Makroskop
Devisenabhängigkeit

Bolivien und Chile: Unterschiedliche Wege, gleiche Probleme

| 17. Februar 2026
IMAGO / Aton

Bolivien und Chile haben unterschiedliche Entwicklungsmodelle verfolgt, doch sie teilen einen neuralgischen Punkt: die Abhängigkeit von Devisen. Das erschwert in beiden Ländern einen nachhaltigen Wachstumspfad.

Warum ist Lateinamerikas wirtschaftliche Entwicklung mit anhaltenden Hindernissen konfrontiert, obwohl es reich an natürlichen Ressourcen ist und eigentlich keinen Handel mit dem Rest der Welt betreiben müsste?

Diese Frage steht im Mittelpunkt meines in Kürze erscheinenden Buches States & Markets: Who Is Worried About Development? Political Economy in Latin America at the Beginning of the 21st Century. Dort untersuche ich, warum Lateinamerika in der Weltwirtschaft strukturell im Hintertreffen bleibt. Das zentrale Argument: Wirtschaftliche Ergebnisse erklären sich nicht nur durch politische Entscheidungen oder ideologische Ausrichtungen, sondern vor allem durch das komplexe Geflecht äußerer Beschränkungen, abhängigen Produktionsstrukturen und inneren Machtkonstellationen, welche die relative Autonomie des Staates begründen.

Bolivien und Chile galten lange Zeit als Paradebeispiele für eine erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung im 21. Jahrhundert. Noch bis 2019 verzeichneten beide südamerikanischen Staaten ein langanhaltendes Wirtschaftswachstum, makroökonomische Stabilität und verbesserte Sozialindikatoren, wenn auch auf Grundlage sehr unterschiedlicher politischer und wirtschaftlicher Modelle.

In Bolivien intervenierte der Staat stark: Zentrale Maßnahmen waren die Verstaatlichung natürlicher Ressourcen und eine Politik der Einkommensumverteilung. Chile hingegen vertiefte ein marktorientiertes Modell, das darauf basierte, den Handel zu liberalisieren, öffentliche Ausgaben zu beschränken und private Investitionen anzuziehen.

Das Jahr 2019 brachte in beiden Ländern entscheidende politische und soziale Erschütterungen. In Bolivien endete die Amtszeit von Evo Morales abrupt, nachdem Proteste und der Druck von Polizei und Militär seinen Rücktritt erzwangen. In Chile löste eine Welle massiver Sozialproteste eine breite Debatte über die wirtschaftliche Struktur des Landes und die Legitimität der noch aus der Pinochet-Zeit stammenden Verfassung aus.

Bolivien und Chile hatten trotz ihrer institutionellen und politischen Unterschiede während dieser „erfolgreichen Perioden” ähnliche strukturelle Grenzen. Beide Länder blieben stark von einer kleinen Anzahl von Primärexporten abhängig – Erdgas im Falle Boliviens, Kupfer im Falle Chiles – und waren den Dynamiken des Weltmarktes ausgesetzt. Wie erklären sich trotz der unterschiedlichen Wirtschaftsmodelle die ähnlichen Schwachstellen?

Abhängigkeit, soziale Ungleichheit und externe Beschränkungen

Um diese Frage zu beantworten, müssen die Produktionsstruktur, die soziale Ungleichheit, die internationale Einbindung und die Rolle des Staates zusammen in den Blick genommen werden. Das Konzept der Dependenz beschreibt wirtschaftliche Verflechtungen und Abhängigkeiten: Wenn das Wachstum eines Landes vor allem von wenigen exportstarken Branchen abhängt und die Einbindung in den Weltmarkt dauerhaft zu Devisenmangel führt, entsteht eine strukturelle Unterordnung. Der finanzpolitische Handlungsspielraum bleibt begrenzt.

Der Zugang zu Devisen wird damit zu einer strategischen Schlüsselressource. Er entscheidet nicht nur über wirtschaftliche Stabilität, sondern prägt auch die inneren Machtverhältnisse in Wirtschaft und Politik.

Die äußere finanzielle Begrenzung wirkt dabei nicht nur als technische Rahmenbedingung. Sie beeinflusst auch die Wirtschaftsstruktur. Branchen, die Devisen erwirtschaften können – etwa durch Rohstoffexporte, Agrarausfuhren oder Kapitalzuflüsse –, gewinnen an Einfluss und Bedeutung. Sie sichern sich privilegierte Positionen im wirtschaftlichen und politischen System.

Demgegenüber geraten stärker binnenorientierte Wirtschaftsbereiche ins Hintertreffen. Sie sind anfälliger für Konjunkturschwankungen und verfügen über geringere politische Durchsetzungskraft.

Die Produktionsstruktur eines Landes ist deshalb kein neutraler Befund. Sie spiegelt bestehende Machtverhältnisse wider und ist eng mit den sozialen Gruppen verbunden, die politischen und wirtschaftlichen Einfluss ausüben. Zugleich prägt sie die Verteilungskonflikte, die jede Gesellschaft begleiten.

Die Rolle des Staates in diesem Gefüge lässt sich als begrenzt eigenständig beschreiben. Er ist weder ein völlig unabhängiger Akteur noch ein bloßes Werkzeug wirtschaftlicher Eliten. Vielmehr ist er Teil eines komplexen Systems, das von inneren Konflikten, politischen Machtkämpfen und äußeren Zwängen geprägt wird.

Seine Handlungsmöglichkeiten hängen sowohl von den Kräfteverhältnissen im Inland als auch vom finanziellen Spielraum ab, den internationale Rahmenbedingungen zulassen. In Phasen hoher Deviseneinnahmen kann der Staat großzügige Umverteilungs- und Investitionsprogramme auflegen und eigene politische Schwerpunkte setzen. Gehen diese Einnahmen zurück, schrumpft sein Einfluss deutlich. Die Abhängigkeit von jenen Gruppen, die weiterhin über Devisen verfügen, wächst.

Mit anderen Worten: Die oft bemühte Gegenüberstellung von Staat und Markt muss relativiert werden. Entscheidend ist nicht, wie stark der Staat eingreift, sondern ob er in der Lage ist, die wirtschaftlichen Machtverhältnisse zu verändern und die Abhängigkeit vom Ausland zu verringern.

Im Mittelpunkt steht damit die Frage, ob staatliche Politik die materiellen Grundlagen wirtschaftlicher Einflussmacht neu ordnen kann oder ob sie bestehende Abhängigkeiten lediglich verwaltet.

Wie wirkten sich diese strukturellen Beschränkungen konkret in Bolivien und Chile während der bis Ende 2019 als erfolgreich geltenden Phase aus?

Bolivien: Staat, Gas und die Grenzen des Modells

Mit dem Amtsantritt von Evo Morales im Jahr 2006 leitete Bolivien einen Kurswechsel in seiner Wirtschaftspolitik ein. Die Regierung setzte auf eine stärkere Rolle des Staates, vor allem im Energiesektor. Durch die Verstaatlichung der Erdgasindustrie floss ein deutlich größerer Teil der Exporterlöse in den öffentlichen Haushalt.

Diese zusätzlichen Einnahmen ermöglichten den Ausbau von Sozialprogrammen, die Erhöhung des Mindestlohns und eine Stärkung der Binnennachfrage. Gleichzeitig begünstigten hohe Rohstoffpreise die wirtschaftliche Entwicklung. Bolivien verbesserte seine Position auf den internationalen Märkten, verzeichnete über Jahre ein stabiles Wachstum und konnte die Armutsquote spürbar senken. Auch andere soziale Kennzahlen entwickelten sich positiv.

Als der günstige Rohstoffzyklus abflaute, traten die strukturellen Schwächen des Modells deutlicher hervor. Sinkende Investitionen in die Erdgasförderung, rückläufige Deviseneinnahmen und eine schwächere Auslandsnachfrage belasteten zunehmend die Zahlungsbilanz und die öffentlichen Finanzen. Trotz der weiterhin starken Rolle des Staates wurde sein wirtschaftspolitischer Handlungsspielraum ohne neue Einnahmequellen immer enger.

Diese wirtschaftlichen Belastungen gingen mit wachsender politischer Polarisierung einher. Im Jahr 2019 endete die Amtszeit von Evo Morales in Bolivien abrupt im Zuge einer schweren politischen Krise. Der Machtwechsel und die anschließenden Unruhen machten deutlich, wie fragil das bestehende Modell geworden war.

Das Beispiel zeigt: Ein Wachstum, das stark auf einer einzelnen strategischen Ressource beruht, kann kurzfristig sozialen Fortschritt ermöglichen. Ohne breitere wirtschaftliche Basis lässt sich jedoch keine dauerhafte Stabilität und kein langfristiger Wohlstand sichern.

Chile: Markt, Kupfer, Stabilität – keine Transformation

Chile setzte auf eine offene Wirtschaft, klare makroökonomische Regeln und marktorientierte Strukturen. Das Land erzielte damit dauerhaftes Wachstum, niedrige Inflation und eine erfolgreiche Integration in den Welthandel. Chile wurde so zum Musterbeispiel für wirtschaftliche Stabilität und solide Finanzpolitik. Im Gegensatz zu Bolivien zog sich der chilenische Staat weitgehend aus der direkten Steuerung der Produktion zurück und unterstützte private Initiativen über institutionelle Rahmenbedingungen.

Kupfer blieb der wichtigste Treiber für Chiles internationale Integration und machte den größten Teil der Exporte sowie einen bedeutenden Anteil der Deviseneinnahmen aus. Das Land profitierte vom weltweiten Boom der Kupfernachfrage – besonders aus China – wodurch externe Zwänge gemildert und die makroökonomische Stabilität weitgehend aufrechterhalten werden konnten.

Doch trotz der wachsenden Bedeutung einzelner Finanz- und Dienstleistungssektoren blieben die internen Produktionsverflechtungen schwach und die industrielle Diversifizierung begrenzt. Ein Strukturwandel, der die Anfälligkeit gegenüber globalen Konjunkturschwankungen verringert hätte, fand nicht statt.

Dieses Wachstumsmuster ging mit anhaltender sozialer Ungleichheit einher. Trotz steigender Pro-Kopf-Einkommen und Fortschritten bei der Armutsbekämpfung war ein großer Teil der Bevölkerung weiterhin mit hoher Verschuldung, prekären Arbeitsverhältnissen und ungleichen Zugängen zu grundlegenden Dienstleistungen wie Gesundheit, Bildung und Renten konfrontiert. Die Kombination aus wirtschaftlicher Stabilität und sozialer Fragilität prägte das chilenische Modell.

2019 brachen diese Spannungen offen aus: Eine Welle massiver Sozialproteste stellte nicht nur einzelne politische Maßnahmen infrage, sondern die Grundlagen des seit der Pinochet-Diktatur geltenden Wirtschafts- und Politikmodells insgesamt. Der soziale Aufstand machte deutlich, dass eine fast ausschließlich marktorientierte Strategie Grenzen für sozialen Zusammenhalt und politische Legitimität hat. Das anschließende Verfassungsreferendum spiegelte die Tiefe der Krise wider und brachte den Wunsch nach einem neuen sozialen Kompromiss zum Ausdruck.

Lehren aus einer „erfolgreichen Periode”

Der Vergleich zwischen Bolivien und Chile erlaubt es, die oft gezogene Dichotomie von Staat versus Markt zu hinterfragen. In den ersten beiden Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts verfolgten die beiden Länder klar unterschiedliche Strategien: Bolivien setzte auf die Verstaatlichung strategischer Ressourcen und eine aktive Umverteilungspolitik, während Chile ein marktorientiertes Modell der Handelsliberalisierung, Haushaltsdisziplin und einer begrenzten Rolle des Staates in der Produktion vertiefte.

Trotz dieser Unterschiede stießen beide Länder auf ähnliche strukturelle Grenzen. Das Wirtschaftswachstum beruhte in beiden Fällen stark auf der Spezialisierung auf eine dominante Primärressource: Erdgas in Bolivien, Kupfer in Chile. Diese Ressourcen waren zentrale Säulen für die internationale Integration, die Generierung von Devisen und die makroökonomische Stabilität. Die Spezialisierung erlaubte zwar kurzfristig von hohen Weltmarktpreisen zu profitieren, führte aber weder zu einer nennenswerten Produktionsdiversifizierung noch zur Entwicklung industrieller Sektoren mit höherer technologischer Komplexität.

Ein weiteres gemeinsames Merkmal war die begrenzte Autonomie des Staates gegenüber inneren und äußeren Zwängen. In Bolivien konnte der Staat zwar einen größeren Anteil der Einnahmen kontrollieren, blieb aber von der Exportstruktur und der Notwendigkeit der Devisenbeschaffung abhängig. In Chile sorgten institutionelle und finanzielle Stabilität für wirtschaftliche Sicherheit, schränkten jedoch die Möglichkeit ein, direkt in die Produktionsstruktur einzugreifen oder tiefgreifende soziale Ungleichheiten zu korrigieren. In beiden Ländern war der Handlungsspielraum des Staates eng an die Dynamik des Weltmarktes gebunden – er eröffnete Chancen, schränkte zugleich aber auch die Spielräume erheblich ein.