Kultur | 30.06.2020

Vor dem Fadeout

Auf seinem neusten Album blickt Bob Dylan noch einmal auf die rauen Pfade amerikanischer Geschichte zurück. Das klingt wie ein Schlussakkord – aber auch wie eine Reminiszenz an all das, was nicht ausklingen darf.

Es geschah an einem Novembertag in Dallas, im Jahr 1963. John F. Kennedy, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, fiel auf seiner Wahlkampftour einem Attentat zum Opfer. Ein Schock, der die Welt bis aufs Mark erschütterte. Denn für Viele war Kennedy zu jener Zeit die personifizierte Hoffnung eines offenen, liberalen Amerikas und sein Mord ein symbolischer Anschlag auf den Geist der Veränderung, nach dem sich die Nation sehnte. Ein historisches Trauma, das bis heute nachhallt.

Mehr als fünf Jahrzehnte später wird sich der inzwischen hochdekorierte und in die Jahre gekommene Musiker Bob Dylan an das Attentat als einem „murder most foul“ erinnern. An einen Mord der übelsten Sorte. Der beinahe wie ein Königsmord aus der Feder William Shakespeares anmutet und von dem daher der Titel für die 17 Minuten lange Elegie auf den erschossenen Präsidenten entlehnt ist, die unter anderem auf Dylan`s neuster Platte zu hören ist. Womit der Zeitkontext abgesteckt wäre, auf den die Musiklegende noch einmal zurückzublicken gedenkt.

Denn wo das Jahr 1963 das Ende des Einen markierte, da war es gleichzeitig auch die Geburtsstunde des Anderen. Nur wenige Wochen vor dem Attentat hatte der junge Dylan gerade sein zweites Studioalbum The Freewhelin` Bob Dylan veröffentlicht, durch das er im Handumdrehen zu einer Gallionsfigur der noch jungen Bürgerrechtsbewegung aufsteigen sollte. Songs wie Blowin` in the Wind und A Hard Rain’s A-Gonna Fall sprachen der jungen Generation damals direkt aus der Seele und anhand ihrer hatte sie begonnen laut und deutlich ihre Stimme zu erheben.

„Routh and Rowdy Ways“ waren das rückblickend – so lässt jedenfalls der Titel seines neuen Albums vermuten. Raue Wege, die der begnadete Musiker und Lyriker Dylan beschritten hat – und in die sich geschichtliche Ereignisse ebenso eingeprägt haben, wie eine überbordende Vielfalt musikalischer und literarischer, kultureller und spiritueller Eindrücke. „I contain Multitudes!“ kann er so heute über sich selbst sagen. Doch jetzt, wo der Mann auf die 80 zugeht, da brechen wohl allmählich auch diese Wege ab.

Denn dass Dylan nach 8 Jahren überhaupt noch einmal ein Album mit eigens verfassten Texten veröffentlicht hat, mag für den ein oder anderen schon eine größere Überraschung gewesen sein. Ob man aber auch in Zukunft noch viel erwarten darf, das muss eher bezweifelt werden.

Dafür klingt das letzte Werk schon zu sehr nach einem leisen Abschluss. Eher bedacht und zurückhaltend wirkt die Tonalität der ganzen Platte, klingt fast mehr wie ein Hörbuch, anstatt nach flottem Blues. Was jedoch auch kein Makel ist. Denn in den sanften, schwelgenden Erzähltönen, mit denen Dylan noch einmal seine Bilderwelten abschreitet, kann er sich wohl ganz auf seine größte Meisterschaft besinnen: Das Erzählen.

Ein Meisterwerk, wie der Kanon des Feuilletons verlauten lässt, ist die Platte zwar eher nicht. Dafür war die Hürde der früheren, noch etwas sprachgewaltigeren Werke doch zu hoch. Wohl aber ist daraus ein veritables Spätwerk geworden, indem noch einmal, wenn auch in konzentrierter Dosierung, die charakteristische Dylan-Essenz anklingt und nachhallt. So als würde sie gegen ihr eigenes Ausklingen wirken wollen.

Aber Moment! Aus welchen Inhaltsstoffen besteht diese ominöse Dylan-Essenz eigentlich? Und was sollte daran nicht in Vergessenheit geraten?

Suchender, statt Prophet

Auf den ersten Blick keine einfache Frage. Strotzt doch der Schaffensweg Dylans vor Brüchen, Kehrtwenden und Neuerfindungen, sodass sich selbst die treue Anhängerschaft nie sicher sein konnte, was als nächstes kommen würde.

Doch insbesondere gegen das Etikett, die Stimme einer Generation zu sein, das seiner Person bei jeder sich bietenden Gelegenheit übergestülpt wurde, hat sich der Musiker Dylan stets vehement gewehrt. Mutete doch vielerorts die Besessenheit, mit der sich seine Fangemeinde oft auf die kleinsten Wortfetzen seiner surrealistischsten Texte stürzte, übertrieben bis grotesk an.

Von dem Jungen mit Gitarre und Mundharmonika erwartete man damals offenbar Weisheiten messianischer Größe, sodass sich der zum Propheten stilisierte Dylan nicht selten genötigt sah, seinen eigenen Mythos wieder zu entmystifizieren. Was denn das Motorrad-T-Shirt auf dem Albumcover von Highway 61 Revisited zu bedeuten habe, wurde er zum Beispiel einmal auf einer Pressekonferenz gefragt. „Darüber habe ich ehrlich gesagt nie nachgedacht!“ lautete dann die enttäuschende Antwort. Und auf die Frage, ob er denn auch an einer Demonstration gegen den Vietnamkrieg teilnehmen würde, bekam die Presse meist sowas wie „da habe ich zu tun!“ um die Ohren gehauen.

Doch diese Sperrigkeit, mit der sich „die Stimme der Generation“ gegen die eigene Vereinnahmung wehrte, war auch mehr als nur eine selbstschützende Geste. Schon dem jungen Dylan war der Personenkult, der die frühen Stars der Popindustrie umgab, oft suspekt. Die Selbstglorifizierung der eigenen Generation schien ihm auch trügerisch, ihre exzessive Suche nach neuen Führern bisweilen blind und gefährlich.

Denn wo Verehrung das Verehrte absolut setzt, da droht sie schnell in eine sektenartige Leichtgläubigkeit zu kippen. Wo sich der Blick an liebgewonnenen Schablonen fixiert, da verdichtet sich Geschichte allmählich zu einem starren Standbild. Und wo jedes rausposaunte Wort auf das Echo der eigenen Anhängerschaft schielt, da mutieren die eigenen Botschaften oft unbemerkt zu leeren Klischees.

An Propheten jedweder Couleur mangelte es seiner Zeit jedenfalls nicht. Doch während sich seine Mitstreiter noch eifrig im Protestgestus übten, da fürchtete sich der junge Dylan schon davor, allzu trivial und selbstgefällig zu klingen. Immerhin können die Erwartungen der eigenen Anhängerschaft dem kreativen Schaffen schnell enge Grenzen setzen. “Good and bad, I define these terms quite clear, no doubt, somehow / Oh, but I was so much older then, I`m younger than that now” sang er dann gegen seinen eigenen Kult an. Und selbst heute beteuert er lieber noch: „I ain’t no false prophet / I just know what I know”.

Anstatt den Ruf eines Propheten zu bedienen, ist das Leitmotiv, dass sich wie ein roter Faden durch seine lyrics zieht, daher viel eher das Bild eines Suchenden, der sich hindurchwühlt durch die Geschichte, durch alte Sagen und Erzählungen, ja letztendlich durch das Tohuwabohu der alten und neuen Zeit. Der sich auch mal verirrt, Trugbildern hinterherläuft und der an sich selbst (ver)zweifeln kann. Der aber, im Gegensatz zu demjenigen, der alle Antworten schon gefunden zu haben glaubt, ein Suchender bleibt, weil er in den verworrenen Ländereien des menschlichen Daseins doch hin und wieder Orte ausmachen kann wie „Key West“. Heimatorte, wo man seinen Kopf wiederfindet, wenn man ihn vorher verloren hat und die zumindest an den Rändern der Welt immer zu erkennen sind. „On the horizon line“, wie es in dem Song „Key West” heißt.

In der Tradition alter Geister

Letztendlich blieb Dylan damit aber auch nur dem Mythos des Folk und Blues treu, bei dessen reichen Traditionsschätzen er sich nur zu gerne bedient. Bei den Legenden vom on-the-road-Sein, vom ramblin` and gamblin`. Und die von einem unbefriedigten Verlangen nach Erfüllung, nach Gerechtigkeit oder nach einem Platz in der Welt erzählen.

Denn Folk und Blues – das waren schon immer die Ausdrucksformen der Unterprivilegierten. Der einfachen Leute. Die Musik der Hillbillys, Landarbeiter und Hobos ebenso wie die der unterdrückten, afroamerikanischen Minderheit. Beheimatet nur auf unstetem Terrain, auf troubled ground.

Aus dieser reichen Tradition, dieser „Mother of Muses hat Dylan seine Inspiration geschöpft. Hat er ihr doch auch die Heroen der (Musik)Geschichte zu verdanken, die den Stimmlosen und oft Überhörten zu einer authentischen Stimme verhalfen. Musen wie der Folkmusiker und Gewerkschaftskämpfer Woody Guthrie zum Beispiel oder die Blueskoryphäe Jimmy Reed, dem auf dem neuen Album ein eigener Song gewidmet ist. Persönlichkeiten, um hier lieber Dylan sprechen zu lassen:

Who cleared the path for Presley to sing
Who carved the path for Martin Luther King
Who did what they did and they went on their way
Man, I could tell their stories all day.

Doch anstatt nur Einzelschicksale zu besingen, die alle mit ihren persönlichen Schattierungen des Blues zu tun hatten, bestand das besondere Talent Dylans auch immer darin, die musikalischen Motive mit den geschichtlichen und kulturellen Bestände der Welt zu verbinden und zu vermengen. So klang dann in den Geschichten von individuellen Schicksalsschlägen auch immer die politische Anklage mit. Der Blues des lyrischen Ichs gab sich genauso als Gefühlsausdruck der Entfremdung in der modernen Welt zu erkennen. Und hinter Anklängen düsterer Melancholie blitzten auch immer wieder Visionen zivilisatorischer Dekadenz auf.

In diesem Sinne war die Rückwärtsgewandtheit, diese Verbundenheit mit dem folkloristischen Fundus seines Landes bei Dylan nie einer sentimentalen Nostalgie geschuldet, die vergangenen Tagen nachtrauern will. Sie hatte stets – was heutzutage beinahe paradox anmutet – progressiven Charakter. Die oftmals irrlichternde Sinn- und Heimatsuche seiner Vorgänger, ihr ruheloses Bemühen um einen Platz für sich in der Welt, schien ihm zumindest tiefschürfender und authentischer zu sein als der gefällige Singsang neumodischer Ideale.

Dazu passte natürlich, dass Dylans Stimme eigentlich immer schon an der Grenze zur Hässlichkeit changierte. Seine Songs wollten nie so richtig zu modernen Chartformaten passen. Und seine lyrics waren sperrig, komplex oder selbstreflexiv bis tief in die feinsten Verästelungen der Seele hinein.

Den zurechtgeschliffenen Sounds, den eingängigen Phrasen und der oft sinnentleerten Redundanz der Popindustrie setzten seine song poems damit die reichen Kenntnisschätze und kratzigen Töne der Folklore entgegen. Nicht um auf sie als schmucke Symbole zu referenzieren, sondern um sie als gelebte Leben, als durchgemachte Geschichten wieder hörbar werden zu lassen. Weil sie auch nur so gegen ihr kulturelles Ausklingen wirken würden.

„Play Etta James!“ ruft Dylan also heute noch einmal aus: Spielt John Lee Hooker, Thelonious Monk, Nat King Cole und der fast vergessenen Größen mehr! So als sollten sie noch einmal die Zeit wachrufen, in der auch Kennedy starb. Weil all die Schicksale, die in dieser Zeit nach ihrer Stimme suchten, uns auch heute noch viel erzählen können. Von ihrer Suche selbst. Immerhin ist die Geschichte noch nicht abgeschlossen, die Menschheit noch immer nicht befriedet und auch die Antworten schwirren weiterhin wild im Wind umher. Die Suche, soviel ist sicher, kann nur weitergehen.

Dass von Dylan dabei zwar keine verlässlichen Antworten zu erwarten sind, dass wird sich auch jetzt nicht mehr ändern lassen. Das war schon immer so. Und viele Anstöße wird es aus seiner Feder wohl auch nicht mehr geben – wobei man sich da nie zu sicher sein sollte. Den Geistern der Geschichte nachzuspüren, das kann man mit Dylan aber heute so gut wie früher. Geschichten, die fortgeschrieben und weitererzählt werden wollen.

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