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Corona in den USA | 05.06.2020

Trump setzt alles auf eine Karte

In der Covid-19-Krise hat sich der Krisenmanager Donald Trump als Totalversager mit massenhafter Todesfolge bewiesen. Nun soll eine Strategie helfen, die in der Spieltheorie „Glückspiel für die Auferstehung“ genannt wird. Auf Deutsch – er setzt alles auf eine Karte.

Führungsqualitäten – oder die Ermangelung ihrer – offenbaren sich in der Krise wohl am deutlichsten. Und in nur wenigen Ländern hat das Krisenmanagement der Covid 19 Pandemie ähnlich krass versagt wie in Amerika. Kaum ein Land der Welt hat die Krise fehlerlos gemeistert. Amerika hat es fertiggebracht, kaum einen Fehler auszulassen.

Dabei hatte Amerika im Vergleich zu anderen Ländern sogar den Vorzug der Zeitverzögerung. Man konnte das Grauen zunächst in Wuhan und dann in Nord-Italien aus der Ferne beobachten, hätte aus den Fehlern anderer lernen können. Im Januar und Februar wurde US-Präsident Donald Trump in vielen Memoranda der US-Sicherheitsbehörden auf die akute Bedrohung der US-Bevölkerung hingewiesen.

Völlig verantwortungs- und gewissenlos ignorierte er diese Befürchtungen, aus Angst, dass etwaige Vorbereitungsmaßnahmen – wie massenhafte Bestellungen von Beatmungsgeräten und medizinischen Schutzbekleidungen – die US-Finanzmärkte erschrecken könnten, die bis Februar immer neue Rekorde erreichten. Das Motto Donald Trumps und seiner superreichen Spender, Gönner und Möglichmacher könnte kaum besser veranschaulicht werden: Der Dollar muss rollen, und zwar insbesondere in die Taschen der erlauchten Wenigen, alles andere ist Nebensache.

„lockdown“-Koma

Aber das war nicht klug, sondern nur kurzsichtig gedacht. Nachdem Trump das Coronavirus zum Witz erklärt hatte, der wie durch ein Wunder wieder verschwinden würde, musste Amerika dann Mitte März auf die Notbremse treten und die Wirtschaft in ein „lockdown“-Koma versetzen. Der Einbruch der Wirtschaftstätigkeit und der Anstieg der Arbeitslosigkeit haben die Krise von 2007-9 weit übertroffen und finden nur in der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre einen historischen Vergleich.

Ein weiterer Riesenvorteil Amerikas im Vergleich zu anderen Ländern kam jetzt zum Zuge: Amerika hat mit der Federal Reserve und dem Bundeshaushalt in Washington kraftvolle Mittel zur Bekämpfung selbst schwerer Wirtschaftskrisen zur Verfügung. Der internationale Status des US-Dollar stellte sicher, dass Amerika dabei keinerlei externe Beschränkungen seines Politikspielraums hinnehmen musste.

Tatsächlich reagierte die US-Geld- und Fiskalpolitik schnell und entschlossen. Die US-Zentralbank senkte unverzüglich ihren Leitzins auf null und brachte eine Serie von Liquiditätsnotprogrammen auf den Weg, die das Finanzsystem erfolgreich stabilisierten. Auch die Bundesfinanzpolitik schaffte es dank Kooperation zwischen Demokraten und Republikanern im US-Kongress und im Verbund mit dem Weißen Haus umfangreiche Hilfsprogramme zu starten, die geeignet waren, eine anhaltende Depression vermeiden zu helfen.

Es droht Chaos

Doch inzwischen regieren wieder Konflikt und es droht Chaos. Denn in Amerika herrscht nicht nur eine Pandemie, sondern auch Präsidentschaftswahlkampf. Donald Trump war im Höhepunkt der akuten Krise zunächst in der Gunst der Wählerschaft gestiegen. Inzwischen sind seine Umfragewerte stark eingebrochen. Er liegt im direkten Vergleich zu seinem demokratischen Konkurrenten Joe Biden deutlich zurück. Abgesehen von seiner Hardcore Basis, die durch beständige Desinformation in ihrem parallelen Universum daherlebt, scheint vielen Amerikanern inzwischen aufgegangen zu sein, dass sich der Krisenmanager Donald Trump als Totalversager mit massenhafter Todesfolge bewiesen hat.

Trump hat sich daher für eine Strategie entschieden, die in der Spieltheorie „Glückspiel für die Auferstehung“ genannt wird. Auf Deutsch würde man sagen, er setzt alles auf eine Karte. Zu verlieren hat er – so erscheint es zumindest zurzeit – ohnehin nicht mehr viel. Die Chancen auf Erfolg dank seiner Strategie sind auch nur gering. Aber wenn es gelingt, feiert er als Wiedergewählter seine großartige Wiederauferstehung.

Viel wahrscheinlicher aber ist, dass das von ihm zu verantwortende Desaster nur noch grösser wird. Doch Verantwortung für die Konsequenzen seines inkompetenten Krisenmanagements hat er schon immer abgelehnt. Und dass Menschenleben, dass das Wohl der Nation für ihn nicht zählen, braucht keine weitere Veranschaulichung. Der Egomane will nur unbedingt Präsident bleiben und glaubt, die US-Wirtschaft wird sich mit der Wiedereröffnung rasant erholen und – unter dem Wahlkampfslogan „Transitioning to Greatness“ – seine Wiederwahl doch noch sichern.

So hat Amerika nicht nur viel zu spät mit dem Testen begonnen und der Bevölkerung Social Distancing verordnet oder zumindest vor Gefahren gewarnt. Man begann dann auch mit der „Wiedereröffnung“ der Wirtschaft verfrüht, obgleich die Pandemie noch nicht wirklich unter Kontrolle ist. Im Ballungsraum New York (Tri-state area), dem Epizentrum der Krise in den USA, ist die Anzahl der täglichen Neuinfizierten seit dem Höhepunkt zwar stark gesunken, von 16.000 auf rund zweitausend pro Tag. In anderen Bundestaaten und Regionen des Landes steigt die Anzahl der täglich Neuinfizierten aber weiterhin an. In den USA insgesamt gibt es heute täglich rund 20.000 Neuinfizierte. Im Vergleich dazu liegt in Deutschland die Zahl in der Größenordnung von 500, was in Relation zur Bevölkerung rund 2000 Fällen oder rund 10 Prozent der US-Situation entspricht. Das Risiko einer „zweiten Welle“ bzw. von regional konzentriert erneut stark steigenden Neuinfektionen und Toten ist damit in den USA wesentlich höher.

„Kulturkrieg“

Aber dieses Risiko wird jetzt bewusst in Kauf genommen, weil die Wahl sonst ohnehin verloren erscheint. Trump verkündete dazu lautstark: „Vaccine or no vaccine, we’re back.“ Anders ausgedrückt, der Präsident ist wieder bei seinem Ausgangspunkt angelangt, wonach der Virus eigentlich nur ein Witz ist, der dem großartigen Amerika Donald Trumps nichts anhaben kann. „If we don’t do any testing, we wound have very few cases“, lautete ein weiterer intellektueller Erguss aus des Sammlung von Weisheiten des stabilen Genies. Andere Republikaner haben öffentlich erklärt, dass man die Alten halt opfern müsse, um die Wirtschaft zu retten.

Was genau jetzt erforderlich ist, um die Wirtschaft zu retten, darüber wird aber heftig gestritten – und zwar in einer Art und Weise, die auch die von manchen Beobachtern als „Kulturkrieg“ bezeichnete Polarisierung der US-Gesellschaft gut veranschaulicht.

Die Demokraten im US-Repräsentantenhaus, in dem sie die Mehrheit stellen, haben vor kurzem ein weiteres sehr umfangreiches Fiskalprogramm beschlossen, das insbesondere die Finanzen der Bundesstaaten und Kommunen stärken würde, wo sonst starke Haushaltskürzungen und Entlassungen drohen. Auch weitere Hilfen für private Haushalte sowie umfangreiche öffentliche Investitionen sind darin enthalten.

Die Republikaner, die die Mehrheit im Senat haben, halten nichts von diesen Ideen. Bundesstaaten sollten stattdessen lieber bankrottgehen, verkündete der republikanische Senatsführer Mitch O’Connell. Das aufgrund des früheren Fiskalprogramms heute zu großzügige Arbeitslosengeld solle gekürzt werden, um die Arbeitnehmer so zur Rückkehr an die Arbeit zu zwingen.

Auch hierin offenbart sich dieselbe Einstellung, die auch der Präsident an den Tag legt: nicht der Virus ist das Problem, sondern Faulheit oder mangelnder Mut der Arbeitnehmer, die am Viruswitz der Demokraten festhalten wollen. Trumps Hotels und Golf Ressorts sind unterausgelastet. Wer in Luxusquarantäne auf der eigenen 500 Millionen Yacht in der Karibik rumschippert, über die nächste Parteispende sinnend, eignet sich vielleicht auch eine sehr persönliche Perspektive darüber an, wie man den Dollar möglichst schnell wieder zum Rollen bringt. Der Normalbürger tritt in einem solchen Kalkül vielleicht nur als Kanonenfutter auf.

Die aktuelle wirtschaftspolitische Auseinandersetzung wird Teil des amerikanischen „Kulturkrieges“, wenn Joe Biden in der Öffentlichkeit die von Gesundheitsexperten empfohlene Maske trägt, das selbsternannte Allround-Genie Donald Trump dies aber strikt verweigert. Es mehren sich die Berichte darüber, dass es Geschäfte gibt, die mit Masken bekleideten Kunden den Zutritt verweigern und stattdessen Umarmungen empfehlen. Schon vor Wochen feuerte Trump Anti-Lockdown Demonstranten an, die – teilweise mit Maschinengewehren bewaffnet – in Rathäuser einzogen, um ihrem Recht auf Freiheit Nachdruck zu verleihen. Heute drängt Trump auf offene Kirchen und Großveranstaltungen.

Auch sein neuer Konflikt mit Twitter eskaliert derweil. Twitter ist wichtiges Medium für Trump, um seine Basis mit täglichen Lügenlawinen „alternativer Fakten“ zu bombardieren. Twitter hat es kürzlich gewagt, an (nur!) zwei Trump Tweets den Hinweis „fact checker“ anzufügen. Sein Tweet in Reaktion auf herrschende Unruhen, die durch die Ermordung eines schwarzen Bürgers durch einen weißen Polizisten in Minneapolis ausgelöst wurden, wurde von Twitter mit dem Hinweis „glorifying violence“ versehen. Kulturkrieg mit oder ohne präsidialer Gewaltverherrlichung statt nacktem Bürgerkrieg, Amerika steht wohl ein wilder Herbst bevor.

Im Zuge des Wahlkampfes droht Donald Trump die Nation noch tiefer ins Chaos zu stürzen. Amerika steht damit eine Lehre bevor, die auch Deutschland vor einigen Generationen erfahren hat: einen Größenwahnsinnigen zum Führer zu wählen, endet nicht in Großartigkeit, sondern Tod und Chaos. Trump setzt alles auf eine Karte. Amerikas Trumpfkarte wird es aber kaum sein.

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