Makroskop
Editorial

Sündenböcke gesucht: Warum die deutsche Wirtschaftsdebatte am Kern vorbeigeht

| 12. Februar 2026

Liebe Leserinnen und Leser,

wer ist eigentlich schuld an der Misere? Folgt man der aktuellen medialen Dauerbeschallung, ist die Antwort eine Frage des Feindbildes. Sind es die „Arbeitsfaulen“, die auf ihrer „Lifestyle-Teilzeit“ beharren? Sind es die „Boomer“, denen Mathias Brodkorb eine mangelnde „Gebärfreudigkeit“ attestiert? Oder ist es die Jugend, der Andrea Nahles mangelnde Flexibilität bei der Wohnortwahl vorwirft?

Ein Blick hinter die Kulissen zeigt: In der öffentlichen muss man mit der Lupe nach Sachargumenten suchen, während individuelles Verhalten zu moralisieren hoch im Kurs steht. Während wir dieser oder jenen sozialen Gruppe den schwarzen Peter zuschieben, ignorieren wir die harten Bandagen der Politischen Ökonomie.

Die Forderung des CDU-Wirtschaftsflügels, den Rechtsanspruch auf Teilzeit abzuschaffen, folgt einer simplen, aber falschen Logik: Wer weniger arbeitet, schadet dem Wachstum. Doch wie die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer feststellt, ist Wachstum keine Frage der Stechuhr, sondern der Arbeitsproduktivität.

Wachstum entsteht durch Investitionen in bessere Maschinen und KI, nicht durch das Erzwingen von Präsenzminuten. Wer die „Work-Life-Balance“ der Arbeitnehmer geißelt, lenkt davon ab, dass der Staat bei der Kinderbetreuung und steuerlichen Anreizen für Vollzeit kläglich versagt.

Auch beim Thema Rente wird ein Phantom gejagt. Publizisten stilisieren das Verhältnis von Jungen zu Alten zum unlösbaren Schicksalsschlag hoch. Doch der vermeintliche Generationenkonflikt ist in Wahrheit ein Verteilungskonflikt.

Seit den 1980er-Jahren hinken die Reallöhne der Produktivitätsentwicklung hinterher. Das Problem ist nicht, dass es zu viele Rentner gibt, sondern dass die Gewinne der Unternehmen deutlich stärker gewachsen sind als die Löhne, aus denen die Rente finanziert wird. Die Mathematik nach „Adam Riese“ ist eindeutig: Solange die Produktivität steigt, können auch bei weniger Erwerbstätigen die Einkommen für alle wachsen.

Besonders zynisch wird es auf dem Ausbildungsmarkt. Während Bildungsministerin Karin Prien das „Erfolgsmodell“ der dualen Bildung beschwört, erleben wir die schwerste Krise seit der Wiedervereinigung.

  • Nur noch 43 Prozent der Bewerber finden überhaupt einen Platz – ein historischer Tiefstand.
  • Rund 233.000 Ausbildungslosen stehen lediglich 69.000 unbesetzte Stellen gegenüber.
  • Die Behauptung, es mangele an „Flexibilität“ der Jugend, ist angesichts dieser mathematischen Unmöglichkeit schlichte Realitätsverweigerung.

Wie der Soziologe Kay Beiderwieden betont, tendiert das privat finanzierte System zur Nichtausbildung, wenn Betriebe keinen unmittelbaren Nettoertrag sehen. Das ist kein moralisches Versagen der Jugend, sondern ein strukturelles Defizit eines unterfinanzierten Systems.

Probleme bei Renten, Löhnen und Ausbildung sind virulent, aber sie sind lösbar. Solange wir die Lösung jedoch in moralischen Appellen statt in makroökonomischen Stellgrößen wie Investitionsquoten, echter Ausbildungsgarantie und goldener Lohnregel suchen, kratzen wir nur an der Oberfläche. Es ist Zeit, die moralische Zeigefinger-Politik zu beenden und endlich wieder über Ökonomie zu sprechen.