Makroskop
Duale Berufsausbildung

Ausbildung: Schlimmste Krise seit der Deutschen Einheit

| 10. Februar 2026
IMAGO / Ardan Fuessmann / Bernd Elmenthaler

Nur noch 43 Prozent der Bewerber finden einen Ausbildungsplatz. Hunderttausende landen in Warteschleifen, fast drei Millionen gelten als ungelernt. Der Berufsbildungsbericht zeigt, wie tief das duale System in der Krise steckt.

Im zurückliegenden Jahr 2025 sind zwei in der Geschichte der Berufsausbildung Deutschlands einmalige Vorgänge passiert: Der Berufsbildungsbericht, der laut Berufsbildungsgesetz bis spätestens Mitte Mai eines Jahres veröffentlicht werden soll, erschien mit fast halbjähriger Verspätung erst im November 2025.

Gleichzeitig ist Ende September 2025 die Einmündung der bei den Arbeitsagenturen gemeldeten Bewerberinnen und Bewerber in eine Ausbildung mit nur noch 43 Prozent auf den schlechtesten Wert seit der Wiedervereinigung gefallen (siehe Abbildung 1).

Abbildung 1: Einmündung von Bewerberinnen und Bewerbern, die bei den Arbeitsagenturen um Rat nachgesucht haben und als geeignet getestet wurden, in eine Ausbildung (in % aller Bewerber), Deutschland 1990/91 - 2024/25 (Quelle: Ausgaben der „Berufsberatung“ der Bundesagentur für Arbeit und eigene Berechnungen)

Doch zunächst: Warum hat die Bundesregierung den Berufsbildungsbericht 2025 so lange zurückgehalten?

„Hiobsbotschaften“

Seit 1977, als zum ersten Mal ein Berufsbildungsbericht vorgelegt wurde, ist so etwas nicht vorgekommen. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft kommentierte dies zutreffend:

„Seit März schlummerte der redaktionell fertiggestellte Entwurf des aktuellen Berufsbildungsberichts in den Schubladen der Ministerien für Bildung, Arbeit und Wirtschaft. Die schwarz‐rote Bundesregierung und die Wirtschaftsverbände haderten mit der Veröffentlichung. Hiobsbotschaften passten offenbar politisch nicht in die Zeit.“

Was waren das für unpassende „Hiobsbotschaften“? Dazu der Deutsche Gewerkschaftsbund:

„Im Jahr 2024 landeten rund 260.000 junge Menschen in Maßnahmen ohne Berufsabschluss – obwohl zwei Drittel von ihnen direkt hätten ausgebildet werden können. Gleichzeitig verharrt die Zahl junger Erwachsener ohne Berufsabschluss auf 2,86 Millionen – ein Rekordwert mit dramatischen Folgen für die Betroffenen und die Gesellschaft. Der Fachkräftemangel verschärft sich, während Potenziale ungenutzt bleiben.“

Hier werden zwei Krisenerscheinungen des deutschen Berufsausbildungssystems angesprochen: die vielen Jugendlichen im sogenannten „Übergangsbereich“ und die vielen „nicht formal qualifizierten“ (sprich: ungelernten) Jugendlichen. Die beiden Krisensymptome sollen im Folgenden näher betrachtet werden.

Maßnahmendschungel „Übergangsbereich“

Bei den 260.000 jungen Menschen in Maßnahmen ohne Berufsabschluss (oft auch als „Warteschleifen“ bezeichnet) handelt es sich um den im euphemistischen  Behördendeutsch so genannten „Übergangsbereich“ (Berufsbildungsbericht 2025, S. 35). Eigentlich handelt es sich dabei um einen Maßnahmendschungel, den selbst Kenner kaum durchschauen. In Hamburg gibt es dafür extra die von der der Schulbehörde bezahlte Internetseite „ichblickdurch.de“. In dem Übergangsbereich landen insbesondere drei Gruppen von Jugendlichen:

  • Jugendliche, die sich bei der Arbeitsagentur als Ratsuchende gemeldet haben, aber als nicht geeignet für eine Ausbildung eingestuft wurden und deshalb die Ausbildungsreife erwerben sollen;
  • Jugendliche, die sich erfolglos um einen Ausbildungsplatz beworben haben, nun die Zeit bis zum nächsten Ausbildungsjahr überbrücken sollen und ihrer Berufsschulpflicht nachkommen müssen; auf diese beiden zuvor genannten Gruppen entfallen fast genau 60 Prozent der Jugendlichen im Übergangsbereich;
  • Jugendliche, die in ein- oder zweijährigen teilqualifizierenden Berufsfachschulen ihre Chancen für die Bewerbung um einen Ausbildungsplatz verbessern wollen.

Berechtigungen – wie vor allem das Recht auf eine Ausbildung in einem anerkannten Ausbildungsberuf – können im Übergangsbereich (außer vereinzelt dem Haupt- oder dem Realschulabschluss) nicht erworben werden. Für viele Jugendliche im Übergangsbereich bedeutet dieser daher keinen Übergang in Ausbildung, sondern in Ausbildungslosigkeit. So ist es nur 36 Prozent der Altbewerber gelungen, einen Ausbildungsplatz zu finden, dagegen aber immerhin 48 Prozent der Erstbewerber (Situation am Ausbildungsmarkt 2024/25, S. 25).

Fast drei Millionen Ungelernte

Zu „junge Erwachsene ohne Berufsabschluss“: Jugendliche, die eine Ausbildung nicht erfolgreich abgeschlossen haben, gehen in die in die Statistik als „Ungelernte“ ein. Ihre Zahl hat zuletzt mit 2,86 Millionen einen Höchststand erreicht. Damit haben 19 Prozent der 20- bis 34-Jährigen zur Gruppe der nicht formal Qualifizierten (nfQ) bzw. der Ungelernten gehört (siehe Abbildung 2).

Abbildung 2: Entwicklung der Zahl und des Anteils der jungen Erwachsenen im Alter von 20 bis 34 Jahren ohne Be-rufsausbildung von 2000 bis 2023 (Quelle: Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2025, S. 307)

Das deutsche Ausbildungssystem verweigert einem großen Teil der Jugend eine Ausbildung und produziert massenhaft Ungelernte, die die Wirtschaft nicht braucht und die auf dem Arbeitsmarkt kaum Chancen haben. Und was sagt die zuständige Ministerin dazu?

Karin Prien, die neue Bundesbildungsministerin, hat dem ihr unterstellten Bundesinstitut für Berufsbildung ein Gefälligkeitsinterview gegeben, in dem sie mit keinem Wort auf die Ausbildungskrise und dem in den Schubladen verschwundenen Berufsbildungsbericht eingegangen ist. Stattdessen wiederholt sie die immer gleichen Plattitüden vom deutschen „Erfolgsmodell“ der dualen Bildung und vom „Fachkräftemangel“. Dementsprechend setzt sie auf die überkommenen Rezepte wie Berufsorientierung und Jugendberufsagenturen, die auch im neuen Koalitionsvertrag aufgeführt werden, plus einigen neuen Ideen wie das Bildungsverlaufsregister mithilfe einer Schüler-ID, womit „statistische Wissenslücken“ geschlossen werden sollen.

Berufsorientierung, Jugendberufsagenturen und Statistik schaffen aber keine Ausbildungsplätze. Keiner würde auf die Idee kommen, der Wohnungsnot mit „Wohnungsorientierung“, „Wohnungsagenturen“ oder einer „Wohnungssuchenden-ID“ begegnen zu wollen.

Es wäre schon einmal gut, wenn Prien und die „Akteure“ der Berufsbildung die bestehenden Statistiken lesen könnten: Seit über einem Jahrzehnt sind weniger als die Hälfte der bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldeten Bewerberinnen und Bewerber für Berufsausbildungsstellen ausbildungslos geblieben. Das Grundproblem des deutschen Berufsbildungssystems besteht in fehlenden Ausbildungsplätzen – und der verbreiteten Inkompetenz der „Akteure“ für die Berufsbildung.

Das sieht man allein daran, dass von den (519.000) bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldeten Ausbildungsplätzen nur 13 Prozent (oder 69.000 Stellen) unbesetzt geblieben sind (siehe Abbildung 3).

Abbildung 3: Betriebliche Ausbildungsplätze und deren Abgänge, 30.September 2024

Rein rechnerisch reichen diese 69.000 unbesetzten Ausbildungsplätze niemals für die 233.000 Ausbildungslosen aus. In realiter fehlen sogar weitaus mehr Ausbildungsplätze, weil Angebot und Nachfrage in den Regionen und Berufen oft nicht zusammenpassen.

Nachdem der Berufsbildungsbericht 2025 mit seinen „Hiobsbotschaften“ ein halbes Jahr in den Schubladen schmoren musste, wurde er, als er denn endlich veröffentlicht wurde, nicht mehr zur Kenntnis genommen. Doch das Problem war auf diese Weise nicht gelöst. Im Gegenteil, die Ausbildungskrise ist noch schlimmer geworden. Damit zur zweiten Schreckensmeldung aus dem Ausbildungsbereich in 2025.

Ausbildungslosigkeit 2025 auf Höchstwert

Seit Anfang November 2025 liegen die neuesten Zahlen für den Ausbildungsmarkt 2024/25 vor, die noch einmal schlechter sind als die vom Vorjahr (mit 46 Prozent Eingemündeten). Danach haben nur noch 43 Prozent der bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldeten Bewerberinnen und Bewerber für eine Berufsausbildungsstelle auch tatsächlich eine erhalten (siehe Abbildung 4). „Das sind 3 Prozentpunkte weniger als im Vorjahr und gleichzeitig der geringste Wert seit mindestens 25 Jahren“, konstatiert die Bundesagentur für Arbeit in ihrem Bericht zur Situation am Ausbildungsmarkt 2024/25.

Abbildung 4: Verbleib der bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldeten Bewerberinnen und Bewerber in %, Berufsberatungsjahr 2024/25 (Quelle: Bundesagentur für Arbeit (Hg.) Situation am Ausbildungsmarkt 2024/25, S. 14)

Insgesamt sind 57 Prozent aller Bewerberinnen und Bewerber ausbildungslos geblieben. Besonders hoch ist die Ausbildungslosigkeit mit 69 Prozent bei geflüchteten Bewerbern, mit 67 Prozent bei ausländischen Bewerbern, mit 68 Prozent bei 20 Jahre und älteren Bewerbern, mit 64 Prozent bei Altbewerbern sowie mit 63 – 68 Prozent bei Bewerbern aus dem Saarland, Bremen und Berlin (siehe Abbildung 5).

Abbildung 5: Ausbildungslosigkeit von bei den Arbeitsagenturen gemeldeten Bewerbern für eine Berufsausbildungs-stelle nach Bundesland, Ende September 2025 (Quelle: Bundesagentur für Arbeit und eigene Berechnungen)

Die Einmündungsquote von nur noch 43 Prozent ist nicht nur der „geringste Wert seit mindestens 25 Jahren“, wie die Bundesagentur für Arbeit konzediert, sie ist sogar die schlechteste Einmündungsquote seit der Wiedervereinigung, als immerhin noch 65 Prozent der Bewerberinnen und Bewerber eine Ausbildung beginnen konnten (siehe Abbildung 1).

Realitätsverleugnung und Ratlosigkeit bei den „Akteuren“

Eigentlich müssten bei den „Akteuren“ der Berufsbildung (aus Politik, Verwaltung, Forschung, Medien, Wirtschaft und Gewerkschaften) die Alarmglocken schrillen. Dem ist aber nicht so.

Aus der Politik hat sich Prien, Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, mit der eineinhalbseitigen Pressemitteilung „Ausbildung jetzt sichert Fachkräfte für den Aufschwung“ (vom 10. Dezember 2025) von sich hören lassen. Darin heißt es: „Die angespannte wirtschaftliche Lage wirkt sich auch auf den Ausbildungsmarkt aus.“ Davon, dass die Ausbildungsversorgung seit 1991 im Jahr 2025 ihren Tiefpunkt erreicht hat, ist in der Pressemitteilung keine Rede.

Andrea Nahles, Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit (BA), konstatiert im Presseinfo vom 30. Oktober 2025 immerhin, dass „der Anteil der gemeldeten Bewerberinnen und Bewerber mit Ausbildungsplatz so niedrig wie seit über 25 Jahren nicht mehr“ ist. An anderer Stelle werden sogar die für die Ausbildungsversorgung wichtigste Zahl, die Einmündungsquote, genannt: „Bis Ende September 2025 haben 191.000 Bewerberinnen und Bewerber eine Berufsausbildung begonnen, 7.000 weniger als im Vorjahr. Das entspricht einem Anteil von 43 Prozent.“

Als Rezept hat Nahles allerdings nur Altbekanntes zu bieten: „Sie appellierte an junge Menschen, sich nicht auf einen Berufswunsch zu versteifen und außerdem bereit zu sein, für einen Arbeitsplatz umzuziehen. „Da wünsche ich mir mehr Flexibilität, nicht nur von jungen Leuten“, so Nahles. „Oft gibt es Jobs, nur eben nicht vor der Haustür.“ Wie das bei 253.000 ausbildungslosen Bewerbern und 54.000 unbesetzten Stellen gelingen soll, bleibt ihr Geheimnis.

Aus der Forschung hat sich das Bundesinstitut für Berufsbildung mit einem „Discussion Paper“ gemeldet. Dass die Ausbildungsversorgung in Deutschland im Jahr 2025 auf dem niedrigsten Wert seit 1991 gesunken ist, bleibt auch dort unbemerkt. Es heißt dort lediglich: „Im Jahr 2025 hat sich die Lage auf dem Ausbildungsmarkt verschärft“. Dies wird auf die „angespannte wirtschaftliche Lage in Deutschland“ zurückgeführt.

Wenn das Bundesinstitut für Berufsbildung meint, die Wirtschaftskrise sei schuld an der Ausbildungskrise, dann folgt, daraus, dass die Ausbildungskrise nicht am Ausbildungssystem liegt und mit dem Anziehen der Konjunktur vorbei sein wird.

Sicherlich hat die Wirtschaftskrise einen Einfluss auf die aktuelle Verschlechterung der Ausbildungsversorgung. Schon die seinerzeitige Edding-Kommission hatte in den 1970-er Jahren die Konjunkturabhängigkeit als eine der Unzulänglichkeiten des privat finanzierten Ausbildungssystems erkannt (siehe Kosten und Finanzierung der außerschulischen beruflichen Bildung (Abschlußbericht), S. 246 ff. Als weitere Unzulänglichkeiten werden aufgeführt: mangelnde Qualität der Ausbildung, Fehlausbildung am Bedarf vorbei, Spezialisierungstendenz sowie mangelnde Chancengleichheit für Jugendliche.

Erklärungsbedürftig ist aber der – mit Schwankungen – seit Jahrzehnten andauernde Niedergang der Ausbildungsversorgung. Das Bundesinstitut für Berufsbildung ignoriert dies und kann oder will es nicht erklären. Im Jahr 2023 haben lediglich 18,7 Prozent der Betriebe ausgebildet (2007 waren es noch 24,1 Prozent; siehe Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2025, S. 212).

Das duale System der Berufsausbildung tendiert zur Nichtausbildung, weil in ihm die einzelnen Betriebe entscheiden, ob sie einen Jugendlichen ausbilden. Dies tun sie, wenn sie wirtschaftlich rational handeln, aber nur dann, wenn die Ausbildung für sie Nettoerträge (während und/oder nach der Ausbildung) erbringt. Kein wirtschaftlich rational handelnder Betrieb investiert in etwas, was ihm nicht gehört. Täte ein Betrieb es doch, müsste er befürchten, dass seine Investitionen durch Abwerbung verloren gingen.

Die Edding-Kommission hat deshalb von einer „Wettbewerbsverzerrung zuungunsten der bildungsaktiven Betriebe“ gesprochen. Und weiter:

„Es handelt sich hier um ein Beispiel dafür, dass einzelwirtschaftlich sinnvolle Entscheidungen von den Erfordernissen der Gesamtwirtschaft und -gesellschaft divergieren können“ („Edding-Kommission“, S. 245, Hervorhebungen im Original).

Für das Bundesinstitut für Berufsbildung gelten dagegen „seit einigen Jahren als eine zentrale Herausforderung auf dem Ausbildungsmarkt“ die „Passungsprobleme“. Dazu muss man sagen: Dass das Ausbildungsangebot der Betriebe und die Ausbildungsnachfrage der Jugendlichen jemals zusammenpassen, wird es nie geben – selbst in Berufsbildungssystemen, in denen die Ausbildung schulisch organisiert ist (wie in den Niederlanden oder China).

Wenn nun das Bundesinstitut für Berufsbildung meint, die „Passungsprobleme“ hätten seit einigen Jahren zugenommen, so verbergen sich hinter dieser Erscheinung die sich verschärfende Nichtausbildungstendenz der Betriebe. Wenn über die Hälfte der Bewerberinnen und Bewerber keinen Ausbildungsplatz bekommen, sind das keine Passungsprobleme, sondern es handelt sich um eine Ausbildungskrise.

Die Medien sind seit Jahren ein Ausfall, was die Berichterstattung über den Ausbildungsbereich anbetrifft. Sie reproduzieren die Erzählungen vom „Fachkräftemangel“ und von den Betrieben, die „händeringend“ Auszubildende suchen würden. Insofern ist es bemerkenswert, dass sie nun den Alarmruf von Nahles melden, dass „wir so wenig junge Menschen in Ausbildung vermittelt bekommen (haben) wie seit Jahren nicht“. Davon ausgehend müssten sie eigentlich fragen, wie das mit dem „Fachkräftemangel“ und den fehlenden Auszubildenden zusammenpasst.

Stattdessen wird den Jugendlichen die Schuld zugewiesen, sie wären nicht flexibel, wollten nicht umziehen und sich auf ihren Berufswunsch versteifen.

Rainer Dulger von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) behauptet in seiner Stellungnahme Ausbildungsmarkt: Beste Chancen für Bewerberinnen und Bewerber! zur Ausbildungsbilanz 2025 allen Ernstes: „Die Chancen auf einen Ausbildungsplatz sind hervorragend.“ Allerdings müsse „das Matching von Angebot und Nachfrage“ durch „praxisorientierte Berufsorientierung“ vorangebracht werden.

Dagegen fordert die stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) Elke Hannack „entschlossenes Handeln gegen Ausbildungskrise“: „Betriebe bilden immer weniger aus und verfestigen damit ihren eigenen Fachkräftemangel – das ist kurzsichtig und gefährdet die wirtschaftliche Entwicklung und den gesellschaftlichen Zusammenhalt.“ Und weiter: „Nach wie vor verlieren wir zu viele junge Menschen, nachdem sie die Schule verlassen haben, in Warteschleifen und Übergangsmaßnahmen.“

Dem will der DGB mit den üblichen Maßnahmen, die seit Jahren nichts gebracht haben, beikommen: „Jugendberufsagenturen, Assistierte Ausbildung und viele andere Hilfsangebote müssen gestärkt und besser aufeinander abgestimmt werden.“ Außerdem fordert der DGB eine abgeschwächte Variante der Ausbildungsgarantie: „In Regionen, in denen Ausbildungsplätze fehlen, muss die außerbetriebliche Ausbildung stärker ausgebaut werden.“

Doch wenn nur in „Regionen, in denen Ausbildungsplätze fehlen,“ die „außerbetriebliche Ausbildung stärker ausgebaut“ werden soll, ist das keine „entschlossenes Handeln“. So sind in Hamburg in 2025 nur 38 Prozent der bei der Arbeitsagentur gemeldeten Bewerber in eine Ausbildung eingemündet, obwohl rein rechnerisch (mit 10.182 Ausbildungsplätzen gegenüber 8.077 Bewerbern) keine Ausbildungsplätze fehlten.   

„Echte Ausbildungsgarantie“ oder weiterer Niedergang

Die Ursachen der Ausbildungskrise liegen nicht in subjektiven Schwächen der Jugend wie angeblicher mangelnder Flexibilität bei der Berufswahl oder mangelnder Eignung, wobei letzteres – wenn überhaupt – Folge des unterfinanzierten allgemeinbildenden Schulwesens ist. Sie liegen in objektiven Mängeln des überwiegend privat finanzierten und gesteuerten Ausbildungssystems, das deshalb zur Nichtausbildung tendiert. Daran ändern auch die seit Jahren verbreiteten moralischen Appelle an die Unternehmen nichts, sie mögen doch bitte ausbilden.

Eine zukunftsweisende Lösung wäre eine „echte Ausbildungsgarantie“, wie sie die Gewerkschaften – und auch die Bertelsmann Stiftung – nach österreichischem Vorbild gefordert haben. Bei der österreichischen Ausbildungsgarantie sollen letztendlich alle Jugendlichen, die keinen Ausbildungsplatz bekommen haben, eine außerbetriebliche Ausbildung in einer Bildungseinrichtung machen können.

Dagegen war die von der letzten Bundesregierung im Koalitionsvertrag von 2021 versprochene Ausbildungsgarantie mit so vielen Ausnahmen versehen worden, dass trotzdem die Zahl der Ausbildungsplätze weiter zurückgegangen ist. Das betrifft sowohl die Zahl der Ausbildungsplätze insgesamt als auch die Zahl der außerbetrieblichen Ausbildungsplätze (siehe Abbildung 6).

Abbildung 6: Bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldete (betriebliche und außerbetriebliche) Berufsausbildungsstel-len (Quelle: Ausgaben von „Der Ausbildungsmarkt“ der Bundesagentur für Arbeit und eigene Berechnungen)

Das Problem ist, dass die „Akteure der beruflichen Bildung“ an ihre eigenen Erzählungen glauben, „die duale berufliche Aus- und Weiterbildung (sei) das Aushängeschild Deutschlands“ (so der Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD, S. 15). Solange das so bleibt, wird das Ausbildungssystem seinen Niedergang fortsetzen.