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Debatte | 14.07.2020

Gegen den guten Ton

Rassismus und Polizeigewalt sind ernste Themen, die öffentlicher Debatten bedürfen. Doch im postmodernen Bekenntnisjargon verflüssigen sie sich zur Unkenntlichkeit. Zielführend ist das längst nicht mehr.

Lieber Leser, liebe Leserin. Oder liebe LeserInnen. Oder liebe Lesende. Bevor ich anfange, sag ich es lieber geradeheraus: Ich glaube, ich bin ein Rassist!

››Bitte was?!‹‹ fragen Sie jetzt. Eine Antwort ist aber schnell zur Hand. Nehmen wir die des Filmwissenschaftlers Georg Seeßlen. Als Teil einer Kultur, so führt dieser aus, in der Rassismus in Kinderbüchern, Filmen und Pop-Songs, ja sogar in Faschingsumzügen tief verwurzelt ist, da bleibt mir – mit meinem eher blassen Teint – gar nichts anderes übrig, als mich offen zu bekennen.

Immerhin habe auch ich – ja ich gestehe es reumütig ein – als Kind gerne ein Indianer sein wollen. Ich habe mir dann eine dunklere Hautfarbe aufgemalt, da ich mit meinem Äußeren wohl kaum als Indianer durchgegangen wäre.

Doch es kommt noch schlimmer. Ich habe ››Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer‹‹ geliebt – unkritisch wie ich damals war. Ich habe bei meinen Eltern hin und wieder nach ››Mohrenküssen‹‹ verlangt und irgendwann sogar den Film ››Vom Winde verweht‹‹ gesehen. ››Nicht rassistisch zu sein in einer Gesellschaft, die immer noch rassistisch geprägt ist‹‹, so knallhart trifft das Urteil Seeßlens daher auch mich, ››ist unmöglich‹‹.

Was folgt daraus? In Anbetracht des skandalösen Tods von George Floyd bleiben mir nur zwei Optionen: Entweder Mund halten, oder sich als Teil des Problems erkennen zu geben – so will es jedenfalls der Kanon ››woker‹‹ Kultur- und Gesellschaftskritik in einschlägigen Feuilletons. ››Woke‹‹ sind im Neusprech politisch korrekter Millenials jene, die sich über die zersetzende Wirkung der Mikroaggressionen und -rassismen in Hoch-, Pop- und Alltagskultur allzeit bewusst sind und zu deren Dunstkreis sich wohl auch Georg Seeßlen zählen würde.

Nun gut, eigentlich. Denn so viel sei verraten: Ich wage jetzt einfach mal eine weitere Option.

Die verirrte Debatte um Polizeigewalt

Denn inzwischen erscheint mir das, was der Fall Floyd hätte anstoßen können, immer undeutlicher. Bot er anfangs Anlass genug, ein paar gravierende Mängel innerhalb der amerikanischen Staatsgewalt zu erörtern, so wurde das alles auch zu einem deutschen Problem erklärt und mutierte mancherorts gar zu einer generellen Infragestellung der Polizei an sich. Und als wäre der Verwirrung noch nicht genüge getan, erschien bald ein ganzer Nexus aus popkulturellen Klischees, städtischen Denkmälern und unbedachten Worten wie folgerichtig in dem Tod George Floyds kulminiert zu sein.

Andere Fragen wurden dagegen eher umgangen oder gleich ganz ausgespart. Fragen wie die, woran es liegen könnte, dass gerade dort ein signifikanter Anstieg an Schießwütigkeit von Seiten der Police Officer zu verzeichnen ist, wo auch ultraliberale Waffengesetzte, hohe Skalenwerte sozialer Ungleichheit sowie überdurchschnittliche Kriminalitätsraten zu finden sind?[1]

Folgt man jedenfalls einschlägigen Studienergebnissen zu ››police related deaths‹‹ in den USA, so kann die hohe, relative Betroffenheit der afroamerikanischen Bevölkerung zwar alles andere als ausgeklammert werden, doch könnte sie ebenso die Frage aufwerfen, ob darin nicht viel eher der Risikofaktor sozialer Prekarität mit verwickelt ist.[2] Ein Faktor, der freilich auf Schwarz wie Weiß zutreffen kann, wie auch die absoluten Todeszahlen zeigen.

Hinsichtlich unangemessener Polizeigewalt hätte beispielsweise genauso der Fall Tony Timpas interessant sein können. Der Mann starb 2016. Und das fast auf die gleiche Art wie George Floyd. Der einzige Unterschied: Es handelte sich um einen Weißen. Die Empörung blieb aus und die Ermittlung gegen die diensthabenden Officer wurde schnell fallengelassen.

Doch man kann es auch kurz machen: Wenn solche Fälle in regelmäßigen Abständen passieren – egal ob sie nun Schwarz oder Weiß treffen – dann läuft etwas schief. Und – dass dabei Stereotype vom bedrohlichen schwarzen Mann mit eine Rolle spielen, darf auch mehr als nur eine Vermutung sein.[3]

Nur wird es schnell unterkomplex, wenn dieser Faktor alle anderen Erklärungsansätze überlagern soll und in seinem Begründungszusammenhang zudem immer weiter verwässert wird. Ob dem konkreten Problem dann noch genüge getan wird und ob sich so noch konstruktive Lösungsmöglichkeiten finden lassen, müsste an dieser Stelle eigentlich Teil einer offenen Debatte sein. Doch so schnell wie sich auf Twitter ein paar unbedachte Worte ins Netz feuern lassen, so schnell kann so etwas in den Einflusssphären ››woken‹‹ Bekennertums einem Himmelfahrtskommando gleichkommen.

Postmoderne Oberflächlichkeit

Wer es nämlich wagt, im Gleichklang von ››race and gender‹‹ für dissonante Töne zu sorgen (wie wohlbedacht die Worte auch immer gewählt sein mögen), der hat sich schon für die Option entschieden, die keine mehr sein soll. Damit stellt er sich gegen ein Narrativ, das den einzig richtigen Lösungsansatz für rassistische wie sexistische Problemfälle für sich beanspruchen will. Alles andere wird als erster Schritt in Richtung eines Relativismus, ja wenn nicht gleich einer Affirmation von Rassismus oder Sexismus verstanden.

So hat sich der Evolutionspsychologe Steven Pinker an derlei Vergehen schuldig getan, als er Polizeigewalt nicht vorrangig als rassistisch konnotierte Angelegenheit deuten wollte. In den Augen der Bekenner kann der Schuldspruch daher nur lauten: Ausschluss aus der Linguistic Society of America. Und Pinker ist längst nicht der einzige, über den ein entsprechendes Urteil verhängt wurde.

Die ››Cancel Culture‹‹, welche Widerspruch gegen das eigene Weltbild mit diskursiver Exklusion bestraft, grassiert schon seit längerer Zeit und geht stets vom gleichen Lager aus – den Frontkämpfern für soziale Gerechtigkeit, ausgestattet mit einem Waffenarsenal postmoderner Theoriebausteine.

Nun ist die postmoderne (oder auch: poststrukturalistische) Theorieschule nur eine unter vielen an den Universitäten der Welt. Insofern sich ihre Vertreter als Teil eines offenen, demokratischen Feldes verstehen, ist ihr Beitrag für den wissenschaftlichen Betrieb auch nicht geringzuschätzen. Dennoch ist sie an dem Trend der ››Cancel Culture‹‹ nicht ganz unschuldig. Und einige ihrer antirealistischen Prämissen weisen antidemokratische Tendenzen auf.

Das beginnt schon dort, wo es zum Gründungsmythos der postmodernen Schule dazugehört, sich auf einer latenten Aversion zu bestimmten anderen Fächern zu konstituieren. Vor allem die Biologie bekam dabei ihr Fett weg. Schrieb man ihr doch unsinnigerweise die Erfindung von Rassismus zu, weil dieser gemeinhin biologisch begründet werde. Und auch die Perpetuierung geschlechtlicher Differenzen und ››heteronormativer‹‹ Sexualstandards sollte auf ihr Konto gehen, da im Fachjargon der Postmoderne alles außerhalb der omnipotenten Wirkung der Sprache keine Bedeutung haben soll.

Weil sich damit aber letzten Endes nicht nur biologische Begründungen, sondern im Grunde jedwede Behauptung von vornherein delegitimiert, die auf materielle Gegebenheiten hinter sprachlichen Konstruktionen verweisen will, können Vertreter der postmodernen Schule Phänomene wie Rassismus oder Sexismus eigentlich nur noch als Effekte einer korrumpierten, kulturellen Symbolik deuten.

Doch im Kampf gegen rassistische und sexistische Essentialismen (wie zum Beispiel jenem, dass Afroamerikaner und Frauen von Natur aus dem weißen Manne unterlegen seien), kultiviert die Postmoderne so einen ganz eigenen Essentialismus. Ein Dogma der kulturellen Oberfläche, hinter der Begründungszusammenhänge, die nicht sogleich symbolischer Natur sind, nicht mehr gesehen werden dürfen. Öffnet man doch andernfalls – so jedenfalls die Sorge – dem Einfall rassistischer oder sexistischer Essentialismen Tür und Tor.

Ökologische Fehlschlüsse und ihre Konsequenz

Was somit hinsichtlich der postmodernen Weltanschauung konstitutiven Charakter hat, nennt man in der statistischen Methodenlehre einen ››ökologischen Fehlschluss‹‹. Dieser kommt immer dann zustande, wenn von Aggregatmerkmalen – wie zum Beispiel dem, dass sich Rassismus ethnischer Zuschreibungen bedient –, vorschnell auf Individualmerkmale geschlossen wird: dass jede ethnische Zuschreibung per se protorassistisch ist. Wobei die Resultate dann unmissverständlich und unerbittlich klingen. Hinter jedem noch so kleinen, ethnischen Klischee soll sich eine direkte Verbindung zum handfesten Rassismus auftun.

Übertragen auf den postmodernen Identitätsdiskurs klingt dieser Fehlschluss wie folgt: Da Schwarze, Frauen, Homosexuelle oder Transgender (um im Kanon der klassischen, postmodernen Identitätslehre zu bleiben) mehrheitlich Opfer einer gegen sie gerichteten Gewalt werden, muss auch jeder dieser Merkmalsträger als Opfer angesehen werden. Und da die Täter mehrheitlich weiß und männlich sind, muss den Identitätsmerkmalen ››weiß‹‹ und ››männlich‹‹ folgerichtig das Stigma des Täters zugeschrieben werden. Wo sich Verkörperungen dieser unheilvollen Kombination nicht direkt als Rassisten zu erkennen geben, da bedienen sie sich doch mindestens an jenem kulturellen Symbolbestand, innerhalb dessen Rassismus stattfinden kann – und sind deshalb mitschuldig.

Zwar kann der Postmodernist auch sozioökonomische Ungleichheiten anerkennen. Doch das nur, wenn sich die Ungleichheit auch zur Untermauerung identitätsspezifischer Differenzen herbeizitieren lässt. Als Einflussfaktoren für die zur Diskussion stehenden Oberflächenphänomene scheiden sie aber gleichsam aus. Sonst würde man erneut auf universellere Variablen hindeuten müssen, die nicht so ganz ins Schema der klar zugeteilten Täter- und Opferidentitäten passen wollen.

Es hilft also nichts. Egal ob Millionär, Ottonormalbürger oder Hartz4-Empfänger. Ob nationalsozialistischer Hardliner, verkappter Frauenfeind oder friedliebender Pazifist. Ist man „weiß“, „männlich“ oder schlimmstenfalls beides, gehört das alles irgendwie in einen Topf. Entweder man bekennt sich zu seiner Schuld, oder schweigt besser gleich.

Die Kehrseite des guten Tons

Hierin wird deutlich, wieso die postmoderne, identitätspolitische Deutung gleich in mehrfacher Hinsicht problematisch ist. Zum einen kapselt sich die Debatte von alternativen Erklärungsansätzen für die beklagten Phänomene ab, die unter Umständen hilfreich sein könnten. Im Sinne eines sozial erwünschten Ideals wird Wissensverzicht und ein intellektueller Selektionismus zur gängigen Praxis, der Lösungsmöglichkeiten abseits der eigenen Grundannahmen gar nicht mehr finden will. Der gesellschaftliche Diskurs droht zu einem reinen Symbolismus zu verkommen.

Für ihre Anhänger hat das den Vorteil, dem guten Ton im Angesicht gesellschaftlicher Missstände ohne große Müh und Not Genüge zu tun, ohne sich tiefergehend mit den Ursachen beschäftigen zu müssen. Da nimmt es nicht Wunder, dass sich selbst Großkonzerne wie Amazon oder Disney zu Vorreitern sozialer Gerechtigkeit stilisieren können.

Hinzu kommt, dass sich die Bewegung durch die Sanktionierung des Widerspruchs in ihre eigenen ideologischen Ressentiments verbeißt. Den vermeintlichen Täteridentitäten verwehrt man außerdem den Blick auf diverse Opfererfahrungen, Stressfaktoren oder soziale wie individuelle Problemlagen jenseits von Minderheiten. So kehrt sich die noble Ursprungsintention gegen ihr eigenes gesellschaftliches Ideal, wenn es gerade diese Stressfaktoren sind, die bei der Entstehung unerwünschter Phänomene eine wichtige Rolle spielen.

Wie schwer das postmoderne Lager mitunter von ideologischen und religiösen Eiferern zu trennen ist, zeigt sich auch daran, dass sich Totalitarismen im Grunde immer von subjektiven Opferempfinden genährt haben – und nicht aus einem Gefühl des Privilegiertseins, wie postmoderne Vertreter gerne erzählen. Solche Gruppen, betont der Psychoanalytiker Otto Kernberg, unterteilen die Welt dann ››in gut und böse, wodurch die Spaltung interpersonaler Beziehungen in gute (gruppeninterne) und böse (Beziehungen zu abgelehnten Outgroups) noch gefördert wird‹‹. Außerdem durchsetzen sie ››das Privatleben ihrer Mitglieder typischerweise mit ihren politischen und ideologischen Bestrebungen, um individuelle Grenzen zu eliminieren und hemmen privates Denken sowie die Aneignung jeglichen Wissens, das ihr Glaubenssystem in Frage stellen könnte.‹‹[4]

Es wird Zeit, dass sich die Öffentlichkeit gegen derlei Tendenzen positioniert – so wie dies erst kürzlich eine breite Autorenschaft getan hat. Es geht nicht darum, Rassismus und dergleichen zu relativieren. Nicht darum, an tragischen Fällen wie den George Floyds gelassen vorbeisehen zu können. Sondern, um diesen Phänomenen tief auf den Zahn zu fühlen. Mit dem besten Mittel, dass es dafür gibt: Einer offenen Debatte.


[1] Dies legt eine Studie von Hemenway et al. (2019) nahe: “Variation in Rates of Fatal Police Shootings across US States. The Role of Firearm Availability.” In: Journal of Urban Health, Jg. 96. S.63-73.
[2] Eine höhere Wahrscheinlichkeit, einem polizeiinduzierten Tod zum Opfer zu fallen, konnte Smith sowohl für Schwarze wie für Weiße in Regionen mit hohen Kriminalitätsraten nachweisen. Smith, Brad W. (2004): “Structural and organizational predictors of homicide by police.” In:  Policing. An International Journal of Police Strategies and Management. Jg. 27, H. 4. S.539-557.
[3] So konnten Kahn und Davies in einer Experimentalstudie unter Polizeibeamten nachweisen, dass eine höhere Bereitschaft auf Schwarze zu schießen bestand, wenn diese in einem als bedrohlich empfundenen Umfeld und in „bedrohlichen“ Kleidungsstilen kontextualisiert waren. Kahn, Kimberly B. & Davies, Paul G. (2017): “What Influences Shooter Bias? The Effects of Suspect Race, Neighborhood, and Clothing on Decisions to Shoot.” In: Journal of Social Issues. Jg. 73, H. 4. S 723-743.
[4] Kernberg, Otto (2000): Ideologie, Konflikt und Führung. Psychoanalyse von Gruppenprozessen und Persönlichkeitsstruktur. Stuttgart: Clett-Kotta.

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