MAKROLOG – Das Leser-Logbuch

Logbuch-Leitfaden


19. März 2019

Leserbief zu „Mit der Wut der Jugend“ von Peter Grassmann

der Artikel „Mit der Wut der Jugend“ klingt ein wenig wie ein Werbe-Artikel aus der Bunten. Er ist leider in der Quintessenz neben bereits bekannten Allgemeinplätzchen völlig nichtssagend, enthält keine Lösungsansätze oder weitergehende Analysen.

Was ich mir stattdessen in Makroskop wünschen würde, wären Artikel wie diese:
https://www.freitag.de/autoren/gunnar-jeschke/das-phaenomen-greta-thunberg
https://www.salonkolumnisten.com/system-greta/

Die Autoren weisen in sehr brillanten Worten aus linker Perspektive auf die Infantilität und Undurchdachtheit der derzeitigen Klima-Hysterie in Gestalt von „Greta“ hin.

Vielleicht könnte man sich ja bei MAKROSKOP die Mühe machen, einen Artikel zu verfassen, der überlegt, wie die Wirtschaft auf rationale Weise umweltfreundlicher gemacht werden kann. Der Artikel über die Ökonomie der weiten Wege ist ja schon mal ein Anfang. Kaum etwas belastet das Klima so eklatant wie die ausufernde Globalisierung. – Marco Berger 


14. März 2019

Leserbrief zu „Aufstrebende Rechte – zersplitterte Linke“ von Klaus Dräger

In dem Artikel wird gesagt, DIEM25 propagiere einen „Europäischen New Deal“ – „ein pseudo-keynesianisches Konzept, um den EU-Kapitalismus vor sich selbst zu retten.“

Leider wurde auf MAKROSKOP das Konzept meines Wissens weder vorgestellt, noch wurde erläutert, was daran pseudo ist.

Meine Anregung daher: tun sie das. Und vielleicht ein für Autoren und Leser ergiebiges Experiment: wie sähe das Wahlprogramm von MAKROSKOP aus, wenn die Redaktion zur Europawahl antreten würde?

Vielen Dank für diese Europawahl-Berichterstattung, die ich so anderweitig nicht finde. – Jörg Güntner


06. März 2019

Leserbrief zu „Es braucht Verbote, nicht Ideen!“ von Timo Daum

Mir schwante schon bei der Überschrift etwas, aber spätestens ab: „Allein die 107.000 Menschen, die weltweit direkt an den Folgen von Stickoxiden im Verkehr sterben…“, sollte sich das weiterlesen des Artikels erübrigt haben. Der Autor hätte besser vor der Niederschrift seiner o.g. Einschätzung den Artikel „Wissenschaft ist (fast immer) Glaubensbrüderschaft“ von Heiner Flassbeck anschauen sollen.

„Es braucht Verbote, nicht Ideen!“ ist ein Beitrag direkt aus dem linksurbanen Wolkenkuckucksheim, welcher statt auf Argumentation, auf Bevormundung, Verbote und Beschimpfung des „Proletariats“ setzt. Wichtige Fragen wie die zur Energieerzeugung und deren Verteilung werden, wie in dieser Art von Artikeln oft zu beobachten, nicht ansatzweise gestellt. Beantwortet werden sie schon gar nicht.

Der Absatz kurz vor Ende des Beitrags, “Die Verkehrswende kann nur mit den Beschäftigten der Automobilindustrie gelingen” steht abschließend in dem RLS-Papier. Das Gegenteil ist richtig, sie kann nur gegen sie gelingen, beziehungsweise gegen deren (vermeintliche) Interessen. …“, fasst eindrucksvoll das Denken des Autors zusammen.

Doch dem noch nicht genug, schüttet der Autor dann auch noch einen Kübel voller Häme über den o.g. Betroffenen mit seiner Einlassung, „Die Kohle-Kumpel sind auch keine mehr, und den Automobilarbeitern dürfte es bald ähnlich gehen.“, aus.

Persönliche Schicksale, Existenzängste große zusätzliche finanzielle Belastungen, in des Autors Augen nur Kollateralschäden, welche für die höhere Sache zu erbringen sind. Kein Problem!
Denn Timo Daum weiß, er steht auf der guten, auf der richtigen Seite.

Mit solch belehrenden und sich selbst moralisch überhöhenden Publikationen kann man für sein Anliegen ganz sicher keine Werbung machen. Wenn man aber, wie Timo Daum, Verbote favorisiert, ist das wohl auch nicht notwendig. – Mike Passoth


Leserbrief zu „Wissenschaft ist (fast immer) Glaubensbrüderschaft“ von Heiner Flassbeck

Sehr geehrter Herr Flassbeck,

mir ist es ein Rästel, wie Sie solch einen Artikel verfassen können, nachdem zuvor der Artikel von Timo Daum „Es braucht Verbote, nicht Ideen!“ veröffenlicht wurde. Das passt doch einfach nicht zusammen.

Sie haben ja kürzlich zum Kohleausstieg in Deutschland und dessen nicht vorhandener Bedeutung für das sogenannte Weltklima deutliche Worte gefunden. Der gesamte E-Mobiltäts Hype beruht auf der völlig unbewiesenen Annahme, dass bei der Verbrennung von Kohlenwasserstoffen entstehendes CO2 ein Problem ist. Die Welt hat sich ja schon entschieden – im Übrigen in voller Übereinstimmung mit dem Kyoto-Protokoll – bis zum Jahre 2040 noch ca. 1600 Kohlekraftwerke zu bauen. Dutzende von Kernkraftwerken sind im Bau, hunderte geplant. Die E-Mobilität wird nur um den Preis der Vernichtung einer modernen Volkswirtschaft funktionieren. Was aktuell geschieht ist der verzweifelte Versuch einer Massenmobilisierung für unerreichbare Ziele. Die Töne werden immer schriller, neuerdings schickt man minderjährige Autisten an die sogenannte Klimafront. Was kommt als nächstes?

Ich finde Ihre Position zum Thema Energie/Klima seit Jahren quacksalberisch. Ich vermute, Sie trauen sich im Angesicht der Ihnen sehr gut bekannten Fakten nicht, ganz klar Position zu beziehen – wahrscheinlich aus Angst vor dem Beifall von der falschen Seite. Trauen Sie sich. – Dieter Platzek 


05. März 2019

Leserbrief zu „Die 8 ist keine 3“ von Heiner Flassbeck

Es wurden die ohnehin etwas geschönten Zahlen kommentiert. Tatsächlich ist die Lohnsteigerung noch geringer. Am schönsten wird dies hier unter „Chronologie zur Tarifrunde TV-L 2019“
dargestellt. Anstelle der kolportierten 8 sind es zu einem großen Teil lediglich 7,2%. Wie allerorts: Es werden schöne Zahlen generiert, die von der Wirklichkeit abweichen.

Die Arbeitslosenstatistik ist nur das prominenteste Beispiel mit der die Bürger für dumm verkauft werden. Auch innerhalb von Unternehmen und Behörden ist dies der grassierendste Volkssport überhaupt. Die (eigenen) Zahlen müssen stimmen. Über die oft komplexen Zusammenhänge machen sich die Wenigsten Gedanken. Hauptsache der Vorstand kann auf einer KPI (Key Performance Indicator)-Chart mittels Ampelfarben sehen, welcher seiner Werksleiter rot produziert. So werden Entscheidungen von dummdreisten Gestalten auf der Grundlage von dämlichen bis schlicht falschen Tatsachen getroffen. Eine Ampel versteht halt jeder Depp. – Raphael Meier


03. März 2019

Leserbrief zu „Das postmoderne Paradox“ von Bernd Stegemann

Dass Bernd Stegemann ein Händchen für die erhellende Rekonstruktion sozialer Paradoxien hat, konnte man u.a. an seinem wirklich exzellenten Buch über den (liberalen) Populismus sehen. Auch sein auf Makroskop veröffentlichter Text geht so vor. Aber diesmal, so scheint mir, gelingt dies nicht so recht.

Stegemann schreibt in diesem Stück, es gebe in Deutschland folgende widersprüchliche Narrative:

1) Die Erzählung von kollektiver Schuld bzw. Verantwortung der Deutschen für die Untaten des „Dritten Reiches“.
2) Das Narrativ, dass es „keine deutsche Nation“ gebe und „darum“ auch keine deutsche Leitkultur.
3) Die Mahnung, die Deutschen seien „noch immer oder schon wieder“ Faschisten – was so etwas wie deutsche Kollektiveigenschaften unterstellt.

Diese 3 Narrative, so führt Stegemann nun aus, sind widersprüchlich, weil (1) und (3) ein deutsches Kollektiv unterstellen und (2) dieses leugnet. Laut Stegemann resultiert daraus dann die Paradoxie, dass Deutschland sich „kollektiv den Auftrag“ gibt, „kein Kollektiv mehr zu sein“.

Mir scheint nun diese geistreiche Konstruktion bringt das zentrale deutsche Narrativ gerade nicht auf den Punkt, sondern geht daran vorbei. Denn (2) lautet in diesem deutschen Narrativ eigentlich so: Deutschland hat aus den Erfahrungen mit dem NS Lehren gezogen, die sich in bestimmten, zentral im GG fest gehaltenen Werten spiegeln: „Westbindung“ und Demokratie statt „Sonderweg“ und Diktatur, Recht statt Willkür, Verfolgung und Mord. Die damit verbundenen Werte sind aber keine „deutschen“, sondern „westliche“ Werte, die auf die europäische Aufklärung zurück gehen. Deswegen gibt es keine „deutsche“ Leitkultur.

Ein deutsches (!) Kollektiv wird in dieser so überhaupt nicht postmodernen „großen Erzählung“ vom geläuterten Deutschland gar nicht geleugnet, sondern sogar impliziert: Ohne dieses Kollektiv hätte das GG nämlich gar keinen Adressaten. Und damit gibt es dann auch Stegemanns Paradoxie nicht.

Zudem: Es ist die – jawohl – Einsicht, dass es „das“ deutsche Kollektiv nicht gibt, kein Theorem von bärtigen Hipstern, die zu viel Lyotard, Rorty oder Derrida gelesen haben. Sie entspricht vielmehr schlicht historischen Tatsachen: Gab es doch (ziemlich lange) das Heilige Römische Reich deutscher Nation, dann (viel kürzer) den Deutschen Bund, das Kaiserreich, Weimar, DDR / BRD und jetzt das wiedervereinigte Deutschland.

„Die Deutschen“ haben sich also spätestens seit dem 19. Jhd. sehr gewandelt, wieder und wieder und in kurzen Zeiträumen. Kulturnation passte und passt dabei nie wirklich zu Staatsnation. Der erste Nationalstaat endete in einem Weltkrieg, der zweite in einer Diktatur und einem weiteren Weltkrieg, der von Deutschland als rassistischer Raubkrieg seinen Ausgang nahm. Dann gab es zwei verfeindete Staaten, die „füreinander nicht Ausland“ (Willy Brandt) waren: Eine Hälfte Demokratie, die andere Diktatur. Und erst vor kurzem wurden die Deutschen überhaupt erst wieder geeint und souverän in einem „postkonventionellen Nationalstaat“ (H. A. Winkler) als Teil der EU.

Um so etwas zu einer politisch handlungsfähigen Einheit zu machen, muss man „konstruieren“. „Deutsche“ wachsen nicht auf Bäumen und man „hat“ das „Deutschsein“ nicht so wie man eine Niere „hat“. Und trotzdem ist das Kollektiv dabei vorhanden und real. Und dies – man kann das in der Nationalismus-Forschung von Gellner bis Hobsbawm leicht nachlesen – geht auch anderen Völkern so.

Auch die Ausführungen über den „Moralweltmeister“ Deutschland scheinen mir überzogen. Muss man denn um „2015“ zu erklären, wirklich Auschwitz ins Spiel bringen? Oder genügen da nicht einfach durchaus vorhandene (und aus dem deutschen Neomerkantilismus folgende) ökonomische Interessen am Funktionieren des Schengen-Raumes plus Entscheidungsdruck im mächtigsten Land der EU in einer wesentlich durch die ungarische Regierung herbei geführten Notsituation? Herfried Münkler hat seinerzeit, gewiss recht regierungsnah, aber dennoch nicht ohne Grund, gegen Peter Sloterdijk so argumentiert.

Aber warum die Verbissenheit, mit der die deutsche Politik sich weigert etwas dazu zu lernen? Ich verstehe das Argument ja. Schon Mitscherlich und Mitscherlich hatten (in „Die Unfähigkeit zu trauern“) argumentiert, die Deutschen müssten eigentlich um Hitler trauern. Mit diesem, so die Autoren, hatten sie sich identifiziert, weil er ihnen neue Größe versprach. So gesehen kann man dann den deutschen Neomerkantilismus als Ersatzprojekt begreifen, als anderen Weg zu deutscher Größe, der moralisch weniger angreifbar ist und den deutschen Narzissmus dennoch bedient. Aber auch das kann man ohne Auschwitz erklären.

Also erneut: Braucht man das? Tut es da nicht schlichte politische Ökonomie als Erklärung? Und zwar so: Man glaubt an neoliberale Politik. Man kann sich gegen die Linken durchsetzen und ersetzt Politik durch Markt. Und hat so am Ende die politischen Steuerungsinstrumente nicht mehr, die es brauchte, um umzusteuern. Was tut man? Man hält verbissen an etwas fest, was man nicht ändern kann, ohne Veränderungen, die die eigene Macht ganz grundsätzlich in Frage stellen würden. Und die anderen tun das auch!

Die zentrale Paradoxie ist dann nicht ein deutsches Kollektiv, das kollektiv beschließt kein Kollektiv zu sein und doch eines ist. Die zentrale Paradoxie sind vielmehr Politiker der „extremen Mitte“ (Tariq Ali), die sich nicht nur in Deutschland selber entmachten, weil sie an die Utopie „entbetteter Märkte“ (Karl Polanyi) glauben. Und diese Position ist politisch durchsetzbarer als Stegemann lieb sein kann, weil sie konsistenter ist als er meint.

Die „Postmoderne“ mit ihren (reichlich überschätzten) Hipstern erklärt den Erfolg des Neoliberalismus dabei allenfalls insoweit, als es um das Versagen bestimmter Teile der Linken geht. Nicht umsonst hat Nancy Fraser da von „progressivem Neoliberalismus“ gesprochen. Deutsch ist das alles aber nicht, sondern leider ein ziemlich internationales Phänomen. – Udo Sladek 


02. März 2019

Leserbrief zu „Das Einmaleins des Schönsprechens“ von Dorian Hannig

Gerne stimme ich der These der evolutionären Entwicklung der Sprache zu. Die Adäquatheit der in der Sprache enthaltenen Weltbeschreibung wird sozusagen immer wieder praktisch getestet, was insbesondere dann relevant wird, wenn die Welt sich verändert. Dann müssen neue Begriffe her und damit ändert sich auch das Begriffssystem insgesamt.

Dass die Welt durch Eingriffe in die Sprache „objektiv“ nicht verändert wird – einverstanden. Sehr wohl aber wird durch eine geänderte Sprache unsere Wahrnehmung der Welt verändert. Dies gilt insbesondere hinsichtlich der Wahrnehmung sozialer Sachverhalte, die überhaupt erst durch unsere Wahrnehmung konstituiert werden (ob die ARD ein Hort der Wahrheit und Aufrichtigkeit oder Lügenrundfunk oder was dazwischen ist, ist nur wertend zu entscheiden).

Was Frau Wehling der ARD unter dem Denkmantel modischen pseudo-wissenschaftlichen Brimboriums – insoweit stimme ich Ihnen zu – verordnet, ist daher nichts anderes als eine Imagekampagne mit dem hohen moralischen Standpunkt als unique selling proposition. Moral als Marketing – womit alles gesagt ist.

Was nicht heißt, dass Frau Wehling ihr Geld nicht wert ist. Wie jede „gute“ Produktwerbung verknüpft Frau Wehlings Kampagnenvorschlag die Marke „ARD“ mit einem positiv besetzten Wert (in der Werbung üblicherweise die Familie oder der sympathische Star): Journalismus als moralische Anstalt. David Kahnemann („Schnelles und langsames Denken“) würde sagen, wir werden hinsichtlich der Marke ARD „geprimt“ (to prime) und die ARD so gegen Kritik immunisiert.

Im Ergebnis primt Frau Wehling die ARD mit Hilfe ihres wissenschaftlichen Anspruchs daraufhin, dass es sich bei ihren Ratschlägen nicht um eine Marketingstrategie handelt, sondern um Wissenschaft und die ARD primt den Zuschauer mit ihrem moralischen Anspruch daraufhin, dass sie keinen Standpunkt vertritt, sondern die Moral.

Selbst wenn also die ARD – um in Ihrem Bild zu bleiben – als Realität stinken würde: Der Deckmantel der Moral dient dazu, dass es niemand riechen würde. – Erik Jochem


Leserbrief zu „Das Einmaleins des Schönsprechens“ von Dorian Hannig

Der Kritik an einer Biologisierung und auch Psychologisierung, die Hannig formuliert, ist prinzipiell zuzustimmen. Dass es sich um Techniken der Manipulation von Wahrnehmung handelt, sollte jedoch nicht Anlass geben, die psychologische Forschung völlig über Bord zu werfen.

Der im Text kritisierte Lakoff, der als Schüler Chomskys seit den 1980er Jahren den Framing-Ansatz ausarbeitet, hatte 1996 mit dem Buch „Moral Politics“ eine alternative Interpretation des Wahlerfolges der Republikaner vorgeschlagen. Seine These war: neoliberale Politik ist erfolgreich, weil sie von der Bevölkerung geglaubt wird. Genauer: geglaubt werden Moralisierungen, die die realen Ursachen sozialer Ungleichheit überformen.

Hier ist also zu unterscheiden zwischen einer Ermittlung von Ursachen sozialer oder auch ökonomischer Ungleichheit, die immer auf bewusste wirtschaftspolitische Entscheidungen zurückzuführen ist (das wurde von Lakoff nicht bestritten, aber auch nicht zum Anlass der Untersuchung erhoben). Und einer Wirkung im Bereich der öffentlichen Meinung. Es ist bezeichnend, dass Lakoff, der Anfang der 2000er Jahre eine Denkfabrik gründete, um in der Öffentlichkeit alternative Interpretationen (sog. Counter-Frames) zu etablieren, letztlich an mangelnder Finanzierung scheiterte. Ein solcher Counter-Frame im Bereich der Steuerpolitik war beispielsweise, den Begriff „Steuerlast“ umzudeuten in Investition (oder auch Zukunftsinvestition).

Um es zusammenzufassen: man sollte bei aller berechtigten Kritik an der Naturalisierung sozialer Verhältnisse zur Kenntnis nehmen, dass die menschliche Kognition anfällig für Verzerrungen und Irrationalitäten ist. Dass der Framing-Ansatz nun auch im Rundfunk eingesetzt wird, zeigt ja eine Weiterentwicklung der Debatte an: man ist sich dieser Wirkungen auf die Zuschauer und Hörer bewusst. Das sollte Anlass sein, die Forschungsergebnisse nicht rundheraus als Ideologie zu verwerfen, sondern zu fragen, warum die eigenen wirtschaftspolitischen Argumente – jenseits ihrer Richtigkeit in der Sache – nicht öffentlichkeitswirksam werden. Wahrnehmungsverzerrungen und eine Moral der guten Haushaltsführung dürften dazu einen wichtigen Beitrag leisten. –Alexander Leipold 


28. Februar 2019

Leserbrief zu „Das Einmaleins des Schönsprechens“ von Dorian Hannig

zum Thema Ihres Artikels empfehle ich Victor Klemperer: LTI – Notizbuch eines Philologen (Lingua Tertii Imperii). Im Westen „natürlich“ kaum bekannt, im Osten beinahe jedem, der sich für die Wirkung und Manipulation von Sprache interessierte.

Und natürlich war uns allen hier klar, dass die Bedeutung des Büchleins weit über die Sprache des Dritten Reiches hinaus geht, dass es im Grunde um jede politische Sprache geht. – Peter Schubert


27. Februar 2019

Leserbrief zu „Reich und einfallslos“ von Manfred Lieb

Der Artikel zeigt  sehr schön, warum die Diskussion über ökonomische Sachverhalte – wohl nicht nur in der Bundesrepublik Deutschland – so oft ermüdend und wenig zielführend ist.

Begriffliche Klarheit ist die Voraussetzung für jede Diskussion, nicht nur in der Ökonomie. Diese begriffliche Klarheit ist in der Ökonomie unterentwickelt. Zum einen, weil immer wieder Begriffe in unterschiedlicher Bedeutung nebeneinander benutzt werden (z.B. Geld als Synonym für Geldvermögen und als Synonym für Zahlungsmittel) und zum anderen, weil einige Begriffe „moralisch“ aufgeladen sind und diese „Moral“ als Wertung unbewusst in Diskussionen einfließt (z.B. ist der Begriff „Sparen“ positiv und der Begriff „Schulden“ negativ besetzt).

Manfred Lieb schreibt: »Das Phänomen „sparender“ Unternehmen ist seit einiger Zeit bei verschieden Autoren das Thema auf MAKROSKOP (siehe Werner Vontobel, Franz Helmreich, Günter Grunert und auch Heiner Flassbeck). Es ist aber eine Argumentation, die auf der Makroebene angesiedelt ist und in wesentlichen Teilen die Verhaltensweisen von Mikroeinheiten der Ökonomie verkennt. In der Betriebswirtschaftslehre würde man nicht von sparenden Unternehmen reden. Unternehmen sparen, indem sie Kosten senken.«

An dieser Stelle vergisst Lieb, dass es mindestens fünf wichtige Bedeutungen für das Wort „Sparen“ gibt. Diese sind in dem Lehrbuch von Grass/Stützel „Volkswirtschaftslehre“ im Anhang III explizit dargestellt. Dort ist zu lesen: »[„Sparen“ ist auch] die in einem Geldbetrag angebbare Differenz zwischen Einnahmen/Periode und Ausgaben derselben Periode; bei Stützel: ΔGV=Geldvermögensbildung. Das Gegenteil davon ist Geldvermögensverringerung; mehr für Konsum oder Sachvermögensbildung ausgeben als man durch Verkäufe von Leistungen oder eigenen Sachvermögensbeständen eingenommen hat«. Auf der Makroebene wird dieser Sachverhalt in den Finanzierungssalden der volkswirtschaftlichen Sektoren abgebildet.

Das von Wolfgang Lieb angesprochene Sparen der Unternehmen (Kosten senken) wird bei Grass/Stützel so definiert. »[„Sparen“ ist auch] die nicht in Geldbeträgen ablesbare und statistisch erfassbare Aktivität, Einsatzfaktoren zur Erreichung eines bestimmten Produktions- oder Konsumziels möglichst „sparsam“, „rationell“, effizient“ einzusetzen. Das Gegenteil davon ist „Vergeudung von Mitteln“«

Manfred Lieb schreibt: »Abstrakt gesehen ist die unternehmerische Aktivität dazu da, Wert zu schaffen«

Dieser Satz offenbart die ganze Crux der bürgerlichen Ökonomie. Zum einen: Was ist denn eigentlich dieser „Wert“. Wie ist er definiert und abgeleitet?

Zum anderen: Ist unternehmerische Aktivität wirklich dazu da, „Wert zu schaffen“? Oder ist unternehmerische Aktivität dazu da, in einer arbeitsteiligen Gesellschaft mitzuhelfen Menschen mit Lebensmitteln (im weitesten Sinne) zu versorgen? Und genau hier liegt der Hase im Pfeffer. In unserer Wirtschaftsordnung werden – nahezu – alle Lebensmittel (im weitesten Sinne) in Form von „Waren“ angeboten. Ein berühmtes, gesellschaftskritisches Werk beginnt mit dem Satz: »Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine “ungeheure Warensammlung”, die einzelne Ware als seine Elementarform.(MEW 23; 49)«

Der Autor dieses Werkes entfaltet davon ausgehend eine umfassende kritische Theorie der warenförmig organisierten Gesellschaft und zeigt, wie sich Rationalitätenfallen, Konkurrenzparadoxa und automatische Zwänge dadurch ergeben, dass die als Waren produzierten Güter ein doppeltes Gesicht haben. Einerseits sind sie Träger von in Geldeinheiten gemessenem „Wert“ und anderseits nützliche Dinge. Die Menschen brauchen die nützlichen Dinge und sollten dabei Rücksicht auf die Lebensgrundlagen nehmen. Die ökonomischen Einheiten, die Wirtschaftssubjekte, brauchen die Produktion von „mehr Wert“, gleichgültig gegenüber den Auswirkungen auf Mensch oder Natur. Ob Vorlesungen in humanistischer Philosophie oder Tod und Verstümmelung bringende Bomben produziert werden, ist aus dieser Sicht völlig egal. Hauptsache „Mehr Wert“.

Dieser – selbst von vielen „Marxisten“ – nicht verstandene Kern der Marxschen „Kritik der politischen Ökonomie“, die Kritik der Basisformen kapitalistischer Vergesellschaftung „Ware“, „Wert“, „Geld“ und „(Lohn)Arbeit“ ist heute aktueller denn je. Aber auch die Feierlichkeiten zum 200. Geburtstag des Altmeisters änderten nichts daran, dass der entscheidende Unterschied von in Geldeinheiten gemessenem, abstraktem Reichtum und dem Reichtum an Gütern und Dienstleistungen wie Jacken, Hemden, Tuch und Stiefelwichse nicht zur Kenntnis genommen wird. – Hajo Zeller


24. Februar 2019

Leserbrief zu „Mit der Flatrate zur Genesung“ von Roberto De Lapuente

Die Behauptung, ein Pflegenotstand in den Krankenhäusern würde bestehen, weil es das Fallpauschalensystem gibt, greift viel zu kurz:

Wenn man sich darauf einigen würde, dass im Krankenhaus nur Kranke zu behandeln wären und zwar solche, die einer stationären Behandlung bedürften, könnte man 100 000 bis 150 000 Betten einsparen. Diese Zahlen sind ca. 25 Jahre alt. Inzwischen ist der Bettenberg noch angeschwollen. In Krankenhäusern sollte nicht untersucht werden, ob jemand krank ist, das kann ambulant geschehen. Des weiteren sollte man Pflegebedürftigkeit und Krankenbehandlung trennen. Mindestens 50 bis 75 Prozent der Bettenkapazität wären dann nicht erforderlich. Umso besser und intensiver könnten dann die Kranken mit der vorhandenen Personalkapazität versorgt werden.

Ein  Fallpauschalensystem, das den lokalen und regionalen Gegebenheiten angepasst würde, wäre dann eine geeignete Diskussionsgrundlage. – Dr. Andreas Triebel


22. Februar 2019

Leserbrief zu „Der deutsche Wirtschaftsriese taumelt“ von Paul Steinhardt

Ich beziehe mich auf den lesenswerten Kommentar Paul Steinhardts vom 22.02.2019. Die kollektive Verweigerung der deutschen Entscheidungsträger ist beängstigend. Gegen Ende des Dritten Reiches gab es auch nicht wenige, die vom Endsieg gefaselt haben, als weite Teile von den Alliierten besetzt und das Deutsche Reich großflächig zerbombt war. Dieses Charaktermerkmal zeichnet nur eine Minderheit aus, doch wenn diese an den entscheidenden Stellen die Mehrheit bildet, kommt es zu solchen Absurditäten. Erinnert sei auch an Erich Mielkes Bekenntnis im November 1989 vor der DDR-Volkskammer „Ich liebe – Ich liebe doch alle – alle Menschen – Na ich liebe doch – Ich setze mich doch dafür ein.“

Weiter unten habe ich Ihnen meine Korrespondenz mit Werner Gatzer, Staatssekretär im BMF, beigefügt. Auslöser waren seine Bedenken im November 2018, dass die schwarze Null gefährdet sei.

Wir leben in spannenden Zeiten. – Jan Schulz


Leserbrief zu „Bisher schlecht beraten“ von PINE UCM

Dass durch Kreditvergabe der Banken Giralgeld geschöpft wird und gleichzeitig die Bilanz verlängert wird, ist mir völlig klar. Die Banken sind bei der Kreditvergabe nicht auf Spareinlagen angewiesen.

Trotzdem sind Banken in normalen Zeiten an Spareinlagen interessiert und zahlen dafür Zinsen. Es muss also für Banken (und auch den Staat) Vorteile bringen, Ersparnisse der Bürger zu verwalten. Darauf habe ich bisher keine Antwort gefunden (außer bei den als falsch bezeichneten Theorien, die Ersparnisse als Voraussetzung zur Kreditvergabe ansehen). – Richard Schnabl


20. Februar 2019

Leserbrief zu „Ein großer Schritt für Deutschland, ein kleiner für die Menschheit“ von Heiner Flassbeck

Im großen und ganzen teile ich ihre Argumentation, dass die Klimapolitik nur Flickwerk ohne Plan ist. Auch das der Minderkonsum des einem zu einem Mehrkonsum des anderen führt, ist unstrittig. Wo ich allerdings anderer Meinung bin ist folgendes:

Der Preis für Fossilie Brennstoffe kann nicht unter eine gewisse Schwelle fallen und wird in Zukunft eher höher, da die einfach zugänglichen Quellen immer mehr versiegen.

Bei den erneuerbaren insbesondere Wind und PV sind noch weitere Preisreduktionen zu erwarten. Zum Beispiel sind die Stromerzeugungskosten für PV Freiflächenanlagen in Deutschland 2018 ca. 4,5- 5,0 Cent pro KWh und in 2019 und in 2035 (geschätzt) bei 2,5-4,0 Cent/KWh.

Wird der Zubau nicht weiter ausgebremst sondern gefördert, würden die Kohlekraftwerke weit vor 2038 so unwirtschaftlich, das sie nicht mehr betrieben werden könnten. Braunkohle ist ein so schlechter Rohstoff, das sich sein Transport nicht lohnt und er dann in der Erde bleibt. Steinkohle aus Deutschland wird nicht mehr Wettbewerbsfähig werden und auch im Boden bleiben.

Kohle wird wohl zuerst ersetzt werden können, da seine Anwendung im Kraftwerksbereich 1) und in der Stahlindustrie durch den Preis der Kohle nicht zu stark beeinflusst wird.

Bei Gas und Öl sieht es schlechter aus, da beide Quellen auch zum heizen und zur Mobilität verwendet werden können. Hier müssen vor allem die Batterien oder der aus erneuerbarem Strom erzeugte Wasserstoff oder Gas so billig werden, das die Förderung sich nicht mehr lohnt. Bitte für die oben stehende Argumentation den langen Zeitraum von min. 20 Jahren bedenken.

Was wäre also (in meinen Augen) die Richtung, mit der man was erreichen kann. Je schneller PV, Wind und damit auch regenerativer Wasserstoff günstiger werden, desto uninteressanter werden Investitionen in fossile Technologien.

Dies kann nur durch einen verstärkten Ausbau geschehen. Leider investiert der Deutsche Staat lieber in die Bundeswehr (Sicherung der Ölversorgung), als in die PV, Wind und Speicherbranche.
Allein mit diesen Mitteln könnte der Staat die Batteriefertigung aufbauen, oder eine PV-Industrie, die wettberbsfähig ist.

Mir ist klar das ich einiges vereinfacht und verkürzt habe. Ich hoffe das Grundsätzliche ist aber erkennbar.

1) die Jahresproduktionsstunden sind hier der Kostentreiber, PV und Wind können für 0 cent einspeisen ohne Brennstoffkosten zu haben Kohle nicht.

P.S. Wahrscheinlich werden sich Bayern und Baden Württemberg noch wundern, wenn die Industrie in den Norden zum billigen Windstrom zieht. – Rudolf Petry


10. Februar 2019

Leserbrief zu „Die Diktatur des Volontariats“ von Roberto De Lapuente

Nichts gegen saftige Zuspitzungen. Die sind gut und Provokation gehört zum Salz in der Suppe. Man müsse mehr Angst vor einer Diktatur des Volontariats haben als vor der AfD ist so eine Zuspitzung, verbunden mit der These, diese Diktatur des Volontariats treibe der AfD ihre Wähler zu.

Aber auch Zuspitzungen sollten die Zustände um die es geht mehr erhellen als verdunkeln. Und da steckt ein Problem, denn die Erklärung der großen Zugewinne der AfD mit dem Hass auf linksliberale Journalisten verdeckt mindestens so viel wie sie erhellt. Und auch wenn das jetzt vielleicht Gender-Mainstreaming ist: Darf es da auch bitte, bitte mal ein Mann als Hassobjekt sein?

Nein, hinter dem Durchbruch der AfD steht etwas anderes. Es ist eine soziale und mediale Dynamik, die Soziologen seit einigen Jahrzehnten unter dem Begriff der „Moral Panic“ kennen und analysieren. Im konkreten Fall wurden und werden die Flüchtenden dabei zum Gegenstand einer übertriebenen öffentlichen Besorgnis gemacht. Das geschieht teilweise durch die Medien. Manche der Akteure der ‚Moral Panic‘ sitzen aber auch in Parlamenten, bei der Polizei und in anderen deutschen Amtsstuben. Und, nicht zu vergessen: Auf Regierungsbänken, wo verschiedene europäische Regierungen „(…) ganz offiziell die im Volk verbreitete ’Sicherheitspanik‘ schüren und sich auf die Opfer der Flüchtlingstragödie konzentrieren, statt auf die weltweiten Wurzeln ihres tragischen Schicksals“ (Zygmunt Baumann, Die Angst vor den anderen, S. 46). Für Deutschland siehe dazu Horst Seehofer.

Die AfD betreibt die Sicherheitspanik also wirklich nicht alleine. Aber vor allem sie profitiert davon. Und sie zieht Menschen an, die für ‚Sicherheitspaniken‘ empfänglicher sind als andere. Siehe etwa die Ausländerfeindlichkeit nach gewählter Partei:

CDU/CSU

22,0%

SPD

22,8%

FDP

18,5%

 

Grüne

11,0%

 

 

Die Linke

15,0%

 

AfD

55,6%

Nichtwähler

26,6%

Aus: Decker et al. 2018: Flucht ins Autoritäre, S. 93

Dass sich Dunja Hayali und Anja Reschke im Schüren jener ‚Sicherheitspanik‘ hervorgetan hätten, die dann die AfD in diverse Parlamente spülte, ist mir nicht bekannt. Auch die Vorstellung, man wähle als Reaktion auf eine mediale ‚linksliberale Meinungsdiktatur‘ AfD, ist gelinde gesagt fraglich. Viele der AfD-Wähler wählen diese Partei doch wohl, weil sie an einer „deutschen“ Identität hängen, die mit den Lehren aus Weimar nicht vereinbar ist. Und hinter diese Lehren will die AfD zurück. Man sehe sich doch die Vorstellungen von Demokratie in ihrem Grundsatz-Programm an. Nein, die wollen keinen neuen Führer. Aber eine parlamentarische Demokratie wollen sie auch nicht wirklich und man fragt sich, wie das, was sie wollen, eigentlich funktionieren soll.

Das spiegelt sich durchaus auch in den Einstellungen bei ihren Wählern wieder, wie man an den Daten zur Unzufriedenheit mit der Verfassung der BRD, also dem GG (erste Zeile mit Daten) und dem Funktionieren der Demokratie in der BRD (zweite Zeile mit Daten) sehen kann.

 

CDU/CSU

15,1%

34,2%

SPD

19,0%

32,8%

Die Linke

25,7%

50,9%

Grüne

9,0%

27,2%

AfD

42,5%

76,3%

Nichtwähler

30,7%

59,8%

 

Aus: Decker et al. 2018: Flucht ins Autoritäre, S. 236

Soll das jetzt wirklich alles an Reschke et al. liegen? Oder nicht doch mindestens auch an der desaströsen Performance der Regierung Merkel in den verschiedensten Politikfeldern? Und dem – vor allem von der CSU betriebenen – Streit in der großen Koalition.

Und was will und macht denn die AfD? Eine „Kulturpolitik“ beispielsweise, die nur Kultur mit einem „positiven“ Bezug zu Deutschland fördern will. Oder eine Lehrer Denunziations-App in Hamburg: Da sollen Lehrer, die die AfD kritisch beleuchten, von Schülern via App gemeldet werden. Kleine Anfragen ähnlicher Art an Schulen über den Senat gab es auch schon. Pluralismus ist da nicht gewollt – auch wenn der im GG verankert ist.

Wenn man solche Leute wählt – ist das dann Protest gegen Frau Reschke und Hayali? Oder spielen da nicht durchaus, zumindest für manche der Wähler auch, horrible dictu, autoritäre Ideen und Identitäten eine Rolle, die man endlich wieder im politischen Spektrum vertreten findet? Einiges spricht für Letzteres.

Last but not least: Wenn das „Vergehen“ der Reschkes und Hayalis dieser Welt darin besteht, der AfD eine Märtyrer-Gloriole umzuhängen, dann kann ich nur sagen: Tu quoque! Und wenn wir tatsächlich in einer (linksliberalen) ‚Meinungsdiktatur‘ lebten: Hätten dann die Rechten nicht recht, wenn sie über GG Art 20 (Widerstandrecht) schwadronieren? Und sollten Linke dann nicht auch weiße Rosen am Revers tragen, weil sie ja im „Widerstand“ sind und Sophie Scholl ihr Vorbild? Wie das geht, sieht man ja bei der AfD. So schwer kann das also nicht sein. Kurz: Fällt der Linken nichts Besseres gegen die AfD Wahlerfolge ein, als die Rhetorik der Rechten zu übernehmen?

Bei aller gerechtfertigten Kritik an der Gesinnungswut mancher Journalisten und Journalistinnen: Das wäre sicherlich keine Antwort! – Udo Sladek


07. Februar 2019

Leserbrief zu „Die Diktatur des Volontariats“ von Roberto De Lapuente

Ein bisschen wehleidig ist der Kommentar von Lapuente schon. Ist der Autor doch in dem Milieu gefangen, das er kritisiert. Wer sich vor Hipsters und Genderwahn mehr fürchtet, als vor der AfD, hat vielleicht sein Empfindungssystem schlecht kalibriert. Als jemand, der in Österreich unter einer Rechtsregierung lebt, kommt einem das Jammern über genderideologischen Meinungsterror vor, wie aus einem anderen Zeitalter, als man den Luxus hatte, andere Sorgen zu haben, während nun die Regierung die sozialen und arbeitsrechtlichen Errungenschaften abräumt. Beziehungsweise lebt man unter einer Regierung, die permanent genau diesen Reflex bedient. Vielleicht sollte sich Lapuente auch einmal den seiner Meinung nach wichtigen Themen widmen und nicht immer nur dem Geschimpfe auf Bobos und Hipsters. Und echt, die liegen mir auch überhaupt nicht. Sie sind nur nicht relevant. – David Mum


Leserbrief zu „Die Diktatur des Volontariats“ von Roberto De Lapuente

zwar Teile ich die Kritik von R. De Lapuente und doch scheint er nicht zu bemerken, dass sein Artikel auch selbst das Problem sichtbar macht. Die meisten Kommentare über die sich Journalisten aufregen, hätte fast niemand sonst zur Kenntnis genommen, wenn nicht ein anderer Journalist es für eine „wertvolle“ Nachricht gehalten hätte. Die typische Filterblase.

Nur weil Journalisten dafür bezahlt werden zu lesen, was andere schreiben beziehungsweise vermutlich oft auch um selbst ein Thema zu finden, alles mögliche von anderen lesen, bedeutet das gar nicht, dass sich 90% der Nicht-Journalisten dafür interessieren. Ich kenne keine Zahlen, etwa wie viele Leser die Kolumne der genannten Frau Stokowski auf Spiegel Online lesen, vielleicht sind es nur ein paar 1000 am Tag? Vielleicht sind es auch über 1 Millionen pro Tag.

Kolumnen waren schon immer Teils Unterhaltung und Teils Meinungsmache. Mit Journalismus im engeren Sinn und Nachrichten hat es weniger zu tun. Nachrichten über Nachrichten bestenfalls. Wenn vielen Journalisten nichts einfällt, dann wird eben über das geschrieben, was andere geschrieben haben. Das passiert auch in der Wissenschaft ständig. Ich würde das nicht überbewerten und bin überzeugt, dass zum Beispiel mehr als die Hälfte aller Wähler kein einziges Mal im Jahr Spiegel Online liest. Oder viele andere Medien. – Schnitzke 


06. Februar 2019

Leserbrief zu „Die Diktatur des Volontariats“ von Roberto De Lapuente

Der Autor dieses Artikels hat das, was in unserem Land und im Journalismus vonnöten ist: Den gedehnten Blick (Quelle: Buch von Wilhelm Genazino). Dafür möchte ich mich ganz besonders beim Autor bedanken. Im Übrigen bin ich kein Wähler der AFD, aber ich respektiere diese Partei und setze mich kritisch mit ihren Verlautbarungen auseinander.

Selbst bei den Nachdenkseiten stört mich gelegentlich eine etwas verbitterte und verbissene Rhetorik und Ausblendung von sinnvollen Hinweisen, die aus dem sogenannten rechten Lager kommen. Es darf daran erinnert werden, dass der von mir geschätzte Wolfgang Lieb nach 15 Jahren vor geraumer Zeit die Nachdenkseiten verlassen hat. Gleichwohl ist die Aufklärungsarbeit der Nachdenkseiten nach wie vor herausragend.

Ich möchte ein Beispiel anführen, wo es sich lohnt, den gedehnten Blick anzuwenden:

https://jungefreiheit.de/debatte/interview/2010/steckbriefe-an-jeder-wand/

Was die sogenannte Antifa hier veranstaltet, ist ekelhaft. Ich teile zwar in einigen Punkten nicht die Meinung von Prof. Jost Bauch, aber ich finde, solche Menschen haben einen menschenwürdigen Umgang verdient, da ich in seinen Texten keine menschenverachtenden Aussagen finden kann. Dazu ist es leider jetzt zu spät, denn Prof. Jost Bauch ist im Dezember 2018 plötzlich verstorben.

Es ist beschämend, wie dieses Verhalten der Antifa unter den Teppich gekehrt wird. – Georg Gärtner 


Leserbrief zu „Woher kommt nun der (tiefe) Zins?“ von Dirk Ehnts

Ich schätze Makroskop sehr hoch, weil hier Debatten stattfinden, ohne die unsere Demokratie eigentlich keine wäre. Und unter all den wichtigen Fragen, die Ökonomen sich stellen, ist die Frage nach der Herkunft des Geldes gewiss eine der bedeutendsten.

Man kann wohl die Wichtigkeit nicht überbetonen, dass die Kreditvergabe nicht auf vorhandenes Geld angewiesen ist, sondern auf die Schaffung von Schuldverhältnissen, verbunden mit der Verpflichtung des Schuldners, bis zur Tilgung einen Zins zu zahlen.

Natürlich erfordert dieser Prozess von der Schöpfung bis zur Vernichtung einen angemessenen technischen Aufwand, zu dem auch die Entscheidung der Zentralbank über den Zins gehört. Warum aber ist der Zins so niedrig?

Diese Frage ist mit dem Hinweis auf das exklusive Recht der Zentralbank, die das eben so wollte, noch nicht zufriedenstellend beantwortet. Das Warum zielt tiefer. Es muss doch einen wissenswerten vernünftigen Grund dafür gegeben haben. Warum also hat die Zentralbank diese Entscheidung getroffen? – Um die Kreditnachfrage zu erleichtern.

Warum bedarf die Investitionsbereitschaft einer Erleichterung der Kreditbeschaffung?

Schließlich kommen wir da an – und das ist noch nicht Ursprung – wo es an Nachfrage nach Gütern und Diensten mangelt, weil zu viele Leute zu wenig Geld ausgeben können, um mehr zu kaufen als eben die berühmten Kartoffeln. Es geht also ums Essen (dabei denke ich an Bert Brecht) und natürlich auch um die Wurst.

Ich habe es so verstanden, dass Werner Vontobel, durchaus bei Sinnen und mit praktischem Verstand, lediglich auf ein früheres Glied in der Kausalitätskette fokussiert hat. Theorien können so schön sein, rein und strahlend, aber sie machen uns heute nicht satt. – Frank Steinhoff 


03. Februar 2019

Leserbrief zu „Gelächter statt Kritik“ von Nico Beckert

Die Aussage des Professor Brynjolfsson, „dass es in den USA zwischen den 1930er und 1960er Jahren eine durchschnittliche Einkommenssteuerrate von 70 Prozent gab und sie zwischenzeitlich sogar bei 95 Prozent lag. Diese Steuern hätten funktioniert und es ging der Wirtschaft damals sogar sehr gut“, ist die eine Seite der Medaille. Die niedrige Neuverschuldung die andere:
https://de.wikipedia.org/wiki/Staatsverschuldung_der_Vereinigten_Staaten

Bis zu Beginn der 1980er Jahre verdreifachte sich die Staatsverschuldung im Schritt mit der Inflation. Während der Amtszeiten der Präsidenten Ronald Reagan und George Bush vervierfachte sich unter neoliberal gesenkten Steuern der Schuldenstand und erreichte 1992 5,39 Billionen US-Dollar. Bis zur Jahrtausendwende stieg die Staatsverschuldung noch einmal um 19 % auf 6,42 Billionen US-Dollar.

Neben einer recht gut laufenden Wirtschaft, nach der Weltwirtschaftskrise, stiegen die Schulden im Schnitt mal gerade in Inflationshöhe.
Nach sozialen Kahlschlag der Reagan-Regierung und massiven Steuerkürzungen, explodierte die Neuverschuldung regelrecht!

Von einem stark gesunkenen Produktivitätswachstum (auch in Deutschland) wollen wir gar nicht erst reden. Siehe unter anderem Seite 54, 61:
http://igza.org/wp-content/uploads/2017/11/IGZA-Arbeitspapier-3.pdf

Dieter Gabriel


29. Januar 2019

Leserbrief zu „Tempolimit – echt bescheuert“ von Heiner Flassbeck

Wirklich schade, dass nun auch Makroskop einstimmt in die lächerliche Pseudo-Diskussion ums Tempolimit auf Autobahnen.

Wie ist diese Diskussion überhaupt entstanden? Es ging um Klimaschutz. Doch hilft das Tempolimit überhaupt für den Klimaschutz? NEIN. Die Wirkung käme am Ende auf ein Promill (!) hinaus.

Nachdem man das nun auch eingestehen musste, wurde das alte Sicherheitsargument aus dem Hut gezaubert. Denn das Unsinnige hin und herschiffen von Waren im Zeichen der Hyperglobalisierung darf natürlich nicht hinterfragt werden. Obwohl das zehnmal so viel CO2 produziert als sämtlicher Verkehr. Und so sucht man sich natürlich irgendein Bauernopfer. Es ist schon traurig genug, dass man bei Makroskop auf solch einen Politiker- Schachzug aus der Not heraus hereinfällt und die Propaganda mitspielt.

Dass die deutschen Autobahnen die sichersten Straßen der Welt sind, muss auch Flassbeck eingestehen. Dass man sich nun ausgerechnet hierauf konzentriert, zeigt eigentlich schon die Absurdität der Debatte. Es geht um die linke Lust, die Bürger wieder einmal ein Stückchen mehr zu regulieren. Kein Bereich des Lebens darf hier ausgenommen sein.

Doch wenn man dieses Argument gelten lässt, dass selbst die „sicherste Straße nicht sicher genug ist“, dann muss man natürlich auch fragen, warum das Tempolimit auf Landstraßen nicht gleich auf 70 oder 80km/h gesenkt wird? Fragen Sie die Experten, damit könnten womöglich ein paar hundert Tote vermieden werden! Wäre doch „vernünftig“. Doch wäre es nicht noch „vernünftiger“, wenn man „nicht zwingend nötiges Fahren“ nicht gleich verbieten würde und die Leute in den Bus zwingen würde? Dann gäbe es gar keine Toten mehr und das müsste es doch wert sein oder?

Oder es vielleicht mindestens sanktioniert wie in Chinas neuem Überwachungssystem, was das Leben der Bürger nach Punkten bewertet? Wer redlich lebt im Sinne der Ideologie, der bekommt ein Pünktchen und wer nicht, der hat bald nicht mehr viel zu lachen. Aber sagen wir es nicht zu laut, vielleicht wird genau das aus „Vernunftsgründen“ ja schon bald gefordert von Flassbeck und co.

Der linke Philosoph Robert Pfaller hat diese zunehmende Haltung sehr schön auf den Punkt gebracht:

Die reichsten Bevölkerungen seien in den letzten zwanzig Jahren immer biederer, lustfeindlicher und prüder geworden. Als Hauptschuldige nennt er neoliberale Ökonomie und postmoderne Ideologie. Sie hätten die Menschen um den Genuss elementarer Lebensqualitäten gebracht: volle Bürgerrechte, soziale Absicherung, Charme, Höflichkeit, Großzügigkeit, um nur einige zu nennen. Und was gibt es stattdessen? Sicherheit, Gesundheit und Kosteneffizienz. Gewiss ist Gesundheit ein hohes Gut. Aber „ein Leben, welches das Leben nicht riskieren will“, das hält Pfaller entschieden fest, „beginnt unweigerlich dem Tod zu gleichen“.

Man kann dazu auch die Dieseldebatte anschauen: Die Luft ist so sauber wie seit Jahrzehnten nicht, aber die Politik tut so, als gäbe es morgen ein Massensterben, wenn nicht über Nacht alle
Diesel verboten werden würden. Die Debatten sind panisch und absurd.

Ich besitze nur ein 90 PS-Auto (Benziner), bin aber feinfühlig genug, um den aufstrebenden Nanny-Staat frühzeitig zu erkennen und abzulehnen. Und damit bin ich nicht alleine:

Ganz einfach. Nachts um 2 Uhr auf einer leeren und trockenen Autobahn alle zu zwingen, konsequent nur 130 fahren – dafür gibt es jedenfalls keinen nachvollziehbaren Grund. Außer eben den volkerzieherischen: Die Politik entscheidet, was wir dürfen, und als Untertanen haben wir uns daran zu halten – selbst wenn das keinerlei Sinn stiftet. Mein Ideal ist das jedenfalls nicht!

Aber es ist nicht nur das: Was die Leute massiv aufregt, das ist auch die Art von „oben herab“, wie diese Debatten geführt werden. Das Kommentar von Herrn Flassbeck, dem zudem noch jede kritische Intellektualität abgeht (wie z.B. das Hinweisen auf die CO2-Bilanz der Hyperglobalisierung und den Ausweich-Charakter der Debatte), ist dafür das beste Beispiel.

Die Linke verliert nicht nur an die Rechten wegen der neoliberalen Globalisierung. Der Paternalismus und die zunehmende Arroganz sind ganz maßgeblich dafür. – Anonym


27. Januar 2019

Leserbrief zu „Wenn alles Klimawandel ist, ist Klimawandel nichts mehr“ von Heiner Flassbeck

Ich habe soeben den Leserbrief von Dieter Greverus gelesen und bin der Meinung, dass Herr Flassbeck das so nicht stehenlassen sollte. Es ist schon merkwürdig, wenn ein Nichtfachmann seinem Gegenüber vorwirft, Nichtfachmann zu sein. Im Gegenzug aber für sich beansprucht, die wahren Erkenntnisse zu haben, welche sich glücklicherweise mit den offizielle und medialen Verlautbarungen decken. Als Unterstützung führt er auch noch die meines Erachtens instrumentalisierten Schülerdemonstrationen ins Feld und unterstellt Heiner Flassbeck zudem indirekt Häresie. – Mike Passoth


26. Januar 2019

Leserbrief zu „Das falsche Gleichgewicht“ von Heiner Flassbeck

Sehr geehrter Herr Flassbeck,

Sie schreiben, eine bestimmte Strömung in der die VWL sei keine Wissenschaft. Der Leser Oliver Schulte hat das mit einem Mangel an Falsifizierbarkeit sensu Karl Popper in Verbindung gebracht. Sie selbst haben gelegentlich auch so argumentiert (z.B. in dem Artikel über „Professor Seltsam“ mit Paul Steinhardt).

Diese Orientierung am Popperschen Falsifikationismus ist aber zu unrealistisch. Ich will versuchen, Ihre Punkte in eine dem Stand der Diskussion aus der Wissenschaftstheorie angemessenere Rekonstruktion zu bringen. Und das, weil mich der „faule Fleck“ bei der VWL, den Sie thematisieren, beschäftigt. Wo liegt der jetzt genau?

Die Poppersche Falsifikationsvorstellungen sind unrealistisch. Das hat seinerzeit die von Thomas Kuhn ausgelöste sogenannte Grundlagendebatte der Wissenschaftstheorie gezeigt. Es gibt, so kam heraus, einen „Theoriekern“ (Lakatos, Stegmüller und die moderne „semantische Theorieauffassung“), der gegen Falsifikationen sogar geschützt wird. Und das ist nicht falsch, sondern sinnvoll. Zudem ist nicht klar, wie lange es dauert bis ein bestimmtes Forschungsprogramm die von ihm erwarteten Leistungen erbringt. Es kann schon mal 100 bis 150 Jahre dauern.

Auch das ein Problem für Popper: Es gibt, so formulierte das der ungarische Wissenschaftstheoretiker Imre Lakatos, keine „Instant-Falsifikation“. Dass Modelle (noch?) nicht auf die Realität passen und trotzdem nicht verworfen werden, ist daher gar nicht so ungewöhnlich. Und das gibt es auch in den Naturwissenschaften.

Denn: Man kann ja auch den Abstand zum idealisierten Modell mit externen Faktoren erklären – und am Modell festhalten. Viele physikalische Modelle sind stark idealisierte Modelle. Es gibt dann eine gewisse Toleranz für Abweichungen. Die Erklärungen der Abweichungen sollten aber auch welche sein, zum Beispiel in einer Beobachtungstheorie gründen, die etwas taugt. Und zudem sollten die Erklärungen nicht allzu adhoc sein.

Man kann zudem „exhaurieren“. Man macht sich dann (sorgfältig) Gedanken, wo das Modell gilt und wo nicht (Stichwort: Arbeits- und Finanzmarkt). Da stirbt aber dann nicht das ganze Modell, sondern man schränkt nur dessen Anwendungsbereich ein und verwendet es an anderer Stelle weiter.

Was Sie zu Teilen der VWL sagen läuft, so gesehen darauf hinaus, dass (zumindest Ihre) „Abweichungstoleranz“ weit überschritten oder / und die Abweichungen zu billig (weg)erklärt werden – und Ihre Kollegen/innen eben nicht exhaurieren.

Warum tun die das nicht? Ich vermute (und würde mich da auf Arbeiten des skandinavischen Philosophen Jon Elster berufen), weil die klassischen Rationalitäts-Modelle auf dem sehr aggregierten Level, auf dem Volkswirte mit Daten arbeiten, „funktionieren“ und eindeutige Entscheidungen stützen. Alternative Modelle der „bounded rationality“, des „Satisficing“, der Heuristiken etc. etc. tun das alle nicht. Sie sind zwar empirisch realistischer – aber eben auf der Ebene abzuleitender Entscheidungen pragmatisch zu „fuzzy“.

Das scheint mir jedenfalls hinter der Position von „Dr. Seltsam“ zu stecken, wenn er schreibt, die VWL müsste am „homo economicus“ festhalten. Denn:

„Würde man unterstellen, dass Menschen nicht wissen, was sie tun, dann fiele es schwer, die institutionellen Systemfehler von den Fehlern in den Köpfen der Menschen zu unterscheiden“ (Sinn, „Gefangen im Euro“, S. 33).

Und dann könnte man die – nach Sinn – zentrale Annahme der VWL nicht halten. Nämlich:

„Marktfehler sind keine Denkfehler, sondern Fehler der Rahmenbedingungen …. Die Annahme des Homo oeconomicus dient dazu, die Marktfehler – oder genauer gesagt: Systemfehler – zu analysieren“ (l.c.). Und zwar – wohlgemerkt – als nicht durch den (ja effizienten) Markt verursacht.

Das, so würde ich behaupten, ist in der VWL von Herrn Sinn der „Theoriekern“, den er verteidigt. Wenn das verschwindet, dann verschwindet die ganze VWL so wie er es sie sieht (deswegen „Theoriekern“). Und – siehe die Ausführungen über die neuere Wissenschaftstheorie oben – das ist erst einmal „business as usual“. Auch in den Naturwissenschaften.

Warum kann man nun Ihr Argument zum Arbeitsmarkt in diesem Paradigma nicht unterbringen? Unternehmen sind demnach doch betriebswirtschaftlich rational, aber volkswirtschaftlich eben nicht. Klassischer „Systemfehler“ – oder? In den Worten von Sinn:

„Wenn ein Volkswirt staatliche Interventionen in das Marktgeschehen fordert, dann (…) weil er der Meinung ist, dass Systemfehler, d.h. Fehler bei der politischen Setzung von institutionellen Rahmenbedingungen, dazu führen, dass vermeintliche Nutzenmaximierung letztlich gar keine Nutzenmaximierung ist“ (l.c.).

Und steckt darin nicht auch schon die Einsicht, dass es „Rückkoppelungen“ gibt? Warum wird der Arbeitsmarkt dann bei Autoren wie Sinn trotzdem fatalerweise wie ein Kartoffelmarkt behandelt?

Ich vermute, dabei spielt der zweite Teil des Theoriekerns, der vom „effizienten Markt“, die zentrale Rolle. Wer daran glaubt, der muss den Arbeitsmarkt als Kartoffelmarkt behandeln, weil sonst auch die „regulären“ Konsum- und Gütermärkte nicht effizient sein können. Schließlich ist an diesen Märkten ja Arbeit beteiligt und das spielt für die Kosten/Preise eine Rolle. Und nur wenn die Märkte effizient sind, ist der Staat als „Nachtwächterstaat“ zu rechtfertigen.

Wenn das stimmt, dann liegt das Problem mit dem „Super-Modell“ an dieser Stelle und es wäre dieser Glaube, der die Bereitschaft sich auf die Realität einzulassen, verhindert. Und zwar vor allem beim Arbeitsmarkt. Den Finanzmarkt will Herr Sinn ja regulieren. – Anonym


24. Januar 2019

Leserbrief zu „Die Wiederentdeckung der Geschichte“ von Udo Sladek

In seiner Erwiderung auf meine Buchkritik zu Timothy Snyders „The road to unfreedom“ wirft Udo Sladek mir vor, ich machte Snyder, dem „hoch angesehenen Osteuropa-Historiker der Universität Yale“, zu einem Bewunderer Hayeks, wo er in Wahrheit ein origineller Kritiker des Neoliberalismus sei.

Tatsächlich habe ich in meiner Kritik darauf hingewiesen, dass die Reminiszenz des Titels an Hayek angesichts der im Buch enthaltenen These vom – nicht etwa autoritären, sondern explizit faschistischen – Regime des Wladimir Putin, kaum zufällig gewählt sein dürfte. Die zu belegende Gegenthese lautete dann, Snyder hätte seinen Titel zufällig gewählt.

Die Tatsache, dass Snyder den Neoliberalismus, die herrschende Ungleichheit, den Worten nach – sogar heftig – kritisiert, ist meiner Kritik deutlich zu entnehmen. Allerdings – und dies ist selbstverständlich die Bewertung eines Buches und nicht die seines Autors – vertrete ich die Auffassung, dass es sich bei dieser Kritik um ein rhetorisches Mittel zur Mobilisierung gegen den immerhin demokratisch gewählten (freilich laut Snyder nur dank russischer Einmischung in den amerikanischen Wahlkampf) 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten handelt.

Snyder ist damit in seinem Buch weiter als die demokratische Partei Hillary Clintons nach ihrer Wahlniederlage, als man sich dort – à la Relotius – über die zurückgebliebenen Dumpfbacken der niedergehenden Arbeiterklasse echauffierte, die Trump zum Wahlsieg verholfen hätten.

Snyder signalisiert demgegenüber fundamentales Verständnis für die Kritik an der herrschenden Ungleichheit der amerikanischen Gesellschaft – und legitimiert sich damit umso mehr als Trump-Kritiker. Seht her – ich bin auf Eurer Seite.

Udo Sladek ist vollkommen zuzustimmen, dass sich Snyder mit seinem Buch „auf die Agora“ der politischen Auseinandersetzung begibt. Snyders Buch ist keine wissenschaftliche Darstellung, sondern Journalismus. Der Preis hierfür ist freilich, dass nicht Thesen, sondern im Ton des Eingeweihten vermeintliche Wahrheiten verkündet werden. Lassen wir den Autor sprechen:

„Wladimir Putins Ewigkeits-Regime war eine Herausforderung für politische Tugenden: die Abschaffung des Nachfolgeprinzips in Russland, der Angriff auf die Integration in Europa, der Einmarsch in der Ukraine mit dem Ziel, die Schaffung neuer Politikformen zu stoppen. Sein größter Feldzug war der Cyberkrieg zur Zerstörung der Vereinigten Staaten. Aus Gründen, die mit der Ungleichheit innerhalb der amerikanischen Gesellschaft zusammenhängen, errang die russische Oligarchie 2016 einen außergewöhnlichen Sieg. Weil ihr das gelang, wurde die Ungerechtigkeit zu einem noch größeren amerikanischen Problem (S. 229).“

Ob sich in diesen (zugegeben kurzen) Zeilen eine Agenda offenbart und ob es sich dabei um die Bekämpfung des US-amerikanischen Neoliberalismus handelt, mag jeder selbst entscheiden. – Erik Jochem


21. Januar 2019

Leserbrief zu „Wenn alles Klimawandel ist, ist Klimawandel nichts mehr“ von Heiner Flassbeck

Sehr geehrter Herr Flassbeck,

wenn Sie sich als Nichtexperte in der Klimawissenschaft öffentlich zum Klimawandel äußern, erwarte ich als (langjähriger) MAKROSKOP-Leser, dass Sie sich allgemein zugängliche Ergebnisse der Klimaforschung erarbeiten und sich auf diese auch beziehen. (Genauso wie Sie ja wohl erwarten, dass MAKROSKOP lesende Nichtexperten in Ökonomie sich Ihre Darstellungen aus Ihrem Fachgebiet, die im Gegensatz zu denen der neoliberalen Ökonomik stehen, erarbeiten).

In Ihrem oben genannten Artikel haben Sie auf keinerlei Erkenntnisse der Klimawissenschaft Bezug genommen. Sie beklagen zunächst allgemein – bezogen auf den sehr schneereichen Winter in den Alpen – dass offenbar in manchen Veröffentlichungen der Klimawandel in falscher Art und Weise für dieses Wetterereignis verantwortlich gemacht worden ist, ohne auch nur ein einzige solche Publikation oder einen Autor beim Namen zu nennen.

Statt dem Jammern über ungenannte „Experten“ und Journalisten, wäre es für das Thema sinnvoller gewesen, die MAKROSKOP-Leser zum Beispiel auf das Portal des hochrenommierten Postsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (www.pik-potsdam.de) hinzuweisen, auf dem am 13.01.2019 ein Bericht zu „Schneemassen und Klimawandel“ erschienen ist, zudem mit einem Weblink zu zwei lesenswerten Zeitungsartikeln: Frankfurter Allgemeine Zeitung und Frankfurter Rundschau. (Ein weiteres positives Beispiel für seriöse Berichterstattung über den Klimawandel findet sich in „Die Zeit“ vom 17.1. 2019 auf Seite 8).

Statt Ihrer Wortspielereien wie „… höchst bedauerlich, dass das Wetter so schnell von uns gegangen ist“, wäre es für Ihre Leserschaft von größerem Erkenntnisgewinn gewesen, auch von den Ergebnissen der sogenannten klimatologischen Attributionsforschung zu berichten. Diese befasst sich nämlich mit dem Zusammenhang zwischen (Extrem)-Wetter und Klimawandel. Die Attributionswissenschaftler sagen dabei, dass einerseits das Wetter ein durch viele Faktoren bestimmter Zufallsprozess ist und ein einzelnes Wetterereignis deshalb nicht kausal auf den Klimawandel bezogen werden kann. Andererseits ist aber in vielen ihrer Studien zu belegen, dass bestimmte Extremwetterereignisse durch den Klimawandel wahrscheinlicher geworden sind und wahrscheinlicher werden. Es geht also um Auftretenswahrscheinlichkeiten und Trends.

Während man den ersten Teil Ihres Artikels noch als „Unterlassungssünde“ im Sinne einer Nichtdarstellung des Stands der Klimawissenschaft zum Thema Wetter und Klimawandel bezeichnen kann, finden sich im zweiten Teil leider Aussagen, die einfach falsch sind. Sie schreiben, „Oder man könnte Ihnen (Journalisten und Experten) vorschreiben, das Wort Klimawandel nur in Zusammenhängen zu nennen, wo es wirklich um globale Phänomene geht und wo Zeiträume abgedeckt werden, die jenseits von einhundert Jahren liegen.“

Wir sind doch leider schon bekanntermaßen mitten drin im Klimawandel, der sowohl global als auch lokal messbar und beobachtbar ist. Die Zeit, die bleibt, um sein Ausmaß zu begrenzen, läuft uns doch davon. Und Ihr Vorschlag „Wer etwas für den Klimawandel tun will, sollte darüber schweigen“ erscheint hochgradig absurd. Wollen Sie diesen „Vorschlag“ zum Beispiel auch den Zehntausenden von Schülern, die in letzter Zeit für eine bessere Klimapolitik demonstriert haben, unterbreiten?

Was würden Sie denn zu dem Vorschlag sagen „Wenn man für die Bekämpfung der neoliberalen Ökonomik etwas tun will, sollte man darüber schweigen“? Sie schreiben auch „Klimawandel wird in Zukunft unser Leben auf die gleiche Weise bestimmen wie das Wetter heute, nämlich eigentlich gar nicht und wenn, dann nur als Randerscheinung, der man durch intelligente Anpassung des eigenen Verhaltens begegnen kann und muss.“ Damit setzen Sie sich (mit welcher Expertise?), was die erste Aussage dieses Satzes betrifft, über die gesicherten Ergebnisse naturwissenschaftlicher Klimaforschung hinweg.

Und Ihre Annahme einer „intelligenten Anpassung des eigenen Verhaltens“ mag vielleicht unter sehr vielen optimistischen Annahmen für Menschen aus europäischen und nordamerikanischen Ländern oder auch China zutreffen. Sie erscheint aber für Abermillionen von Menschen aus zukünftigen Überschwemmungs- und/oder Heißgebieten des Südens völlig unbegründet.

Herr Flassbeck, ich hoffe, dass sie auf MAKROSKOP viele weitere kritische Stellungnahmen zu Ihrem Artikel erhalten. Und dass Sie sich zukünftig kenntnisreicher zum Klimawandel äußern. Wenn Ihnen das nicht möglich sein sollte und Sie weiterhin auch in fachfremden Gebieten publizieren wollen, hier ein Vorschlag: Nach Ihrem (amüsanten) Artikel über das „Geheimnis der guten Weihnachtsgans“ würde sich doch ein Bericht über die „bewährte Zubereitung des Osterlamms“ anbieten. – Dieter Greverus 


19. Januar 2019

Leserbrief zu „Nicht ungefährlich, auf tönerne Füße zu zeigen“ von Cornelius Gelpke

Eine interessante Meinung. Insbesondere der Absatz „Ich verstehe weder viel von Autos noch von Ökonomie, aber meine Vermutung geht dahin, dass der Trabi dann doch noch besser lief, als es der Deutsche Wirtschaftsmotor unter der Haube der ‚Neuen Länder‘ im Osten und in Europa je getan hat oder tut.“

Was haben die vielen Milliarden für den Aufbau in den Neuen Ländern wirklich gebracht, außer die Reparatur einer vernachlässigten Infrastuktur. Wären die Neuen Länder heute in der Lage ihre Aufgaben aus selbst generierten Steuereinnahmen zuzüglich eines normalen Länderfinanzausgleiches zu erbringen? Die DDR und die CSSR hatten vor 1989 einen vergleichbaren Lebensstandard, nach der Einheit flossen Milliarden DM und später Euro in die Neuen Länder, Tschechien bekam Mittel aus dem EU-Haushalt.

Wo stehen wir heute, wenn man die Wirtschaftsleistung Tschechiens mit der der Neuen Länder vergleich. Wie effektiv war der Aufbau Ost also wirklich? Das wäre vielleicht eine interessante Betrachtung bezüglich des „Aufbaus Ost“. – Richard Schnabl


16. Januar 2019

Leserbrief zu „Das falsche Gleichgewicht“ von Heiner Flassbeck

Zu den jüngsten Aufsätzen von Heiner Flassbeck zum Zustand der Makroökonomik möchte ich zwei Verweise geben, die seine Analyse unterstützen und vielleicht hilfreich sind.

„In der Regel wird dann die Wirklichkeit dafür verantwortlich gemacht, dass das Modell nicht funktioniert.“

Das ist genau Phänomen, das Karl Popper als Mangel an Falsifizierbarkeit diagnostieren würde. Eine nicht falsifizierbare Theorie ist seiner Meinung nach unwissenschaftlich oder höchstens pseudowissenschaftlich. Sein Hauptbeispiel war damals die Freudsche Psycholanalyse.

In seinem Editorial zum neuen Jahr schreibt Heiner Flassbeck, dass die Diskussion über Makroökonomie zurück- statt fortschreite. Paul Romer hat einen bekannten Aufsatz mit derselben These geschrieben, sehr schön zu lesen.

„Seit mehr als drei Jahrzehnten macht die Makroökonomie Rückschritte. (…) ein allgemeiner Versagenszustand, in den die Wissenschaft geraten kann, wenn sich der Respekt vor angesehenen Führern zu einer Unterwürfigkeit gegenüber ihrer Autorität entwickelt, die die objektive Tatsache von ihrer Stellung als dem Prüfstein der wissenschaftlichen Wahrheit verdrängt.“

Oliver Schulte


07. Januar 2019

Leserbrief zu „Zurückblicken und vorausschauen“ von Heiner Flassbeck

Danke für diesen Artikel. Sie sprechen mit der Wissenschaftlichkeit ein gutes Thema an. Ich denke, sie ist der entscheidende Punkt in der Diskussion. Man kann die neoliberale Theorie vielfach kritisieren, etwa dass die neoliberale Annahme, alle Kaufentscheidungen seien rational, wohl im direkten Widerspruch zu den Erfahrungen der Werbeschaffenden steht. Fragwürdig ist auch die Annahme, ein System würde immer von sich aus in den Gleichgewichtszustand gelangen, was vergleichbar ist mit der Aussage, wenn man einen runden Stein auf die Spitze des Himalaya legen würde, kommt er sicherlich irgendwann im Marianengraben an, da dies der natürlichste Gleichgewichtszustand für den Stein sei. Man fragt sich, was früher eintritt – die Prognosen der Neoliberalen oder der Stein im Marianengraben?

Diese Kritik ist aber nicht wirklich relevant.

Wissenschaft, egal welche Fachrichtung, hat die Aufgabe die Welt zu betrachten und aus dieser Betrachtung ein Modell abzuleiten. Diese Modell muss Aussagen über die Zukunft, bzw. zukünftige Ereignisse machen können. Diese Aussagen müssen sich bestätigen oder falsifizieren lassen. Das Wissenschaft die Zukunft voraussagen soll, klingt vielleicht etwas hochtrabend, aber an einem Beispiel aus der Physik, dem schiefen Wurf, lässt sich das verdeutlichen.

Wenn man die Welt der Gravitation betrachtet, kann man über die Annahme der Erdbeschleunigung und ein paar Formeln, die sich aus der Beobachtung ableiten lassen, den Einschlagspunkt eines schräg nach oben geworfenen Steines berechnen. Zum Zeitpunkt des Abwurfes kann man also mit einiger Genauigkeit voraussagen, wo der Stein in der nahen Zukunft landen wird.

Wenn man genau hinschaut, wird man feststellen, dass der prognotizierte Einschlagspunkt nie genau stimmt. Den man hat die Luftreibung nicht berücksichtigt. Man hat also eine zu starke Vereinfachung im Modell gemacht.

Die eingangs erwähnten Kritikpunkte am Neoliberalismus betreffen ebenfalls nur Vereinfachungen, die am neoliberalen Modell gemacht wurden. Vereinfachungen am Modell sind aber grundsätzlich zulässig, wenn es dadurch einfacher handhabbar wird UND die Prognosen mit der Wirklichkeit noch ausreichend genau übereinstimmen. Deswegen halte ich die eingangs erwähnten Kritikpunkte am Neoliberalismus für nicht relevant. Auch in der Physik werden einfache Modelle bevorzugt, nur absolute Nerds würden den schiefen Wurf relativistisch rechnen, was eigentlich korrekter wäre.

Relevant ist, dass die (neoliberalen) Prognosen nicht eintreffen. Hier könnte MAKROSKOP eventuell eine Liste pflegen und ins Netz stellen. Mir fällt da ad hoc Griechenland ein. Obwohl Griechenland eine Reform nach der nächsten macht, wurden die Wachstumsprognosen nie erfüllt. Bei Nafta war der Abbau der Arbeitsplätze in den USA meines Wissens wesentlich größer als prognostiziert. Und ausgerechnet der Wirtschaftssektor (Banken), der von nahezu allen Fesseln befreit (liberalisiert) wurde ist krachend gegen die Wand gefahren. Da hat der Glaube an den Markt wohl nicht geholfen.

Mir ist bewusst, dass Neoliberale auf solche Kritik stets mit zwei Ausflüchten reagieren:

A) Das Ereignis ist NOCH nicht eingetroffen (bei Griechenland)
B) Der Staat hat immer NOCH zuviel eingegriffen (bei den Banken)

Ich denke, aber wenn man so eine Liste pflegt und ins Internet stellt UND sie dort nicht hinter einer Paywall versteckt, könnte sie auf Dauer etwas bewirken. Blogger oder Foristen könnten auf sie verlinken und so zu einer Verbreitung beitragen.

Hardcore Anhänger der Church of Neoliberalism wird man nicht überzeugen, aber vielleicht mehr und mehr interessierte Bürger. Die Hoffnung stirbt zuletzt. – Jens Happel


Leserbrief zu „Zurückblicken und vorausschauen“ von Heiner Flassbeck

vielen Dank für ihren Beitrag, der zeigt das wir in einer Welt angekommen sind, die jegliches Maß verloren zu haben scheint. Zwei heutige Schlagzeilen die in diesem Zusammenhang zu denken geben: Die erste ist die im ARD Morgenmagazin positiv dargestellte Berichterstattung über den jüngsten Bankmanager, mit 14 Jahren, in Indien. Man hat es nun geschafft, auch den Ärmsten der Armen das Lied vom Sparen zu vermitteln, obwohl dort nicht mal der Gürtel vorhanden ist, der enger geschnallt werden soll. Endgültig abstrus wird es dann noch, wenn man erfährt das die Kinder dort für ihr Geld Zinsen zwischen 3,5% und 5% erhalten, bei einer durchschnittlichen Inflationsrate von 4,82%. Wie Banken funktionieren, ist dem Moderator offenbar fremd, wahrscheinlich glaubt er, wenn das Geld auf der Bank liegt, bekommt es irgendwann Junge und so wächst das Vermögen.

Entgegengesetzt dazu die zweite Schlagzeile, die von einem krummsäbligen Fußballer berichtet, der in Dubai gerade sein vergoldetes Steak für 1.000,00 $ verdrückt. Nun muss dieser arme Kerl eine Strafe an die Menschenrechtsorganisation FC Bayern München entrichten. Wo bleibt eigentlich die Unterstützung des FCB für die Menschenrechte in Dubai?

Auch lustig ist die FDP, die einen neuen Aufbruch für Deutschland fordert. Was das für ein Aufbruch sein soll, erklärt dann die Generalsekretärin Frau Beer. Es braucht nicht nur bei uns mehr Wettbewerb, weniger Schulden und vor allem eine neue Europapolitik, denn dort muss der Reformstau aufgelöst werden. Das es genau die Rezepte sind, denen die FDP/SPD/CDU/CSU hinterherlaufen, die Europa zerstören, ist nicht mehr zu toppen.

Lieber Herr Flassbeck, ich bin Ihnen sehr und Ihrem Team sehr verbunden, dass Ihre Stimme der Vernunft noch nicht resigniert hat. Aber es ist ein Bergaufrennen gegen die Unvernunft, die uns alle in den Abgrund treiben wird. – Gernot Novotny


21. Dezember 2018

Leserbrief zu „Hörsaalbesetzung in Tübingen“ von Heiner Flassbeck

Hierzu eine kurze Anmerkung: Drittmittel und Auftragsforschung sollte man unterscheiden! Die DFG als wichtigster Drittmittelgeber ist öffentlich finanziert. Angesichts der Wissenschaftsfreiheit und schlechter Steuerungsbedingungen hat sich die Politik entschieden, die Gelder statt per Rasensprenger im Wettbewerb zu vergeben. Zudem holen die Länder so den Bund für die Finanzierung an Bord. Das mag man bedauern. Aber Drittmittel mit Wirtschaftsfinanzierung der Universitäten gleichzusetzen ist ein Missverständnis, das viele Studierende zu Unrecht umtreibt. – Susanne Schmidt


13. Dezember 2018

Leserbrief zu „Geschlossene Grenzen zur Steuerung der Migration?“ von Michael Wendl

Ich habe lange überlegt, was ich von dem Beitrag halten soll, wird in diesem Artikel doch einiges, was sonst hier auf Makroskop zu lesen ist, zumindest ignoriert wenn nicht gar geleugnet. Die sehr empfehlenswerte Replik von Norbert Häring brachte mich nun doch dazu, meine Meinung kundzutun.

Vieles in Michael Wendls Artikel könnte ich auch zuvor schon einmal in der FAZ gelesen haben: Das leugnen jeglicher staatlicher Eingriffsmöglichkeiten und der Wirksamkeit von Ordnungsregularien zu Migrationssteuerung hat schon etwas stark fatalistisches.

Der Exkurs in die Geschichte macht es auch nicht besser, lässt er hierbei die heutige, sozialstaatliche Ausgestaltung völlig außen vor. Hier gilt, nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich.  Nachdem zum Beispiel zuvor mehrmals die Auswirkung von Migration auf die Löhne bestritten wurde, „…nicht als wichtige Ursache des Lohndrucks“, wird diese dann als ein zu beseitigendes Problem benannt: „…ein zusätzlicher Lohndruck auf den Arbeitsmärkten in den Aufnahmeländern verhindert wird.“

Die ganze Hilflosigkeit des Artikel kumuliert dann zum Ende hin in dem mantrahaft vorgetragenen: „Dabei geht es nicht nur um die Effekte auf die demografische Entwicklung alternder Gesellschaften, sondern auch um die kulturelle Bereicherung, die Gesellschaften lebenswerter machen können.“

Es ist für mich befremdlich, wenn ein Gewerkschafter meint, die legitimen Interessen der eigenen Mitglieder nicht mehr auf nationalstaatlicher Ebene vertreten zu müssen/können, stattdessen das Hohelied der Globalisierung singt und mit völlig weltfremden Sankt-Nimmerleinstag-Lösungsansätzen – „Eine Frage, für die es innerhalb kapitalistischer Gesellschaft wie Deutschland und der Europäischen Union ausreichende politische und finanzielle Handlungsspielräume gibt. Eine zentrale Aufgabe ist dabei die Einschränkung und politische Regulierung des Welthandels und der Wechselkurse“ – aufwartet.

Zum großen Glück gibt es auf Makroskop andere, wesentlich bessere Artikel, Danke dafür. – Mike Passoth


12. Dezember 2018

Leserbrief zu „Geschlossene Grenzen zur Steuerung der Migration?“ von Michael Wendl

Sehr geehrter Herr Wendel,

ihren Artikel „Geschlossene Grenzen zur Steuerung der Migration?“ finde ich durch und durch unlogisch. Ihr Artikel belegt für mich ein weiteres Mal, dass die Linken in Deutschland, mit Ausnahme von Frau Wagenknecht, einfach rein gar nichts verstanden haben. Ich wollte eigentlich einen langen Leserbrief schreiben. Nun hat Herr Häring dazu sehr dezidiert Stellung genommen.

https://makroskop.eu/2018/12/sind-no-border-linke-lakaien-des-kapitals/ 

Seiner Stellungnahme schließe ich mich an, was diesen Leserbrief abkürzt. Das größte Problem ist nicht, dass der Neoliberalismus unsere Gesellschaft zersetzt, sondern, dass nahezu die gesamte Linke – oder was sich für Links hält – grenzenlos naiv und zu blöd ist, in die wahrlich offenen Flanken des Neoliberalismus zu fallen. Sie überlässt so Millionen enttäuschte und abgehängte Menschen den Rechten, in ganz Europa. Und das Volk überall wendet sich von den Linken ab. Einzige Ausnahme in Europa ist Corbyn. Das sollte der SPD und den Linken eigentlich zu denken geben.

Zum Schluss noch an das Makroskop Team. Ich finde es sehr gut, dass Makroskop zu den diversen Themen stets unterschiedliche Meinungen abbildet, etwas dass ich bei den Lei(d)medien schmerzlich vermisse. – Jens Happel


10. Dezember 2018

Leserbrief zu „Geschlossene Grenzen zur Steuerung der Migration?“ von Michael Wendl

Sicher gut, auf Makroskop auch sozusagen divergierende Meinungen lesen zu können. Wendls Beitrag reizt aber zum Widerspruch. Ich bin mir nicht klar, ob Wendl sich als Marxist bezeichnen würde, aber offensichtlich kennt er „seinen“ Marx recht gut. Und wie bei anderen Marxisten gibt es diese Kluft zwischen der teilweise treffenden Zustandsanalyse und der dann plötzlich irgendwie sich materialisieren sollenden „sozialistischen“ und/oder „internationalistischen“ Politik, gar einer ganz neuen sozialistischen Wirtschaftsordnung. Mit welchen Mitteln, auf welcher Basis und in welchem Rahmen sich das überhaupt durchsetzen soll – Leerstelle. Wir haben zum Beispiel seit 1973 (!) einen europäischen Gewerkschaftsbund – was bitte hat dieser Bund seitdem an europaweit gültigen sozialen Regeln durchsetzen können?

Andererseits der bemühte Versuch darzulegen, dass Marx recht hatte, recht hat und recht haben wird. Und an vielen Stellen garniert mit dem Diktum „es ist naiv…“.

Was unangenehm ist, wird lieber weggeblendet: „Trotzdem entspringt die Migration nicht einem strategischen ‚Plan‘ des Kapitals…“. Natürlich macht „das Kapital“ keine Pläne, aber verschiedene Organisationen desselben machen sehr wohl Pläne – oder wie ist es sonst wohl etwa zu der pompösen Unterzeichnung des „UN-Migrationspakts“ in Marrakesch gekommen?

Oder dieser Satz: „Die Vorstellung, der Nationalstaat könne die einheimischen Arbeitskräfte … schützen … ist naiv…“. Nur – wer soll sie bitte sonst schützen? Wer hat denn (noch) die Macht, da regelnd einzugreifen? Und wer regelt denn aktuell, eben meist nach Vorgabe der wirtschaftlichen und politischen Eliten? Das ist doch der Staat.

Und am Schluss der Klassiker, die „kulturelle Bereicherung“, die unsere „alternden Gesellschaften“ durch die Migranten erfahren würden. Dafür, das wird jedem einfachen Arbeiter und jedem „ausgepreisten“ Mieter klarzumachen sein, müssen halt Opfer gebracht werden. Möglicherweise ist Herrn Wendl gar nicht bewusst, wie sehr er mit diesem Text die These von der Abgehobenheit der Eliten (in diesem Fall der akademisch-gewerkschaftlichen) bestätigt.
– – –
Ich bin sehr für die menschenwürdige Aufnahme und Behandlung von Flüchtlingen, aber ebensosehr gegen eine FÖRDERUNG von Migration, die am Ende weder den Ursprungs- noch den Zielländern helfen wird (beziehungsweise höchstens den Besitzenden hier wie dort). – Peter Schulz


Leserbrief zu „Geschlossene Grenzen zur Steuerung der Migration?“ von Michael Wendl

Klar. Herr Michael Wendl ist Soziologe und er hat von 1980 bis 2016 für die Gewerkschaften ÖTV und ver.di gearbeitet. Und er ist Mitherausgeber der Zeitschrift Sozialismus.

Schön. Aber wenn er abschließend sagt, eine Migrationsplanung gäbe es nicht, dann sollte er sich mal die Entwicklung des UN-Migrationspaktes zur Gemüte führen. Seit 2007 arbeiten die UN daran. Und ab 2011 hat das Weltwirtschaftsforum – das für die Interessen aller Milliardäre und Konzerne eintritt und auf deren jährlichen Stelldichein-Treffen sich alle wichtigen Staatenlenker in Davos einfinden –, ja dieses Weltwirtschaftsforum hat ab 2011 massiv den UN-Migrationspakt befördert. Warum wohl?

Klar, aus weltweiter Migration entsteht Lohndruck, Absenkung der nicht marktkonformen Lohnstückkosten – und ja – mehr Konzerngewinn.

Heiner Flassbeck predigt schon seit Ewigkeiten, dass das nominale Lohnniveau in Deutschland viel zu gering ist, worunter die Resteuropäer stark leiden. Flassbeck sagt nicht umsonst, dass im starren Eurosystem der Lohn an die Produktivität gekoppelt werden muss.

Ich verstehe das so wie bei der INDEX-Miete. Würde sich automatisch der Index-Lohn der Produktivität des Unternehmens oder der gesamten Branche anpassen, bräuchte es auch bald keine Gewerkschaften mehr. Und auch keinen Mindestlohn, der ohnehin zu gering ist.

Und wie sieht es beim sogenannten „Fachkräfte-Zuwanderungs-Gesetz“ aus? Da weißt das Manager-Magazin darauf hin, dass das Blödsinn ist. Den gäbe es gar nicht.
Und wenn, was sind denn die Gründe dafür, dass z.B. ein Handwerker im Sanitärberich nicht diesen Beruf erlernen will? Es ist die „monatliche Ausbildungsvergütung“:

1. Lehrjahr = 675,-€
2. Lehrjahr = 686,-€
3. Lehrjahr = 761,-€
4. Lehrjahr = 798,-€

Ja, und was würde ein Lehrling verdienen, wenn er in der Industrie lernen würde? Circa 300-400 € mehr.

Also auch hier ist die Entlohnung der Grund für den sogenannten Fachkräftemangel. Und ein Gesetz, dass billige Migranten diese Lücke füllen, na wem nutzt das?

Aber zurück zur Frage: Gäbe es einen UN-Migrationspakt, wenn die Konzerne einen Index-Lohn für die Arbeitnehmerschaft zahlen müssten? Niemals. Denn das Ziel des UN-Migrationspaktes ist und bleibt die Absenkung des Lohnniveaus und die Spaltung, Zersetzung und Entsolidarisierung der Gesellschaft. Wie soll denn auch Solidarität entstehen, wenn die Gesellschaft fragmentiert wird?

Glauben Sie weiter an das Gute der offen Grenzen für Arbeitssklaven und freien Kapitalverkehr auf die Cayman-Inseln. Wir brauchen einen starken Staat, der die Rahmenbedingungen zum Beispiel für einen INDEX-Lohn festsetzt. – Kirsten Baum


05. Dezember 2018

Leserbrief zu „Vormerz“ von Richard Senner

In ihrem Artikel kommt mir die zurückliegende Finanzkrise zu kurz. Was passiert mit einer aktiengedeckten Rente, wenn diese aus welchen Gründen auch immer an Wert verlieren. Wird dies, auch von Merz, nicht gedacht? Welche gesellschaftliche Auswirkungen hätte so ein System? Weitere Auflösung des gesellschaftlichen Zusammenhaltes, da ja kein Interesse an einer durch die Gesellschaft gedeckten Rente besteht?

Es gibt viele Menschen, für die der Aktienmarkt fremd und uninteressant ist und die ihr Glück nicht in der Mehrung von Privatvermögen suchen. Was machen die? Das ganze ist wohl wenig über die eigenen Interessen und die eigene Weltsicht hinaus gedacht.

Den Zusammenhang zum Kapitalstock sehen nach meiner Einschätzung die Befürworter einer kapital- bzw. aktiengedeckten Rente sowieso nicht, da gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge wenig gedacht werden, sondern eigene Wünsche umgesetzt werden sollen. – Ernst-Otto Wolf


04. Dezember 2018

Leserbrief zu „Handelsungleichgewichte – Wie erklärt man das Problem? – 2“ von Paul Steinhardt

In den beiden zusammengehörenden Artikeln werden grundsätzliche Zusammenhänge sehr anschaulich beschrieben. Dennoch glaube ich, dass sich da ein Denkfehler in Teil 2 eingeschlichen hat.

Im Prinzip wurde zunächst in Teil 1 erklärt, dass das volkswirtschaftliche Gesamteinkommen nie höher sein kann als die Summe aller Ausgaben, dann wird aber in Teil 2 genau so ein Beispiel angenommen. Zitat:

Aber der deutsche „Erfolg“ ist eine zweischneidige Sache. Nehmen wir an, es handle sich bei Deutschland um eine geschlossene Volkswirtschaft, es gäbe also das Ausland nicht. Steigt dann die Produktivität stärker als die Reallöhne, dann stellt sich die Frage, an wen die zusätzlich produzierten Waren denn nun verkauft werden sollen.

Klar ist, dass es bei einer Entwicklung von Reallöhnen und Produktivität wie in Deutschland nicht die Lohnempfänger sein können.

Ein kleines Beispiel: Bislang seien Konsumgüter im Wert von 100 GE produziert worden, die Lohnempfänger hätten ein Einkommen von 110 GE erzielt und davon fürs Alter 10 GE auf die Seite gelegt. Und nun machte sich endlich die arbeitssparende Digitalisierung bemerkbar und mit der gleichen Anzahl von Arbeitskräften könne man nun Waren im Wert von 110 GE produzieren. Wenn die Einkommen konstant bleiben und sich an der Sparneigung der Einkommensempfänger nichts ändert, dann bleiben Konsumgüterhersteller nach Adam Riese auf Waren im Wert von 10 GE sitzen.

Wenn die Produktivität, wie in dem Beispiel angenommen, stärker steigt als die Löhne, dann ist es kaum zu erklären, warum diese dann um 10% höher sein sollen, als die Ausgaben (Produktionskosten), welche einen Wert von 100 Geldeinheiten repräsentierten. Ganz davon abgesehen, dass ja eigentlich vom Verkaufserlös nicht nur Löhne, sondern eben auch anteilig Kapitaleinsatz und persönliches Einkommen des Unternehmers bestritten werden müssen.

Wenn also jetzt nicht die Digitalisierung mit entsprechendem Produktivitätssprung um die Ecke gekommen wäre, wäre keine Nachfragelücke durch Sparen entstanden? Wie können die Löhne den Geldwert der erzeugten Produkte um 10% übersteigen? Welcher Unternehmer zahlt denn Löhne, die bei weitem den Wert der verkauften Waren überschreiten?

Es ist doch eher so, dass sich bei einer durchschnittlichen Sparquote von 10% eine ebenso große Nachfragelücke auftun würde, vorausgesetzt die golden Lohnregel wäre eingehalten worden. Bereits dann, und nicht erst, wenn 10% Produktivitätssteigerung durch Digitalisierung hinzu kommen, ergibt sich ein Nachfrageproblem, welches nur durch Schulden ausgeglichen werden kann. Bei Lohndumping (Missachtung der Goldenen Lohnregel) vergrößert sich die ohnehin vorhandene Lücke noch zusätzlich.

Die Argumentation mit der Digitalisierung ist hier also nicht zielführend, da ja zunächst einmal ein Gleichgewichtsmodell und dessen Einhaltung erklärt werden muss. Rechnet man nun noch vollkommen unrealistische Produktivitätssprünge hinzu, wird der Blick vom eigentlichen Problem weggelenkt und der geneigte Leser verunsichert. – Martin Feyerabend


18. November 2018

Leserbrief zu „Beschränkter Sachverstand“ von Hartmut Reiners

„Der SVR-W behandelt den Wettbewerb als universelles Patentrezept und nicht als gezielt einzusetzendes Steuerungsinstrument.“

Es ist sehr merkwürdig, dass die werten Professoren bisher nicht vorgeschlagen haben, die Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) und die Gebührenordnung für Zahnärzte (GOZ) abzuschaffen. Diese Gebührenordnungen wirken nachweislich wettbewerbsverzerrend und verhindern, dass sich die Preise für Gesundheitsleistungen privat Versicherter frei „am Markt“ bilden können. Dabei sind privat Versicherte gerade nicht besonders schutzbedürftig, da ihr Einkommen entweder oberhalb der Versicherungspflichtgrenze liegt oder sie kraft anderer Gesetze versicherungsfrei in der GKV sind. Was läge da näher, als diesen freien Bürgern die freie Verhandlungsmacht für ihre Gesundheitsleistungen „am Markt“ zu überlassen? Das könnte zwar zu wahren Kostenexplosionen wie in den USA führen, aber das trifft dann ja nur Privatversicherte wie die Professoren des SVR Wirtschaft. Wenn die mehr Wettbewerb wollen, dann können sie ihn gern bekommen. – S. N.


17. November 2018

Leserbrief zu „Irgendwie von gestern“ von Sebastian Müller

Der Artikel von Herrn Müller trifft Friedrich Merz, ist aber bei Jan Zielonka „genial daneben“. Zielonka hat eben „Counterrevolution“ veröffentlicht. Das Buch ist als Antwortschreiben auf „Über die Revolution“ von 1989 von Ralf Dahrendorf angelegt, also als Auseinandersetzung mit „1989“. Zielonka fragt sich in seinem Buch, wie sich die Welt seit ’89 entwickelt hat. Er zeichnet ein sehr kritisches Bild, erklärt die meisten liberalen Vorstellungen für überholt. Mit „End of History“ hat dieser Autor so gar nichts zu tun. (Was auch für Dahrendorf gilt, wie man an dessen Buch über die Wiedergeburt der Geschichte sehen kann.) Den Neoliberalismus lehnt Zielonka explizit ab, die EU will er reformieren. („New Medievalism“ nennt er das in anderen Veröffentlichungen, hierzulande besser bekannt als „variable Geometrie“.) Und auch mehr soziale Gerechtigkeit will er, sagt Bindungen in einer Gemeinschaft müssen her. Auch eine Ablehnung des Nationalstaates zugunsten entfesselter Globalisierung kann man ihm also nicht unterstellen.

Mit derart selbstkritischen („politischen“) Liberalen wie ihm könnte man wohl über viele Dinge reden, die der arrogante Herr Merz schlicht vom Tisch wischt. (Zumal Zielonka Lobbies wie sie Merz vertritt die Macht nehmen will.) Kurz: Zielonka ist nicht Ralf Fücks – dem könnte man so kommen wie Herr Müller dies bei Zielonka macht.

Und auch die „Mauer-Frage“: Ist das wirklich so einfach? „Können“ „wir“ Gouvernance? Liest man Wendy Brown’s einschlägiges Buch oder die Arbeiten von Michel Agnier, dann sieht man doch, wie groß die Aufgabe ist. Und hier – meine ich – verdienen selbstkritische Liberale wie Zielonka mehr Gehör. Was nicht anstrengend ist. Es gibt viel zu wenige Zielonkas und deutlich zu viele „Liberale“ vom Typus Merz oder Fücks – Udo Sladek


15. November 2018

Leserbrief zu „Wer ist heute eigentlich progressiv?“ von Sebastian Müller

Ich verstehe ja, was Sebastian Müller mit seinem Beitrag „Wer ist eigentlich heute progressiv?“ vorhatte und stimme vielen seiner Kritikpunkte komplett zu. Aber „Unter den dort geschaffenen Voraussetzungen brachte das 19. Jahrhundert ein bis dato nie dagewesenes Phänomen, nämlich einen hundertjährigen Frieden, der mit kurzen Unterbrechungen von 1815 bis 1914 dauerte.“ ist so kurzsichtig und eurozentrisch, dass es mir schlicht den Atem verschlägt.

Gerade ab 1870 führten die europäischen Großmächte Krieg in Afrika und Asien, um sich Kolonien zu sichern und brauchten dabei Zehn- oder sogar Hunderttausende um. Das heißt, dass Verstaatlichung keineswegs automatisch zu Frieden führt, wenn diese Staaten die Kapazitäten und den politischen Willen haben, schwächere Staaten anzugreifen. – Albrecht Zimmermann


14. November 2018

Leserbrief zu „Liberalismus und Loyalität“ von Erik Jochem

Mit großem Interesse habe ich Ihren sehr interessanten Artikel gelesen. Sie stellen vollkommen korrekt fest:“ (…) unsere Gesellschaft basiert als Ganzes nicht auf dem Grundsatz des Eigennutzes, sondern auf einer Praxis der Selbstlosigkeit“.

Damit treffen Sie den Kern der gegenwärtigen gesellschaftlichen Debatten um das Selbstverständnis der westlichen Gegenwartsgesellschaften, die sich selbst als marktwirtschaftlich beschreiben. Als Erfinder dieses Selbstverständnisses nennen Sie den englischen Ethiker Adam Smith mit seinem weltberühmten Modell der „unsichbaren Hand“ und stellen die aktuelle Standardinterpretation dazu vor, nämlich das „Bild der unsichtbaren Hand, die automatisch dafür Sorge, dass Eigennutz in Gemeinnutz umschlage, verabsolutiert sodann die Smith’sche Beobachtung zur Ideologie des freien Marktes …“

Die in diesem Zusammenhang von Ihnen listigerweise gestellte rhetorische Frage „ob es sich dabei nicht um die verkappte „Hand Gottes“ handelt“, wollen Sie jedoch nicht beantworten.

Warum in dieser Frage das Urdilemma der modernen ökonomischen Theorie liegt und warum die „unsichtbare Hand“ tatsächlich die verkappte Hand Gottes darstellt, werde ich im Folgenden kurz darlegen.

Als Adam Smith das Bild der „unsichtbaren Hand“ in seinem Werk „Der Wohlstand der Nationen“ (1776) verwendete, befand Europa sich im Zeitalter des Absolutismus an der Schwelle zur Aufklärung. Die Herrschaft des feudalen Adels war von der hierzu benötigten Kirche jahrhundertelang als „von Gott verliehene Macht“ als „von Gottes Gnaden“ gerechtfertigt worden (Gottesgnadentum). Kant hatte den Satz von der Aufklärung als „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (1784) formuliert. Mit seiner Schrift „Vom ewigen Frieden“ (1795) hatte er erstaunlich ungestraft überlegt, dass ewiger Frieden nur in einer republikanischen Rechtsordnung möglich sei.

In Frankreich hatten die Enyklopädisten um Diderot die „Enzyklopädie“ als Wissenssammlung der Zeit erstellt (1751), um deutlich zu machen, dass durch menschlichen Geist und Arbeit und nicht durch göttliche Herrschaft gesellschaftlicher Wohlstand entsteht.

Adam Smith hatte in „Der Wohlstand der Nationen“ mit seinen Ausführungen zur Stecknadelproduktion die Leistungsfähigkeit einer arbeitsteiligen Produktion deutlich gemacht. Marx hatte die individuellen Folgen daraus für den Arbeiter und die kollektiven für die Gesellschaft später als „Entfremdung“ bezeichnet. Frederick Taylor nannte das dann 1911 „wissenschaftliche Betriebsführung“ als Grundlage der Massenproduktion. Ford produzierte ab 1913 nach diesem System Autos am Fließband und Charlie Chaplin hat 1936 darüber den immer noch sehenswerten Film „Moderne Zeiten“ gedreht.

Die neuen naturwissenschaftlich-technischen Methoden und ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten machten für jeden sichtbar, dass die theologische Dogmatik zur Begründung und Rechtfertigung von Herrschaft und Reichtum nicht mehr geeignet war.

Luther hatte die katholische Dogmatik zerstört, indem er erklärt hatte, dass jeder Mensch direkt von Gott gerechtfertigt ist und es hierzu keiner katholischen Kirche und keiner menschlichen Werke (Ablass) bedarf. Die Kernthese der Reformation besagt, dass der einzelne Mensch sein Heil allein aus göttlicher Gnade gewinnen kann. Smith und Kant waren Protestanten.

Mit der Rechtfertigungslehre war auch ein individuelles Gewissen, eine individuelle Moral denkmöglich geworden, eine institutionelle Kirche allerdings überflüssig.

Max Weber hat unter Bezug auf die Prädestinationslehre von Calvin diese Zusammenhänge als den Grund für den Erfolg des „Kapitalismus“ 1905 in seinem berühmten Aufsatz:“ Die protestantische Ethik und Geist des Kapitalismus“ beschrieben. Galileo hatte naturwissenschaftlich gezeigt, dass die Erde um die Sonne kreist, Newton hatte 1680 die Newton´schen Gesetze aufgestellt. Theologische Dogmen zum Verständnis und zur Erklärung der Welt waren nicht mehr sinnvoll.

Die Bedeutung des Modells von der „unsichtbaren Hand“ von Adam Smith, die das wirtschaftliche Handeln von Menschen – scheinbar unsichtbar – koordiniert, liegt nun darin, dass es dadurch möglich wird, die theologische Begründung der Macht des einen feudalen Herrschers „von Gottes Gnaden“ auf alle Menschen zu übertragen und damit jeden egoistischen Fleischer, Schneider, Bankier zu einem durch Egoismus vernunftbegabten Menschen macht.

Gottes Gnade war fortan „unsichtbar“. Der einzelne Wirtschaftsmensch benötigte auf diese Weise nicht mehr die koordinierende Hand des absoluten Herrschers, der seine „Landeskinder“ zu ihrem eigenen Wohl – unter Androhung von Strafen – bevormunden musste, denn er war nun selbst vernünftig. Er konnte von seiner Vernunft öffentlichen Gebrauch machen.

Im orthodoxen ökonomischen Modell vom rationalen, nutzenmaximierenden „Homo Oeconomicus“ als konzeptionelle Grundlage für die mathematisch orientierten Gleichgewichtsmodelle in der weiteren Entwicklung der ökonomischen Theorie wird ein weiteres theologisches Erbe sichtbar. In der Vorstellung vom vollkommenen Markt, auf dem der „Homo Oeconomicus“ zu jeder Zeit alle Preise und alle Mengen kennt, scheint deutlich der alte jüdisch-christliche Gott, der Allwissende Gott (Hiob 37,16; Daniel 2, 22) durch.

Mit Adam Smith´ „unsichtbarer Hand“ wurde das theologische Konstrukt des Gottesgnadentums („Durch mich regieren die Könige“, Buch der Sprichwörter 8,15) als Herrschaftsbegründung aus der feudalen in die bourgeoise Epoche übernommen. Die Vernunft des unsichtbaren Egoismus begründet nun die Herrschaft des modernen individuellen Wirtschaftssubjekts in der Marktgesellschaft.

In dieser Konstruktionsgeschichte liegt jedoch auch das Dilemma des Nachtwächterstaats. Durch die Übersetzung der protestantischen Rechtfertigungslehre in den individuellen Egoismus der profanen Welt der Wirtschaft erscheint auch keine umfassende koordinierende Institution Staat mehr erforderlich.

Dass es in der heutigen Realität einer sozialen Marktwirtschaft trotzdem einen demokratischen Rechtsstaat gibt, zeigt lediglich empirisch an, dass der individuelle Egoismus der „unsichtbaren Hand“ als gesellschaftliches Steuerungsinstrument in einer modernen Gesellschaft doch nicht ausreichend vernünftig ist. – Stephan Müller


13. November 2018

Leserbrief zu „Wer ist heute eigentlich progressiv?“ von Sebastian Müller

In seinem jüngsten Beitrag wirft Sebastian Müller Rechtsansrchisten, Linksanarchisten und Linksliberale in einen Topf und produziert so einen verstörend realitätsfernen Beitrag.

Mir ist kein einziger Sozialist (und erst recht kein Linksanarchist) bekannt, dem die gerechte Güterverteilung egal wäre. Auch lehnen selbst Linksanarchisten keineswegs Regeln und deren Durchsetzung ab.

Die Staatsskepsis von Linksanarchisten erklärt sich – anders als bei Anarchokapitalisten und verblendeten Linksliberalen – schlicht durch die Verwendung eines anderen Staatsbegriffes. Linksanarchisten wie Noam Chomsky unterscheiden eben zwischen einer durchaus erstrebenswerten Föderation freier Menschen, die sich im Kollektiv (!) selbst Regeln geben und diese auch durchsetzen und dem real existierenden Staat, der das Recht des Stärkeren gerade nicht einhegt, sondern es mit ständigen marktradikalen „Reformen“ und ungerechtfertigten Diätenerhöhungen für Politiker repräsentiert und für den soziale Wohltaten, wie jeder normale Mensch sie sofort beschließen würde, wenn er was zu sagen hätte, kein Selbstzweck sind, sondern lediglich dazu da, die breite Masse abzuspeisen und davon abzuhalten, die Herrschaftsverhältnisse radikal infrage zu stellen.

So diente zum Beispiel Bismarcks Antwort auf die soziale Frage keineswegs genuin dem Wohl der Menschen, sondern dem Wohl des Adels und des Großkapitals, die stets fürchten müssen, dass die Unterdrückten sich erheben und sie enteignen. – Markus Pfeifer


07. November 2018

Leserbrief zu „Die wirtschaftliche Lage in Bulgarien und Rumänien“ von Heiner Flassbeck

Zwei kleine Hinweise zu dieser Artikelserie. Die Vermutung, dass im Falle Bulgariens Abwanderungseffekte die Rate der Arbeitslosigkeit schönen, kann man wohl bestätigen: In einem Interview am 1.11. auf den Nachdenkseiten sagt Hannes Hofbauer, dass Bulgarien in den vergangenen 25 Jahren 41% seiner aktiven Bevölkerung zwischen 25 und 40 Jahren verloren hat.

Und die Grafik zur Bevölkerungsentwicklung in Europa in den vergangenen 30 Jahren (in der LMd vom Juni) macht auf einen Blick die fast schon dramatische Entwicklung in vielen Staaten des ehemaligen Ostblocks deutlich (wobei hier auch die natürliche Entwicklung mit einfliesst, die Abwanderung der Jüngeren lässt natürlich die inländischen Geburten zurückgehen). – Heiner Biewer


05. November 2018

Leserbrief zu „Chronist der liberalen Sinnkrise“ von Roberto J. De Lapuente

„Menschen, die mit ihm zu tun hatten, attestieren ihm einen schwierigen Charakter – was man sich als nicht Involvierter gut ausmalen kann. Wahrscheinlich steckt viel von ihm in seinen Romanfiguren, derselbe Ekel vor der Mediokratie, dieselbe Frage nach dem Sinn eines Gemeinwesens, in dem das Individuum sich zwar frei entfalten kann, aber im kollektiven Verbund lediglich Entsolidarisierung und Vereinsamung kennenlernt“.

Ich sehe eher die viel zu vielen als schwierig an, die sich nicht angeekelt fühlen von der Entsolidarisierung, etc. Adorno ist für mich hilfreich: Theodor W. Adorno über die Bedeutung zwischenmenschlicher Kälte – you Tube ca. 3 Min.

Danke für ihre sehr gute Arbeit – Georg Gärtner


02. November 2018

Leserbrief zu „Es gibt keine richtige Politik in der falschen Wirtschaftsideologie“ von Heiner Flassbeck

HEINER FLASSBECK spricht in seinem aktuellen Artikel „Es gibt keine richtige Politik in der falschen Wirtschaftsideologie“ zutreffend von“ der ungeheuren Konzentration der öffentlichen Diskussion auf den Klimawandel“. Ich möchte ihn und die ganze Redaktion darauf aufmerksam machen, dass es sehr gute Argumente dafür gibt, dass das Klimathema Gegenstand eines gewaltigen und globalen Schwindel- und Manipulationsmonövers ist, initiiert durch die Politik und inhaltlich unterfüttert von willfährigen Wissenschaftlern. Die Gegenargumente werden in Deutschland vorgetragen von einer profilierten Minderheit von Klimatologen, fast alle aktive oder pensionierte Professoren der Klimaforschung, welche die Ursächlichkeit des CO2 für den Klimawandel mit Nachdruck bestreiten.

Ich bezeichne kurz drei dieser Gegenargumente. Erstens: Der Anteil des CO 2 an der Atmosphäre beträgt nur 0,045 %, wovon der anthropogene Anteil wiederum nur 3,5 % beträgt. Dieser minimale Anteil des menschengemachten CO 2 soll Auslöser des gewaltigen durch die Klimaalarmisten prognostizierten Klimawandels sein?
Zweitens: Die Geschichte de Erde ist gekennzeichnet durch wechselnde Kalt- und Warmphasen , z.B. gab es im 16./17. Jahrhundert die „kleine Eiszeit“, im Hochmittelalter eine Warmphase mit sehr viel höheren Temperaturen als heute, ebenso in der Römerzeit. Die letzte große Eiszeit ( „Würmeiszeit“) ging vor 10T. Jahren zu Ende. All diese historischen Klimaänderungen erfolgten offensichtlich ohne Zutun des Menschen, nämlich vor Beginn der Industrialisierung. Gegenwärtig befindet sich die Erde in einer Warmphase im Nachgang zur „kleinen EIszeit“, einer Warmphase, welche mit CO 2 nichts zu tun und welcher eine Kaltphase folgen dürfte.
Drittens: Es spricht viel dafür, dass die wahre Ursache der Klimaveränderungen auf der Erde wechsende Aktivitäten der Sonne, gemessen an der Anzahlt der Sonnenflecken, sind.

Einen sehr guten ersten Eindruck von den Argumenten der Klimaskeptiker kann man gewinnen anhand aktueller Videos aus 2018 von Prof Kirstein. Die Mehrzahl der Klimaskeptiker hat sich im „Europäischen Institut für Energie und Technik“ ( EIKE) organisiert. Ich rege an, dass die Redaktion mal Kontakt zum EIKE aufnimmt mit der Bitte um einen Beitrag für Makroskop. Ich selber bin vor kurzem an das Institut herangetreten mit der Anregung, kritisch zu einem Artikel im „Leviathan“ ( Heft 3, 2018) Stellung zu nehmen, welcher vom deutschen Klimaoberalarmisten H.-J. Schellnhuber verfasst ist

Unter wissenschaftspolitischem Aspekt ähnelt die Klimadebatte in Deutschland der ökonomischen Diskussion: Einem sich irrealer Argumente bedienenden Mainstream ( Klimaalarmisten hier, Neoklassiker/Neoliberale dort) steht eine qualifizierte Minderheit( Klimaskeptiker hier und Keynesianer dort) gegenüber – Prof. Dr. Peter Nahamowitz 


31. September 2018

Leserbrief zu „Der italienische Patient: Eine aktuelle Bestandsaufnahme“ von Heiner Flassbeck

Ich hatte in meiner letzten Mail geschrieben, dass die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Interpretationen von Wirtschaftsdaten (und die daraus gezogenen Schlussfolgerungen) für Makroskop-Leser äußerst lehrreich sein kann, weshalb ich Sie auf diesen wiiw-Artikel aufmerksam machen möchte: https://wiiw.ac.at/n-346.html

Das Erstaunliche ist nämlich, dass in diesem durchaus seriösen Artikel ähnliche Daten herangezogen werden wie hier: https://makroskop.eu/2018/06/der-italienische-patient-eine-aktuelle-bestandsaufnahme/, der Autor aber dennoch zu völlig unterschiedlichen Schlussfolgerungen gelangt, z.B. „In any case, it would be very difficult to show that it was the adoption of the euro that caused or contributed to deindustrialisation…“

Und das ist auch der Grund, warum ich diese Mail schreibe, da dieser Artikel in perfekter Weise zeigt, wie leicht man in der Ökonomik zu einem gewünschten Ergebnis kommen kann:

1. Einfaches Nicht-Erwähnen bestimmter Faktoren – in diesem Fall der Gründe für die Import-Schwäche Italiens – und schon hat man einfach nur ein „rather significant trade surplus“ (Figure 5).

2. Kurz gesagt, ohne Beschriftung würde man wohl nie auf die Idee kommen, dass Figure 6 und Abbildung 7 (im Makroskop-Artikel) tatsächlich (fast) das Selbe zeigen. Wäre ich ein neoliberaler Politiker, ich hätte die wiiw-Grafik jederzeit in Griffnähe… 😉

3. Aussagen wie z.B. „Figure 8 shows manufacturing value added as a share of GDP in Italy, France and Austria. There are other comparisons that one might want to make, but the message does not really change.“ – Roland Lehner


30. September 2018

Leserbrief zu „Staat, Nation und Sozialdemokratie – 1“ von Paul Steinhardt

In seinem jüngsten Versuch, den Nationalstaat zu rechtfertigen, geht Paul Steinhardt der alles entscheidenden Frage wieder mal aus dem Weg: wann in der Geschichte der Menschheit ist es bitte gut gegangen, wenn die Unterdrückten individuell gegen den Unterdrücker gekämpft haben? Mit Brüssel haben wir leider einen europäischen Gesamtunterdrücker – und einen recht mächtigen!

Unabhängig von der Lösung des Problems, die man anstrebt – einer nationalen oder einer europäischen – muss man doch einsehen, dass der Kampf gegen Brüssel in einer breiten europäischen Allianz progressiver Kräfte geführt werden muss, um ein Chaos zu vermeiden und realistische Chancen auf Erfolg zu haben. Der Euro ist eben leider mehr als nur der alte Goldstandard, aus dem man einfach austreten konnte: er wird von supranationalen Institutionen mit Zähnen und Klauen verteidigt.

Darum und nur darum geht es jenen, die vom internationalen Klassenkampf sprechen. In der Vergangenheit mag das globale Kapital eine Fiktion gewesen sein, die man mit dem Verlassen des Goldstandards leicht ausknipsen konnte – das europäische Kapital ist mit der EZB Realität geworden und ein Bestrafungswille der Kommission gegenüber Abweichlern ist klar erkennbar.

Und wenn man schon dabei ist, den Kampf international zu organisieren, kann man natürlich fragen, ob man nicht auch eine europäische Lösung finden kann – in Abhängigkeit von den gewählten Kampf- und Organisationsformen – Markus Pfeifer


27. September 2018

Leserbrief zu „Kurz und schlecht“ von Heiner Flassbeck

Wie wir sehen, sind die Neoliberalen besser organisiert. Sie haben den exklusiven Zugang zu den Mächtigen seit Jahren, achten peinlichst darauf, dass kein anderer sich dem Zugang nähert und so kommt es zu diesen intellektuellen Offenbarungseiden unserer Politiker. Das Buch „Gespräche über die Macht und den Zugang zum Machthaber“, erschienen 1954, Autor Carl Schmitt behandelt dieses Problem im lakonischen Stil. – Jan Schulz


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