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Kommentar | 01.05.2020

Unser moralisches Zeitalter

Jetzt sei das Zeitalter des Menschen angebrochen, las man letztes Jahr im Zuge des Klimastreiks gelegentlich. Anthropozän nenne man das. Ein zweifacher Irrtum. Wir sind im Zeitalter des Moralismus – Menschlichkeit zählt da kaum.

Letztes Jahr war klar, dass das Zeitalter der Menschen heraufbrach. Jedenfalls bei denen, die bevorzugt freitags für eine Zukunft auf die Straße gingen. Nun ist ja Zukunft immer – irgendwie und zwangsläufig. Sie meinten aber eine, in der der Mensch zählt – und zwar als Wesen inmitten einer natürlichen Ordnung. Letztere zu retten, das sei jetzt die Aufgabe im Zeitalter des Anthropozäns.

Die Auswahl dieses Begriffes ist allerdings irreführend, denn ursprünglich wurde er von den Chemikern und Atmosphärenforschern Paul Crutzen und Eugene Stoermer geprägt. Um die Jahrtausendwende wollten sie damit zum Ausdruck bringen, dass die Menschheit zu einem »geologischen Faktor« geworden sei. Der Einfluss des Menschen auf die Umwelt sei so stark, dass der Mensch nicht mehr nur als Naturprodukt, sondern als Naturgewalt bewertet werden müsse. Dass aber etwa eine Ära der Menschlichkeit ausgebrochen sei, wollten die beiden Forscher damit nicht behaupten.

Die Umdeutung eines wissenschaftlichen Begriffs

Mittlerweile erhält das Wortkonstrukt jedoch eine Umdeutung. Man unterstellt ihm, es meine damit ein Zeitalter der Humanität. Selbst der Philosoph Richard David Precht, sonst eher sensibel auf Worte und deren Ursprünge bedacht, verwendet es in seinem Buch »Jäger, Hirten, Kritiker. Eine Utopie für die digitale Gesellschaft« unter falschen Vorzeichen. Das Anthropozän halte er für ein irreführendes Wort, denn unsere Zeit diene nicht den Menschen, »sondern sie dient dem Geld, der instrumentellen Vernunft und dem Verwertungsdenken. Noch leben wir nicht im Anthropozän, sondern im Monetozän – dem Zeitalter des Geldes.«

Auch wenn die finale Einschätzung nicht falsch ist, falsch verwendet der zeitgenössische Philosoph, ganz ähnlich wie »Fridays for Future«, das Anthropozän – und zwar unter dem Blickwinkel der Menschlichkeit, also der menschlichen Ethik und Moral, als einen Ausdruck dafür, dass jetzt nicht mehr die kapitalistische Logik wirken dürfe, sondern das Gute, Wahre und Schöne.

Ja, in dem ursprünglich anders gemeinten Wort spiegelt sich nun plötzlich das Erbe des Humanismus wider. Eine Aufbruchsstimmung, die so tut, als stehe die neue Zeitrechnung der Vermenschlichung geradewegs an. Man muss nur dorthin wollen, den Schritt wagen. Je früher desto besser. Irgendwann ankommen werden wir eh dort, denn mit hegelianischer Gewissheit klärt sich, dass Geschichte nach bestimmten Plänen wirkt. Das Anthropozän ist demnach kein Zufall: Es musste so kommen! Während Marx auf den Kapitalismus den Sozialismus folgen sah, haben die heutigen, sich unideologisch gebenden Utopisten den Humanismus als Nachfolger erkoren.

Die utopische Energie hat jedenfalls den eigentlich anders gemeinten Terminus vereinnahmt. Im ehemals wissenschaftlichen Sinne meinte er etwas, das geologisch und damit stofflich ist – diesem Rahmen entwendet und in die Sphären des Kampfes um die Zukunft verlegt, soll er nun ausdrücken, wie etwas werden soll. Der Menschheit entsprechend nämlich. Humaner und freundlicher halt. Was an sich nicht falsch oder verwerflich wäre. Jedoch mit dem, was man zuweilen im Deutungskampf der Dinge beobachtet, nicht harmonisch korrespondiert.

Moralisches Zeitalter oder Zeitalter des moralischen Rigorismus?

Denn wenn man betrachtet, wie die Utopisten des Anthropozäns zuweilen für ihr Zukunftsbild streiten, speziell in den Netzwerken, die sich als soziale verkaufen, muss man schon attestieren: So richtig menschlich konsequent geht es da ja nicht unbedingt zu. Das sind nicht die edlen Anfänge des Zeitalters des Menschlichen, die sich hier ausbreiten, sondern eher Anklänge an eine krude und kasteiende Moralvorstellung, die all jene rüde und schroff behandeln, die sich ethisch frevelhaft benehmen – oder gar auch bloß Verständnis für die Unmoral der Anderen aufzubringen imstande sind.

Das Anthropozän der Utopisten entfernt sich sicher von Prechts Monetozän – jedenfalls scheinen sie oberflächlich betrachtet den turbokapitalistischen Weg verlassen zu wollen. Aber sie münden falsch ab, nehmen einen zelotischen, ja einen savonarolischen Trampelpfad, der mit unlauteren Methoden anprangert, überzieht und skrupellos moralisiert.

So ein Vorgehen nimmt an Häufigkeit zu. Der oft postulierte Hass im digitalen Umgang kommt aus allen Ecken und von jeder Strömung. Die Anonymität gebiert Feindseligkeit. Der Shitstorm, vorher ein noch recht unpolitisch motiviertes Internetphänomen, das auftrat, wenn Kinder-Schokolade seine Packung änderte, hat sich politisiert. Er ist ein Faktor in der Debattenkultur geworden. Letztes Jahr haben wir den Klimawandel auf eine solche moralingetränkte Art und Weise beackert, aktuell ist es die Corona-Krise, die für ähnliche Affekte sorgt: Jogger wurden fotografiert und angefeindet, weil sie trotz Kontaktsperre aus dem Haus gingen – alleine wohlgemerkt. Man wütete gegen Leute, die trotz noch nicht erfolgter Restaurantschließungen zum Essen gingen.

Und wer die Aufhebung der Grundrechte thematisiert, bekommt den moralischen Eifer ab. Ebenso Menschen, die an der Panik zweifeln, die Krankheit für harmloser halten, als gemeinhin behauptet wird. Ob das zutrifft, spielt ja keine Rolle. Aber dieser Meinung darf man sein – auch wenn sie vielleicht falsch ist. Dennoch wütet die Moral der Guten auch dort, drängt man diese vermeintlichen Unmoralischen in die Ecke der Schlechten, dorthin wo man die AfD, die Nazis, Klimaleugner oder Gegner des Gender Mainstreams vormals steckt.

Moralozän: Der Moralist und seine Zeit

Man erzeugt ein diffuses humanistisches Klima, beschwört einen Aufbruch ins Anthropozän der Menschlichkeit – wendet aber die Reflexe von Spießbürgern, Moralisten und Rechthabern an. Besinnliche Überzeugungsarbeit und Hinwirken auf eine Veränderung stellen da keine Werte dar. Im Zeitalter sozialer Netzwerke zählt der aufmerksamkeitsökonomische Zugriff auf das Thema. Der hat schnell, zielgerichtet und polarisierend zu erfolgen. Ungeduld mit Andersdenkenden ist da ganz logisch. Dass die Menschlichkeit auf der Strecke bleibt: Schade zwar – aber nicht zu ändern.

Konsequent ist das natürlich nicht. Aber die Währung der Stunde ist nun mal das Moralin. Es ist das Bitcoin des Shitstorm-Utopismus, das Zahlungsmittel einer digitalisierten liberalen Gesellschaft, die es gelernt hat zu personalisieren und die eben persönlich wird, wenn jemand die eigenen Werte nicht so oder auch nur ungefähr so annimmt und lebt.

Das Anthropozän ist letztlich gar nicht der Ort, auf dem man das utopische Bewusstsein richtet. Als Topos droht uns eher das Moralozän, ein Erdzeitalter, in dem der Mensch seine Moralvorstellungen einsetzt, um damit Deutungshoheiten zu erstreiten. Das war im Grunde nie anders, ganz genauso, wie ja auch das einst wissenschaftliche Anthropozän ja nicht ganz neu war, denn Menschen hatten die Erde immer geologisch geprägt – nur halt nicht so stark wie heute. Moralische Vorstellungen haben zwar auch stets das Weltgeschehen beeinflusst, aber nie war es so einfach wie dieser Tage, wo man per Kurznachricht als Moralapostel tätig werden kann.

Nach jahrelanger Dekonstruktion von Gewissheiten, der Zerlegung von moralischen Entitäten und einem wissenschaftlichen Diskurs der Amoralität, stets befeuert vom liberalen Justemilieu, gestaltet sich heute der Deutungskampf per moralischer Attribution irgendwie schwierig. Die Rollen der Guten und der Bösen sind nicht mehr so klar verteilt. Das lässt sich an der Gehässigkeit der Diskursteilnehmer insgesamt stets ganz gut erkennen. Diese digitale Renaissance des Moralisierens kommt wahrscheinlich zu spät, stellt einen Anachronismus dar.

Jetzt erst recht: Moralismus als zahnlose Autorität

Ob Moralismus allerdings als neuer geologischer Faktor wirken, sich positiv auf das Bewusstsein der Menschheit entfalten wird, bleibt mehr als fraglich. Er scheint in unserer so an ehemaligen Gewissheiten verarmen Zeit eher das Gegenteil von dem zu bewirken, was man eigentlich bezwecken möchte. Die Moral schätzen nach wie vor viele – ihre Abwesenheit wird gerne, meist in Sonntagsreden beklagt, der Sittenverfall angeprangert –, doch den Moralapostel hingegen achtet man eher nicht. Speziell in Zeiten wie unseren, da Autoritäten an Einfluss verloren haben, wirkt er als überkommene Gestalt, als akademisch verquaster Charakter, der seine soziale Überlegenheit ausspielt und andere als Dummköpfe dastehen lässt.

Denn genau das ist ja der Moralist, so nimmt er sich selbst wahr: Als Autoritätsperson. Legitimiert durch »das Richtige« – was immer das gerade sein mag, je nach Lebenslage und Mode variabel. Das spüren diejenigen, die mit dem Moralismus konfrontiert werden durchaus – und wenden sich ab.

Je lauter man zum Beispiel ruft, dass Autofahrer Umweltsäue seien, desto mehr reizt man diese Klientel doch an, es diesen Oberlehrern so richtig zu zeigen; da wächst die Lust, sie in der Feinstaubwolke zurückzulassen. Und diejenigen, die jetzt in der Corona-Hysterie beispielsweise Corona-App-Kritischen vorwerfen, sie würden egoistisch auf den Schutz ihrer Daten pochen, wo jetzt anderes wichtiger wäre, erzeugen damit doch keine Sensibilisierung. Sie stacheln nur Widerstand gegen dieses moralische Regime an.

Dieses Moralozän, in dem wir uns eigentlich momentan befinden, ist ganz sicher eine Sackgasse. Es führt zu nichts Produktiven, schon gar nicht in eine Epoche von mehr Humanität. Diese Haltung schaufelt die Gräben, die unsere ohnehin gespaltene Gesellschaft durchziehen, nur noch tiefer. Sie stellt nicht mehr als ethisch verkitschte Überheblichkeit dar und hat ein starkes Interesse daran, »moralische Kontrahenten« zu erzeugen, um sich an diesen Gegenspielern selbst mehr Kontur zu verleihen.

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