Makroskop
Schweizer Wirtschaft

Der Mythos vom „Bankenland Schweiz“

| 06. Januar 2026
Claudio Schwarz / Unsplash

Landläufig gilt der Finanzplatz als zentrales Standbein der Schweizer Wirtschaft. Doch anhand der Zahlungsbilanz wird deutlich, wie stark er mittlerweile von der Pharmaindustrie und dem Rohstoffhandel verdrängt wurde.

Einige Klischees sind schnell enttarnt. Etwa jenes der Schweizer Schokolade: Zwar hält sich die Assoziation verblüffend hartnäckig – 80 Prozent der europäischen Befragten gaben noch 1997 an, beim Wort „Schweiz“ zuerst an „Berge, Uhren und Schokolade“ zu denken. Dass die „Schoggi“ kein Wirtschaftsmotor ist, dürfte aber die wenigsten überraschen.

Andere Klischees sind weniger offensichtlich. Es gilt als Binsenweisheit, dass der Schweizer Wohlstand eng mit dem Finanzsektor zusammenhängt. Der Niedergang der Credit Suisse stärkte diesen Eindruck einmal mehr. Und natürlich ist da auch was dran: Die Branche ist schon seit dem Ersten Weltkrieg wichtig und boomte besonders während des Globalisierungsschubes der 1990er Jahre. Die „kleinen Gnome“, wie der spätere britische Premierminister Harold Wilson die Schweizer Bankiers 1956 bezeichnete, waren zusammen mit den Versicherungen für rund 11 Prozent der Wirtschaftsleistung verantwortlich. Wenn das Klischee einmal der Realität entsprach, dann in den Jahren vor der Finanzkrise 2008.

Wie sehr sich das mittlerweile verändert hat, zeigt nicht nur das Bruttoinlandprodukt (BIP), wo der relative Beitrag der Finanzdienste heute um einen Fünftel kleiner ist als noch vor 20 Jahren. Ebenso bezeichnend für das abnehmende Gewicht der Banken sind die Versuche, ihre Relevanz öffentlich unter Beweis zu stellen. So lässt sich wahrscheinlich die neuliche Intervention der Schweizer Bankiervereinigung verstehen, die sich beim Bundesamt für Statistik über „sehr massive“ Veränderungen beklagte: Eine neue Messgrundlage habe dazu geführt, dass die Leistung der Bankenbranche mit nur noch 3,7 Prozent der nationalen Wertschöpfung beziffert wurde, anstatt mit den bisherigen 5 Prozent.

Versorgung statt Wertschöpfung messen

Noch überholter wirkt die Idee vom „Bankenland Schweiz“, wenn man nicht das BIP, sondern die Zahlungsbilanz zur Hand nimmt. Sie bietet eine Übersicht aller Transaktionen mit dem Ausland, welche gerade für die Schweiz zentral sind. Denn aufgrund der relativ kleinen Bevölkerung und Fläche sowie der hoch spezialisierten Volkswirtschaft ist das Land stark von Importen abhängig. Und die müssen irgendwie finanziert werden. Wie das geschieht, verrät die Zahlungsbilanz.

Die Schweiz bezahlt ihre hohen Importe durch noch höhere Exporte. Seit den 1980er Jahren verdiente sie praktisch durchgehend mehr Geld im Ausland als umgekehrt – im Jargon: Sie verzeichnete eine positive Leistungsbilanz. Grafik 1 zeigt, welche Branchen diese Überschüsse antrieben.

Auffallend ist die relative Stagnation vieler traditioneller Exportindustrien. Zusammengenommen sind die ausländischen Nettoerträge aus den Branchen Maschinen und Elektronik, Uhren, Präzisionsinstrumente und Finanzdienstleistungen zwischen 1997 und 2024 von 35,5 Milliarden Franken auf 55,6 Milliarden Franken gestiegen. Das entspricht einem nominalen Wachstum von 57 Prozent.

Demgegenüber stehen die heutigen Exportschlager: Die Pharmaindustrie und der Transithandel – welcher zu rund zwei Dritteln aus dem Rohstoffhandel gespeist wird – steigerten ihre Nettoeinnahmen im gleichen Zeitraum um 728 Prozent. 2024 waren ihre Erträge mit 132 Milliarden fast zweieinhalb Mal so groß wie jene der alten Exportbranchen.

Dabei sind Vorbehalte angebracht: Das abgebildete Wachstum des Transithandels ist teilweise ein statistisches Artefakt. Erst im Verlaufe der letzten 15 Jahre wurden die Daten systematisch erhoben. So wissen wir etwa von historischen Arbeiten, dass die Rohstoffhändler bereits in den 1930er Jahren im Ausland ähnlich viel Geld verdienten wie die Banken.

Die Kapitäne des Team Switzerland

Das heutige Ungleichgewicht ist jedoch real. Es lässt sich etwa in den jüngsten außenpolitischen Strategien der Schweiz ablesen. Nachdem es der Schweizer Regierung nicht gelungen war, den gekränkten US-Präsidenten Donald Trump von seinen hohen Importzöllen für Schweizer Produkte abzubringen, versuchte es eine Gruppe von hochkarätigen Wirtschaftsführern in Washington.

Das sogenannte Team Switzerland wollte Trump davon überzeugen, dass die Schweiz bereit sei, ihren Tribut zu zollen. Zwar war mit Alfred Gantner, Chef der Private-Equity-Firma Partners Group, ein Vertreter der Finanzindustrie daran beteiligt, doch die größten Investitionsversprechen machten die Pharmaunternehmen Roche und Novartis. Der Genfer Rohstoffhändler Daniel Jaeggi, ebenfalls Teil des Team Switzerland, sicherte wiederum Investitionen im amerikanischen Gasnetz zu. Mehr noch: Womöglich versprach die Delegation mit Jaeggis Hilfe, hohe Mengen an Flüssiggas in den USA einzukaufen. Was nicht in der Schweiz verbraucht würde, könne Jaeggis Rohstoffhandelshaus Mercuria über seine Absatzkanäle anderswo verkaufen.

Die Schweiz ist stark von ihren Exporteinnahmen abhängig. Nicht nur für ihr Wachstum, sondern auch für ihre Versorgung mit Importgütern. Die Statistik sowie die Politik liefern Belege dafür, wo diese Einnahmen – und der damit verbundene Einfluss – heute herkommen. Zeit, dass sich auch die Narrative ändern.