Lateinamerika nach der Festnahme Maduros gespalten
Die Festnahme von Venezuelas Präsident Nicolás Maduro durch die USA verschärft die Spannungen in Lateinamerika. Während einige Regierungen von einem Befreiungsschlag sprechen, warnen andere vor einem Bruch des Völkerrechts und einer neuen Eskalationsstufe in der Region.
Die Festnahme und Anklage des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro markiert den vorläufigen Höhepunkt einer seit Jahren eskalierenden US-Politik gegenüber Caracas. Zugleich verleiht der Vorgang der politischen Spaltung Lateinamerikas eine neue Dimension.
Schon lange vor der Operation gegen Maduro hatte Washington den Druck auf Venezuela kontinuierlich erhöht. Was unter Präsident Barack Obama mit Sanktionen begann, wurde unter Donald Trump deutlich verschärft: höhere Kopfgelder, wirtschaftliche Strafmaßnahmen, offene Drohungen und an US-Interessen geknüpfte Dialogangebote bestimmten die Linie. Hinzu kamen Vorwürfe gegen venezolanische Schiffe im Atlantik, die Trump mit internationalem Drogenhandel in Verbindung brachte. Das erklärte Ziel war stets dasselbe: Maduro zum Rücktritt zu zwingen.
Diese Eskalation kam nicht überraschend. Bereits 2017, während Trumps erster Amtszeit, hatte der US-Präsident öffentlich mit einer militärischen Intervention gedroht. Damals formierte sich in Lateinamerika ein breiter Konsens gegen ein Eingreifen von außen. Zahlreiche Regierungen betonten, ein demokratischer Übergang in Venezuela müsse friedlich verlaufen und von der Bevölkerung selbst getragen werden. Das völkerrechtliche Prinzip der Nichteinmischung galt als unantastbar.
Mit der Wende im Jahr 2020 verschob sich die Auseinandersetzung auf eine neue Ebene. US-Behörden stuften Maduro als sogenannten „Narcoterroristen“ ein – ein Begriff, der eine systematische Verflechtung staatlicher Strukturen mit dem internationalen Drogenhandel unterstellt – und erhoben Anklage. Damit sollte die politische Konfrontation juristisch untermauert werden.
Die Ermittlungen, vorangetrieben vom US-Justizministerium und gestützt auf Informationen aus Geheimdienstkreisen, kulminierten Anfang Januar in Maduros Festnahme. Kurz darauf erhoben Staatsanwälte in New York Anklage wegen Drogenhandels. Die Operation stellt nicht nur einen Einschnitt in den ohnehin zerrütteten Beziehungen zwischen Washington und Caracas dar. Sie hat auch unmittelbare Folgen für das regionale Gefüge Lateinamerikas.
Die Reaktionen fielen entlang politischer Bruchlinien aus. Regierungen, die das Vorgehen unterstützten, stehen jenen gegenüber, die es scharf verurteilten. Diese diplomatische Spaltung spiegelte sich rasch auf gesellschaftlicher Ebene wider: In mehreren Ländern gingen Menschen mit gegensätzlichen Forderungen auf die Straße. Während die einen Maduros Absetzung feiern, sehen die anderen darin einen eklatanten Bruch des Völkerrechts, insbesondere des Prinzips staatlicher Souveränität und des Verbots einseitiger Gewaltanwendung. Beobachter, die auf multilaterale Verfahren setzen, warnen vor einer weiteren Erosion diplomatischer Normen und betonen den Vorrang politischer Lösungen.
Zu den entschiedensten Kritikern gehörten linke Regierungen wie jene in Mexiko, Kuba, Brasilien, Kolumbien und Chile. Sie erklärten übereinstimmend, eine einseitige militärische Operation untergrabe den internationalen Rechtsrahmen und berge Risiken für die regionale Stabilität. Zudem verweisen mehrere Regierungen und Analysten auf den energiewirtschaftlichen Kontext: Venezuelas enorme Erdölreserven spielten in der US-Strategie eine zentrale Rolle. Aus dieser Perspektive dienten Vorwürfe des Drogenhandels als Legitimationsgrundlage für Sanktionen, Embargos und letztlich Interventionen.
Zusätzliche Brisanz erhält diese Argumentation durch jüngste Einschätzungen des US-Justizministeriums, wonach das sogenannte Cartel de los Soles – eine angebliche Organisation von Drogenhändlern innerhalb der venezolanischen Sicherheitskräfte – nicht nachweisbar sei. Kritiker sehen darin eine Bestätigung des Verdachts, dass der Vorwurf des Narcoterrorismus politisch konstruiert worden sein könnte.
Demgegenüber begrüßten mehrere rechtsgerichtete Regierungen das Vorgehen Washingtons ausdrücklich. Sie interpretierten die Festnahme Maduros als notwendigen Schritt zur Beendigung dessen, was sie als Diktatur bezeichnen. Besonders deutlich fiel die Reaktion des argentinischen Präsidenten Javier Milei aus, der die Operation mit seiner Parole „La libertad avanza“ (dt.: Die Freiheit schreitet voran) feierte. Ecuadors Präsident Daniel Noboa erklärte, für „alle Narco-Chavisten“ sei nun die Stunde gekommen. In dieser Lesart erscheint die US-Intervention als Akt der Befreiung.
Der Fall Maduro ist damit weit mehr als ein isoliertes Ereignis. Er steht für einen ungelösten Grundkonflikt über die Grenzen internationaler Intervention und die politische Autonomie Lateinamerikas. Der internationale Rechtsrahmen gerät zunehmend unter Druck, während die Region zwischen geopolitischen Interessen, normativen Ansprüchen und innenpolitischen Polarisierungen zerrieben wird. Ob die Eskalation zur Stabilisierung oder zu neuen Verwerfungen führt, bleibt offen. Sicher ist nur: Die Spaltung Lateinamerikas ist tiefer geworden.