zur Empathie fähig, nur seien diese Fähigkeiten unterschiedlich ausgeprägt. Und Martin Buber schreibt, „Der Mensch wird vom Du zum Ich“.

Aus Empathie folgt die Regel „Wir sollten andere so behandeln, wie wir selbst behandelt werden wollen“.

Aber so einfach scheint es dann doch nicht zu sein, und wer das glaubt, erscheint als grenzenlos naiv.

Sie sehen Bilder und hören einen herzzerreißenden Bericht, wie die Schergen eines bösen Diktators Babys aus ihren Brutkästen reißen, auf den Boden werfen und sterben lassen. Und schon sind sie überzeugt, dass es keine Alternative zur Entmachtung dieses Bösewichts gibt. Responsibility to protect. Der Bericht war von A-Z erlogen, erfahren Sie einen Krieg und viele Tote später. Wie fühlen Sie sich?

Und dann sehen Sie das Bild eines Vaters, der sein neugeborenes Kind betrachtet, und sind unendlich gerührt. Da hat aber jemand dazu geschrieben: „Entschuldigen Sie mich bitte, ich muss mich übergeben.“ Warum? Weil der Mann Julian Assange heißt, und keine Empathie verdient hat, weil er angeblich dafür gesorgt hat, dass Trump amerikanischer Präsident wird, und außerdem ein Vergewaltiger ist.

Die letztere Behauptung stellt sich als Teil einer Schmierkampagne heraus, wie der UN-Sonderberichterstatter für Folter Nils Melzer eindrucksvoll darstellt. Und, was die Präsidentschaft betrifft, war es ja vielleicht die Wahrheit über die Alternativkandidatin und nicht der Bote, die die Wahl beeinflusst hat? Jedenfalls – Empathie wird selektiv angewendet, zur Waffe gemacht und Bösewichter verdienen keine. Und so muss ein Mann mit stark angeschlagener Gesundheit und angegriffenen Lungen, dem letztendlich seine Tätigkeit als Journalist vorgeworfen wird (und noch steht er ja in einem Auslieferungsverfahren lediglich unter Tatverdacht), unter Covid-19 Verhältnissen weiter im Hochsicherheitsgefängnis für Gewaltverbrecher ausharren, während sich kaum einer daran stört, dass die Dame, die amerikanische Präsidentin werden sollte, den Lynchmord an einem ehemaligen Verbündeten (inzwischen böser Diktator) und ihre Rolle dabei mit den begeisterten Worten feierte: ‚We came, we saw, he died‘.

Selektive Empathie? Nur für die „Guten“, bzw. diejenigen, die uns etwas bedeuten? Empathieverwirrung?

Die Menschheit war schon einmal weiter – national und international

„Wenn auf Erden die Liebe herrschte, wären alle Gesetze entbehrlich“, sagte schon Aristoteles. Wir brauchen Gesetze die für alle gleichermaßen gelten. So sind ja die Verfassungen demokratischer Staaten aufgestellt, und die UN-Charta ebenfalls. Positive und negative Bauchgefühle werden vom Kopf analysiert, und die Entscheidung des Herzens (vergl. Philosophie in Zeiten von Covid 19) erfolgt auf der Basis von allen anerkannten Regeln, die in ruhigen Zeiten aufgestellt wurden und deren Einhaltung durch unabhängige Gerichte überprüft wird. Und nach diesen Regeln ist ein Angriffskrieg nach wie vor verboten, die Unschuldsvermutung gilt bis zur rechtsgültigen Verurteilung, und Lynchjustiz ist verboten.

Aber zurück zu  Covid-19. Die Behauptung jemand sei mit und nicht an Covid-19 gestorben ist für mich das perfekte Beispiel für Empathieverwirrung. Wenn jemand an den klinischen Symptomen von Covid-19  stirbt, ist er an Covid-19 gestorben, unabhängig von etwaigen sonstigen Vorerkrankungen. Wenn die kranke Großmutter eines derjenigen, die dieses Argument immer wieder vorbringen, von einem Raser totgefahren wird, der anschließend  Fahrerflucht begeht, werden diese die Staatsanwaltschaft bitten, die Strafverfolgung einzustellen? (Schließlich wäre die alte Dame sowieso bald gestorben, einiges an Leiden wäre ihr erspart geblieben und das Gesundheitssystem wäre entlastet. Und warum sollte man dem armen, jungen Raser nur deswegen das ganze zukünftige Leben versauen?) Vermutlich nicht. Aber bei den Großmüttern anderer Leute wäre das in Ordnung?

Auch die Behauptung, Covid-19 träfe ja nur die Alten und gesundheitlich Schwächelnden, ist zweischneidig. Wenn das erwiesen wäre, und wir ernsthaft über die zu ergreifenden Schutzmaßnahmen sprächen, wäre das ok. Wenn das Argument aber einfach als Argument gegen den Lockdown genommen wird, wird es problematisch. Dann werden die Freiheit der Jungen und die Wirtschaft gegen die Schwächsten der Gesellschaft aufgewogen. Bei den Eskimos mag es ja seinen Sinn gehabt haben, dass alte Leute sich zum Sterben in die Wildnis zurück gezogen haben, wenn ihre Kräfte nachließen. Aber in einer Gesellschaft, die die Mittel hat, eine Wirtschaftskrise zu mildern? Da sollte doch über  gesellschaftlichen Lösungen zum Abfangen der Härten diskutiert, und keine künstliche Kluft zwischen der Rettung persönlichen Freiheiten und der Wirtschaft einerseits und der Rettung der Menschen andererseits konstruiert werden.

Es sind hier drei Debatten zu führen, kontrovers und beharrlich: die wissenschaftliche Debatte, die Maßnahmen Debatte und die Solidaritäts-Debatte. Es ist jedoch intellektuell unredlich, diese zu vermischen, was leider trotzdem häufig der Fall ist. Der Satz „Man sollte doch nicht das Dorf zerstören, um ein einzelnes Leben zu retten“, ist so ein Beispiel.

Debatte 1: Ist das Virus vorhanden und gefährlich und droht es, unsere medizinischen Systeme zu überfordern?  Debatte 2: Welche Maßnahmen sind nötig und angemessen, um dieses real vorhandene, spezielle Virus in einer ganz speziellen Situation einzudämmen? Mit jemandem, der 1. bestreitet, muss Debatte 2 nicht mehr geführt werden, weil sonst im Grunde unlogisch argumentiert wird, die Wissenschaft müsse falsch sein, weil mir die Maßnahmen nicht passen. Debatte 3: Wie gewährleisten wir bei den jeweils getroffenen Maßnahmen, die sich aus der Gefährlichkeit des Viruses ergeben, die Wohlfahrt aller Beteiligten in einer gerechten Art und Weise?

Dass die medizinischen Systeme in reichen Ländern in die Zwangs-Situation gebracht werden, alte Menschen dazu nötigen zu müssen, schriftlich ihren Verzicht auf künstliche Beatmung zu erklären, ist ein Skandal. Oder dass sie auswählen müssen, wer die Chance auf Leben bekommt, und wer nicht. Oder die Tatsache, dass sich kranke Menschen keine medizinische Hilfe holen können, weil sie schlichtweg nicht da, oder nicht bezahlbar ist. Und – darf ich meine alten Eltern nicht mehr im Heim besuchen, ihnen nicht bis zuletzt die Hand halten, und sie noch nicht einmal angemessen beerdigen, bloß weil es an Schutzkleidung fehlt?

Enttäuschend ist, wenn diejenigen, von denen man eigentlich erwartet hätte, dass sie sozialen Belangen traditionell aufgeschlossener gegenüber stehen, bzw. dass sie sich generell für einen einsetzen, dies nicht oder nur halbherzig tun. In den USA, wo fast alle Volksvertreter eine allgemeine Krankenversicherung, ablehnen, schlägt nun Präsident Trump die kostenlose Behandlung der Corona-Kranken vor, während Bernie Sanders dies zwar auch fordert, aber sich gleichzeitig bemüßigt sieht zu betonen, dass jetzt nicht die Zeit sei, medicare for all zu fordern. Hillary Clinton schießt den Vogel ab: sie twittert, dass alle, die mit ihrem Job auch die Krankenversicherung verloren haben, die Möglichkeit bekommen sollten, sich eine solche zu kaufen. Kuchen statt Brot?

Solidarität in einer Gesellschaft ist nicht nur eine ethische Angelegenheit. Ein Land, dass die Ressourcen besitzt, alle Bewohner angemessen zu ernähren und gesundheitlich zu versorgen, dies jedoch aufgrund der ungleichen Verteilung von Reichtum und Macht nicht tut, kann auf die Dauer nicht stabil sein. Je stärker die Ungleichheit, je mehr sich die Eliten eines Landes vom Leben des Otto Normalverbrauchers abkoppeln und nur ihre eigenen Interessen durchsetzen, desto schneller landen wir beim Hobbesschen Kampf aller gegen alle, bei Gewalt von unten und Repression von oben. Die Waffenhändler in den USA machen gerade Bombengeschäfte. Es ist fraglich, ob irgendein Wirtschafts- oder Herrschaftssystem so dauerhaft existieren kann. Für die Betroffenen ist es schrecklich so lang es dauert.

Was für eine Nation gilt, gilt auch global

Staaten bestehlen sich gegenseitig durch Beschlagnahme von Notfallausrüstungen, die eigentlich auf dem Weg in das Nachbarland sind, versuchen exklusiven Zugriff auf Impfstoffe zu bekommen, verbieten den Export wichtiger Güter. Und welchen Wert hat ein Zusammenschluss wie die EU, der angeblich auf den drei Grundpfeilern „Solidarität, Respekt und Würde“ (Martin Schulz) beruht, wenn es nicht gelingt, eine gemeinsame Krisen-Politik zu entwickeln? Wenn sich jedes Land selbst das nächste ist und die Gemeinschaft das am stärksten betroffenen Land nicht unterstützt? Und vor allem Deutschland vermutlich mit allen Mitteln verhindern wird, dass Coronabonds aufgelegt werden, und so das jetzt dringend nötige Geld zur Verhinderung eines Wirtschaftszusammenbruchs nicht in die bedürftigsten Euroländer fließen kann.

Und das, obwohl Deutschland in dieser Krise relativ gut dasteht, unter anderem weil durch den Zwang zu Austeritätsmaßnahmen die südlichen Euroländer schon lange gezwungen waren, ihre öffentlichen Gesundheitssysteme herunterzufahren, und auch ein Brain-Drain des medizinischen Personals in die reicheren Länder statt gefunden hat. Wo sind denn all die bunten Europafreunde jetzt?

Und was soll man von der Idee halten, Corona-Impfstoffe zunächst in Afrika zu testen? Kolonialherrenmentalität? Kuba sendet Ärzte in die Krisenländer, auch nach Brasilien, aus dem diese vor kurzem erst heraus geschmissen wurden.

Immerhin hat es die Europäische Union geschafft, gegen den Widerstand der USA Hilfsgüter in den Iran zu verkaufen. Alles Hilfe mit Hintergedanken? Vielleicht. Trotzdem. Die EU meint nun, offensiv russische Propaganda kontern zu müssen.

Wird es nun endlich im Jemen den Waffenstillstand geben,  zu dem der Generalsekretär der UNO  aufgerufen hat? Ist die bestehende humanitäre Katastrophe nicht schon schlimm genug, auch ohne Covid-19?

Nochmals zurück zu unserer persönlichen Freiheit und damit dem Thema „Soziale Kontrolle“: Wir Links-Liberalen schätzen unsere persönliche Freiheit als Schutz vor staatlicher Repression sehr. Und das zu Recht. Diese Freiheiten wurden über Generationen erkämpft. Viele von uns sind dem Kleinstadtmuff und der Dorfgemeinschaft entflohen, wo unser Verhalten beobachtet, be- und oft auch verurteilt wurde. Wir wollen weder vom Staat noch von unseren Mitmenschen bespitzelt noch in unserer Bewegungs- oder Meinungsfreiheit eingeschränkt werden. In Corona-Zeiten droht beides, social distancing sowieso, aber beispielsweise auch die Verfolgung von Handy-Daten, wie  in Singapur, um mögliche Ansteckungswege zu identifizieren und die Betroffenen unter Quarantäne zu setzen.

Nur – es ist eine Binsenweisheit, dass die persönlichen Freiheitsrechte dort enden, wo sie die anderer Menschen beschränken. Und dies wird momentan eben etwas offensichtlicher als sonst.

Eine weitere Binsenweisheit ist, dass man sich die persönliche Freiheit auch leisten können muss. Und dass es in dieser Situation viele Menschen gibt, die sich nicht freiwillig distanzieren können, aus Not oder aus der Bereitschaft, sich für andere einzusetzen.

Schließlich sollten wir auch bedenken, dass viele der Freiheiten illusionär sind. Und damit sollten wir uns vielleicht, ganz unabhängig von Covid-19, sehr viel stärker auseinandersetzen.

Heute werden wir vielleicht nicht mehr wegen unseres Glaubens unterdrückt, aber anpassen müssen wir uns persönlich doch sehr, ob es nun um Gender-Korrektheit geht, oder darum, nicht als Umweltsau abgestempelt zu werden. Ich will hier kein Fass aufmachen, sondern lediglich darauf hinweisen, dass auch Links-Liberale, die sich bei dem Gedanken an die chinesischen Pläne zur Einführung eines sozialen Punktesystems schütteln, starker sozialer Kontrolle unterliegen und diese auch gerne ausüben.

Und was das Thema Datenschutz betrifft: Corona erinnert uns daran, dass wir kritischen Bürger diesbezüglich schon lange unsere Hausaufgaben vernachlässigen: Wir sind in einem Maße gläserne Bürger wie die Stasi es sich nicht zu erträumen gewagt hätte. Private Konzerne wissen mehr über uns als wir über uns selbst und nutzen dies, um uns als Konsumenten von Waren, Dienstleistungen und Informationen zu steuern. Spätestens seit Edward Snowden wissen wir, wie sehr wir auch von staatlicher Seite überwacht werden, und wie verflochten die Staatsorgane und Internetgiganten sind. Ja, wir fühlen uns frei; nur an Snowden und besonders auch an Julian Assange können wir sehen, dass diese Freiheiten aufhören, wenn unangenehme Wahrheiten, wie Kriegsverbrechen veröffentlicht werden. Doch dazu im nächsten Essay mehr.

 

Weitere Teile dieser Serie

Anmelden