Makroskop
Was denken die anderen?

Davos-Nachlese: Die epochale Rede von Mark Carney

| 11. Februar 2026

Die Rede des kanadischen Premiers Mark Carney in Davos hat weltweit Debatten ausgelöst. Er stellte die „regelbasierte Ordnung“ offen infrage. Wie wird Europas Rolle in China, Russland, Indien und im Globalen Süden bewertet? Eine internationale Rundschau.

In einer Welt wachsender Rivalitäten und schwindender Gewissheiten wird Europas Rolle neu verhandelt. „Was denken die Anderen?“ sammelt internationale Einschätzungen zu geopolitischen Machtverschiebungen, Konflikten und strategischen Interessen jenseits westlicher Selbstbilder.

Mit seiner Rede auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos sorgte der kanadische Premierminister Mark Carney, ehemaliger Zentralbanker, international für Aufmerksamkeit. Der Regierungschef eines G7-Staates räumte offen ein, was Kritiker der Globalisierung seit Langem betonen: Die sogenannte „internationale regelbasierte Ordnung“ sei in weiten Teilen eine Illusion.

Carney erklärte, die Geschichte dieser Ordnung sei „teilweise falsch“ gewesen. Mächtige Staaten hätten sich aus Bequemlichkeit selbst ausgenommen, Handelsregeln asymmetrisch durchgesetzt und das Völkerrecht selektiv angewendet. Länder wie Kanada hätten davon profitiert und deshalb geschwiegen.

Zugleich würdigte Carney die Rolle der USA als Hegemon, der lange Zeit öffentliche Güter bereitgestellt habe: sichere Seewege, ein stabiles Finanzsystem, kollektive Sicherheit. Diese Ordnung gerate jedoch ins Wanken. Große Mächte nutzten wirtschaftliche Verflechtung zunehmend als Druckmittel: Zölle, Finanzinfrastruktur und Lieferketten würden politisch instrumentalisiert.

Kanada: Wer nicht mit am Tisch sitzt, landet auf der Speisekarte

Als Antwort forderte Carney mehr strategische Autonomie. Souveränität bedeute heute vor allem die Fähigkeit, äußerem Druck standzuhalten. „Wer nicht mit am Tisch sitzt, landet auf der Speisekarte“, warnte er.

Notwendig seien eine starke Binnenwirtschaft und eine breitere internationale Diversifizierung. Mittelmächte sollten enger kooperieren, gemeinsame Standards entwickeln und Fragmentierung vermeiden. Viele Beobachter werteten die Rede als indirekte Aufforderung an Europa, seine Außen- und Wirtschaftspolitik neu auszurichten.

In Davos unterstützte auch der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom diese Lesart. Er rief die Europäer auf, Präsident Trump geschlossen entgegenzutreten. Schwäche werde von ihm ausgenutzt, Stärke hingegen respektiert.

China: Europa kann Freund und Feind nicht unterscheiden

Die chinesische Global Times, englischsprachige Organ der Kommunistischen Partei Chinas, sieht Europas Probleme weniger in Trumps Politik als in eigenen strategischen Fehlentscheidungen. In einem Meinungsbeitrag heißt es, Europa habe seine Entwicklungsmöglichkeiten und die globale Machtverschiebung unterschätzt und sich zu stark an die USA gebunden.

Nach Beginn des Ukraine-Krieges habe Europa etwa die russischen Gaslieferungen eingestellt, ohne die wirtschaftlichen Folgen ausreichend zu berücksichtigen. Auch die Beziehungen zu China hätten sich verschlechtert, da Europa Peking zunehmend ideologisch statt pragmatisch betrachte.

Dadurch sei der Kontinent anfälliger für amerikanischen Druck geworden. Die bisherigen Versuche, strategische Souveränität zu stärken, wirkten aus chinesischer Sicht wenig glaubwürdig. „In internationalen Beziehungen gibt es keine dauerhaften Freunde oder dauerhaften Feinde, Europa muss dieser Situation daher mit klarem Realismus begegnen,“ schreibt das Blatt.

Russland: Konfrontation führe in die Sackgasse

Der Leiter des TASS-Büros in Deutschland, Wjatscheslaw Filippow, bezweifelt eine schnelle Normalisierung der deutsch-russischen Beziehungen. Zwar hätten Äußerungen von Bundeskanzler Merz auf eine langfristige Annäherung hingedeutet, ein grundlegender Kurswechsel sei jedoch nicht erkennbar.

Die bisherigen Prinzipien westlicher Außenpolitik entsprächen immer weniger der Realität. Die Vorstellung gemeinsamer Werte mit den USA habe angesichts der jüngeren US-Politik in Grönland und in Venezuela an Bedeutung verloren. Die Konfrontationspolitik gegenüber Russland habe Europa nicht sicherer gemacht, sondern wirtschaftlich geschwächt.

Gleichzeitig bleibe aber die Unantastbarkeit des transatlantischen Bündnisses ein zentraler Pfeiler europäischer Außenpolitik. Europas Problem in den Augen Filippows ist, dass die militärische und sicherheitspolitische Infrastruktur stark auf die USA ausgerichtet sei. Ohne Washington sei für Europa eine wirksame Abschreckung kaum möglich.

Langfristig müsse Europa jedoch mehr Verantwortung übernehmen. Eine schrittweise Annäherung an Moskau erscheine aus russischer Sicht unvermeidlich. Die einseitige Fixierung auf Konfrontation mit Russland bei gleichzeitigem Rückzug der USA führe in eine strategische „Sackgasse“.

Globaler Süden: Europa werde vom Speisenden zum Verspeisten

Der malaysische Publizist Chandran Nair beschreibt die Reaktionen im Globalen Süden als ambivalent. Jahrhunderte lang habe der Globale Süden auf der „Speisekarte des Westens“ gestanden, nun müssten die Kanadier und Europäer die Erfahrung machen, dass sie selbst ein ähnliches Schicksal ereilen könnte.

Nair vergleicht Europas Verhältnis zu den USA mit der Abhängigkeit einer Missbrauchsehe, aus der man sich nicht lösen wolle, solange der materielle Wohlstand gesichert sei. Die westliche Politik sei zunehmend von Angst geprägt: vor dem Verlust der Vormachtstellung und vor einer Welt ohne westliche Dominanz.

Zugleich gebe es weiterhin Respekt für Europas kulturelle und historische Leistungen. Entscheidend sei jedoch, ob der Kontinent den Mut finde, eigenständiger zu handeln und andere Regionen gleichberechtigt zu behandeln.

Der Bedeutungsverlust sei bereits sichtbar: In zentralen Konflikten wie der Ukraine oder dem Iran-Abkommen spiele Europa kaum noch eine vermittelnde Rolle. Neue Formate wie BRICS gewännen dagegen an Gewicht, würden im Westen aber oft unterschätzt.

Indien: Einen eigenen Tisch bauen

Der indische Politiker und ehemalige UN-Diplomat Shashi Tharoor sieht in Carneys Rede einen wichtigen Impuls. Indien solle die Kritik an der alten Ordnung begrüßen und sich am Aufbau widerstandsfähiger Handelsnetzwerke beteiligen.

Die Zusammenarbeit mit Kanada, Japan, der EU, ASEAN und anderen Partnern ermögliche es Indien, in einer zunehmend multipolaren Welt unabhängig zu bleiben. Neu-Delhi setze auf „Multi-Alignment“ statt auf Blockbildung.

In einer multinodalen Welt entscheide die Stärke des Binnenmarktes über politischen Einfluss. Strategische Autonomie sei untrennbar mit wirtschaftlichem Wachstum verbunden.

Mit 1,4 Milliarden Einwohnern könne Indien jedoch nicht nur Teil eines Mittelmächte-Bündnisses sein, sondern müsse selbst eine Führungsrolle übernehmen. Ziel sei es, einen eigenen politischen und wirtschaftlichen „Tisch“ zu schaffen, an dem andere Partner teilhaben wollten.

Dabei spiele auch die Rolle Indiens im Globalen Süden eine zentrale Rolle. Das Land wolle ein Entwicklungsmodell anbieten, das weder westlich-normativ noch chinesisch-dominant sei. Tharoors Fazit: Indien müsse Brücke zwischen den Eliten von Davos und den Entwicklungsländern bleiben.