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Geldsystem | 05.06.2020 (editiert am 07.06.2020)

Geld aus der Druckerpresse = Inflation?

Dirk Niepelt meint, man dürfe die Druckerpresse als Finanzierungsoption nicht kategorisch ausschließen. Immerhin entlaste sie den Steuerzahler. Sie sei aber anders als die Bankenfinazierung mit Inflationsrisiken behaftet. Eine Replik.

Dirk Niepelt geht in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung der Frage nach, ob die sogenannte „monetäre Staatsfinanzierung“ gefährlich sei.

Meist spricht man in diesem Zusammenhang von einer Finanzierung mithilfe der Druckerpresse. Die Antwort auf die Frage scheint dann trivial: Klar ist sie gefährlich! Sie führt, wie man aus leidvollen historischen Erfahrungen weiß, mit Sicherheit zur Hyperinflation.

Niepelt ist der Meinung, dass man es sich mit dieser Antwort zu einfach mache. Die Hyperinflation sei „keine zwingende Folge der monetären Staatsfinanzierung“. Die damit verbundene „monetäre Expansion“ müsse eben „maßvoll“ bleiben.

Mehr Steuern oder mehr Inflation?

Warum aber sollte man sich auf eine doch irgendwie gefährliche Finanzierung von Staatsausgaben überhaupt einlassen? Weil sie, so Niepelt, den Steuerzahler entlaste. Während bei einer Finanzierung über einen Kredit dieser samt Zinsen mit Steuergeld bedient werden müsse, ziehe die monetäre Staatsfinanzierung „keine oder eine tiefere spätere Belastung des Steuerzahlers nach sich“.

Nach Niepelt gilt es also abzuwägen: Mehr Steuern oder mehr Inflation?

Lassen wir das (falsche) Argument der Steuerentlastung einfach mal so stehen. Fragen aber, warum die Finanzierung über die Notenpresse zur „Geldentwertung“, die aber über einen Bankenkredit zu „Geldwertstabilität“ führt?

Vergleichen wir zur Beantwortung dieser Frage die beiden behaupteten Arten der Refinanzierung von Staatsausgaben miteinander.

Emittiert eine Regierung eine Staatsanleihe im Wert von 100 Geldeinheiten (GE) und ist eine Bank bereit, sie zu kaufen, dann ist unbestreitbar, dass die Bank dafür Zentralbankgeld, sogenannte Reserven, im Wert von 100 GE benötigt. Kauft sie dann damit Staatsanleihen, dann führt das auf dem Konto der Bank zu einem sogenannten Aktivtausch. Aus 100 GE Reserven werden  100 GE Staatsanleihen. Nach diesem ersten Schritt schreibt die Zentralbank (ZB) dem Finanzministerium 100 GE auf ihrem Zentralbankkonto gut. Nun können entsprechende Staatsausgaben getätigt werden.

Sagen wir der Staat kauft sich einen Kampfjet für 100 GE. Dann weist er seine ZB an, 100 GE auf das Konto des Flugzeugherstellers zu überweisen. Da der Flugzeughersteller aber kein Konto bei der Zentralbank führen darf, erfolgt die Überweisung indirekt über die Geschäftsbank bei der der Flugzeughersteller ein Girokonto führt. Und zwar so: Die ZB schreibt der Geschäftsbank den Kaufpreis von 100 GE auf seinem Zentralbankkonto  und die Geschäftsbank ihrem Kunden denselben Betrag auf seinem Girokonto gut. Es kommt bei diesem Überweisungsvorgang bei der Bank dadurch also zu einer sogenannten Bilanzverlängerung. Auf der Aktivseite der Bank stehen nun 100 GE Reserven und auf der Passivseite 100 GE Giroguthaben von dessen Kunden.

Was nun passiert bei der monetären Staatsfinanzierung? Niepelt weist korrekt darauf hin, dass es sich dabei bei Licht betrachtet um gar keine Finanzierung, sondern vielmehr um eine Emission von Geld, genauer Reserven, handelt. Die ZB schreibt also ihrem Finanzministerium einfach einen Betrag von 100 GE gut, womit das Finanzministerium dann den Kampfjet bezahlt. Der Unterschied zum Bankkredit scheint zu sein, dass die Bank nun mehr Reserven hält als bei der Finanzierung über die Bank. Denn der Assetswap – Reserven gegen Staatsanleihen – hat ja nicht stattgefunden.

Die Geldmenge ist also in Fall zwei größter als in Fall eins. Ergo: Die monetäre Staatsfinanzierung ist intrinsisch inflationär. QED

So zumindest scheint Niepelt zu glauben. Nun ist zwar richtig, dass wenn mehr Geld zur Verfügung steht, es mehr Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen geben kann. Richtig ist auch, dass wenn die Nachfrage steigt, es zu Preissteigerungen kommen kann. Und zwar dann, wenn man mit den vorhandenen  Produktionskapazitäten die zusätzliche Nachfrage nicht befriedigen kann.

Das Problem mit Niepelts Inflationstheorie ist allerdings, dass Reserven nicht nachfragewirksam werden können.

Wo bleibt nur die Inflation?

Denn Banken kaufen nicht mit Reserven, sondern mit ihrem eigenen Geld ein. Und das geht ziemlich einfach: Eine Bank schreibt einem Flugzeughersteller 100 GE auf ihrem Girokonto gut und erhält dafür zum Beispiel ein Geschäftsflugzeug im Wert von 100 GE.

Das aber ist wohl auch nicht die Vorstellung, die hinter Niepelts Inflationstheorie steht. Er scheint zu glauben, dass die Höhe der Reserven die Kreditvergabe determiniert. Glaubt man dann noch, dass mit einer zunehmenden Kreditvergabe die Inflation steigt, dann ist klar, dass das Risiko einer inflationären Entwicklung, wenn eine Bank nun 200 GE anstatt 100 GE an Reserven hat, sich vergrößert. Denn die Bank könnte ja nun mehr Kredite vergeben.

Nun aber benötigt eine Bank für die Kreditvergabe per se gar keine Reserven. Da Geld nicht mehr ist als eine Gutschrift auf einem Girokonto, kann es eine Bank selbst produzieren. Und zwar mit einem Buchungssatz: Kredit an Girokonto. Reserven braucht die Bank nur, um ihre Mindestreservepflichten zu erfüllen und den Zahlungsverkehr abzuwickeln.

Der Mindestreservesatz beträgt gegenwärtig bei der EZB 1% auf ihre Kundeneinlagen. Um einen Kredit in der dargestellten Form vergeben zu können, braucht die Bank also ledig 1 GE an Reserven. Damit aber ist die Steuerungswirkung von Reserven bei der Kreditvergabe momentan minimal. Das heißt aber auch, dass die Steuerung der Inflation über die Menge an Reserven gegenwärtig unmöglich ist. Es ist also kein Wunder, dass obwohl die Banken inzwischen mit Reserven überschwemmt sind, die erhoffte Inflationssteigerung ausgeblieben ist.

Von einer Steuerung der Inflationsrate über den Zahlungsverkehr hat man bislang noch nichts gehört. Aber selbst wenn jemand auf die Idee kommen könnte, ist klar, dass der Effekt nur minimal sein kann, denn die Abwicklung des Zahlungsverkehrs ist inzwischen so effizient geworden, dass die dafür benötigte Reservebasis im niedrigen einstelligen Bereich liegt.

Vom Unterschied, der keiner ist

Daraus ergibt sich die Frage, warum die Bank im obigen Beispiel überhaupt 100 GE an Reserven hält, mit der sie dann die Staatsanleihen kaufen kann.

Klar ist jedenfalls, dass die Reserven nur von der ZB kommen können. Und an Reserven kommt eine Bank,  indem sie z.B. eine kreditähnliche Vereinbarung mit der Zentralbank eingeht und dafür eine notenbankfähige Sicherheit hinterlegt. Z.B. eine Staatsanleihe. Es liegt also nahe, dass die Bank nur deshalb 100 GE an Reserven hält, weil sie damit beabsichtigte, eine Staatsanleihe zu kaufen. Anders ausgedrückt: Hätte die Bank nicht beabsichtigt, Staatsanleihen für 100 GE zu kaufen, hätte sie gar keine 100 GE an Reserven gehalten. D.h. aber, dass in beiden Fällen die Bank allein aufgrund des Überweisungsvorgangs 100 GE an Reserven auf ihren Büchern ausweisen wird. Nicht mehr und nicht weniger.

Es ist also nur sehr schwer einzusehen, warum der Erwerb von Wirtschaftsgütern durch den Staat mithilfe der Emission von Reserven notwendig inflationärer sein sollte als die über die Kreditaufnahme bei einer Bank. In beiden Fällen kommt es zu einer Erhöhung der effektiven Nachfrage in exakt der gleichen Größenordnung – in unserem Beispiel um 100 GE. Die monetäre Staatsfinanzierung ist damit keineswegs mehr oder weniger mit Inflationsrisiken behaftet als die konventionelle Finanzierung über Banken.

Freilich, diese Form der Finanzierung hat auch ihre Nachteile. Banken können nun mit Staatsanleihen kein Geld mehr verdienen. Aber sollte man mit der Bereitstellung von Dienstleistungen für den Staat Geld verdienen dürfen, obwohl er sie gar nicht braucht?

Richtig ist auch, dass sobald der Mythos der Notwendigkeit der Staatsverschuldung verabschiedet wird, es sehr viel schwerer wird, staatliche Ausgaben mit der Angst vor der Belastung der Steuerzahler abzuwehren. Aber warum sollte man das tun, wenn es freie Kapazitäten in der Wirtschaft gibt, die man mithilfe der „Druckerpresse“ einer sinnvollen Verwendung zuführen kann?

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