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Makroskop Science
Adam Riese und die Rente
| 12. Februar 2026
@midjourney
Immer weniger Junge, immer mehr Alte – kollabiert die Rente zwangsläufig? Ein Blick auf die Zahlen und einen oft übersehenen Faktor stellt gängige Gewissheiten infrage.
Das zentrale Argument in der deutschen Debatte zur Altersvorsorge ist keine Aussage, sondern eine immer wiederkehrende Frage: Wie soll das mit der gesetzlichen Rente gehen, wenn künftig immer weniger Jüngere für immer mehr Ältere die Rente finanzieren sollen? Sie wird in den Raum gestellt und regelmäßig nicht beantwortet. Denn es spüre doch jeder intuitiv, dass das gar nicht gehen kann, und manche fügen hinzu, das könne man nach Adam Riese ausrechnen. Ende aus die Maus; da müsse man nicht länger darüber nachdenken.
Ja, es scheint plausibel, dass die Last, die Alten mit versorgen zu müssen, die Jungen irgendwann erschlagen muss. In diesem Szenario schießen die Beiträge in den Himmel, es bleibt vom Brutto ein zu kleines Netto – oder schlimmer noch: die Wirtschaft bricht zusammen, weil es nicht mehr genügend Arbeitskräfte gibt. Die Einkommen schmelzen für alle dahin – nicht nur für die Rentner.
Auf den Produktivitätsfortschritt kommt es an
Doch stimmt das so einfach, wie es plausibel klingt? Oder sollte man nicht doch einmal nach Adam Riese ausrechnen, was es mit der Umlagefinanzierung auf sich hat? Also lasse ich mich einmal auf dieses einfache Modell einer Volkswirtschaft ein, wie es mit dem Altenquotienten beschrieben wird:
Es gibt hier nur Erwerbstätige (die Jungen im Alter von 20 bis Ende 66) und Rentner (ab 67 Jahre)[1]; Kinder und nicht-Erwerbstätige leben in ihren Haushalten, werden von ihnen mitversorgt. Es kann für die Betrachtung auch vernachlässigt werden, dass manche Rentner auch erwerbstätig und manche Erwerbstätigen auch Rentner (Erwerbsminderungsrentner) sind, da diese Gruppen rechnerisch nicht ins Gewicht fallen.
Es ist für die Betrachtung ganz gleich, wie das Einkommen der Rentner sie erreicht: ob über Sozialbeiträge oder Steuern finanziert oder ausgezahlt als Verzinsung für die Nutzung von Kapital, das den Rentnern gehört. Vernachlässigt werden in diesem einfachen Modell auch die Kosten für die Organisation dieses Einkommenstransfers.
Eine wesentliche Übereinkunft unseres Rentensystems ist es, dass die Renten stets niedriger ausfallen als die Erwerbseinkommen. In Deutschland bestimmt der Gesetzgeber dazu ein Rentenniveau. Es liegt zurzeit bei 48 Prozent und legt damit die Höhe einer Rente mit 45 Beitragspunkten auf 48 Prozent des durchschnittlichen Nettoeinkommens fest. 45 Beitragspunkte hat man auf dem Rentenkonto, wenn man 45 Jahre lang Beiträge gezahlt und über die Jahre ein durchschnittliches Einkommen erzielt hat. Die meisten erreichen die 45 Punkte nicht. Der Durchschnittswert der Beitragspunkte beim Eintritt in die Regelaltersrente liegt für Renten, für die wenigstens 35 Jahre lang Beiträge gezahlt wurden, bei 39,1 Punkten.[2]
Mit dieser Festlegung zum Rentenniveau wird bereits ein Ausgleich zwischen den Beitragszahlern und den Rentenbeziehern erreicht. In dem hier betrachteten einfachen Modell der Volkswirtschaft erweist sich die Produktivität als der Dreh- und Angelpunkt für eine stabile, positive Entwicklung der Einkommen. Wenn die Produktivität so zunimmt, dass sie den Rückgang an Erwerbstätigen ausgleicht, passiert etwas, das der Intuition widerspricht: Die Einkommen aller – sowohl der Erwerbstätigen als auch der Rentner – steigen, wenn die Zahl der Rentner zunimmt und gleichzeitig die Zahl der Erwerbstätigen abnimmt.
Um dies nachrechnen zu können, muss eine Formel aufgestellt werden, die den Zusammenhang der Einkommensumverteilung zwischen Erwerbstätigen und Rentnern bei einem stabilen Rentenniveau abbildet. Die Einzelheiten dazu sind in dem Kasten „Faktencheck“ dargestellt.
Das Modell füttere ich mit den Daten der 16. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes (mittleres Szenario):
2024: Auf 75 Erwerbstätige kommen 25 Rentner.
2038: Das Verhältnis verschiebt sich auf 69 zu 31.
2070: Es stehen nur noch 66 Erwerbstätige etwa 34 Rentnern gegenüber.
Nimmt man nun das Durchschnittseinkommen (netto vor Steuern) von circa 36.286 Euro im Jahr 2024 (80 Prozent des Bruttoeinkommens von 45.358 Euro laut Sozialversicherungsrechengröße-Verordnung 2024) und die aktuellen Rentenzahlbeträge für langjährig Versicherte von 1.501 Euro monatlich, lässt sich berechnen[3], wie sich die Einkommen (netto vor Steuern) verschieben, wenn das Volkseinkommen stabil gehalten wird (siehe Kasten „Der Faktencheck“). Das Ergebnis verblüfft:
Wenn die Zahl der Erwerbstätigen sich im Verhältnis zu den Nichterwerbstätigen (Rentnern) wie aktuell vorhergesagt entwickelt, steigen die Einkommen der Erwerbstätigen um (real) 5 Prozent und entsprechend die der Rentner. Das steht im starken Kontrast zur allgemeinen Einschätzung vieler Talkshowgäste, laut denen das Rentensystem eigentlich kollabieren müsste.
Welche Anforderungen stellt dies an den Produktivitätsfortschritt, wenn das heutige Einkommen der Modellbevölkerung In einer Gesamthöhe von 3,17 Millionen Euro in 2038 von 69 und in 2070 von 66 Erwerbstätigen erarbeitet werden muss? Für die 14 Jahre bis 2038 müsste er durchschnittlich bei jährlich 0,59 Prozent, für die 32 Jahre danach bei 0,14 Prozent liegen. Über den gesamten Zeitraum von 46 Jahren müsste er durchschnittlich bei 0,28 Prozent liegen. Dies zeigt eine Zinseszins-Rechnung.
Werte, die machbar sind. Sie liegen zu Beginn, in dem Zeitraum des steileren Anstiegs des Altenquotienten bis 2038, im unteren Bereich des Intervalls der Werte von 0,5 bis 0,8 Prozent, die Professor Martin Werding und Kollegen für ihre Zukunftsabschätzungen in den „Tragfähigkeitsberechnungen“ im Auftrag des Bundesfinanzministeriums annehmen. Danach und im Durchschnitt über den ganzen Zeitraum liegen sie deutlich unterhalb dieser Werte.
Und fällt der Produktivitätsfortschritt größer aus, verbessert das die Einkommenssituation aller. Und selbst bei kleinen Wachstumsschwächen würde der hier aufgezeigte Effekt noch überwiegen. Und würde die Bevölkerungszahl nicht konstant bleiben, sondern gleichzeitig zurückgehen, würde sich der positive Effekt verstärken, da das gleichbleibende Volkseinkommen auf weniger Personen aufgeteilt werden müsste.
Die Zuwanderung spielt bei dieser Betrachtung eine Rolle. Denn die Berechnung verwendet die Zahlen aus der 16. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamts, die von einer Netto-Zuwanderung von 225.000 bis 250.000 Personen jährlich ausgeht. Würde die Zuwanderung geringer ausfallen, so könnten höhere Produktivitätsfortschritte dies gegebenenfalls noch ausgleichen. Wären diese jedoch nicht mehr erzielbar, würde das Einkommen schrumpfen.
Deswegen bleibt es wichtig, die Erwerbstätigkeit durch bessere Kinderbetreuung und Altenpflege, Abbau der Arbeitslosigkeit, bessere Bildung und Verbesserung der Erwerbsfähigkeit durch Präventions- und Rehabilitationsmaßnahmen zu stärken.
Die hier vorgenommene Betrachtung ist eine verteilungspolitische. Sie ist losgelöst von der Frage, wie den Rentnern aus dem Volkseinkommen ihre Rente ausgezahlt wird. Die Kopplung der Finanzierung der Rentenversicherung zu 70 Prozent an Lohnnebenkosten ist eine politische Entscheidung. Sie verengt den Blick. Die Alterssicherung wird über Beiträge aus Lohneinkommen und Steuern aus allen Einkommensarten finanziert. Sollte in Zukunft das Lohneinkommen im Verhältnis zu Kapitaleinkommen abnehmen, kann der zurückgehende Beitragsanteil durch einen höheren Steueranteil ausgeglichen werden.
Welche Schlussfolgerungen aus alledem?
Vorab ein Warnschild: Die volkswirtschaftlichen Zusammenhänge sind viel zu komplex, um in so einfachen Zusammenhängen abgebildet zu werden. Ich lasse mich auf eine solche vereinfachte Darstellung nur ein, weil in der öffentlichen Debatte zur Altersvorsorge, den Talkshows und Podcasts, so viel mit diesem unterkomplexen Modell „hier die weniger werdenden Erwerbstätigen, dort die immer mehr werdenden Rentner“ hantiert wird.
Erste Schlussfolgerung: Robustheit des Umlagesystems. Das Umlagesystem wird mit der anstehenden demographischen Entwicklung gut zurechtkommen. Die Mindestanforderungen, die sich daraus an die Produktivitätsentwicklung stellen, sind erfüllbar. Produktivität schlägt Demographie.
Zweite Schussfolgerung: Produktivitätsfortschritte sind der Schlüssel für Einkommenssteigerungen. In der Bevölkerungswissenschaft[4] ist ziemlich unumstritten, dass ein steigendes Durchschnittsalter und eine schrumpfende Erwerbsbevölkerung einen negativen Einfluss auf die Produktivität haben. Sie ist also kein Selbstläufer.
Grundlage ist ein gutes Bildungssystem. Innovationen (darunter auch kluge Anwendungen der KI), verbesserte Abläufe in Wirtschaft und Verwaltung (Abbau von überflüssigen Doppelstrukturen), eine moderne und zuverlässige Infrastruktur – all dies bringt die Produktivität voran. Hierauf sollten wir unsere Kräfte konzentrieren.
Und wenn jemand in einer Talkshow mit diesem einfachen Modell einer Volkswirtschaft mit dem Altenquotient argumentiert, dann rechnen Sie bitte nach Adam Riese nach: Solange der Anstieg der Produktivität den Rückgang an Erwerbstätigen kompensiert, steigen im Umlagesystem die Einkommen und die Renten.
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