Bild: istock.com/G0d4ather
Konjunktur | 19.06.2020

Die deutsche und europäische Konjunktur im zweiten Quartal 2020 – 3

Im April sind die Folgen von Covid-19 auch in der Bauwirtschaft und im Einzelhandel voll durchgeschlagen. Es wird sich noch zeigen, ob damit der Tiefpunkt erreicht ist. Zusätzliche Probleme macht die deflationäre Preisentwicklung.

Die umfassenden Einführungen von COVID-19-Einschränkungsmaßnahmen durch die EU-Mitgliedstaaten haben auch im April die Bautätigkeit weiter einstürzen lassen. Es zeigen sich, abgesehen von Deutschland, Parallelen zur Industrieproduktion. Laut Schätzungen von Eurostat sank die saisonbereinigte Produktion im Baugewerbe gegenüber März im Euroraum (EWU19) um -14,6%. Im Vormonat war die Produktion im Baugewerbe im Euroraum um -15,7% gesunken. (Abbildung 1). Insgesamt liegt sie damit auf den niedrigsten Stand seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 1995.

Anders stellt sich die Lage in Deutschland dar. Die Bauproduktion konnte noch im März eine Stütze der Wirtschaft sein und wuchs trotz Shutdown um 1,2 % auf ein historisches Hoch. Im April hat es nun zwar einen Rückgang gegeben, der fällt aber im europäischen Vergleich sehr milde aus: -4,9 %.

Frankreichs Bauchwirtschaft fast nicht mehr existent

Umso härter traf die Pandemie im März die französische Bauproduktion. Hier gab es einen gewaltigen Einsturz um -41,8 %. Auch der April hatte es in sich: -19,1 %. Damit befindet sich die französische Bauwirtschaft bei noch gerade einmal 39,5 Indexpunkten – fast nur noch einem Drittel des Produktionsvolumens von 2009.

Abbildung 1

In Südeuropa, das sich seit Jahren ohne nennenswerte Dynamik am Index entlang hangelt, traf es Italien im März mit ähnlicher Wucht: -38,9 %. Daten für April liegen allerdings derzeit noch nicht vor.

Doch es gibt mit Spanien nun ein weiteres Kellerkind. Die spanische Bauwirtschaft, schon lange vor den COVID-19-Einschränkungsmaßnahmen in einer Rezession, brach im April um -25,1 % ein. Das ist im April der stärkste Rückgang aller Mitgliedstaaten der EU (Abbildung 2).

Portugal verzeichnete im Vergleich zum Vormonat einen Rückgang um -7,2 %.

Abbildung 2

Die wahre Dimension der Dramaturgie in Südeuropa offenbart sich allerdings erst im langen Zeitverlauf. Blickt man zurück bis ins Jahr 2008, als die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise durchzuschlagen begannen, wird deutlich, wie total der Niedergang der südeuropäischen Bauwirtschaft insgesamt ist. Nicht nur erleben Portugal, Spanien und Italien den tiefsten Einsturz seit Beginn der Zeitachse. Stellt man das addierte Produktionsvolumen dieser Länder von April 2008 (574,6 Punkte) und April 2020 (232,3 Punkte) gegenüber, ergibt sich ein Verlust des Produktionsvolumens um 342,3 Punkte.

Abbildung 3

Weitaus weniger dramatisch stellt sich die Situation in Osteuropa dar. Ungarn und Polen waren lange das konjunkturelle Zugpferd der Bauproduktion. War der durch den Shutdown ausgelöste Dämpfer schon im März verhältnismäßig milde, bestätigt sich diese Entwicklung im April.

Ungarn, das eine spektakuläre Boomphase hinter sich hat, musste im April nur einen Rückgang von -2,1 % hinnehmen. Die polnische Produktion, die im Januar und Februar 2020 noch einen kräftigen Anstieg um insgesamt 14,5 % verzeichnen konnte und sich damit auf Rekordhoch befand, geht im April lediglich um -1,5 % zurück (Abbildung 4).

Allein in Bulgarien herrschen südeuropäische Verhältnisse. Die Produktion stagnierte seit nahezu 4 Jahren weit unter dem Index, im März brach die Bauwirtschaft dann um deutliche 10,3 % ein. Im April gab es immerhin nur noch einen leichten Rückgang um -0,6 %.

Abbildung 4

Für Westeuropa fehlen aussagekräftige Daten. Die Zahlen für April liegen in Österreich und Dänemark zudem noch nicht vor. Einzig und allein die Entwicklung in Belgien lässt Rückschlüsse zu. Nach einem Rückgang um -5,7 % im März waren es im April -2,8 % (Abbildung 5).

Abbildung 5

Historischer Einbruch auch im Einzelhandel

Ähnlich schlimm wie Industrie- und Bauproduktion hat die Corona-Krise im März und April wenig überraschend den Einzelhandel in Mitleidenschaft gezogen. Lange stieg der Umsatz in der Währungsunion. Doch nach März (-11,1%) ging es in der EWU19 im April nochmals um -11,5 % nach unten (Abbildung 6).

Und einmal mehr ist der große Verlierer Italien. Im April brach der Einzelhandelsumsatz um -9,2 % im Vergleich zum Vormonat weg, nachdem es im März einen Sturz um -23,5 % gab. Frankreich steht mit -19,7 % (März) und -9,1 % (April) nicht viel besser da. Auch der deutsche Einzelhandel musste im April Umsatzeinbußen um -7,2 % hinnehmen. Die Dimension des Einbruchs ist allerdings nicht mit dem von Italien oder Frankreich zu vergleichen.

Generell werden die sich im Zuge der Corona-Krise verschärfenden Divergenzen der Eurozone die Fliehkräfte innerhalb dieser langfristig verstärken und die Währungsunion vor eine Zerreisprobe stellen.

Abbildung 6

In Südeuropa erlebt Portugal das jähe und harte Ende des konjunkturellen Aufschwungs im Einzelhandel. Ging es im März um -24,7 % abwärts, sind es im April abermals deutliche-19,2 % (Abbildung 7). Spanien, das sich wie Griechenland bis heute nicht von den Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise 2007-11 erholen konnte, erlebte nach März (-15,7 %) im April erneut einen Schock: -18,1 %. In Griechenland liegen für April noch keine Daten vor.

Es bestätigt sich aber das Bild, das auch in den anderen Sektoren Südeuropas sichtbar ist: Die Wirtschaftsleistung insgesamt wird langfristig nicht mehr annähernd das Niveau früherer Dekaden erreichen zu können.

Abbildung 7

Arbeitslosigkeit – Milder Anstieg mit Widersprüchen

Die Arbeitslosigkeit ist im Euroraum von 7,1 % im März (von 7,4 % nach unten revidiert) auf jetzt 7,4 % im April gestiegen, was einem Zuwachs von 211.000 arbeitslosen Personen entspricht. Damit fällt der Anstieg sehr milde aus (Abbildung 8).

Die Gründe können in vorläufigen oder ungenauen Daten zu suchen sein (Beispiel Italien), die die Statistik verfälschen. Dass der Anstieg der Arbeitslosigkeit in der Eurozone nicht dem Einbruch der Wirtschaftssektoren entspricht, hängt aber auch mit umfangreichen staatlichen Hilfsmaßnahmen wie dem Kurzarbeitergeld zusammen. Fast alle EU-Länder haben schon lange eigene Regeln zur Kurzarbeit, unabhängig vom neuen EU-Programm. Die Lage mit der Großen Depression Anfang der 30er Jahre ist also insofern nicht zu vergleichen, als den Staaten heute ein ganz anderes wirtschaftspolitisches Instrumentarium zur Verfügung steht, um auf eine Krise solchen Ausmaßes zu reagieren – was nicht heißt, dass die gegenwärtigen Maßnahmen ausreichend sein müssen.

Weitaus deutlicher als der Eurozonen-Durchschnitt stieg die Arbeitslosigkeit in Frankreich – von 7,6 % im März auf nun 8,7 % im April. In Spanien stieg sie von 14,2 auf 14,8 %.

Nicht zu interpretieren sind wie gesagt die Daten aus Italien. Laut Destatis soll es im April erneut einen Rückgang von 8 auf 6,3 % gegeben haben, was die Zahlen für die Eurozone nach unten verfälscht. Die Ratingagentur Fitch hingegen schätzt in ihrem „Global Outlook“, dass die Arbeitslosenquote in Italien, die 2019 bei 10 % lag, in diesem Jahr auf 12,1 % ansteigt und bis Ende 2021 nur geringfügig auf 11,8 % sinken wird. Eine riesige Diskrepanz zu den Angaben des italienischen Statistikamts Istat.

In Deutschland machte sich die Antragsflut bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) zur Kurzarbeit und Arbeitslosenerstanträgen im März bemerkbar. Die Arbeitslosenquote stieg von 3,2 auf 3,5 %, bleibt aber im April unverändert auf diesem Niveau.

Abbildung 8

USA: Doch Große Depression?

Vielleicht gibt es doch Zustände wie zur Großen Depression: In den USA kennt man das Kurzarbeitergeld nicht – und entsprechend schwer ist das Land von der Corona-Krise erfasst worden. Im April schnellte die Arbeitslosigkeit von 4,4 % auf historische 14,7 % nach oben (Abbildung 9). Das war der höchste Wert seit Beginn der Aufzeichnungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Wenngleich die Dunkelziffer noch höher geschätzt wird, soll es nach offiziellen Zahlen im Mai wieder einen leichten Rückgang auf 13,3 % gegeben haben.

Abbildung 9

Deflationsdruck nimmt weiter zu

Trotz staatlicher Schuldenaufnahme und EZB-Bazooka erhöht der Shutdown den Deflationsdruck in der Eurozone auch im April gewaltig. Von einer „Inflationsrate“ kann, was die Erzeugerpreise betrifft, schon lange keine Rede mehr sein. Sie sanken schon im März (-1,7 %) und jetzt auch im April weiter in den Keller: -2,2 % im Vergleich zum Vormonat. Das entspricht einer Deflationsrate von -4,8 %. Maßgeblich dafür ist der Rückgang der Erzeugerpreise im Energiesektor um -7,5%.

Ebenfalls weiter gesunken sind auch die Verbraucherpreise – sie liegen mit nunmehr 0,1 % jenseits der Zielinflationsrate der EZB und fast im deflationären Bereich (Abbildungen 10 und 11).

Es ist nicht davon auszugehen, dass sich die Lage im Mai entspannt.

Abbildung 10

 

Weitere Teile dieser Serie

Anmelden