Eine ressourcenbasierte Sichtweise zu nachhaltigen Staatsfinanzen: Eine Replik auf Steffen Murau und Moritz Kapff
Auf welche Zahlen kommt es an, wenn wir die Nachhaltigkeit unserer Staatsfinanzen gewährleisten wollen? Daten zur Auslastung „realer Ressourcen“ sind für die Fiskalpolitik informativer als monetäre Salden.
Die Politökonomen Steffen Murau und Moritz Kapff haben Ende Oktober vier Sichtweisen zu nachhaltigen Staatsfinanzen im Wirtschaftsmagazin Surplus vorgestellt. Leider verfehlen sie damit wesentliche Fragen.
Folgende drei Kernideen haben Murau und Kapff:
- Der Staat soll seine Fiskalpolitik nach der Stabilität der Staatsschuldenquote ausrichten.
- Der Staat müsse immer private Kreditgeber finden, um seine Ausgaben zu "fundieren". Er bleibe nur zahlungsfähig, solange er private Gläubiger davon überzeugen kann, dass er mit seinen Ausgaben ausreichend große Einnahmen erzielen wird.
- Zinsen auf Staatsanleihen (in eigener Währung) stellen einen Risikoaufschlag für einen möglichen Zahlungsausfall dar.
Die theoretischen Grundlagen dieser Annahmen werden im Folgenden mit der der Modern Monetary Theory (MMT) kontrastiert, denn letztere stellt eine weit bessere Linse dar, um die Ursachen der Eurozonenkrise zu verstehen. Außerdem wird sich zeigen, dass die Grenzen des fiskalpolitischen Spielraums nicht in der Höhe der Staatsschuldenquote liegen, sondern in den realen Kapazitäten einer Volkswirtschaft.
Die falschen Zielwerte
Die Staatsschuldenquote ist keine aussagekräftige Kennziffer. Das sehen nicht nur heterodoxe Ökonomen wie der MMTler Michael Paetz so. Selbst führende Mainstream Ökonomen wie Larry Summers und Jason Furman halten sie für ein “irreführendes Maß fiskalischer Nachhaltigkeit”. In einem lesenswerten Paper führen sie aus, warum es wenig sinnvoll ist, eine Bestandsgröße (die ausstehenden Staatsanleihen) durch eine Flussgröße (das BIP eines Jahres) zu teilen.
In einem Interview mit dem Institut für Makrofinanzen Dezernat Zukunft zum oben genannten Paper brachte Furman ein sehr pointiertes Beispiel zur Beliebigkeit dieses Maßstabs:
“Wenn Sie die US-Schuldenquote auf Grundlage des BIPs [sic!] eines Monats berechnen, zum Beispiel Dezember 2020, liegt sie bei über 1.000 Prozent. Auf Grundlage des BIPs [ebd.] eines ganzes [sic!] Jahrzehnts hingegen, zum Beispiel der 2010er Jahre, läge sie bei etwa 10 Prozent. Welche Zeiteinheit sollten wir also für den Nenner verwenden? Einen Monat, ein Jahr, ein Jahrzehnt?"
Was intuitiv relevant erscheint und von konservativen Ökonomen und Medien gebetsmühlenartig gepredigt wird, entpuppt sich als Nebelkerze. Auch aus der zeitlichen Entwicklung oder Konstanz der Staatsschuldenquote kann man wenig folgern.
Beispiel Eurozonenkrise: Vor ihr lagen die stetig sinkenden Staatsschuldenquoten von Irland und Spanien bei circa 30 Prozent, also deutlich unter der 60-Prozent-Marke der EU-Schuldenregeln und dem damaligen EU-Durchschnitt. Portugal lag zu dieser Zeit etwa auf deutschem Niveau.
Die Fiskalpolitik dieser drei ehemaligen “Musterschüler” der Eurozone ließ jedoch makroökonomische Ungleichgewichte genauso wie eine übermäßige Verschuldung der privaten Haushalte entstehen, die letztendlich zum Abschwung führten. Den staatlichen Überschüssen der damaligen Zeit standen gewaltige private Schuldenberge gegenüber. Nach dem Platzen der Blase bedurfte es großer staatlicher Finanzspritzen, um die privaten Bilanzen einigermaßen zu kitten und die Wirtschaft wieder zum Laufen zu bringen.
Die Bedeutung dieser Kennzahl ist in der VWL – sowohl im Mainstream als auch unter Heterodoxen – weit kontroverser als von Murau und Kapff dargestellt. Auch die Richtwerte der Schuldenregeln sind – anders als häufig impliziert – nicht durch wissenschaftliche Erkenntnisse untermauert, sondern Ausdruck politischer Willkür, wie etwa der Volkswirt Jan Priewe kompakt darstellt.
Zur Fundierung
Steffen Murau ist Vertreter einer Denkschule, die sich Critical Macro Finance (CMF) nennt und wesentliche geldtheoretische Ideen aus dem “Money View” des US-Wirtschaftswissenschaftlers Perry Mehrling inkorporiert. Es handelt sich wie bei der MMT um eine heterodoxe Denkschule, die bei ihren wirtschaftlichen Analysen das Geldsystem in den Mittelpunkt stellt.
Vertreter der Critical Macro Finance wie Murau und Tobias Pforr beschreiben den Prozess der Geldschöpfung im Zuge von Staatsausgaben als beidseitige Bilanzverlängerung, deren Effekte identisch mit der privaten Buchgeldschöpfung seien. Für sie sind Währungen – wie Euro, Pfund und Dollar – Buchungswährungen (units of account), in denen solche Zahlungsversprechen denominiert werden.
Auch staatliches Geld ist aus dieser Sicht kein “Fiat-Geld”, sondern lediglich ein Zahlungsversprechen in einer lokalen Währungseinheit. Jede Geldform – inklusive staatliches Geld – stellt demnach ein Zahlungsversprechen in einer hierarchisch höheren Geldform dar, siehe Abbildung 1:
Das mag seltsam klingen, da es heutzutage kaum feste Wechselkurse oder einen Goldstandard gibt, die oder der ein Zahlungsversprechen in staatlicher Währung darstellen könnten. Dazu heißt es in Muraus und Pforrs What is money in a critical macro-finance framework?:
„Banknoten sind formal ein Versprechen, höherwertiges Geld zu bezahlen, doch in Ermangelung eines empirischen Instruments, das dieses Versprechen einlösen könnte, sind sie nichts weiter als ein Versprechen, sich selbst zu bezahlen. Kein Land formuliert das so unverblümt wie das Vereinigte Königreich, wo auf dem Fünf-Pfund-Schein steht: ‚I promise to pay the bearer on demand the sum of five pounds‘. Dieses Element der logischen Rekursion, das Zentralbankgeld zugleich zu einer Schuld und einer Nicht-Schuld macht, mag für einige intellektuell unbefriedigend sein, sollte unserer Ansicht nach jedoch als Referenzpunkt in der kritischen makrofinanzwirtschaftlichen Forschung dienen.“ (S. 58, Eigene Übersetzung)
Funktional betrachtet, benötigt der Staat aus dieser Sicht immer ein privates Gegenüber, welches bereit ist, seine Bilanz ebenfalls beidseitig zu verlängern und ihm die nötige Liquidität gutzuschreiben, sodass er seine Ausgaben tätigen kann.
Es gibt laut Mehrling keine „chartalistische“ Währung, die der Staat einseitig bei seinen Ausgaben schöpft und dessen Akzeptanz er durch seine Erhebung von Steuern durchsetzt. Die Akzeptanz muss stets wechselseitig erfolgen. Der Staat wird also wie ein (sehr großer) privater Haushalt gesehen, der nur in der Lage ist, Zahlungsversprechen in Public "Inside" Money (Mehrling 2020) von einer höheren Geldform zu schöpfen, deren Erfüllung nicht vollständig garantiert werden kann.
MMTler wie Randall Wray beschreibt staatliche Währungen hingegen als "Outside Money", dessen Wert nicht durch die Glaubwürdigkeit eines Zahlungsversprechens in einer höheren Geldform abhängt. Stattdessen bemisst sie sich an der Fähigkeit der Regierung, die Akzeptanz der Währung als Zahlungsmittel mit Steuern durchzusetzen und den Wert der in dieser Währung bepreisten Produkten.
Die MMT kann sich aus der „intellektuell unbefriedigend[en]“ logischen Rekursion lösen, indem sie die die Nachfrage der Währung nicht in einem Zahlungsversprechen begründet sieht. Stattdessen beruht sie auf ein Akzeptanzversprechen: nämlich, dass man seine Steuerschuld mit ihr tilgen kann.
Aus dieser Sicht sitzen nun die Währungen als staatliches Geld selbst an der Spitze der Geldhierarchie, während nur privates Geld beziehungsweise private Schulden „inside money“ darstellen. Ausnahmen bilden jedoch Länder, die einen festen Wechselkurs oder Goldstandard haben.
Konkret beschreiben MMT-Ökonomen wie Dirk Ehnts und Jonas Plattner, wie der deutsche Staat bei seinen Ausgaben erst dem Bankensektor Zentralbankgeld gutschreibt und die Geschäftsbanken die Buchgeldkonten der Zahlungsempfänger um diese Summe hochsetzen. Anschließend muss der Bund laut EU-Recht Anleihen (langfristig, handelbar) in Höhe des Defizits verkaufen oder Liquiditätskredite (kurzfristig, nicht handelbar) aufnehmen, um sein überzogenes Konto bei der Bundesbank wieder auf null zu bringen.
Das Bundesfinanzministerium macht klar: Falls das Konto einen positiven Saldo beim Tagesabschluss aufweist, wird damit eine Geldanlage als Schlussgeschäft getätigt. Ein positiver Kontostand wird also nicht in den nächsten Tag übertragen – man fängt morgens wieder bei null an. Nur dann darf ein Eurozonenland am nächsten Geschäftstag wieder Ausgaben tätigen und bleibt zahlungsfähig.
Durch den Verkauf von Staatsanleihen werden jene Zentralbankeinlagen, die zuvor durch staatliche Ausgaben entstanden sind, in gleicher Höhe in Staatsanleihen überführt. Durch diese Umwandlung wurde die Staatsausgabe, nicht “fundiert”, sondern lediglich ihr Effekt auf die Zentralbankgeldmenge ausgeglichen. Wenn die Regierung ihr Zentralbankkonto permanent überzöge, würde das für eine Zahlungsempfängerin am anderen Ende keinen Unterschied machen. Sie hat ihre Zahlung längst erhalten.
Der Staat muss sich also kein privates Geld leihen, um seine Ausgaben zu fundieren. Stattdessen muss er Privaten staatliches Geld gutschreiben oder leihen, wenn er ihnen Anleihen verkaufen will. Die Vorschrift der EU, so vorzugehen, entspricht dem monetaristischen Gedanken, dass die Geldmenge konstant gehalten werden muss, um Preisstabilität zu wahren.
Mit den großen Anleihekaufprogrammen der Vergangenheit versuchten die Zentralbanken vergebens, die Wirtschaft anzukurbeln, indem sie diesen Umtausch rückgängig machten und den Geschäftsbanken Zentralbankgeld für die Anleihen gutschrieben. Denn von einer größeren Zentralbankgeldmenge versprachen sie sich „monetäre Anreize“ für die Wirtschaft.
In der fälschlichen Annahme, dass Banken Zentralbankgeld weiterverleihen könnten, rechneten sie mit einer Lockerung der Kreditbedingungen für die Realwirtschaft, so der damalige Chefökonom von Standard & Poor's Paul Sheard. Stattdessen demonstrierten sie lediglich, dass es für das Verhalten von Geschäftsbanken und somit für die Realwirtschaft und das Preisniveau ziemlich irrelevant ist, ob Banken Zentralbankeinlagen oder Staatsanleihen in ihren Bilanzen halten.
Ähnlich wie bei Sparkonten für private Bankkunden erhalten Banken einen kleinen Zinssatz, dafür, dass sie in Kauf nehmen, dass sie ein etwas weniger liquides Zahlungsversprechen halten – statt Reserven bilanzieren sie nun Anleihen als Aktivposten.
Im Normalfall sind Banken durch die höheren Zinsen auf Staatsanleihen sehr dazu geneigt, möglichst viele ihrer Zentralbankeinlagen umzutauschen, zumal sie die Anleihen leicht als Sicherheiten zum Leihen von Zentralbankgeld hinterlegen können. Meist sind die Zinsen auf Staatsanleihen also nur ein leichter Aufschlag auf die Leitzinsen der Zentralbank.
Es kann jedoch zu Ausnahmen kommen, wie etwa in der Eurozonenkrise. Wir werden jedoch sehen, dass die Zinsen auch bei solchen Abweichungen im Grunde von der Notenbank kontrolliert werden.
Die MMT postuliert, dass das Defizit eines Staates zu einem Überschuss im Privatsektor (oder dem Ausland) führen muss. Wenn der Staat also ein Defizit fährt und dabei beispielsweise Rentenzahlungen tätigt, verlängert sich die Vermögensseite der Bilanz keineswegs, da er kein neues Vermögen erwirbt. CMF-Ökonomen wie Murau und Kapff vermuten, dass der Staat nun höhere Zinsen zahlen müsste, da er keine neuen Zahlungsströme schafft, um diese Anleihen begleichen zu können, wodurch das Ausfallrisiko steigt.
MMT-Ökonomen würden erwidern, dass er die einzigen Mittel, mit denen Anleihekäufe getätigt werden können (Zentralbankgeld), durch seine Ausgabe in Umlauf gebracht hat. Banken kaufen ihrem Profitkalkül folgend Staatsanleihen, sofern sie diese zur Not verlässlich wieder liquidieren können. Der Effekt einer steigenden Staatsschuldenquote oder eines höheren Defizits auf den Anleihezins ist somit nichtig.
Sorgen, dass deutsche Staatsanleihen keine Käufer finden sollten, sind also weitestgehend fehlplatziert. Dies bestätigte auch der Co-Geschäftsführer, der von Murau und Kapff angesprochenen Bundesrepublik Deutschland – Finanzagentur GmbH Tammo Diemer der Tagesschau in diesem Sommer. “Das [sic!] dem Bund jemals die Kreditgeber ausgehen werden – auch bei steigenden Staatsausgaben –, sei nicht denkbar". Hierbei seien auch Zinseffekte eingepreist.
Dass der Staat anschließend Staatsanleihen in Höhe seiner Ausgaben verkauft, ist nicht wie bei der Aufnahme eines privaten Hauskredits funktional bedingt, sondern dient der Erfüllung einer politischen Regel. Dies ist auch aus MMT-Sicht nicht per se ein Problem oder ein Umstand, der einen davon abhält, sonst eine MMT-informierte Wirtschaftspolitik zu betreiben – zumindest so lange, wie die Zentralbank nicht mit ihrer Geldpolitik dazwischenfunkt und verhindert, dass Geschäftsbanken ihre Staatsanleihen leicht wieder in Zentralbankgeld tauschen können. Was in einem solchen Fall geschieht, zeigt der folgende Abschnitt.
Zinsen: Eine weitere Nebelkerze der fiskalischen Nachhaltigkeit
Zinsen auf Staatsanleihen sind aus der Sicht von Murau und Kapff ein Risikoaufschlag auf Staatsanleihen, auch wenn diese in der eigenen Währung herausgegeben werden. Aus Sicht der MMT werden diese durch die Zentralbank kontrolliert.
Wie Murau und Kapff klar machen, dürften die "Zinsen für die strukturelle Staatsschuld nicht zu stark steigen und die Wirtschaft [müsse] stabil wachsen", um die Staatsschuldenquote konstant zu halten und somit "nicht grundsätzlich über unsere Verhältnisse" zu leben.
Mit der Staatsschuldenquote kann man die Eurozonenkrise aber herzlich wenig erklären. Während Griechenland im Frühjahr 2012 mit einer Staatsschuldenquote von 168 Prozent bis zu 29 Prozent Zinsen auf neu verkaufte 10-jährige Anleihen zahlen musste, zahlte es im Frühjahr 2021 mit mehr als 230 Prozent Staatsschuldenquote weniger als einen Prozent Zinsen.
Paradoxerweise stammt einer der besten Analysen, die hilft, zu verstehen, wie es zur Eurozonenkrise kam, ausgerechnet von Vertretern der Critical Macro Finance. Diese machen auf einen weiteren wichtigen Kanal der EZB aufmerksam, der neben der Zinspolitik und dem An- und Verkaufen von Wertpapieren die Preisbildung am Anleihemarkt beeinflusst. Dieser entzieht sich jedoch der allgemeinen Aufmerksamkeit.
Ausgangspunkt ist, dass die Zinsdifferenzen, genannt Spreads, zwischen den Renditen auf Staatsanleihen der Eurozonenländer im Zuge der Eurozonenkrise anstiegen:
Diese lassen sich durch Zins- und Offenmarktpolitik nicht erklären. Jene war schließlich für alle Staaten mehr oder weniger gleich. Laut der dritten Säule der EZB-Geldpolitik behandelt die EZB Staatsanleihen jedoch nicht vorbehaltlos als sichere Wertpapiere, stellen die Staatswirtschaftler Leonardo Antonini und Ronny Mazzocchi heraus. Das unterscheidet sie von der Federal Reserve oder der Bank of England. Stattdessen legt die EZB einen Sicherheitenrahmen fest, mit dem sie entscheidet, welche Wertpapiere sie als Sicherheit für Kredite an Banken annimmt. Sie beschließt, wie groß die Haircuts (Abschläge) auf die Tageswerte der hinterlegten Papiere sein sollen und ob sie, falls diese Werte fallen sollten, Margin Calls (Nachschussforderungen) tätigt.
Vertreter der Critical Macro Finance üben emphatische Kritik an dieser geldpolitischen Säule der EZB. Jens van ’t Klooster – ein regelmäßiger Co-Autor Muraus – betrachtet diese “markt-basierte Behandlung” von Eurozonen Staatsanleihen als “Wurzel” der Eurozonenkrise. Der Politökonom Jakob Vestergaard und die Begründerin der Critical Macro Finance Daniela Gabor bezeichnen die Sicherheitenpolitik der EZB während der Eurozonenkrise als "prozyklisch".
Gabor und der Politikwissenschaftler Cornel Ban legen nahe, dass private Clearinghäuser diesen restriktiven Maßnahmen gegenüber Ländern im Süden der Eurozone folgten und dies zu explodierenden Renditen bei ihren Anleihen führten. Zeitweilig konnte man dort beispielsweise für portugiesische Staatsanleihen etwa nur 20 Euro für 100 Euro an hinterlegten Sicherheiten leihen – ein Collateral Haircut von 80 Prozent. Griechische, portugiesische und zypriotische Staatsanleihen wurden von der EZB sowie privaten Clearinghäusern zeitweilig gänzlich als Sicherheiten abgelehnt.
Im Zuge der Corona-Pandemie lockerte die EZB ihren Sicherheitenrahmen und die Anleiherenditen der Eurozonen Länder konvergierten wieder stark – trotz historisch hoher Staatsschuldenquoten. Seit 2022 wurden diese Lockerungen schrittweise zurückgenommen, was erneut zu einer stärkeren Fragmentierung der Anleihezinsen führte.
Die oft wiederholte Behauptung, die Zinsen von Staaten mit eigener Währung orientierten sich am angeblichen Ausfallrisiko – abgeleitet aus der Schuldenquote –, steht im Widerspruch zu den vorliegenden Befunden. In einem MMT-Framework zur Eurozone, in dem die Zinsaufschläge auf Staatsanleihen von der Zentralbank kontrolliert werden, lassen sie sich gut integrieren. Demnach folgt sich der Anleihezins am von der Zentralbank kontrollierten Übernachtzins auf dem Interbankenmarkt.
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Klaus Diekmann | 19. November 2024
Im Euroraum kann die Zentralbank die Anleihezinsen zusätzlich mit ihrem Sicherheitenrahmen (und ihrer Offenmarktpolitik) beeinflussen. Mithilfe des Sicherheitenrahmens kann sie einzelne Eurozonenländer mit ihrer Zinssetzung diskriminieren. Wenn dies geschieht, wird es fälschlicherweise meist als Abstrafung der jeweiligen Fiskalpolitik durch die Anleihemärkte verstanden, der nur eine rigorose Kürzungspolitik Einhalt gebieten könne.
Eine ressourcenbasierte Perspektive auf fiskalische Nachhaltigkeit
Anstatt die Fiskalpolitik danach auszurichten, willkürliche Zielwerte der Staatsschuldenquote oder des Defizits zu erreichen, sollte sie sich an realwirtschaftlichen Zielgrößen orientieren. Denn die Möglichkeiten des Staates, reale Ressourcen zu mobilisieren, sind nicht in der Verfügbarkeit, der von ihm selbst herausgegebenen Währung begrenzt, sondern in der Verfügbarkeit dieser Ressourcen selbst.
Erzeugt der Staat in einem Markt zusätzliche Nachfrage, ohne dass dort ungenutzte Kapazitäten vorhanden sind, führt dies nicht zu mehr realer Produktion, sondern zu Preiserhöhungen. Entscheidend ist daher nicht, ob ein bestimmtes Defizit überschritten wird oder die Schuldenquote ansteigt, sondern ob in der Wirtschaft Arbeitskräfte, Maschinen, Energie oder technologische Kapazitäten verfügbar sind, die der Staat durch Ausgaben aktivieren kann.
Das Defizit oder die Staatsschuldenquote liefern dabei keine relevanten Informationen über die tatsächliche Verfügbarkeit solcher „realer“ (nicht-finanzieller) Ressourcen. Sie sagen lediglich etwas über monetäre Salden aus – nicht darüber, ob zusätzliche staatliche Nachfrage in reale Wertschöpfung umgemünzt werden kann.
Aussagekräftige Hinweise liefern hingegen reale Indikatoren wie Arbeitslosigkeit, Kapazitätsauslastung der Industrie, Engpässe in Lieferketten sowie die Preisentwicklung – sowohl gesamtwirtschaftlich als auch auf wichtigen Erzeugermärkten. Sie zeigen, ob ungenutzte Ressourcen vorhanden sind, oder ob die Wirtschaft bereits an Kapazitätsgrenzen stößt.
Muraus und Kapffs Kernideen folgend, würde man die Beschäftigung und Auslastung der Realwirtschaft schwanken lassen, um bedeutungslose Zielwerte bei der Staatsschuldenquote zu erreichen. MMTler hingegen plädieren dafür, solche Werte fluktuieren zu lassen, sodass realwirtschaftliche Zielwerte wie etwa Vollbeschäftigung und Preisstabilität erreicht werden.
Auch für Länder im globalen Süden ist diese ressourcenbasierte Perspektive auf fiskalische Nachhaltigkeit überlegen. Zwar kommt es dort gelegentlich vor, dass Importe benötigt werden, die man nicht in eigener Währung kaufen kann, sodass man finanziell von stärker Fremdwährungen abhängig ist. Allerdings sind diese in erster Linie Ausdruck einer realen Ressourcenbeschränkung, wie der MMTler Ndongo Samba Sylla nahelegt. Dies sollte kein Land davon abhalten, wenigstens die Ressourcen, die es innerhalb seiner eigenen Grenzen besitzt und kontrolliert, zu mobilisieren. Dabei sind Devisen in Fremdwährungen im Gegensatz zur eigenen Währung knappe Ressourcen, wie es reale Ressourcen auch sind. Der staatliche Handlungsspielraum von Ländern im globalen Süden in eigener Währung ist eines der Hauptkontroversen zwischen MMT und Critical-Macro-Finance beziehungsweise Money-View-Anhängern.
Kaum eine Handbreit außerhalb der ökonomischen Orthodoxie
Critical-Macro-Finance-Autoren haben mit empirischer Forschung bedeutende Beiträge zum Verständnis der Geldpolitik der EZB geleistet, und es gibt viele Einsichten, die auch für eine MMT-Perspektive wertvoll sind.
Das ändert jedoch nichts daran, dass ihre theoretische Grundkonzeption des Staates und seines Geldes mangelhaft ist. Staatliches Geld und Staatsanleihen lassen sich nicht mit privatem "Geld" beziehungsweise privaten Schulden vergleichen.
Folglich funktioniert der Staatshaushalt nach völlig anderen Gesetzmäßigkeiten als ein Privathaushalt. Wer den besonderen „chartalistischen“ Outside-Money-Charakter staatlichen Geldes übersieht, landet kaum eine Handbreit außerhalb der ökonomischen Orthodoxie, von der man sich eigentlich abgrenzen möchte. Daher braucht es eine ressourcenbasierte Sichtweise auf die Nachhaltigkeit unserer Staatsfinanzen, die mit den richtigen Kennzahlen mögliche Inflations- und Deflationsgefahren erkennen kann.
Zum Schluss will ich mich insbesondere bei Jannik Strobl und Gustav Burmester fürs Gegenlesen und ihre hilfreichen Kommentare bedanken!
Die Originalversion dieser abgewandelten Variante ist auf dem Blog der Pufendorf Gesellschaft erschienen.