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Konjunktur | 24.07.2020

Die deutsche und europäische Konjunktur im Frühsommer 2020 – 3

Bauproduktion und Einzelhandel erholen sich im Mai, der Tiefpunkt der Corona-Krise wurde durchschritten. Die Preisentwicklung aber bleibt deflationär.

War aufgrund der COVID-19-Einschränkungsmaßnahmen in der EU-Mitgliedstaaten im März und April die Bautätigkeit tief eingestürzt, setzte im Mai die Erholung ein. Laut Schätzungen von Eurostat zog die saisonbereinigte Produktion im Baugewerbe gegenüber April im Euroraum (EWU19) um kräftige 27,9% an. Im Vormonat war die Produktion im Baugewerbe um -18,3% gesunken (Abbildung 1). Sie liegt damit immer noch um -11,9% unter dem Niveau von Mai 2019.

Die französische Bauwirtschaft, die von der Pandemie besonders hart getroffen wurde – fast nur noch ein Drittel des Produktionsvolumens von 2009 –, verzeichnete von den Kernländern den deutlichsten Anstieg im Mai: +118,3%.

Anders die Lage in Deutschland, wo die Bauproduktion von der Krise kaum getroffen wurde. Einem leichten Rückgang von nur -4,9 % im April folgte im Mai ein leichter Anstieg der Bauproduktion von 0,5 %. Im Vergleich zum EWU-Durchschnitt befindet sich die deutsche Bauproduktion auf hohem Niveau.

Abbildung 1

In Südeuropa, das sich seit Jahren ohne nennenswerte Dynamik am Index entlang hangelt, traf es Italien im April mit ähnlicher Wucht wie Frankreich: -53,3 % im Vergleich zum Vormonat März. Im Mai verzeichnete Italien dafür den größten Anstieg der Bauproduktion um 168 % gegenüber April.

Die spanische Bauwirtschaft, schon lange vor den COVID-19-Einschränkungsmaßnahmen in einer Rezession, brach im April um -23,6 % ein. Im Mai gab es nun wieder einen Anstieg um 25 % (Abbildung 2).

Portugals Bauproduktion, von der Krise relativ verschont geblieben, verzeichnete im Vergleich zum Vormonat einen leichten Anstieg um 2,6 %.

Abbildung 2

Dass die ››Erholung‹‹ in Südeuropa aus einer größeren Perspektive gesehen jedoch kaum eine ist, offenbart sich im langen Zeitverlauf. Blickt man zurück bis ins Jahr 2008, als die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise durchzuschlagen begannen, wird deutlich, wie total der Niedergang der südeuropäischen Bauwirtschaft nach wie vor ist (Abbildung 3). Portugal, Spanien und Italien waren mit dem tiefsten Einsturz seit Beginn der Zeitachse konfrontiert. Doch die Corona-Krise war nur der Absturz vom Absturz. Schon zuvor lag das Produktionsniveau vergangener Dekaden in weiter Ferne.

Abbildung 3

Weitaus weniger dramatisch stellt sich die Situation in Osteuropa dar. Ungarn und Polen waren lange das konjunkturelle Zugpferd der Bauproduktion. Bis auf Ungarn kamen die osteuropäischen Staaten mit einem blauen Auge durch die Corona-Krise. Allerdings setzte im Vergleich zu den süd- und westeuropäischen Staaten im Mai noch keine Erholung ein.

Ungarn, das eine spektakuläre Boomphase hinter sich hat, musste im April nur einen Rückgang von -1,4 % hinnehmen. Hier schien es sich allerdings um veraltete Zahlen zu handeln. Im Mai vermeldet Eurostat für die ungarische Bauproduktion plötzlich einen Einsturz von -20,3 %. Die polnische Produktion geht im Mai um -3 % im Vergleich zum Vormonat zurück. Ebenso Tschechiens Bauproduktion mit einem Rückgang um -2,9 % (Abbildung 4).

In Bulgarien stagnierte die Bauproduktion vor Corona nahezu 4 Jahren weit unter dem Index, von Februar bis April brach die Bauwirtschaft dann um deutliche -13 % ein. Im Mai gab es wieder einen minimalen Anstieg um 0,3 %.

Abbildung 4

Für Westeuropa liegen nur vereinzelt Daten vor. Die korrigierten Zahlen für Belgien zeigen nach einem starken Einbruch im März wieder eine deutliche Erholung im Mai (28,6 %). Damit liegt die Bauproduktion nur noch -8 % unter dem Vorkrisenmonat Februar. Allerding zeitigte die belgische Bauwirtschaft schon zuvor Rezessionstendenzen. Die schwedische Bauproduktion konnte im Mai, auf weit höherem Niveau, um 1,2 % zulegen (Abbildung 5).

Ähnlich wie in Deutschland dafür die Verhältnisse in  den Niederlanden. Die Bauproduktion wurde in den Corona-Monaten nur wenig beeinträchtig, trotzdem ist die lange Konjunkturphase vorbei. Im Mai ging die Produktion um -1 % zurück. Für Österreich und Dänemark liegen noch keine aktuellen Daten vor.

Abbildung 5

Deutschlands Einzelhandel wieder obenauf

Ähnlich schlimm wie Industrie- und Bauproduktion hatte die Corona-Krise im März und April wenig überraschend den Einzelhandel in Mitleidenschaft gezogen. Doch auch hier setzte nach umfangreichen Lockerungen der COVID-19-Eindämmungsmaßnahmen wieder eine Erholung ein. Das saisonbereinigte Absatzvolumen des Einzelhandels stieg gegenüber April 2020 im Euroraum um 17,8% (Abbildung 6).

Träger des Anstiegs waren vor allem die Textilbranche (147 %) und im Zuge des wieder zunehmenden Verkehrs die Motorenkraftstoffe (38,4 %). Aber auch hier gilt, dass das Vorkrisenniveau noch lange nicht erreicht ist. Gegenüber Mai 2019 sank der kalenderbereinigte Einzelhandelsindex im Mai 2020 im Euroraum um 5,1%.

Mit Ausnahme Deutschlands, dessen Absatzvolumen im Mai um 12,7 % zulegte und damit nicht nur um 6,8 % über dem Vorjahresniveau liegt, sondern auch den höchsten Index seit Beginn der Aufzeichnungen erreicht. Zumindest für den deutschen Einzelhandel gilt vorerst – die Corona-Krise ist vorbei.

Davon kann in anderen EWU-Ländern keine Rede sein. Auch wenn Frankreichs Einzelhandel im Mai mit 25,6 % stark anzog, liegt das Volumen noch bei -14 % im Vergleich zum Vorkrisenmonat Februar.

Ähnliches gilt für Italien. Nachdem dort das Einzelhandelsvolumen im März und April um über ein Drittel einbrach, gab es auch hier im Mai zwar einen kräftigen Anstieg um 25,4 %, doch insgesamt befindet sich der italienische Einzelhandel nach wie vor in einer handfesten Krise: -15,1 % zum Vorkrisenmonat Februar und -13,4 % zum Vorjahresmonat.

Abbildung 6

Nicht anders ist es in Südeuropa insgesamt. Portugals Einzelhandelsumsatz wächst um 13,1 %, liegt aber mit -18,3% unter Vorkrisenniveau (Abbildung 7). Spanien, das sich wie Griechenland bis heute nicht von den Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise 2007-11 erholen konnte, hatte im Mai einen Zuwachs von 18 % zu verzeichnen und liegt mit -18,8 % unter dem vorherigen Stagnationsniveau.

Abbildung 7

Arbeitslosigkeit steigt weiter

Die Arbeitslosigkeit ist im Euroraum von 7,3 % im April auf 7,4 % im Mai gestiegen, was einem Zuwachs von 253.000 arbeitslosen Personen entspricht. Das ist der zweite leichte Anstieg in Folge. Insgesamt haben seit Beginn der Corona-Krise knapp eine halbe Millionen Menschen ihren Job verloren (Abbildung 8). Abzuwarten bliebt, inwieweit die Arbeitslosenzahlen den Wirtschaftseinbruch aufgrund staatlicher Hilfsmaßnahmen und Kurzarbeitergeld verzögert abbilden – und ob es im Juni trotz der Lockerungen erneut zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit kommt.

In Frankreich ist die Arbeitslosigkeit hingegen laut Eurostat von 8,7 % im April auf nun 8,1 % im April gesunken. Dieser Rückgang ist aber kaum auf eine Verbesserung der Lage auf dem Arbeitsmarkt zurückzuführen. Die französische Statistikbehörde Insee machte deutlich, dass die sinkende Arbeitslosigkeit mit einem Rückgang der Zahl der Arbeitssuchenden während der Ausgangsbeschränkungen in der Corona-Krise zu erklären sei. Demnach hätten sich viele Personen in der Phase der Ausgangssperren beispielsweise um die Betreuung ihrer Kinder gekümmert.

Da Frankreich hier kein Einzelfall sein dürfte, wird deutlich, wie sehr die Zahlen auch für den Euroraum mit Vorsicht zu genießen sind und die Dunkelziffer erheblich höher sein dürfte.

Widersprüchlich sind auch die Daten aus Italien. Laut Eurostat soll es im April inmitten des harten Lockdowns einen Rückgang von 8,2 auf 6,6 % gegeben haben. Die Gründe dürften ähnliche sein wie in Frankreich. Im Mai und im Zuge der Lockerungen stiegen die offiziellen Arbeitslosenzahlen nun wieder auf 7,8 % an. Die Ratingagentur Fitch hingegen schätzt, dass die Arbeitslosenquote in Italien in diesem Jahr noch auf 12,1 % ansteigt und bis Ende 2021 nur geringfügig auf 11,8 % sinken wird.

In Deutschland stieg die Arbeitslosigkeit im sechsten Monat in Folge leicht an. Jetzt von 3,8 % im April auf 3,9 % im Mai. Zuletzt gab es diesen Wert 2017.

Abbildung 8

Arbeitslosigkeit in den USA sinkt wieder – vorerst

Nach Lockerungen von Corona-Beschränkungen in den USA ist die Arbeitslosenquote im Juni den zweiten Monat in Folge deutlich gesunken. Sie ging von 13,3 Prozent im Mai auf 11,1 Prozent im Juni zurück, wie die Regierung mitteilte. Die Zahl der Beschäftigten außerhalb der Landwirtschaft stieg um 4,8 Millionen an. Fast die Hälfte dieser neuen Jobs sollen auf das Gastgewerbe zurückgehen. Im April hatte die Arbeitslosenquote noch bei 14,7 Prozent gelegen, dem höchsten Wert seit Beginn der Aufzeichnungen nach dem Zweiten Weltkrieg (Abbildung 9).

Auch hier dürfte die Dunkelziffer allerdings höher liegen. Zudem gefährdet die dramatische Zuspitzung der Corona-Pandemie diese Entwicklung. Die Arbeitslosenquote für Juni beruhte auf Daten, die nur bis zur Mitte des Monats erhoben worden waren. Mögliche Auswirkungen der jüngsten Lockdowns aufgrund steigender Infektionszahlen in Florida, Texas, Arizona und Kalifornien zeigen sich darin noch nicht.

Abbildung 9

Deflationsdruck nimmt weiter zu

Der Deflationsdruck in der Eurozone lässt auch im Mai nicht nach. Die Erzeugerpreise rauschen weiter in den Keller. Sie sanken im Mai erneut, diesmal um -0,6 % im Vergleich zum Vormonat. Das entspricht einer Deflationsrate von nunmehr -5,1 %. Maßgeblich dafür ist wieder der Rückgang der Erzeugerpreise im Energiesektor um -1,4%.

Leicht angestiegen sind die Verbraucherpreise – sie liegen aber mit 0,3 % immer noch weit jenseits der Zielinflationsrate der EZB (Abbildung 10).

Abbildung 10

Wenig Wumms für den Aufschwung

Egal ob Konjunktur oder Arbeitslosenzahlen, die Entwicklung in Europa ist unter Vorbehalt zu bewerten. Die jüngsten Ereignisse zeigen, dass die Corona-Pandemie an zahlreichen Hotspots wieder aufflammt und die Krise keineswegs ausgestanden ist. Das bedeutet auch für die gebeutelte Konjunktur in der Eurozone die Gefahr erneuter Rückschläge. Zumal auch die Verhandlungen über die Corona-Hilfen auf dem EU-Sondergipfel zeigten, wie handlungsschwach die EU ist. Der Umfang der ursprünglich geplanten Hilfen wurde zusammengestrichen und sie kommen spät. Ein Tropfen auf dem heißen Stein – oder: to little, to late.

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