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Schulden | 26.06.2020

Wo bleibt die Hyperinflation?

Crashprognosen haben wieder Hochkonjunktur – und Schuld sind die Schulden. Geht es nach den Untergangspropheten, steht uns die Hyperinflation kurz bevor. Doch wie stichhaltig sind diese Behauptungen?

Am Ende stehen die Hyperinflation und ein Crash, gegen den die Finanzkrise 2008 ein laues Lüftchen war. Gemäß der Ketchup-Theorie fliegt uns das einmalige Geldruckexperiment der Zentralbanken noch um die Ohren: Man schüttelt und schüttelt, und dann kommt der ganze angestaute Ketchup auf einmal raus.

Etliche Bestsellerautoren wollen uns das als messerscharfe Analyse der Verhältnisse verkaufen. Hervorzuheben wären drei Namen samt der dazugehörigen Kassenschlager:

  • Marc Friedrich & Matthias Weik: Der größte Crash aller Zeiten
  • Dr. Markus Krall: Die Bürgerliche Revolution

Die Ausführungen dieser Katastrophen-Autoren drehen sich, polemisch formuliert, um die Zombies (Unternehmen die nur durch Kredite noch am Leben erhalten werden), den Bösen Null-Zins und den großen Crash, der durch das zusammenbrechende Kartenhaus an angehäuften Schulden ausgelöst würde.

Marc Friedrich und Markus Krall haben sich nun im Zuge der Corona Krise in einem wirtschafspolitischen Gespräch über die sich anbahnende Apokalypse ausgetauscht. Der für jedermann anschaubare Mitschnitt des Video-Calls hat inzwischen auf Youtube die 500.000 Klick-Marke überschritten.

Dort behaupten sie (Krall trägt hauptsächlich vor, Friedrich bestätigt), dass die Hyperinflation kurz bevorsteht. Diese würde genau nach dem Muster der Hyperinflation 1923 im Deutschen Reich ablaufen (ab 07:15 min). Friedrich geht davon aus, dass diese spätestens im Herbst kommt. Krall ist sich sicher, schon diesen Sommer ist es so weit (ab 24:52 min).

Im Folgenden soll die Argumentation einer Prüfung unterzogen und die aktuelle Situation mit der von 1923 im Deutschen Reich vergleichen werden. Wenn hier von Inflation die Rede ist, dann immer von realwirtschaftlicher Güterinflation, wie sie nach dem Warenkorb-Prinzip vom Statistischen Bundesamt gemessen wird. Auch wenn Krall stark mit der Österreichischen Schule der Nationalökonomie verbunden ist, meint er in seiner Prognose die Selbige, wie man an seinen Nudelpreis-Beispielen im Gespräch erkennen kann.

Die Hyperinflation im Deutschen Reich 1923

Als die Franzosen im Jahr 1923 wegen verspäteter Reparationszahlungen das Ruhrgebiet besetzten, verschärfte sich die ohnehin schon angespannte politische und wirtschaftliche Lage im Reich. Die deutsche Regierung unter Reichskanzler Wilhelm Cuno rief zu Sabotage und Streik auf. Im Gegenzug zahlte sie die Löhne während des Produktionsstopps an die Streikenden weiter. Es war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Deutschland geriet in den Strudel der dramatischsten Geldentwertung, die das Land je erleben sollte.

Um den immensen Zahlungsverpflichtungen nur irgendwie nachzukommen, brachte die Regierung mehr und mehr Geld in Umlauf. Allerdings führten Sabotage und Streik zu einer sinkenden Gütermenge. Um den Geldkreislauf am Laufen zu halten, Liquiditätsengpässe zu verhindern und mit den Reparationsforderungen Schritt zu halten, wurde dennoch weiter Geld gedruckt. In Folge konnte man für eine Geldeinheit immer weniger erwerben, weil sich immer weniger Waren und immer mehr Geld im realwirtschaftlichen(!) Güter-Geldkreislauf gegenüberstanden. Im November 1923 entsprach der Kurs für einen US-Dollar 4,2 Billionen Mark.

Dr. Kralls „Analyse“ der aktuellen Lage

Diese dramatische Lage im Deutschen Reich lässt Krall Parallelen zur heutigen Situation erkennen:

„Was wir jetzt allerdings erleben, ist, dass die Politik komplett Amok läuft, dieser Amok-Lauf äußert sich in zwei Hauptentwicklungen: Die eine Hauptentwicklung ist, dass man glaubt man könnte die Knappheit der Güter, die sich jetzt einstellt, durch den Kollaps der (…) Lieferketten und den Kollaps des Welthandels, dass man diese Knappheit der Güter dadurch begegnen könnte, dass man die Knappheit des Geldes abschafft. Das ist … ich sag mal von der Logik her schon … eine ziemliche harte Turnübung.“

Konkret stehen für Krall die europäischen Konjunkturpakete zur Bewältigung der Corona-Krise für diese Turnübungen.

„Nun kommen also Frau Merkel und Herr Scholz und legen uns ein 1,2 Billionen Programm auf. Geld, das diese Regierung nicht hat. Spanien legt ein 200 Milliarden Programm auf. Geld, das diese Regierung auch nicht hat. Italien redet von 500 Milliarden. Geld, das diese Regierung auch nicht hat. Und das Beste ist: Das wird nicht reichen. Das ist der Anfang von einer Kaskade, an deren Ende wir nicht über Milliarden, sondern über Billionen sprechen. Dieser gewaltigen Ausdehnung der Geldmenge, steht aber ein fallendes Warenangebot gegenüber und deswegen wird diese Ausdehnung der Geldmenge vollkommen wirkungslos bleiben – in der Frage der Allokation und auch in der Sicherheit, die sie den Menschen vermittelt.“

Krall hat für seine Leser- und Hörerschaft auch gleich einen Rat parat: Bloß kein Geld in irgendwas anlegen, das sofort wieder entwertet werden kann – schließlich folgt die Hyperinflation, die da kommen wird, „exakt dem Muster der Deutschen Hyperinflation von 1923“ (ab 5:35 min).

Wir können uns also auf einen Wechselkurs gefasst machen, in dem ein US-Dollar 4,2 Billionen Euro entsprechen wird. Vorausgesetzt, die US-Notenbank FED hat bis dahin nicht auch eine Dollarschwemme ausgelöst.

Stand der Dinge

Gleichen sich also die Muster von heute und damals? Ausgelöst durch die Maßnahmen zur Covid-19 Bekämpfung ist das durchschnittliche Bruttoinlandsprodukt der EU gesunken. Die Europäische Kommission geht 2020 von einem Rückgang von 7,75 % des Bruttoinlandproduktes aus. Nebenbei erwähnt, handelt es sich dabei um eine sehr optimistische Prognose. Die Gütermenge sinkt also – wie auch 1923 in Deutschland – tatsächlich.

Betrachten wir nun die Geldmenge M3 der Eurozone (Abbildung 1). Am Ende der Graphik ist ein rapider Anstieg der Geldmenge zu sehen, welcher aus den Rettungsmaßnahmen der EZB resultiert.

Abbildung 1

Kommt es also jetzt zwangsläufig zur Hyperinflation? Markus Krall grenzt seine Prognose zeitlich ein:

„Unter den Umständen der aktuellen Geldpolitik gehe ich davon aus, dass es nicht bis zum Herbst dauert“ (25:09 min).

Krall und Friedrich veröffentlichten ihr Gespräch am 26. März 2020. Seitdem sind drei Monate vergangen. Die Corona Maßnahmen werden in Deutschland und Europa gelockert und die Wirtschaft fährt langsam wieder hoch. Am 31. Mai 2020 ist von einer Hyperinflation in Europa noch nichts zu sehen, im Gegenteil (Abbildung 2). Auch nicht in Deutschland. Im Mai liegt die Inflationsrate laut Statistischen Bundesamt bei 0,6 %.

Abbildung 2

 

Der Sommer hat gerade erst begonnen, man muss sich also vielleicht noch gedulden. Aber die Wette gilt: In diesem Sommer wird es in Europa zu keiner Hyperinflation kommen.

Warum Kralls These unglaubwürdig ist

Die Geldmenge M3 und die Geldumlaufmenge in der Realwirtschaft sind nicht identisch. Die Einkommen der breiten Masse, also primär die Löhne/Gehälter, und „animal spirits“ bestimmen die realwirtschaftliche Güterpreisentwicklung – nicht die gesamte systemische Geldmenge.

Sonst hätte die Quantitative Lockerung der EZB ja auch zu hoher Inflation im Warenkorb des Durchschnittsbürgers führen müssen. Auch jetzt befeuert die EZB nicht direkt per Helikoptergeld das Einkommen der Bürger, sondern stützt „Märkte“ wie den Aktienmarkt.

Ein Vergleich mittels der Physik, wenngleich physikalisch nicht ganz sauber, soll das veranschaulichen: In der Physik gibt es potentielle und kinetische Energie. Eine Kugel, die liegt, hat potentielle Energie aber keine kinetische. Erst wenn die Kugel in Bewegung kommt, wird aus der potentiellen Energie kinetische und die Kugel bewegt sich.

Nun ist in der Eurozone die potentielle Energie sehr hoch, wie man an der Geldmenge M3 ablesen kann. Aber kinetisch – im realwirtschaftlichen Güterkreislauf – bewegt sich wenig, gerade sogar immer weniger. Je weniger sich aber bewegt, desto mehr rutschen wir gerade in Richtung einer Deflation

In der Hyperinflation 1923 stieg die Geldmenge des realwirtschaftlichen Warenkreislaufes, während das realwirtschaftliche Warenangebot sank = (Hyper)inflation. Heute ist zwar das realwirtschaftliche Warenangebot auch gesunken, aber die Geldmenge im realwirtschaften Warenkreislauf ebenfalls.

Leider liegt mir keine aktuelle Angabe der Geldumlaufgeschwindigkeit im Euroraum vor. Die FED aber liefert eine solche Statistik für den Dollar (Abbildung 3), und man sieht – es geht in den Keller Richtung 1.0. Den tiefsten Stand der ab 1960 laufenden Statistik.

Abbildung 3

Und siehe da, die Umlaufgeschwindigkeit der Geldmenge M2 des US-Dollars korreliert mit der Inflation (Abbildung 4) – und die bewegt sich derzeit Richtung Deflation (Anstieg beider Kurven von 2019 bis 2020 und dann mit Corona ein rapider Abfall).

Abbildung 4

In Europa passiert mit Blick auf die Verbraucher- und Erzeugerpreise genau dasselbe. Die systemische Geldmenge steigt gerade, aber der Geldumlauf in der Realwirtschaft wird immer langsamer.

Dass die Geldumlaufgeschwindigkeit sinkt, ist logisch, weil Unternehmen pleitegehen oder Mitarbeiter entlassen werden. Zum einem fallen damit faktisch Einkommen (Nachfrage) weg und zum anderen entsteht ein Klima der Angst, in dem Investieren und Konsumieren nicht die Priorität der Sektoren darstellt.

Immerhin federn die Sozialsysteme – in Europa immer noch stärker ausgebaut als in den USA – den Einbruch ab und verhindern somit eine (Hyper)Deflation.

Wenn die Wirtschaft wieder vollständig hochfährt und die materielle Ungleichheit reduziert würde, sodass Unter- und Mittelschicht stärker konsumieren und investieren oder der Staat – mittels Verschuldung – die saldenmechanische Lücke schließt, könnte sich das Potential der Geldmenge durchaus zu einer realwirtschaftlichen Inflation realisieren. Solange dies nicht von heute auf morgen passiert, entsteht dabei aber auch keine Hyperinflation. Zudem kann der Staat mit Steuererhöhungen gegen“steuern“.

Weil weiterhin Einschränkungen der Wirtschaft durch die Politik aufgrund Corona bestehen und je nach Land zum Teil massive Entlassungswellen stattfinden, brechen (a) Einkommen weg und macht sich (b) instinktiv Angst breit. Wie gesagt: In diesem Sommer wird es daher weder zu einer Hyperinflation kommen noch zu einer 10% Inflationsrate oder nur zu einer 5% Rate – was weit entfernt von einer Hyperinflation ist.

Aber nicht nur das. Blickt man auf realpolitischen Gegebenheiten, die institutionelle Ausgestaltung der Eurozone inklusive Defizitregeln oder bereits eifrig versprochene Schuldentilgungsprogramme durch die Bundesregierung, wird die Deflationsgefahr auch langfristig realistischer sein als die (Hyper)Inflation.

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