Paul B. Preciado - Foto: Olaf Kosinsky - Own work, CC BY-SA 3.0 de, Link
Kultur | 07.07.2020 (editiert am 10.07.2020)

Identitätspolitik und der neue Geist des Kapitalismus

Die Identitätspolitik verwandelt den einstigen Klassenkampf in einen inneren Kampf mit sich selbst. Für die Produktion interessiert sich niemand mehr. Der neue Geist des Kapitalismus weiß dies zu nutzen.

In den medialen Debatten wird gerne eine klare Trennlinie gezogen – hier die Kulturpolitik, die sich den Themen Geschlecht, Subjekt und Rassismus widmet, dort der politische Realismus, der sich mit politischer Ökonomie und der Sphäre der Produktion auseinandersetzt. Hier also der kulturelle Fokus, dort der materielle.

Im Tagesspiegel frohlockte der Publizist Nils Heisterhagen schon, die Corona-Krise habe „die Politik zurück auf den Boden der Tatsachen geholt“: endlich wieder Wirtschafts- statt Identitätspolitik, nachdem letztere in den letzten Jahrzehnten immer mehr Raum in den politischen Debatten erobert hatte.

Für einen Moment sah es tatsächlich danach aus. Im Zuge einer „fremden Bedrohung“ durch das Virus schien ein neues Wir-Bewusstsein zu entstehen und eine gespaltene Gesellschaft zusammenzurücken. Plötzlich drängten sich wieder essentielle, aber lange verdrängte Themen in den Vordergrund: Die Lohnfrage bei „systemrelevanten“ Berufen, die Fragilität globaler Wertschöpfungs- und Lieferketten oder die Bedeutung öffentlicher Daseinsvorsorge, insbesondere des Gesundheitssystems, die Frage der richtigen Konjunktur- und Krisenpolitik oder – damit einhergehend – woher das Geld für die riesigen Wirtschaftshilfen eigentlich kommt.

Doch als im Zuge der Lockerungen Covid-19 allmählich seinen Schrecken verlor, erlebten identitätspolitische Themen ihr großes Comeback. In den Niederlanden – als ob das Land keine drängenderen Probleme hätte – entschied die Bildungs- und Kulturministerin, dass Personalausweise ab spätestens 2025 keine Angaben zum Geschlecht mehr enthalten sollen. In Deutschland spielen sich Dramen um Namen der Universitäten ab, genauer, um die geschlechtergerechte Benennung der Unis.

Bildersturm gegen den kolonialistischen Kapitalismus

Vor allem aber durch Black Lives Matter wurde Covid-19 zusammen mit der Klimafrage durch Rassismus als vermeintlich drängendstes und größtes Problem der Zeit international abgelöst. Themen der Antifa haben die Mitte der Gesellschaft erreicht. Ein nie dagewesener Bildersturm entlädt sich seitdem an Denkmälern und historischen Persönlichkeiten, die nach heutigen Maßstäben nicht über alle moralischen Fragen erhaben sind. Im nachholenden Widerstand wird das Problem im kolonialen Erbe westlicher Industriegesellschaften zu erkennen geglaubt.

Trotzdem oder gerade deswegen ist die Trennung zwischen Kultur- und Wirtschaftspolitik künstlich. Die kulturelle Identitätspolitik reicht weiter ins Feld der Ökonomie hinein, als man auf den ersten Blick glauben mag. Sie ist zur Kulturtechnik des heutigen Produktionsregimes geworden. Hier spiegelt sich nicht nur die fortgeschrittene und untrennbare Wechselwirkung von politischem und wirtschaftlichem Liberalismus – oder wie Nancy Fraser es sagen würde – des progressiven Neoliberalismus wider.

Welche Blüten dieser annehmen kann, zeigt sich exemplarisch beim Philosophen Paul B. Preciado. Er gehört zu den radikalsten Denkern der Kulturtheorie. Oder soll man sagen Denkerinnen? Paul nämlich hieß einst Beatriz und ist Transgender.

Laut der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie wünscht sich hierzulande etwa eine von 30.000 biologischen Frauen, ein Mann zu sein. Schätzungen zur Anzahl der in Deutschland lebenden trans* Personen reichen von 2.000 bis 100.000 Personen. Ein Bericht aus der ZEIT von 2019 schätzt die Zahl sogar nur auf einige hundert. Eine Umfrage der Zeitung bei den Standesämtern der elf größten deutschen Städte soll ergeben haben, dass bislang lediglich 20 Personen beantragt haben, ihren Geschlechtseintrag auf „divers“ ändern zu lassen (Stand Mitte April 2019). Auf ganz Deutschland hochgerechnet, seien es rund 150 Fälle, schreibt die ZEIT.

Was diese Zahlen zum Ausdruck bringen: Preciado gehört zu einer absoluten Minderheit, die sich im Promillebereich bewegt. Man könnte sagen, sie ist gesellschaftlich so gut wie nicht relevant. Was wiederum heißt: Menschen, die sich mit ihrem biologischen Geschlecht identifizieren, sind der Regelfall. Die Zahlen unterstreichen die Trivialität dieser Erkenntnis.

Und dennoch genießt das Geschlechtserleben „dazwischen“ heute eine so breite mediale und in der Folge wissenschaftliche Aufmerksamkeit, dass der Eindruck eines zahlenmäßigen Übergewichtes entsteht. Unter dem sperrigen Akronym LGBTIQ (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Intersexuelle und Queere) – darunter identifizieren sich laut Statista ungefähr 7,4 Prozent der Deutschen – wird der Vorwurf an jene „überkommene“ Gesellschaft erhoben, die sich erdreistet, die Menschheit noch in Mann und Frau einzuteilen. Lange Zeit ging es vor allem um die Akzeptanz der homosexuellen Liebe. Nun – nachdem dieses Ziel so wie gut erreicht ist, strebt man nach mehr: nach dem Recht, sich gar nicht mehr auf ein Geschlecht festlegen lassen zu müssen.

Preciado ist der wohl schillernste Fahnenträger dieses Strebens: Die sexuelle Norm mit ihren Praktiken soll genauso systematisch dekonstruktiert werden wie die Gesellschaftsordnung als Ganzes. Dass die Sexualität das Individuum in einer Gesellschaft bestimmt, dass Heterosexualität gleichgesetzt wird mit Normalität, ist für Ihn nicht hinnehmbar. Preciado glaubt, erst die „alternative kontrasexuelle Gesellschaft“ ermögliche die Befreiung des Individuums.

Warum finden Kulturtheoretiker – Paul Preciado spricht von sich selbst ausdrücklich in der männlichen Form – die auf den ersten Blick Belange und Themen von absoluten Minderheiten auf die Agenda setzen, in den medialen Debatten derart viel Interesse und Gehör? Eine Antwort steht aus, eine These sei aber in den Raum gestellt: Kompatibilität.

Just do it: Transformation und Transition als letzter Schrei der Freiheit

In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung beschreibt Preciado, dass es ihm beim Wechsel der Geschlechteridentität gar nicht um diese ging, sondern um die Erfahrung der „Transformation“. Probleme habe ihm dabei vor allem die Konstruktion einer „politischen Fiktion“ gemacht, dass nämlich sein Pass ihn nicht länger repräsentierte. Er sei zu einem institutionellen Problem geworden.

Überhaupt geht es Preciado viel um Fiktionen und Konstrukte. Verkürzt: Realität existiert nur, weil sie konstruiert wird. Das klingt erstmal so banal wie bekannt. Doch nur weil die Realitäten unseres Zusammenlebens konstruiert sind – etwa der Staat, der Preciado aufgrund seiner Transformation Probleme macht – sind sie nicht weniger wahr, oder, wie Preciado am Flughafen bei der Passkontrolle leidvoll selbst erfahren durfte, real.

Preciado aber lässt sich von solchen Erfahrungen nicht beirren und führt das am Beispiel der Corona-Pandemie aus. Eine reale Bedrohung hätte es nicht gegeben: „Real wurde das Virus erst durch die Politik. Ohne die Maßnahmen der Eindämmung wäre uns vielleicht gar nicht bewusst geworden, dass es da ist.“ Sprich: Ohne den Staat, der einschränkt, kontrolliert und konstruiert, würden weder Viren noch Geschlechter eine Bedeutung haben.

Das „Reale“ ist also stets Fiktion. Dieses Spiel kann man ins Unendliche treiben – und das macht Preciado, indem er diesen philosophischen Ansatz zum politischen Programm, zur Weltanschauung überhöht. Doch wo es nichts reales mehr gibt, wo ist da noch Realpolitik vermittelbar, geschweige denn Realismus möglich?

Weil nichts real ist, gibt es folglich auch keine Grenzen – weder des Politischen, des Mach- oder Vorstellbaren. Preciado will das an ihrer eigenen Transformation veranschaulichen: „Man lebt Dinge, die man sich nie vorstellen konnte, nicht mal in der Theorie. (…) Ich würde wirklich jedem Menschen auf der Welt sagen: Wenn du das tun kannst, tu es!“ Und stellvertretend für die Trans-Bewegung: „Wir wollen nicht real sein.“ Vielmehr gehe es darum, das „Regime binärer Geschlechter“ in Frage zu stellen.

Das Gefühl der „Transition“ als permanenten Zustand begreift er als Revolution, deren Teil er ist: „Ich gehöre zur Revolution“. Seine Revolution ist die Illusion des freien, sich immer neu entwerfenden und neu erfindenden Projekts.

So sehr hier die Hybris einer Person durchdringt, die die abstrakten und abgehobenen Visionen einer kleinen, identitären Community mit der „kopernikanischen Wende“ vergleicht, so ernst zu nehmen, weil zeitgeistig, sind diese Visionen dennoch. Dem Time Magazine zufolge lehnen in den USA zwölf Prozent der Millennials, also der um die Jahrtausendwende Geborenen, die Kategorien Mann und Frau für sich selber ab.

Die Transformation soll die politische Ökonomie verändern. Dabei sieht Preciado Black Lives Matter, von drei queeren schwarzen Frauen gegründet, in einer Pionierrolle. Die Proteste würden nicht auf kosmetische Reformen oder etwas mehr rechtliche oder ökonomische Anerkennung abzielen, glaubt er, sondern auf eine radikale Ent-Patriarchalisierung und Ent-Kolonisierung westlicher demokratischer Institutionen, die auf Begriffen und Vorstellungen basierten, die sich seit dem 16. Jahrhundert herausgebildet haben. Nun würden sich zum ersten Mal „Menschen unter 30 nach dem Ende der Nekropolitik, dem Ende von Gewalt als Herrschaftstechnik“ sehnen.

Prototyp der New Economy

Es ist bemerkenswert, dass der stets in Fiktionen denkende Preciado das von ihm herbei gesehnte „Ende von Gewalt als Herrschaftstechnik“ nicht ebenfalls als Fiktion erkennt. Herrschaft ist immer Gewalt, ein politischer Raum ohne Herrschaft Illusion. Die Frage ist nur, in welcher Form Herrschaft ausgeübt wird. Hier vermag der sich selbst stets transformierende Kapitalismus subtilere Formen der Herrschaftstechnik zu entwickeln, die radikale Theorien der Befreiung, wie die Preciados, zu adaptieren weiß.

Will heißen, der Kapitalismus ist kein starres System, der sich seit seinen Anfängen nicht gewandelt hätte. Er hat sich stets an veränderte Macht- und Kulturtechniken angepasst. Der Kapitalismus weicht in die Zukunft aus und verändert dabei die Gesellschaft. Erst seine Produktivkräfte machen die rasanten gesellschaftlichen Umwälzungen möglich, die nicht nur tradierte Geschlechterrollen aufbrechen lassen.

So geht Preciado einem Geist auf dem Leim – dem Geist des neuen Kapitalismus. Der Illusion, jeder sei als ein sich frei entwerfendes Projekt zu einer grenzenlosen Selbstproduktion fähig, nährt diese Illusion und verleiht damit dem neuen Regime seine kulturelle Legitimität.

Längst haben sich Kulturindustrie und der Plattformkapitalismus die „Revolution“ einverleibt. Facebook hat einen PR-Erfolg gefeiert, als das Unternehmen verkündete, die User nicht mehr auf zwei Geschlechter festzulegen, sondern sie selbst aus 60 verschiedenen Angeboten wählen zu lassen. Soziale Netzwerke dienen dem Zelebrieren der eigenen Besonderheit – jetzt eben auch beim Thema Geschlecht.

Die New Economy, der neue Geist des Kapitalismus macht sich Preciados „Subjekt unserer eigenen Repräsentation“ – man könnte auch sagen: den geschlechtslosen Unternehmer seiner Selbst – zu nutze. Er ist durch die identitätspolitische Kulturkritik mitnichten herausgefordert. Im Gegenteil: Er will nicht nur weiße Männer im Produktionsprozess, sondern auch schwarze Frauen, Queere und Transgender. Je ungebundener, flexibler, freier, individualistischer und autonomer sich das Subjekt dabei fühlt – zu Lasten von „Konstruktionen“ wie dem politischen Kollektiv –, desto besser für die kapitalistischen Produktionsbedingungen. Wurde früher die bloße Arbeitskraft des Humankapitals verwertet, dient heute der geschlechtslose Körper der optimalen Kapitalverwertung. Der Homo oeconomicus ist schon seit Adam Smith geschlechtslos – die Physiologie für das rational entscheidende Marktwesen irrelevant.

Mithilfe der Identitätspolitik verwandelt sich so der einstige Klassenkampf wenn nicht in einen inneren Kampf mit sich selbst, dann doch in eine innere Beschäftigung mit sich selbst. Denn, wie Preciado schonungslos offen sagt, interessiert sich niemand mehr für die Produktion: „das ist vorbei“. Nicht länger die Produktionsverhältnisse werden für Ungleichheiten und Ausbeutung verantwortlich gemacht, sondern geschlechtliche oder rassische Diskriminierung.

Mit anderen Worten, Preciados Kulturtheorie ist eigentlich keine Kapitalismuskritik, als das er sie verkauft, sondern vielmehr mit dessen neuen Geist höchst kompatibel. Preciado selbst als Subjekt ständiger Transformation ist der Prototyp des Silicon-Valley-Kapitalismus. Die Revolution nicht mehr als eine Marketing-Strategie.

Was Preciado mit „kopernikanischen Wende“ meint, nämlich „die Infragestellung von Kategorisierungen, die die Infrastruktur des patrialchal-kolonialistischen Systems bilden, die (…) das Fundament für den Kapitalismus sind“, ist nichts als ein großer Bluff. Was er mit seinem revolutionären Selbst in Frage zu stellen glaubt, ist längst ein Gespenst. Preciados neues Sein des ständigen Könnens lässt sich ökonomisch weitaus besser verwerten als das alte Subjekt des Sollens.

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